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In der vierten Ausgabe seiner zwölfmal jährlich erscheinenden Kolumne “Chants & Goals” berichtet Heimo Mürzl über seine persönlichen Eindrücke und Erlebnisse mit Sturm Graz im November 2009. In einer Mixtur aus Frust, Ärger, Ernüchterung, Enttäuschung und “leiser” Hoffnung kombiniert er dabei – wie gewohnt – seine Leidenschaft für Fußball und Musik.
05.11.2009: Sturm Graz – Panathinaikos 0:1
LCD Soundsystem: “Time To Get Away”
Ein volles Stadion, ein stimmungsmäßig-verheißungsvoller Auftakt und dann am Ende ein sehr oft an diesem Euro League-Abend gehörtes “Time To Get Away”… Die Heimspiele in der Europa League-Gruppenphase konnten die Hoffnungen und Sehnsüchte der Sturm-Aficionados bisher in keiner Weise befriedigen.War der gesangliche Anfangselan mit einem euphorisch vorgetragenen “Wenn wir hier stehen, sind wir wie benommen” noch absolut europawürdig und konnte auch die Choreo mit schwarz-weißen Plastikfähnchen unterstützt von einem “Die Jungs vom Jakominigürtel”-Banner und einem historischen Sturm-Mannschaftsporträt durchaus beeindrucken, so sprang der Funke in keiner Weise auf die Protagonisten auf dem grünen Rasen – der sich aber in gleich schlechter Verfassung darbot, wie die Spieler in den schwarz-weißen Traditionsfarben – über und keiner konnte letztlich schlüssig erklären, wieso Manuel Weber und Kollegen eine so wenig überzeugende Leistung ablieferten.
08.11.2009: Austria Wien – Sturm Graz 1:0
The Strokes: “Hard To Explain”
Viele hatten sich nach dem eher “müden” und wenig begeisternden Auftritt der Mannschaft gegen Panathinaikos eine “Reaktion” im Meisterschaftsspiel gegen die in jüngster Vergangenheit auch nicht gerade blühenden Veilchen aus Wien erhofft und wurden ein weiteres Mal enttäuscht. Wie man grundsätzlich feststellen musste, dass eine Art Gewöhnungseffekt, der das schon Erreichte nicht mehr zu schätzen weiß und es immer schwieriger macht, neue Reize zu setzen und neue Höhepunkte anzustreben, den gesamten Verein ein wenig zu lähmen scheint. Eine Tatsache, die kaum zu erklären ist und wenig Spaß macht – wie auch der Umstand, dass eine Auswärtsfahrt nach Wien-Favoriten auch schon einmal lustiger war: Ein Polizeiaufgebot, das jeder Beschreibung spottet und einen ganzen Stadtbezirk zum Hochsicherheitstrakt macht, ein durchwachsener Auftritt von Spielern und Fans, Lavric mit dem fehlenden Killerinstinkt, der ansehnliche Auswärtsfahrermob mit sehr rasch nachlassender Motivation beim Support, was mir den erfreulichsten Moment dieses in jeder Hinsicht enttäuschenden Fußballabends bescherte – einen spontan seinen Unmut über die geringe Sangesfreudigkeit der Fans artikulierenden Vorsänger, der wohl nicht ganz unrichtig einen Kurvenhit umtextete und wie folgt zum Besten gab: “Wenn ma dann mal mit 1:0 hinten liegn, dann sing ma nimma mit…..”
21.11.2009: Sturm Graz – Ried 0:2
Air: “sing sang sung”
Die Müdigkeit vieler Fans schien nach einer zweiwöchigen länderspielbedingten Pause verflogen und so präsentierte sich die Nordkurve im Heimspiel gegen Ried fast in alter Form und beeindruckte mit ihrem engagierten Statement gegen die Beschneidung der Fankultur durch Ministerin Maria Fekter und ihren bürokratischen Handlangern – hinter einem Transparent mit dem Wortlaut “Hier funkelt s wie das Blau in Deinen Augen – Du Sumpftaub’n” ergaben eine nicht zu geringe Anzahl von Blinkbengalen ein sehr schönes und stimmungsvolles Bild. Weiters meldete sich die Kurve mit dem Transparent “Puntigamer: Zum Saufen gern, doch haltet es vom Wappen fern” in einer nicht unwichtigen Frage pointiert und traditionsbewusst zu Wort. Die Leidenschaft auf den Rängen war (also wieder) spürbar – auf dem Spielfeld schienen aber blutleere Wiedergänger ehemaliger Sturm-Kicker ohne Emotionen ihr Unwesen zu treiben. Obwohl von den Fans immer wieder lautstark “Ausgleich” intoniert wurde, blieb es trotz sieben Minuten Nachspielzeit beim beinahe beschämenden Ergebnis von 0:2.
