Martin Blumenau – Teil 2: “Der Sportjournalismus in Österreich ist mangelhaft ausgebildet”

© FM4
Die Person Martin Blumenau, Moderator bei FM4, ist kontrovers. Seine Kolumnen und Äußerungen stoßen den einen oder anderen oft vor den Kopf. Nach dem gestern veröffentlichten ersten Teil spricht Sturm12.at mit dem Journalisten über die jungen Spielern, die ins Ausland gehen (wollen), über Sturm Graz und den Möglichkeiten Meister zu werden und der Form der Berichterstattung im österreichischen Sportjournalismus.
Du hast von Nachhaltigkeit gesprochen. Man stellt in den letzten Jahren verstärkt fest, dass Österreich ein Verkaufsland geworden ist …
… das stelle ich aber nicht fest.
Man merkt trotzdem, dass man immer wieder etablierte Spieler abgeben muss, weil sie den Schritt ins Ausland wagen möchten. Wie wichtig ist es für den österreichischen Fußball und die Nationalmannschaft, dass Spieler diesen Schritt wagen und nicht bis zu ihrem Karriereende, oder bis sie 28 sind, in der österreichischen Bundesliga bleiben?
Also ich sehe das ja nicht ganz so positiv, denn ohne Hoffer und Maierhofer hätte es heuer ja nur zwei Transfers österreichischer Spieler ins Ausland gegeben. Und die sind ja beide erst relativ spät erfolgt. Wenn man eine Export-/Import-Statistik macht und sich ansieht, was an österreichischen Spielern rein- und was rausgeholt wird, dann merkt man, dass es immer noch grauenvoll aussieht. Es sind gute Ansätze da und es ist wichtig, dass vorgezeigt wird, dass es geht, aber so viel ist da nicht passiert, auch in den letzten Jahren nicht. Einmal ein Korkmaz, einmal ein Prödl, einmal ein Stankovic. Ich weiß nicht, ob da viel mehr war. Heuer ein Hoheneder und ein Taboga – das war’s. Das ist natürlich noch viel zu wenig, denn so eine Bilanz muss irgendwann ausgeglichen bilanzieren, wenn man will, dass man ein ernsthafter Player ist. Bis dorthin ist noch viel zu tun. Ob das jetzt für die Nationalmannschaft und/oder für das Vorankommen des einzelnen Spielers nötig ist – ja und nein. Für Didi Constantini und das Team ist es nicht nötig. Der ist ja froh, wenn er sich nicht über die Grenze bewegen muss, sondern seine Mannschaft aus den vier großen Vereinen aufstellen kann. Ich unterstelle ihm eine gewisse Denk- und Handlungsfaulheit. In Wirklichkeit halte ich es für sehr notwendig, weil der Stögerismus der 1980er-Jahre kann nicht für die Ewigkeit das Maß aller Dinge bleiben. Ob es für alle, die rausgegangen sind, der optimale Schritt war, weiß ich nicht. Mittlerweile kann man, denke ich, auch bei den großen Vier eine große Rolle spielen, auch was internationale Matches anbetrifft. Also da gibt es ein Für und Wider, das lässt sich nicht so genau beantworten. Ich denke aber, dass es für jeden anstrebenswert sein sollte, einmal in einer anderen Liga gespielt zu haben.
Wenn man sich die Länderspiele gegen die Färöer und Rumänien ansieht hat das Mittelfeld mit Janscher, Hölzl und Beichler fast nur aus Sturm-Spielern bestanden. Wem von diesen dreien attestierst du das größte Potential und ist gerade für diese drei Spieler der Schritt ins Ausland der richtige oder nicht?
Das ist extrem schwer zu sagen. Es ist allen dreien zuzutrauen, dass sie sich in jeder Liga durchsetzen. Ich könnte jetzt keinen nennen, der es am ehesten schaffen könnte. Andreas Hölzl ist ein bisschen älter, bei ihm fällt mir ein, was Arsene Wenger über Christoph Leitgeb gesagt hat, nämlich, dass er den, wenn er zwei oder drei Jahre jünger wäre, sofort zu Arsenal holen würde, aber mit 23 ist es schon zu spät. Also das ist schon auch ein bisschen eine Messlatte. Bei Hölzl ist es vermutlich nicht so ein Problem, da er seinen entscheidenden Sprung erst mit über 21 gemacht hat. Der ist eine Zeit lang ein bisschen stehen geblieben und plötzlich vor zwei Jahren ist der Knoten geplatzt. Insofern stimmt das Wenger-Wort auch nicht für alle, aber ich denke schon, dass man das als ungefähre Messlatte beachten sollte. Ich weiß nicht, ob es Sinn macht mit 16 oder 17 ins Ausland zu gehen, aber mit 20 herum auf jeden Fall.
