Martin Blumenau – Teil 1: “Es hängt immer davon ab, womit man zufrieden ist.”

© FM4

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Seine Fußball-Kolumne auf fm4.orf.at ist eine der außergewöhnlichsten und populärsten im ORF-Internet. Anfangs als Pilotidee entstanden kann Martin Blumenau heute auf eine beträchtliche Zahl von Lesern zählen. Sturm12.at traf den Journalisten, sprach mit ihm über die Problematik und Zielsetzung im österreichischen Fußball und erfuhr im ersten Teil dieses umfrangreichen Interviews, worin Blumenau die große Chance der heurigen Europacup-Saison sieht.

Martin Blumenau, du giltst ja als einer der schärfsten Kritiker im österreichischen Fußball…
Kritiker wovon? Menschen haben oft ein Problem mit der Figur des Kritikers, die ja hauptsächlich aus Zuschreibungen und Aufladungen bestehen. Gerade in Österreich ist das extrem negativ behaftet. Das klingt per se immer böse, schiarch und negativ. Deswegen beschäftige ich mich mit diesem Gesamtkomplex gar nicht, sondern blocke sofort ab, wenn jemand sagt: “Du bist ja so ein Kritiker!” und frage: “Was heißt denn das? Was ist denn schlecht an Kritiken?” Auf kritischen Auseinandersetzungen basieren in den USA und Deutschland ganze Wissenschaften und Kulturzweige. Bei uns basiert drauf gar nichts. Die Qualität des amerikanischen Sportjournalismus, den dort große Autoren betreiben und die sich nicht dafür zu blöd sind, ist eine völlig andere.

Wo siehst du die größten Probleme im österreichischen Fußball und wo würdest du ansetzen?
Der österreichische Fußball – da gibt es so viele verschiedene Dinge, der hat so viele verschiedene Facetten und Probleme. Wenn ich mit jemandem rede, der aus einem von uns hochgelobten Fußballland kommt und dort irgendeine kritische Position hat, dann wird wahrscheinlich auch vier Stunden über die Probleme, die der italienische Fußball beispielsweise hat, gesprochen und werden auch Dinge erzählt, die total unerfreulich klingen und auch sind. Trotzdem ist das ein Jammern auf einem anderen Niveau. Es hängt immer davon ab, mit was man zufrieden ist. Der italienische Fußballfreund ist halt nicht zufrieden, wenn man nicht Weltmeister ist und nicht die beste Liga der Welt hat. Und deswegen wird alles, was dort dagegen spricht, zurecht kritisiert und bejammert. Bei uns in Österreich gibt es dieses Maß nicht wirklich. Deswegen gibt es aber auch die verschiedenen Verständnisebenen von: “Wie weit darf Kritik gehen und was ist dann schon ungebührlich oder nestbeschmutzend?” Deswegen herrscht bei uns so viel Verwirrung. Deswegen ist die Bandbreite so hoch und deswegen wird bei uns so viel Blödsinn geredet, weil nicht klar ist, woran man sich orientieren soll. Ist es “Österreich muss sich regelmäßig für Turniere qualifizieren”? “Die österreichischen Vereine müssen regelmäßig in einer internationalen Liga spielen?” Wenn man sich einmal auf so etwas geeinigt hat, dann werden viele der Missverständnisse aufhören. Möglicherweise ist die aktuelle Saison eine Chance, in eine solche Richtung zu kommen, denn die Konsolidierung des oberen Tabellenviertels ist etwas sehr Positives und meiner Meinung nach auch nicht zufällig passiert.

Du gehst von einer gewissen Zielsetzung für den österreichischen Fußball aus. Wie sieht diese aus?
Das Ziel muss es sein, einerseits die Nationalmannschaft auf ein Level zu bringen, wo sie sich regelmäßig für ein Endrundenturnier qualifizieren kann und die Vereine auf einem Level zu halten, auf dem sie sich für die internationalen Ligen qualifizieren können und darüber hinaus die Ligastruktur, mit Bundesliga und Erste Liga, auf ein vernünftiges Format zu bringen.

Der Rieder Manager Stefan Reiter meint, eines der größten Probleme des österreichischen Fußballs sei, dass die Trennung zwischen Profitum und Amateurfußball nicht klar genug sei, wie in anderen Ländern. Wie stehst du dazu?
Ich kenne Herrn Reiter nicht, ich höre aber von verschiedenen Seiten, dass das ein guter Mann sein soll, deswegen werde ich ihm hier jetzt auch nicht widersprechen. Ich weiß aber nicht genau, was damit gemeint ist, denn ich sehe auch anderswo die Trennung nicht so exakt gezogen. Wo ist in Deutschland die Trennlinie? Sind die Bayern Amateure jetzt Profis oder nicht? Ist die Regionalliga eine Profiliga oder nicht? Was ist die professionelle First Division in England  (dritthöchste Liga in England, Anm.), ist das wirklich Profifußball? Bei uns wird alles seit Jahren bewusst auf einem Level gehalten, wo Profiteure einen Schnitt machen können. Vielleicht ist bei uns dieses System bewusst so schlecht gehalten, damit bestimmte Leute zu ihrem Geld kommen. Vielleicht meint Reiter das, und das sollte verhindert werden.