25.11.2009: Rapid Wien – Sturm Graz 2:1 (Lavric)
The Offenders: “Hooligan Reggae”
Der November schien jedem Sturm-Aficionado schon fast die Freude am Fan-Dasein genommen zu haben – wie gut, dass das Auswärtsspiel gegen Rapid folgte. Gerade die Spiele gegen den Wiener Traditionsverein aus Hütteldorf erwiesen sich in den letzten Jahren als die Höhepunkte der nationalen Meisterschaft. Auch dieses Mal wurde man nicht enttäuscht und sah sich in seinem geheimen Wunsch bestätigt, doch öfter gegen diesen in jeder Form motivierten wie auch motivierenden Gegner gegenüberzustehen. Dass Konkurrenz leistungssteigernd wirkt und belebt zeigte dieser mit Ausnahme des Resultats sehr intensive und schöne Fußballabend: die zwei Fanlager “neckten” sich schon vor Spielbeginn bis an die Schmerzgrenze, was neben einem sehr verzögerten, dann aber in gewohnt martialischer Art und Weise ausgeführten Polizeiauftritt, einigen geradezu aberwitzigen und phantasievollen medialen Berichten und einigen sich auf dem Spielfeld tummelnden Fans vor allem dafür sorgte, dass die Fans beider Vereine ab der ersten Minute mit lange nicht gesehenem Engagement und Herzblut bei der Sache waren und ihre Mannschaften auf beeindruckende Weise unterstützten. Auch die Akteure auf dem grünen Rasen waren engagiert und mit viel Esprit und Elan bei der Sache und sorgten für ein sehr intensives und spannendes Spiel. Klemen Lavric erzielte endlich sein erstes Meisterschaftstor, die gesamte Mannschaft wußte durch Einsatz und Spielfreude zu überzeugen – zu einem wirklich unvergesslichen Fußballabend fehlten eigentlich nur ein anderes Ergebnis und ein etwas souveränerer Spielleiter…
28.11.2009: LASK – Sturm Graz: 2:2 (Jantscher, Beichler)
Neil Young & Pearl Jam: “Fuckin’ Up”
Auf Deja-vu-Erlebnisse dieser Art könnte man als Sturm-Aficionado sehr gern verzichten – wie schon im Heimspiel gegen den Lask konnte ein sicher scheinender Vorsprung wieder nicht in einen Sieg und drei Punkte verwandelt werden. Obwohl es dieses Mal nur ein Zweitorevorsprung war, der auf recht fahrlässige Weise verspielt wurde, schmerzte der wiederholte Verlust von zwei Punkten sehr. Wieder waren es individuelle Fehler, ärgerliche Nachlässigkeiten und das sprichwörtliche Pech, das in solchen Phasen immer wieder einmal “vorbeischaut”, die dafür sorgten, dass sich dieser November zwar wettermäßig durchaus hell und himmelblau präsentierte, der Herzensverein Sturm Graz aber recht erfolgreich für graue Haare und düstere Stimmung sorgte. Auch die zwei Tore von Jantscher und Beichler verlieren da an Strahlkraft und Bedeutung – auch deshalb, weil der so oft und so beseelt vorgetragene Wunsch der Fans “Wir wollen dieses Spiel noch gewinnen” im November schlicht ungehört und unerfüllt blieb. Da hilft einem nur noch Altmeister Neil Young mit einem “Fuckin Up”, das von Herzen kommt … hätten doch alle soviel “Feuer”…
Chants & Goals: Der Oktober
Chants & Goals: Vom LASK bis zum KSV
Chants & Goals: Mit Sturm Graz von Spiel zu Spiel
Heimo Mürzl
Jahrgang 1962, verbrachte seine Kindheit fern großer Fußballstadien in Mariahof, einem kleinen Ort in der Obersteiermark. Die Fußball-WM 1970 in Mexiko, die unvergessene Ajax-Jahrhundertmannschaft rund um Johan Cruijff und das so unglücklich endende Messestädte-Cup-Duell von Sturm Graz gegen Arsenal London machten den von Kleinauf selbst kickenden Buben zum späteren Fußballverrückten. Mit dem Studiumbeginn in Graz wurde es ihm auch endlich möglich, sein Fantum nicht nur vor dem Fernsehschirm auszuleben, sondern selbst im Liebenauer Stadion und in der Gruabn Teil der kollektiven Emotionen zu werden. So verbringt er auch heute noch sehr viel Zeit in den diversen Weihetempeln des runden Leders, wo Sehnsüchte erzeugt und mitunter auch gestillt werden. Mit großer Freude schreibt er für das Extra der Wiener Zeitung und das SturmEcho, das Klubmagazin des SK Sturm Graz.
Motto
Allen Individualisierungen, Rationalisierungen und Trennungen zum Trotz – kollektive Emotionen sind das Herzstück und die bewegende Kraft allen, also auch des rational gezügelten sozialen Lebens. ” (Karl Otto Hondrich)
Sturm12.at ist ein privates und unabhängiges, journalistisches Medium, das seinen Fokus auf die Berichterstattung über den Fußballklub SK Sturm Graz gerichtet hat. Gegründet wurde Sturm12.at am 20. Februar 2009 von Christopher Houben und Julia Wendl. Das Hauptaugenmerk der Arbeit bei Sturm12.at liegt auf der tiefgreifenden Analyse von Sturm Graz und des österreichischen Fußballs.
Das “Wichtigste” der leider nicht gerade berauschenden Leistungen der letzten Wochen noch einmal sehr schön wiedergegeben und wunderbar kombiniert mit, wie ich finde, sehr sehr dazupassenden Liedern. – Ein kleiner Tip sei mir gestattet: am besten den ausgewählten Song anspielen, und gleichzeitig den dazugehörigen “Spielbericht” lesen. So mach ich es zumindest immer, und so gelingt es mir auch am besten, rückblickend noch einmal in die entsprechenden Partien gedanklich einzutauchen. – Sehr stimmig das Ganze. Danke Heimo.