100 Jahre Sturm Graz – Platz 3 | Hannes Kartnig

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12 Persönlichkeiten

Szenen einer steirischen Karriere. Hannes Kartnig, mit schicker weißer Hose, präsentiert stolz die Neuzugänge Ivica Osim und Ivica Vastic. Schnitt. Kartnig Rücken an Rücken mit Harald Fischl, ein provinziell-inszenierter Streit vor der ORF-Kamera. Schnitt. Kartnig stürmt von der Tribüne des Hanappi-Stadions und busselt Osim ab. Schnitt. Kartnig am Höhepunkt. Meisterfeier in der Grazer Innenstadt. Autokorso, Konfettiregen, EAV, Ausnahmezustand. Schnitt. Aus gegen Maccabi Haifa. Kartnig poltert wie nie zuvor. Schnitt. Pressekonferenz, ein Abschied mit Tränen. Sturm steht vor dem Aus. Schnitt. Kartnig kommt aus der Untersuchungshaft, trägt ein Sackerl mit der Aufschrift „see you“.

Blitzlichter, welche die Vielschichtigkeit der Person Hannes Kartnig andeuten: Der Präsident. Der Medienstar. Der Society-Löwe. Der Macher. Der Abgabenhinterzieher. Geliebt, gefeiert, gehasst, verteufelt. Kartnig lässt keinen Sturm-Fan kalt.

Und auch unsere Jury nicht: Sie wählte Hannes Kartnig zur drittwichtigsten Person für den Klub in den vergangenen 100 Jahren.

Platz 3: Hannes Kartnig

Der Unberechenbare

Der 1951 in Gleisdorf geborene Kartnig betritt lange vor der „goldenen Ära“ die schwarz-weiße Bühne. 1989 versucht der Geschäftsführer der „Perspektiven Ankündigungs GmbH“ erstmals Sturm-Präsident zu werden, scheitert trotz der für ihn typischen Versprechen (mehr Geld, neue Stars) in einer dramatischen Generalversammlung an der Liste von Werner Mörth. Nachdem in der Folge weitere (Millionen Schilling schwere) Übernahmeangebote abgelehnt werden, übernimmt der stets Streitbare 1991 den EC Graz und sorgt für einen Eishockeyboom in der steirischen Landeshauptstadt.

Seine  Stunde bei Sturm schlägt im Dezember 1992. Die Blackys sind am Sand: wieder Mittleres Play-Off, Schulden von kolportierten 30 Millionen Schilling, kaum Zuseher. Auf Bitten von Charly Temmel übernimmt Kartnig das Präsidentenamt und holt Heinz Schilcher als sportlichen Leiter. Das Duo sollte Sturm in ungeahnte Höhen führen. Hauptverantwortlich sind zwei Coups, die im Sommer 1994 gelingen: Trainerphilosoph Ivica Osim, ehemaliger Mitspieler von Schilcher bei Straßburg, kann ebenso in die „Gruabn“ gelockt werden wie Ivica Vastic. Letzterer wird – so erzählt Kartnig in der 100-Jahre-Dokumentation – bei einem Heurigenbesuch rekrutiert.

Erfolge, Titel, Stars
Von da an geht es für Sturm steil bergauf. Ist das Engagement von „il principe“ Giuseppe Giannini noch von wenig Erfolg gekrönt, so harmonieren andere Verpflichtungen ideal mit den Eigenbauspielern wie Mario Haas oder Günther Neukirchner. Es folgen Triumphe: zwei Meistertitel, drei Cupsiege, drei Einzüge in die Champions League.

Kartnig sonnt sich im Erfolg, an dem er großen Anteil hat. Er wird zum Medien- und Societyliebling, ist Stammgast bei „Sport am Sonntag“ und in den „Seitenblicken“. Wie Uli Hoeneß sucht auch Kartnig die Nähe zur Trainerbank, vor allem aber den Platz vor der Kamera – auch privat: Haifischbecken, Rolls Royce und Seidenhemden machen den gelernten Goldschmied zum Prototyp des Neureichen. Auch bei den Weihnachtsfeiern wird mit Stars wie Udo Jürgens oder Gloria Gaynor geklotzt. „Kurier“-Chefredakteur Christoph Kotanko bezeichnete Kartnig einmal als „Geck ohne Ironie, Distanz, Takt, Selbstkontrolle“.

Doch hinter der glänzenden Fassade droht bereits Ungemach: Der erste Meistertitel 1998 ist – typisch für Österreich – mit Schulden erkauft, durch die hohen CL-Einnahmen geht die Rechnung aber auf. Nach dem Aufstieg gegen Servette Genf 1999 sagt Kartnig: „Der Klub ist über Jahre finanziell abgesichert.“

Der Sonnenkönig verglüht
Doch dem ist nicht so. Im Laufe der Zeit wird eine Armada an (teuren) Transferflops engagiert. Ein Auszug aus dem Kader des Schreckens: Angibeaud, Pregelj, Fernandez, Amoah, Angan, Brunmayr, Pashazadeh usw. Das Budget alleine für die Saison 2000/2001 beträgt 230 Millionen Schilling, der neuerliche CL-Einzug ist ein Muss. Ein „Trapezakt ohne Netz“ heißt es im Jubiläumsbuch „Wir sind Sturm!“.