Du hast Sturm Graz vor einigen Journalen sehr positiv erwähnt. Als Reaktion darauf hast einen sehr ausführlichen Brief aus Graz erhalten, wie schlimm es bei Sturm zuginge. Was waren konkret die negativen Aspekte, die angeführt wurden und was entgegnest du diesen?
Das war Insiderwissen, das natürlich auch erfunden sein kann. Angesprochen wurde der Trainersohn und in Wirklichkeit würde nur der Co-Trainer die Mannschaft zusammenhalten und das wäre ganz furchtbar, wenn der wegginge. Außerdem wäre der Verkauf des jungen Daniel Geisslers ein Wahnsinn gewesen. Also lauter solche Side-Stories, die aber allesamt durchargumentiert waren. Wenn man jetzt zehn solcher Punkte zusammensetzt, kann das ein negatives Bild ergeben. Ich finde aber, dass so etwas nur ein negatives Bild zeichnen kann, wenn man das auch zeichnen will, wenn man es drauf anlegt. Mit dieser Philosophie kann ich prinzipiell nicht so gut, weswegen ich mich auch darübe ein wenig lustig gemacht habe. Es waren vermutlich allesamt großteils unbestreitbare Dinge, aber das war mir alles nicht so wichtig.
Kann Sturm aus deiner Sicht um die Meisterschaft mitspielen?
Sturm spielt ja schon um die Meisterschaft mit. Was das Frühjahr betrifft, muss man die Wintertransferzeit abwarten. Vielleicht bekommt Stronach ja einen Schub und kauft Rivaldo ein und vielleicht kauft der AC Parma Beichler und Jantscher – man weiß es ja nicht. Was ich gemeint habe: Ich sehe sie vom Kader her leicht hinter Rapid Wien, was aber auch eigentlich nur darauf zurückzuführen ist, dass kein offensichtliches Vertrauen in Spieler ab Nummer 16 gibt. Da ist zwar ganz gut eingekauft worden, es gibt jetzt die Ehrenreichs und Prettenthalers und Tauschmanns, die angeblich auch was können, nur bekommen diese keine Platzzeit. Während bei Rapid aber die ersten 20 spielen oder alle schon gespielt haben. Das meinte ich damit, dass die Grundsubstanz leicht besser ist. Denn mit 20, die schon etwas auf der Brust haben, spiele ich besser als mit 16, wo sich die Nummer 17 schon nichts mehr traut. Das ist für mich noch der ganz leichte Unterschied. Was ich aber nicht verstehe ist, dass man, wenn sich ein Fabian Lamotte verletzt, einen Innenverteidiger auf seine Position setzt, obwohl man genau für diese einen Martin Ehrenreich gekauft hat.
Wenn man deine Kolumne liest, fällt sehr oft das Wort “Populismus”. Ist der österreichische Fußballfan im Querschnitt weniger sachverständig als der deutsche, italienische, spanische oder englische Fan?
Also er erhält auf jeden Fall weniger Anleitungen. Der italienische Fan findet jeden Tag in der Gazetta dello Sport, in Tuttosport oder im Corriere dello Sport deppensichere Anleitungen mit Grafiken, mit taktischen Aufstellungen, Bildchen, mit Tabellen und so weiter. Der deutsche Fußballfan ist mit dem Kicker aufgewachsen, der sehr trocken über Systeme und Strategien schreibt, bei den Franzosen, bei den Spaniern und Portugiesen gibt es diesbezüglich eine funktionierende Sportpresse, bei den Engländern sowieso, auch in Holland und Belgien schaut es da viel besser aus. In Österreich gibt es einen mangelhaft ausgebildeten Sportjournalismus. Dort geht es hauptsächlich um das “Wer?” und nicht so sehr um das “Wie?”. Deswegen ist natürlich auch der Konsument nicht so gut angeleitet. Ob die Leute jetzt blöder sind als anderswo, weiß ich nicht.
Wie bist du dazu gekommen dieses Fußballjournal zu schreiben? Auf fm4.orf.at erwartet man ja nicht unbedingt ein Fußballjournal.
Ich habe mich schon immer interessiert und das, was mich interessieren würde, hat es nie gegeben. Wenn man selbst die Möglichkeit hat etwas, was es nicht gibt, zu machen, dann wäre es – auf lange Sicht – fahrlässig, das nicht zu machen. Ich habe mich eh lange dagegen gewehrt und es lange nicht gemacht und bin dann redaktionsintern, on public demand sozusagen, dazu gezwungen worden das, was ich nur beim Herumsitzen vor dem Fernseher mache, auch öffentlich zu machen. Und daraus hat sich dann halt das Journal entwickelt. Es hätte genauso gut nach ein paar zaghaften Versuchen wieder eingestellt werden können, wenn es nicht auf Resonanz gestoßen wäre. Es gibt offenbar auch ein paar andere Leute, die meinen, dass eine bestimmte Art analytischer Berichterstattung in diesem Land fehlt. Wenn diese zwei Dinge aufeinandertreffen, dann geht halt was. Und es hat ja recht gute Zugriffswerte, da kann man sich nicht beschweren.