Die selbe Frage, nur etwas populistischer: Verdienen die Fußballer in Österreich bereits in unteren Ligen zu viel Geld?
Keine Ahnung. Das wird ja immer als eine Krux angejammert, dass in der Unterliga Ost in Niederösterreich der ehemalige slowakische Nationalspieler für 2.000 Euro in der siebenthöchsten Spielklasse spielt und damit indirekt den Markt verdirbt. Denn dann ziehen andere nach, dann sind plötzlich Summen investiert, die sich für kleine Vereine nicht rentieren, dann folgen finanzielle Kollapse etc. Das stimmt schon alles, ich weiß nur nicht, ob das das zentrale Problem ist. Da habe ich mich zuwenig damit beschäftigt.

Du hast gesagt, dass ein manipuliertes System den Markt zerstört. Inwieweit zerstört ein Verein wie Red Bull Salzburg den Markt?
Eigentlich gar nicht, denn die fischen in einem Teich, der für die anderen so und so ein bisschen verbotene Zone ist. Alle außer Salzburg halten sich an die selbst auferlegten Beschränkungen, da wird nicht planlos zugekauft. Und dass Salzburg jetzt den heimischen Spielermarkt verdirbt, war im letzten (Halb-)Jahr nicht der Fall. Dass ein Schiemer oder Ulmer wechselt, okay, die haben sich beide einen Schritt verbessert und mir ist bei beiden nichts Verderberisches aufgefallen.

Du sprichst die Vernunft der Vereine an, sich nicht mehr verleiten zu lassen, noch einen Legionär zu kaufenn …
… ja, weil es Geld dafür gibt. Es hängt immer alles mit dem Geld zusammen. Bei Sturm ist es eher das nicht vorhandene Geld. Da war man irgendwann einmal auf einem Level, wo man sich solch teure Spieler gar nicht leisten hätte können, weswegen man mit dem Nachwuchs und den heimischen Spielern arbeiten musste. Aber auch hier aus finanziellen Gründen und gezwungenermaßen. Ich glaube, dass das die einzige Währung ist, die akzeptiert wird. Mit Gentlemen’s Agreements geht nichts und mit Vernunft – ein sehr schönes Wort – wird auch nichts gehen. Da brauchts schon immer eine Karotte aus Gold, die vorne hängt.

Heuer sind in der Europa League vier Vereine vertreten. Warum haben es dieses Jahr so viele Vereine im Europacup in den Herbst geschafft?
Das hängt zum einen mit dem neuen System zusammen. Es müssen extrem viele Dankesschreiben verfasst und Stephansdomkerzen für Michel Platini aufgestellt worden sein, denn seine Reformen haben extrem viel gebracht. Salzburg hätte es wahnsinnig leicht in die Champions League schaffen können. Dass sie es versaut haben, ist in Wirklichkeit unglaublich. Es hat ihnen aber den automatischen Platz in der Europa League beschert, also insofern hat es auch Salzburg etwas gebracht und auch der Austria hat es viel gebracht. Denn die waren in diesem neuen System gut gesetzt, auch aufgrund ihrer großen Verdienste im UEFA-Cup, aber sie hätten es auch leichter erwischen können. Wirklich durchgebissen haben sich ohnedies nur Rapid und Sturm und bei ersteren hätten wir auch nicht böse sein dürfen, wenn es nicht geklappt hätte. Mein Gott, man wäre halt gegen Aston Villa ausgeschieden. Zu Sturm kann ich am allerwenigsten etwas sagen, denn ich habe beide Spiele gegen Metalist Kharkiv nicht gesehen. Die Runden davor hatten sie aber auch keine überragenden Gegner. Also, es hat vor allem mit dem neuen System zu tun, aber bei Sturm, Rapid und der Austria spielt auch mit, dass sie zwei vernünftige Transferzeiten hinter sich haben und sich bewusst in ein Nachhaltigkeitssystem hineingesetzt haben. Das merkt man bei Sturm mittlerweile seit Jahren. Da wird konstant eine sinnhafte, gute Linie gefahren. Bei Rapid ist das ähnlich seit Hörtnagl da ist: Man bemerkt, dass immer mehr von unten nachkommt. Die kaufen nicht viel zu und wenn doch, dann relativ gezielt. Bei der Austria hält dies erst seit dem wirklichen Ende der Stronach-Ära Einzug. Dass es bei den dreien so schnell gefruchtet hat, ist eine Überraschung. Es hätte genauso gut auch erst nächstes Jahr funktionieren können. Das muss man jetzt mit ein bisschen Demut hinnehmen und darf nicht größenwahnsinnig werden. Man muss damit jetzt arbeiten und darf nicht in alte Fehler zurückfallen, dann kann man das ein paar Jahre halten.

