Marko Stankovic – Teil 1: “Unser Ziel ist nicht das Play-Off, sondern die ersten beiden Plätze”

Im letzten Winter wechselte Marko Stankovic nach einer starken Saison bei Sturm Graz nach Italien in die Serie B zu Triestina Calcio. Höchste Zeit, sich beim ehemaligen Publikumsliebling in Liebenau nach einer ersten Bilanz zu erkundigen. Stankovic gibt Sturm12.at Einblicke in das harte Leben eines Legionärs in Italien, erzählt von seiner persönlichen Entwicklung und auch [...]

Marko Stankovic

© Triestina Calcio

Im letzten Winter wechselte Marko Stankovic nach einer starken Saison bei Sturm Graz nach Italien in die Serie B zu Triestina Calcio. Höchste Zeit, sich beim ehemaligen Publikumsliebling in Liebenau nach einer ersten Bilanz zu erkundigen.

Stankovic gibt Sturm12.at Einblicke in das harte Leben eines Legionärs in Italien, erzählt von seiner persönlichen Entwicklung und auch von den großen und weniger großen Unterschieden zwischen den Fußballwelten in Österreich und Italien. In einem Punkt muss sich Rot-Weiß-Rot nämlich ganz und gar nicht verstecken.

Im vergangenen Winter bist du von Sturm Graz zu Triestina Calcio in die Serie B gewechselt. Nach knapp einem Jahr ist es Zeit, eine erste Bilanz zu ziehen – War es die richtige Entscheidung?
Mittlerweile zweifle ich nicht mehr daran. Wie vor jeder großen Entscheidung hat man seine Zweifel, das ist klar. Ich bin ja nicht von Sturm Graz weggegangen, weil es mir nicht mehr gefallen hat, sondern weil ich es als richtigen Karriereschritt gesehen habe, woanders hinzugehen. Die Entscheidung ist mir damals sehr schwer gefallen. Ich bin ja nicht nur nach Graz gekommen um Fußball zu spielen, sondern bin dort eigentlich sesshaft geworden. Jedes Mal wenn ich nach Österreich komme, dann führt mich mein erster Weg nach Graz.

Sportlich gesehen ist es aus heutiger Sicht auf jeden Fall die richtige Entscheidung gewesen. Nachdem ich mich zum Stammspieler entwickelt habe, bin ich sehr zufrieden nach Triest gegangen zu sein. In meiner Entscheidung bestärkt sah ich mich erst zuletzt, als ich durchspielen durfte und im Fansektor von Triest eine Österreichfahne entdeckte.

Auch dass es „nur“ die Serie B und nicht die Serie A geworden ist, ist für dich kein Problem?
Nein, das ist insofern kein Problem, als dass man als Österreicher sowieso nicht den Anspruch stellen darf, sofort in die Serie A zu kommen und einen Stammplatz zu haben. Die Gefahr in die Serie A zu kommen und dann nicht zu spielen ist relativ groß. Da ist es mir lieber ich bin in der Serie B und spiele dafür regelmäßig, so wie es bei mir aktuell der Fall ist.

Nachdem es im letzten Jahr für Triestina nicht mit dem Aufstieg geklappt ist es heuer das klare Saisonziel. Momentan fehlen zwei Punkte auf einen Platz im Play Off. Wie groß siehst du die Chancen?

Unser Ziel für heuer ist nicht das Play-Off sondern die ersten zwei Plätze. Das Play-Off ist meiner Meinung nach immer eine Lotterie. Da spielen mehr oder weniger gleich starke Mannschaften, wo dann die Tagesverfassung entscheidet. Wir würden die Sache schon gerne vorher fixieren. Das ist natürlich ein sehr hoch gestecktes Ziel, bei der starken Konkurrenz von Teams wie Lecce, Torino oder Ancona. Wären wir nicht im Finish der letzten Saison in ein Tief gefallen, hätte es, glaube ich, letztes Jahr schon geklappt.  Wenn wir heuer so weiter machen, dann sieht es sicher nicht schlecht aus.