Könnte analytische Berichterstattung über den österreichischen Fußball nicht auch zur Polarität des Sport beitragen?
Ja, wahrscheinlich. Ich glaube nicht, dass es etwas wäre, was niemanden interessieren würde. In letzter Zeit bekomme ich häufiger Mails, mit Inhalten wie: “Kannst du das nicht genauer erklären? Was ist zum Beispiel ein ‘Doppelsechser’?” Wo ich mir dann denke: “Okay, was soll ich jetzt machen? Soll ich versuchen alles noch einen Schritt zu vereinfachen und alles, mit Klammer daneben oder so, deppensicher zu erklären, damit man auch jene Leute einfängt, die das nicht verstehen oder soll man sich doch spezialisieren auf die, die wissen, wovon man redet, damit es sowas wie einen sinnhafteren Diskurs geben kann?” Bei der EURO wurde es ansatzweise probiert, taktische Formationen herumzuschieben, das kam mir vor wie ein Erstversuch. Jetzt ist alles natürlich wieder eingeschlafen, weil man alles zurückgefahren hat. Ansätze waren ja da, aber ich denke, dass es auch davon abhängt, wie wichtig das Ganze ist und wie viel man darin investiert. Wenn man bei einer Europameisterschaft davon ausgeht, dass alle zusehen, dann braucht man so oder so Side-Stories.
Martin, danke für das Gespräch!
Das Interview führte Christopher Houben.
Sturm12.at
Martin Blumenau – Teil 1: “Es hängt immer davon ab, womit man zufrieden ist.”
Kommentare ( 8 )
[...] einem Interview mit Sturm12.at spricht Blumenau über Fußballfans in Europa sowie über österreichische und italienische [...]
Fußball ist mehr als Taktik « Fußball-Extern.at am 18. Oktober 2009 um 20:00tom am 15. Oktober 2009 um 13:07blumenau is ein typ, den der durchschnittsösterreicher nicht verträgt. oft genug hab ichs bei mir selber bemerkt, wie er mir “auf den sack” geht, aber wenn seine kolumne nachgewirkt hat, dann is er doch zu verstehen bzw. zu gutieren. schade, dass es nur einen blumenau im österreichischen fußballjournalismus gibt.
jd am 15. Oktober 2009 um 14:23Mir gefällt der treffende Vergleich mit anderen Ländern, wo Sportjournalismus groß geschrieben wird. Das halte ich persönlich für das größe Manko im österreichischen Fußball…
cl am 15. Oktober 2009 um 15:00interessantes interview! ist man von hier aber ohnehin gewöhnt.
aber: ich kaufe mir gerne und regelmäßig die gazzetta und muss ganz ehrlich sagen: dieser ewige mythos, dass die italienischen zeitungen voller taktischer analysen sind, ist tatsächlich – ein mythos. aber vielleicht ist mein italienisch auch zu schlecht. natürlich wird dieser thematik dort raum gegeben, mehr als anderswo (ist ja bei print-produkten auch immer eine platzfrage). der rest sind ebenso personality-geschichten wie hierzulande und anderswo.
vor ein paar wochen war ich in barcelona, hab mich dort mit sportzeitungen eingedeckt. thema nummer eins in as und marca: so geil ist cristiano. thema nummer eins in sport und mundo deportivo: so toll ist messi.
nicht alles ist gold, was die internationale presse tut. womit generieren angesehene onlinemedien wie times und guardian die meisten zugriffe bzw. user-postings? nicht mit geschichten über taktik, sondern mit dingen, die die leute bewegen und emotionen hervorrufen. beispiel: wird liverpool verkauft?
dass sich die österreichische sportpresse verbessern kann, steht aber natürlich außer frage.
jp am 15. Oktober 2009 um 16:44einspruch: wenn du eine gazzetta an einem ganz normalen ligaspieltag kaufst, hast du zu jeder partie eine aufstellungsvariante inklusive taktischer formation angeboten. das ganze wird auch erläutert und zudem ist die wahrscheinlichkeit, dass diese varianten eintreffen noch dazu sehr hoch. im vergleich zu heimischen medien, die die spieler nach lust und laune auf dem feld verteilen und die mögliche aufstellung so gut wie nie stimmt und spieler auf positionen gesetzt werden auf denen sie ihr lebtag noch nie gespielt haben
cl am 15. Oktober 2009 um 23:35sag ich ja – natürlich geben sie aufstellungen etc. in italien mehr platz. aber man sollte bitte endlich mal damit aufhören, den leuten zu erklären, dass etwa in italien jeder fan und jeder journalist ein taktikguru ist.
jp am 16. Oktober 2009 um 09:38äh, nochmal, im vergleich zu hier ist jeder fan, und vor allem jeder journalist, ein taktikguru, um bei deinem begriff zu bleiben…
cl am 16. Oktober 2009 um 12:08seh ich anders. aber ist ja egal.
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