Thomas Kristl – Teil 1: “Sturm Graz ist einfach reizvoll.”

Seit Juli 2009 ist Thomas Kristl Co-Trainer bei Sturm Graz, doch bislang trat der Deutsche kaum in die Öffentlichkeit. Sturm12.at traf den Regensburger zu einem Interview und sprach mit ihm über persönliche Gründe zu Sturm zu kommen, Franco Foda und…

© 2009 Sturm12.at
© 2009 Sturm12.at

Seit Juli 2009 ist Thomas Kristl Co-Trainer bei Sturm Graz, doch bislang trat der Deutsche kaum in die Öffentlichkeit. Sturm12.at traf den Regensburger zu einem Interview und sprach mit ihm über persönliche Gründe zu Sturm zu kommen, Franco Foda und Dietmar Pegam, Amateure bei der Kampfmannschaft, das Ansehen von Sturm Graz in Deutschland sowie über den Unterschied zwischen der Deutschen und Österreichischen Bundesliga.

Herr Kristl, seit Saisonbeginn sind Sie nun Co-Trainer bei Sturm Graz. Wie gut haben Sie sich mittlerweile in Graz eingelebt?
Es war noch nicht viel Zeit von Graz etwas zu sehen. Wir haben momentan ein Spiel nach dem anderen. In der Länderspielpause kann man immer ein bisschen durchatmen. Seit September habe ich eine Bleibe gefunden, ich fühle mich sehr wohl in Graz.

In der „Kleinen Zeitung“ war zu lesen, dass sich viele Trainer um den Co-Trainer-Posten bei Sturm beworben haben. Haben auch Sie sich beworben oder wurden Sie seitens des Vereins kontaktiert?
Ich kenne Franco Foda seit dem Fußball-Lehrer-Lehrgang 2004 an der Sporthochschule Köln, seit damals standen wir in regelmäßigem Kontakt. So kam das Ganze zustande.

Also war Franco Foda ein ausschlaggebender Grund für Ihre Entscheidung nach Graz zu kommen?
Franco Foda war sicher der ausschlaggebende Grund, dass man sich überhaupt getroffen und Gespräche geführt hat. Diese sind sehr gut verlaufen, die Gegebenheiten bei Sturm sind auch in Ordnung. Es ist eine junge Mannschaft, die attraktiven Offensivfußball spielt. Und auch, dass mit geringen finanziellen Mitteln das Maximum erreicht wird, hat mir sehr imponiert.

Warum entscheidet sich ein Thomas Kristl, der schon in der Deutschen Bundesliga tätig war, nach Österreich zu kommen?
Ich kannte die ganze Philosophie, da wir an der Sporthochschule in Köln eine gute Möglichkeit hatten, viel und ausgiebig darüber zu sprechen, wie der Verein strukturiert ist. Sturm schafft es immer wieder in der Liga vorne mitzuspielen und auch international dabei zu sein. Darüber hinaus bringt man immer wieder Nationalspieler hervor und gleichzeitig rücken neue Talente nach. Das ist einfach reizvoll.

Was ist der konkrete Unterschied zwischen Ihnen und Dietmar Pegam, der ja auch Co-Trainer ist?
Wir sind beide als Co-Trainer angestellt, Didi Pegam ist aber auch Akademieleiter, was sehr zeitintensiv ist. Das ist eigentlich der einzige Unterschied, aber Didi versucht so oft wie möglich bei uns zu sein.

Ist die Hierarchie so, wie man sie erwartet – also Franco Foda als schlussendlicher Entscheidungsträger, weil er Cheftrainer ist – oder haben auch Sie in gewissen Punkten Entscheidungsbefugnis?
Die Entscheidungsbefugnis liegt immer beim Cheftrainer, da kann es für mich gar keine eigene Entscheidungsbefugnis geben. Aber es ist wichtig, dass ein Co-Trainer nicht immer das sagt, was der Trainer hören will, sondern seine Meinung zu Spielen oder Spielern sagt. Die letztendliche Konsequenz und die letzte Entscheidung liegt aber immer beim Cheftrainer.

Gibt es auch öfter Diskrepanzen zwischen Ihnen und Franco Foda, beispielsweise in Aufstellungsfragen?
Man steht in ständigem Austausch, was den Gegner und die eigene Mannschaft betrifft. Man spricht über Vor- und Nachteile, über diese oder jene Entscheidung, da kommt es dann vor, dass man unterschiedlicher Meinung ist, aber im Grunde genommen läuft das sehr harmonisch ab.