Seit deiner Zeit bei deinem neuen Klub hattest du es ja bereits mit drei  Trainern zu tun. Wie geht man damit als Spieler um?

Das war natürlich für mich natürlich eine ganz eigenartige Situation. Begonnen habe ich ja bei Leoben, wo mein Vater unumstritten Trainer war. Dann kam ich zu Sturm, wo ein Franco Foda unumstritten war. Bislang war ich also immer bei Teams wo es nie Zweifel am Chefcoach gab. Dann kam ich in ein Land, in dem ich eine komplett neue Sprache lernen musste, in dem eine völlig andere Mentalität herrscht und nach sieben Monaten habe ich jetzt schon den dritten Trainer gehabt. Für mich war das also eine extreme Umstellung. Wenn man nach Italien kommt, wird man zuerst einmal gefragt: „Österreich, was ist das?“. So war es auch bei den Trainern.

Der erste Trainer, Rolando Maran, hat mich verpflichtet, dann ist er rausgeschmissen worden und ich habe mir gedacht: „Oh, das ist schlecht.“ Der zweite Trainer, Luca Gotti, hat zwar gemeint, dass er mich aus dem U21 Nationalteam kennt, aber letztlich nur andere Spieler geholt, die dann vor mir an der Reihe waren. Mario Somma meinte schließlich: „Ich kenne dich zwar überhaupt nicht, aber bei mir zählt die Trainingsleistung.“ Und bei diesem Trainer, wo ich eigentlich das schlechteste Gefühl gehabt habe, bin ich jetzt regelmäßig im Einsatz. Aber ich habe es mir wirklich erkämpft und mir verdient. Mein Charakter am Platz hat sich dadurch auch sehr verändert. Ich trete dominanter auf, wie man es im Ausland machen muss, damit man nicht untergeht.

In Italien einen Stammplatz zu erkämpfen ist, wie du auf deiner Homepage schilderst, nicht einfach. Lernt ein junger Spieler so leichter, dass man sich permanent beweisen muss? In Österreich kommt man ja teilweise schon in das Nationalteam wenn man, Zitat Peter Pacult, „Zwei Mal mit dem Hintern wackelt“.

Also in meinem Fall ist es jedenfalls so, dass praktisch jedes Training eine Qualifikation für das nächste Spiel ist. Wir haben einen 30-Mann-Kader, von dem gut 25 Spieler gleichwertig sind und jedes Mal ein anderer spielen kann. Wenn man einmal spielt, braucht man nicht damit rechnen, beim nächsten Mal auch fix dabei zu sein.  Wenn man schlecht trainiert wird man so schnell auf die Bank gesetzt, oder sogar auf die Tribüne. Das kann man sich in Österreich gar nicht vorstellen.

Auch Jürgen Säumel bei Torino geht es ähnlich wie mir. Er hat auch zwei Mal nicht gespielt, dann war er sogar einmal gar nicht im Kader und plötzlich spielt er wieder fünf Partien hintereinander durch.

Bei mir war es einmal so, dass ich gegen Empoli gespielt habe, woraufhin der Trainer mich gelobt hat und sich zufrieden zeigte. Beim nächsten Spiel war ich dann aber doch auf der Tribüne, da habe ich mir gedacht: „Na da muss der Trainer aber sehr zufrieden gewesen sein.“  Seit damals bin ich aber Stammkraft und habe jetzt auch mein erstes Tor erzielt (Anm.: 1:0 Siegestor im Cup gegen Sassuolo). Man muss einfach Geduld haben und wissen, dass sich einem die Chance bieten wird, wenn man fleißig trainiert.

Wo liegen weitere große Differenzen zwischen dem Fußball in Österreich und Italien?

