Kommentar: Zerrissenes Herz

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Oft wurde ich in den letzten Tagen gefragt, wann ich denn endlich meine Meinung zu den Vorfällen von Mattersburg kundtun würde. In der Tat habe ich mir lange Zeit gelassen – es sind mittlerweile fast drei Tage seit der Busblockade vergangen – für ein Internetmedium beinahe eine Ewigkeit. Die zögerliche Haltung, mich kommentartechnisch vor den Computer zu setzen und die daraus resultierende lange Wartezeit, war aber nicht ganz unbeabsichtigt, wollte ich mir doch zunächst durch Gespräche mit Vertretern beider Seiten ein gesamtheitliches Bild schaffen.
Als Kind der Grazer Kurve habe ich durch meine Tätigkeit als Blogger erst vor kurzem den Weg in die Pressebereiche dieser Fußballrepublik gefunden. Mit dem Kopf bin ich dort zwar angelangt, wo die Schreiberlinge ihre Arbeit verrichten – schließlich gilt es alle Informationen rund um Sturm Graz einzusammeln und zu verwerten – im Herzen kann und will ich mich aber nicht von meiner Kurve trennen. Als im grün-violetten Wien lebender Grazer wurde ich in den letzten zwei Jahren immer wieder auf die tollen Sturm-Fans angesprochen. Nur allzu gerne und voller Stolz bestätige ich diese Anerkennung, die dem Grazer Anhang immer wieder zuteil wird.
Umso schwieriger gestaltete sich für mich die Situation am vergangenen Samstag. Nach Gesprächen mit Franco Foda und Daniel Beichler in der Mixed Zone des Pappelstadions erhielt ich die Information, dass sich auf dem Busparkplatz etwas zusammenbraut und die Fans von den Spielern eine Erklärung einfordern wollen. Plötzlich befand ich mich in einer Situation, die mir das Herz zerreißen sollte. So sehr hatte ich die Symbiose, die Mannschaft, Vereinsführung und Fans in den letzten zwei Jahren gebildet hatten, geschätzt. Jetzt blickte ich – noch immer völlig unvorbereitet – in die wütenden Augen des harten Sturm-Fankerns, darunter viele Personen, die ich seit Jahren kenne. In diesen Momenten überkam mich eine große Traurigkeit, war doch die heile Fußballwelt von Sturm Graz spätestens zu diesem Zeitpunkt Geschichte.
Aus meiner persönlichen Sicht liegt die Ursache für die derzeitige Krise der Blackies nach wie vor eindeutig in einem Nicht-Können. Ein Nicht-Wollen konnte ich persönlich nicht feststellen. Gleichzeitig weiß ich aber, dass genau diese Unterscheidung zwischen mangelnder Form und mangelnder Einstellung eine der wohl schwierigsten Aufgaben eines Fußball-Beobachters darstellt. Als die Spieler am vergangen Samstag vom Spielfeld ins Stadioninnere zurückkehrten, hatte ich kurzzeitig die Gelegenheit ihre Körpersprache und den Ausdruck in ihren Augen zu beobachten. Keiner erweckte auf mich den Eindruck, dass ihn die derzeitige Krisensituation bei Sturm kalt lässt, ganz im Gegenteil, die Spieler wirkten allesamt schwer betroffen.
Auf Basis dieser Einschätzung fällt es mir auch so schwer, die Reaktion meiner Kurve zu verstehen. Bei einer Mannschaft, die zu Saisonbeginn aufgrund der zahlreichen Abgänge im letzten Sommer – wenn auch übertrieben – als potentieller Abstiegskandidat gehandelt wurde, die uns allen im Herbst so viele wunderschöne Momente geschenkt hat und die noch immer – mit nur drei Punkten Rückstand auf Platz drei – in Schlagdistanz zu einem internationalen Startplatz liegt, in ihrer ersten fundamentalen Krise vollkommen die Fassung zu verlieren, kann ich nicht nachvollziehen. Emotion ist ein wesentlicher und absolut essentieller Bestandteil des Fußballs, der diesen Sport erst so faszinierend macht. Daher schleicht sich doch immer wieder ein wenig Verständnis für die heftige Reaktion der Fans ein, die ihrerseits ja davon überzeugt sind, dass die Mannschaft eben nicht alles gibt. Da aber gleichzeitig Emotion oft nur schwer mit Rationalität in Einklang zu bringen ist, halte ich die Busblockade von Samstag für kontraproduktiv.