Der Trapezakt misslingt, rasant geht es bergab. Das opulente Fest zum Fünfziger Kartnigs im Oktober 2001 vor dem Schloss Eggenberg (Stargäste: Claudia Jung und Tony Christie) ist ein letztes dekadentes Ausrufezeichen einer Ära, die sich dem Ende zuneigt.

Im September 2002 kippt die angespannte Stimmung im Verein endgültig. Der letzte Rettungsanker, die CL-Qualifikation gegen Maccabi Haifa, wird verpasst. Kartnig holt im „Sportmagazin“ zum Rundumschlag gegen Osim („Er ist feig wie kein Zweiter…“) und Schilcher („…der in Wahrheit nur auf sich schaut und den Verein ausbeutet“) aus. Osim geht, das Erfolgstrio zerbricht.

Die finanziellen Turbulenzen nehmen derweil zu. Wie das „Kartnig-Gutachten“ von Fritz Kleiner festhält, ist der Verein bereits 2003 zahlungsunfähig. Mit Mühe und allerlei Tricks wird weitergewurschtelt. 2005 wird sogar die „Gruabn“ um 1,4 Millionen Euro an die Stadt Graz verkauft.

Ein Fall für die Justiz
Sportliche Erfolge bleiben aus, die Fans wollen Kartnig, der teilweise Polizeischutz bekommt, aus dem Präsidentenamt jagen. Eine ordentliche Übergabe an Carlo Platzer im November 2005 scheitert, Kartnig soll für weitere vier Jahre bleiben. Doch soweit kommt es nicht. Das Kartenhaus stürzt 2006 endgültig ein, am 23. Oktober meldet Sturm Konkurs an. Dramatische Wochen bis zur Rettung folgen. Am 2. November 2006 ist die Ära Kartnig bei Sturm nach fast 14 Jahren zu Ende, Hans Fedl übernimmt.

Doch für den Ex-„Sonnenkönig“ wird es erst richtig ungemütlich. Im Mai 2007 kommt Kartnig in Untersuchungshaft. Die Staatsanwaltschaft wirft ihm Abgabenhinterziehung und Veruntreuung vor (es gilt die Unschuldsvermutung). Zwei Monate verbringt der Ex-Sturm-Präsident hinter Gittern – wohl zu Unrecht, meint später der Oberste Gerichtshof. Kartnig erhält die Kaution von 1,2 Millionen Euro zurück.

Noch in der U-Haft gesteht Kartnig die Abgabenhinterziehung – sprich: Schwarzgeldzahlungen an Spieler und Trainer: Das 680 Seiten starke Kleiner-Gutachten kommt auf 8,7 Millionen Euro. Hinsichtlich Veruntreuung ist noch der Verbleib von etwa 130.000 Euro ungeklärt. Wann es zum Prozess kommt, steht in den Sternen.

Schatten über Sturm
Kartnig, einst omnipräsent auf der medialen Bühne, lässt sich mittlerweile selten am gesellschaftlichen Parkett blicken. Seine Geschichte ist aber noch nicht zu Ende geschrieben, sein (Gerichts-)Akt noch nicht geschlossen. Er hat Sturm lange geprägt, er hat polarisiert, sein Schatten liegt noch immer über den Verein. Ob die positiven oder die negativen Erinnerungen stärker wiegen, mag jeder Sturm-Fan für sich entscheiden.

Ein Porträt von Jakob Traby

Dieses Porträt ist Teil der Sturm12.at-Serie “Wer war in hundert Jahren wirklich wichtig?”. Von 25.12. bis 05.01. wird täglich eine Person vorgestellt. Gewählt wurden die zwölf Spieler, Trainer und Funktionäre von einer hochkarätig besetzten Jury.

Hannes Kartnig wurde auf Platz drei gewählt

100 Jahre Sturm Graz – 12 Persönlichkeiten
Platz 12:
Franco Foda
Platz 11: Helmut Senekowitsch
Platz 10: Hans Gert
Platz 9: Bozo Bakota
Platz 8: Hans Fedl
Platz 7: Fritz Longin
Platz 6: Karl Assmann
Platz 5: Mario Haas
Platz 4: Gernot Jurtin
Platz 3: Hannes Kartnig
Platz 2: Ivica Vastic
Platz 1: Ivica Osim


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Kommentare ( 18 )

[...] Hannes Kartnig (1992-2006): Keiner polarisierte wie er, keiner bediente das Medienklavier so clever, keiner ging unter lauterem Getöse. Der Darling der steirischen Seitenblickegesellschaft führte Sturm vor allem durch die Verpflichtungen von Ivan Osim und Ivica Vastic in ungeahnte Höhen: Meister 1998 und 1999, Cupsieger 1996, 1997 und 1999, dazu drei Mal in der Champions League. Doch der Schuldenberg wuchs mit den Jahren, die Erfolge blieben aus. Letztendlich blieb nur noch der Gang zum Konkursrichter – und ein Abschied unter Tränen. [...]