Warum hat heuer noch kein Amateurspieler den wirklichen Durchbruch in der Kampfmannschaft geschafft?
Ich denke, das ist schnell erklärt. Ich weiß, was bei Sturm die letzten Jahre passiert ist. Die besten jungen Spieler sind immer weggegangen und dieses Jahr war es eben anders. Dieses Jahr ist das erste Jahr, dass alle Leistungsträger gehalten werden konnten, auch kein Nationalspieler abgegeben werden musste und noch zwei, drei Spieler dazugekommen sind. Da ist es dann so, dass die Mannschaft als Ganzes einen Schritt weitergeht und dann ist es natürlich schwierig für die Jungen sich einen Platz zu erspielen. Potential haben Sie alle, sonst würden Sie bei uns nicht mittrainieren, aber sie müssen geduldig sein. Bei jungen Spielern geht es oft einmal schnell. Sie stagnieren zwar auch einmal sehr rasch, die Formschwankungen sind größer. Es kann aber auch einmal sehr schnell gehen, dass man sagt: “Ja, der hat das Zeug dazu und der kann spielen.” Das ist ja immer so im Fußball. Es muss die Gelegenheit da sein und der junge Spieler muss die Gelegenheit beim Schopf packen. Dann kann es schnell gehen, dass man hundertprozentig zur Mannschaft gehört.

Machen wir einen kurzen Themenwechsel. Wie bekannt ist Sturm Graz in Deutschland?
Sturm Graz hat eine gute Reputation in Deutschland, vorallem durch die hervorragende Arbeit, die Franco Foda leistet. Er schafft es immer wieder Spieler auszubilden und nach oben zu bringen, international zu spielen sowie in Österreich in der Liga immer wieder vorne dabei zu sein. Ich habe viele Freunde in Österreich, die immer zu mir gesagt haben: “Sturm Graz, die spielen zwar nicht ganz vorne mit, aber die spielen den schönsten Fußball in Österreich.” Das ist ein Verdienst von Franco Foda und der ganzen Crew, die da dranhängt.

Denken Sie, dass sich die gesamte Österreichische Liga weiterentwickeln wird oder das bereits tut?
Ja, gerade dieses Jahr, wenn man sieht wie viele Vereine in die Europa League gekommen sind. Es hat noch kein Jahr gegeben, wo vier Vereine international gespielt haben, auch in Europa gibt es sehr wenig Länder, die noch vier Starter dabei haben. Das zeigt einfach das gewisse, stetige Wachsen der österreichischen Liga.

Und was ist der konkrete Unterschied zwischen der Österreichischen und Deutschen Bundesliga? Beispielsweise in der 2. Bundesliga hat man in Deutschland Spiele, die 30.000 Zuschauer besuchen und in Österreich in der höchsten Liga kommen – wenn man Glück hat – 15.000 Fans. Macht man in Österreich etwas falsch?
Der Stellenwert in Österreich ist ein bisschen anders. In Deutschland ist der Fußball die absolute Nummer Eins. Vorher habe ich in Österreich nur Zeit verbracht, wenn ich beim Ski fahren war und da sind wir eigentlich schon beim Unterschied. Diesen Hype, den man bei den Skifahrern mitbekommt, der da gemacht wird, versteht in Deutschland keiner. Bei uns sind es die Fußballer, in Österreich die Skifahrer. Man muss auch bedenken, dass die Bevölkerungzahl kleiner ist, es kann also gar nicht sein, dass hier jedes Stadion immer voll ist. Umso bemerkenswerter ist es, dass Sturm Graz die zweithöchste Zuschauerzahl der ganzen Liga hat. Was ich auch sehr toll finde ist, dass die Sturm-Fans immer sehr kreativ bei ihren Anfeuerungen und Choreographien sind und, dass sie sehr ehrliche Fans sind, die ein sehr genaues Gespür haben, wann die Mannschaft die Fans braucht.

Das Interview führten Andreas Terler und Jakob Dohr.

Im zweiten Teil des Interviews spricht Thomas Kristl über die bisherige Bilanz der Grazer in Meisterschaft und Europa League, über die den Wegfall der Doppelbelastung und den damit verbundenen Chancen in der Meisterschaft sowie das Verletzungspech.