Ich möchte an dieser Stelle ganz bewusst nichts schönreden – das haben wir hier auf Sturm12.at auch in den letzten Wochen nicht getan. Dennoch bin ich der Überzeugung, dass es praktisch unmöglich ist, dass sich eine spielerische Mannschaft, die Sturm nun einmal ist, innerhalb weniger Wochen, in eine Kämpfertruppe verwandelt. Es wäre, will man die mittel- und langfristigen Ziele des Vereins nicht aus dem Auge verlieren, auch gar nicht zielführend. Unserer Mannschaft fehlt es definitiv an Führungsspielern, die in genau solchen Situationen das Boot in die Richtung steuern können, aber das hat zumindest aus meiner Perspektive noch lange nichts mit einer mangelnden Einstellung zu tun.
Einigung zwischen Fans und Verein
Interview: Oliver Parfi erklärt Fanproteste
Fanproteste von Mattersburg – eine Chronologie
Busblockade nach 0:0 in Mattersburg
Kommentare ( 3 )
parsaglio am 7. April 2009 um 20:00Lieber Verfasser dieses Artikels!
Einer der besten Kommentare seit langer, langer Zeit. Hoffe Ihre Analysen und Statements bleiben uns noch langer erhalten.
FLEURQUIN am 7. April 2009 um 23:41Schöner Kommentar in der immer lesenswerten Kolumne -
nur zwei, drei Anmerkungen dazu: die Symbiose, die Fans,
Mannschaft und Vereinsführung gebildet hatten, war eine
von Monat zu Monat fragilere, da genaue und konsequente
Beobachter viele Risse in der frisch getünchten Klubfassade
entdecken konnten: vom Abgehen des stolz verkündeten Weges
des “AUSBILDUNGSVEREINS” nach Ajax-Vorbild über eine nicht
nachvollziehbare Hast auf dem Weg vom gerade geretteten
Provinzklub zum Verein mit “internationalem Touch” bis hin
zu bedenkenswerten Fluktuationen im Mitarbeiterbereich und
einer nicht immer “gesunden” Machtkonzentration an der Ver=
einsspitze, wie auch im Bereich der sportlichen Führung.
PS: Als Aficionado, der neben Bauch und Herz auch immer
ein wenig Hirn zum Einsatz bringt, war ich nach dem Spiel
in Kärnten noch ein wenig verärgert, weil ich die Reaktion
des harten Kerns der Kurve für überzogen hielt und auch heute noch halte – die beiden Mattersburg-Spiele ließen
aber auch mich abwägenden Beobachter doch ein wenig die
beschwichtigende Fassung verlieren, da hier gegen einen
mehr als angeschlagenen Gegner nicht nur die verlorenen
spielerischen Tugenden fehlten, sondern auch der Wille
vielleicht da war, aber in “blockierter Form” vermittelt
wurde s.h. dem Versuch der letzte Nachdruck fehlte.
Das Spiel im Pappelsation war schlicht schlecht – an diesem
Samstagabend konnte ich die plakative Reaktion der Kurve
verstehen und war durchaus gewillt, diese Busblockade als
Zeichen der Kurve zu verstehen, dass SIE jene Mentalität
und Haltung zeigen, die SIE bei den Spielern so schmerz=
lich vermißt hatten.
ElFlaumo am 8. April 2009 um 10:12Super Kommentar der auf einige Fan-Klub Beziehungen im Fussball anwendbar ist
Als Wiener in Wien und nicht Sturm Graz Fan, verfolgte ich die Post-Kartnig-Ära mit Freude, da ich ein Anhänger einer guten Liga ist die nur mit mehr gleichwertigen Mannschaften funktioniert. Ich hatte den Eindruck dass hier intelligent gearbeitet wird, intelligenter als z.B. bei meiner Rapid.
Schade um dieses Zwischentief, und noch schade auch die (nachvollziehbare)Reaktion der Fans darauf. Emotion kann halt nicht differenzieren.
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