Der Spielstil ist ein komplett anderer hier. Auch das war eine große Umstellung für mich. Von Sturm war ich es noch gewohnt, dass den Zuschauern ein Spektakel geboten wird. Ich erinnere mich da an ein 5:0 zur Pause gegen Altach, wo wir wirklich mit einer Freude gespielt haben. Hier in Italien lautet die Vorgabe der Trainer aber: „Wir müssen keine vier oder fünf Tore schießen. Wir machen unser Tor und im Catenaccio sind wir sowieso Weltmeister.”

Durch diese Umstellung konnte ich mich aber extrem weiterentwickeln. Besonders auf der linken Mittelfeldposition, wo ich hier, wie bei Sturm, spiele, ist man taktisch sehr gefordert. Taktik ist hier mehr oder weniger alles, quasi eine Wissenschaft.

In der Serie B tummeln sich derzeit neben dir und Jürgen Säumel einige weitere Österreicher. Hast du auch Kontakt zu ihnen?
Mit Thomas Pichlmann habe ich damals bei Leoben zusammengespielt. Mit ihm habe ich ab und zu Kontakt. Wesentlich öfter telefoniere ich mit Dieter Elsneg  und Robert Gucher von Frosinone. Elsneg kenne ich ja noch aus Graz. Ich finde das super, dass immer mehr Österreicher den Weg  nach Italien finden. Den Wert der österreichischen Liga steigert das enorm. Kürzlich schlage ich die “Gazetta dello Sport” auf und sehe eine Seite nur über einen 19-jährigen Robert Gucher aus Österreich. Das ist schon bemerkenswert und erfreulich.

Wie sieht es in Sachen Fans aus? Sind da die Unterschiede genauso groß wie im fußballerischen Bereich?

Überhaupt nicht. Die Italiener haben ja gar keine Beziehung zum österreichischen Fußball. Mein erster Trainer hat mich gefragt, wie viele Fans denn bei Sturm im Stadion sind. Als ich dann gemeint habe es seien 15.000, hat er geglaubt ich könne nicht richtig Italienisch und habe ihm irgendeine Zahl gesagt. Erst als ich es dem Teammanager auf Englisch sagte, hat man es mir geglaubt.

Auch die Spieler waren ganz erstaunt, als ich ihnen meine Videos von den Spielen bei Sturm gezeigt habe. Wie sie die Stimmung, die die Grazer Fanclubs machen, gesehen haben, haben sie ganz schön große Augen gemacht. Von der Fankultur her, muss sich Sturm qualitativ absolut nicht vor den Italienern verstecken. Die Quantität ist bei Vereinen wie Lazio oder AS Rom logischerweise eine andere. Mein Vater, der zuletzt mehrere Spitzenspiele in der Serie A besucht hat, meinte auch: „Wenn Sturm so viele Leute im Stadion haben würde wie hier, dann würde es ganz schön rundgehen.“ In Triest haben wir zwar auch ein schönes Stadion, das gut 30.000 Zuseher fasst, es kommen aber nur knapp 10.000. Da ist die Stimmung in einem randvollen Stadion in Graz natürlich eine ganz andere.

Das Interview führte Andreas Terler

Im zweiten Teil des Interviews spricht Marko Stankovic über sein nächstes Ziel Nationalteam, die, seiner Meinung nach, viel zu wenig geschätze Entwicklung von Sturm Graz in diesem Jahr und seine persönliche Zukunft.

Sturm12.at
Teil 2: “Sturm wird sich um Platz drei streiten”

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Kommentare

Sehr sympathisches Interview! Freue mich schon auf den zweiten Teil!!

Wirklich nettes Interview!
Hört man künftig von Säumel auch noch was?
Der Stanko is schon ein echt sympathischer Typ… Wünsch ihm alles Gute, vl hauts ja hin mit dem Aufstieg…

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Danke für dieses interessante Interview!
Ich habe allerdings meine Zweifel, ob der Weg von Sturm in die 2.italienische Liga als Karrieresprung nach oben zu bezeichen ist. Vielleicht verdient er ein wenig mehr als bei Sturm – aber sonst?! Was meint Ihr? (Ich würde ja sowieso immer bei Sturm bleiben, aber das zählt ja leider nicht!)

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