Wem, von den vier Europa League-Mannschaften, gibst du die größten Chancen?
Damit habe ich mich, um ehrlich zu sein, noch gar nicht auseinander gesetzt. Ich halte das auch für völlig belanglos, auch wenn jetzt alle nur Vierter werden – was nicht passieren wird – denn das ist ein guter Erfolg. Jeder, der in diesen sechs Spielen mithalten wird können, wird unglaublich davon profitieren, wird unglaublich viel daraus lernen und jeder einzelne Spieler wird das in die nächsten Jahre mitnehmen können. Deswegen ist es völlig egal, wie jetzt die Vereine selbst abschneiden. Mir würde ein gutes Spiel pro Mannschaft und pro Gruppe absolut ausreichen, um zu sagen: “Das war ein wichtiger Schritt, ein gutes Experiment, eine Gruppenphase, die einen bereichert hat.”

Das Interview führte Christopher Houben.

Im morgigen, zweiten Teil spricht Martin Blumenau von jungen Spielern und dem Ausland, von Sturm Graz und den Möglichkeiten Meister zu werden und dem Populismus im österreichischen Sportjournalismus.


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Kommentare ( 13 )

Sehr, sehr gutes und interessantes Interview!! Freu mich schon auf Teil2!! Gratulation!!

hochitom am 14. Oktober 2009 um 14:32

Ich mag den Blumenau echt gern…

ct am 14. Oktober 2009 um 14:34

Hier kann ich mich nur anschließen – äußerst sympathisch…

fz am 14. Oktober 2009 um 14:38

Genialer Typ, irsinnig intelligent – war extrem spannend das Interview abzuschreiben…

jd am 14. Oktober 2009 um 15:08

vorsicht bei der wortwahl kollege, ich hoffe du hast es abgetippt bzw. transkripiert, nicht abgeschrieben :-)

jp am 14. Oktober 2009 um 15:41

JP, hehe, ja – natürlich habe ich es abgeTIPPT, entschuldigt diesen Versprecher :)

jd am 14. Oktober 2009 um 15:43

Na das is mal was Feines… Dass ich den Blumenau auf Sturm12.at zu lesen bekomm hätt ich mir nicht erwartet, aber umso mehr hats mich erfreut. Freu mich auch schon aufs 2. Interview.
Wobei man eigentlich ehrlich anmerken sollte, dass MB keinen wirklichen Einblick in die “Sturmwelt” hat (was er aber eh nie behaupten würde). Hoffma amal, dass er seinen Fokus vl etwas stärker auf Sturm einstellt.

Funaki am 14. Oktober 2009 um 17:16

Thx fuer einen auswaertigen “Hochkaraeter” auf Sturm12. Kreativer Beitrag. Allerdings: Ich schaetze Blumenau’s Kolumne auch seit jahren, aber seine Interviews sind meistens, wie auch dieses hier, wenig informativ. Die meisten Fragen beantwortet er kurz, mit “keine ahnung”, oder gar nicht, um dann zu sagen worueber andere reden und dass das worueber sie reden eigentlich irrelevant ist. Insofern… ich les ihn lieber wenn er schreiben darf was er will.

Philipp am 14. Oktober 2009 um 17:33

vielleicht könnte man den herren “experten” mal mitteilen, dass die qualifikation von Sturm, Rapid und Austria REIN GAR NICHTS mit dem neuen system der EL zu tun hat. die vereine wären letztes jahr im alten system genau so gesetzt bzw. ungesetzt gewesen wie heuer, also ist diese behauptung völliger nonsens.

ThePS am 14. Oktober 2009 um 19:10

Danke für das besorgen dieses Interviews !

negoc am 15. Oktober 2009 um 08:10

das interview wurde nicht besorgt, es wurde von sturm12 geführt…

jp am 15. Oktober 2009 um 11:14

Jetzt sei nicht so streng – Jürgen!

ch am 15. Oktober 2009 um 11:16

ok, danke dass du das interview besorgt hast, christopher

jp am 15. Oktober 2009 um 11:26

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