Sturm12.at | Rinners schillernde Vorgänger am 16. August 2010 um 17:05

Kartnig “nur” auf 3? wundert mich jetzt doch ein wenig da er mMn von der wichtigkeit(in positiver wie auch negativer sicht) nr1 ist, aber gut, vielleicht eh besser wenn er nicht ganz oben steht ;)

Sashlyrics am 3. Januar 2010 um 12:53

Ja, natürlich! Ich denke, solch ein Ranking ohne Karting ist seriöser Weiser nicht möglich – ganz im Sinne des hervorragenden Portraits über ihn – trotzdem, für mich wäre Rang5 ausreichend gewesen.

leoman am 3. Januar 2010 um 13:59

Für mich gehört Kartnig auf Platz 1 aber egal…

schwoaza1909 am 3. Januar 2010 um 15:07

Ich verstehe nur nicht die Behauptungen, Sturm hätte sich den Meister 98 erkauft. Mir wären Schulden in der damaligen Zeit nicht bekannt. Schulden kamen erst wie beschrieben mit den Tranferflops in der Post-CL Ära, aber vielleicht wissen da andere tatsächlich mehr.

Keine_Flaute am 3. Januar 2010 um 16:20

Die Schulden, die sich Sturm damals einfing, wurden getilgt durch die Champions League-Teilnahme. Deswegen kann man auch nur von temporären Schulden sprechen. Aber die Ausgaben, zur Finanzierung des Tellers, muss man sofort zahlen, deswegen: Schulden :)

jd am 3. Januar 2010 um 16:42

Jetzt wird die Nr. 1 wohl Ivica Osim. Natürlich auch gerechtfertigt, aber wohl eine eher emotionale Bewertung.

Ich würde Kartnig auch auf 1 reihen weil er ja wirklich den Verein am Meisten geprägt hat, er war verantwortlich für die glanzvollsten und die bittersten Stunden der Vereinsgeschichte.

antitalent am 3. Januar 2010 um 18:54

@jd
Ich mag das nicht so recht glauben, gibt es dafür auch irgendwelche lesbaren Quellen?

Keine_Flaute am 3. Januar 2010 um 19:41

Auf die Schnelle hab ich keine Quelle, aber ich denke du kannst nicht abstreiten, dass ein Meisterteller Geld kostet oder? Warum glaubst du ist beim GAK der Konkurs nach dem Titel so viel schneller gekommen? Weil der Champions League-Einzug nicht gelang und somit das Geld nicht zurückgespült wurde. Oder denkst du, dass Meisterfeier, -prämien usw. der Verein nicht zahlen muss? :)

jd am 3. Januar 2010 um 20:07

Die Quelle ist das Jubiläumsbuch “Wir sind Sturm!”.

jt am 3. Januar 2010 um 20:26

danke!
Genaue Budgetdetails von damals wirds nicht mehr geben, leider…
Die hat der gute Hannes wahrscheinlich alsbald in den Aktenvernichter gesteckt…

Keine_Flaute am 3. Januar 2010 um 22:07

looool…kartnig auf 1. platz !???? alles klar bei dir am sender ???? wegen dem typen sind wir beinahe untergegangen wie die hinigen roten!!!pffff….junge ..junge … denk nach ….

rob am 4. Januar 2010 um 01:57

natürlich sind wir unter kartnig fast untergegangen!!!! ich gebe antitalent aber recht, platz eins wäre, angesichts der enormen erfolge und auch der bittersten stunden die “big Hannes” uns schwoazen beschert hat durchaus legitim gewesen.

one_punch_mickey am 4. Januar 2010 um 11:02

jetz kommen glaub ich noch vastic und osim… osim ist für mich der, der sturm am meisten geprägt hat! seine spielphilosophie sieht man ja auch jetz noch unter foda, der von ihm sicher viel gelernt hat!

pombaer99 am 4. Januar 2010 um 11:36

kartnigs mediale präsenz hat aber den hrn Rinner auch geprägt, somit nicht nur sturm sondern auch österreichs medienlandschaft.
und bezüglich osims spielkultur stellt sich die frage, ob die hr. foda beibehalten wird können.
auf jeden fall muss man der jury respekt für ihre entscheidungen entgegenbringen, auch wenn eben ein hr. kartnig dann doch weit mehr geprägt hat.

Sashlyrics am 4. Januar 2010 um 11:59

ANGAN in einem Kader des Schreckens??Seid ihr wahnsinnig.

ab am 4. Januar 2010 um 12:50

@rob. Das ist keine Beliebtheitsskala. Hier geht es um Persönlichkeiten die, die Geschichte von Sturm am meisten geprägt haben. Es wäre also nur allzu gut verständlich wenn Kartnig auf Platz 1 wäre.

Die Lösung, einen Ehrenmann wie Osim auf Platz 1 zu setzen, finde ich aber trotzdem besser. Sieht auch gleich ganz anders aus ;) .

Fehlt also noch Ivica Vastic. Die drei Personen würden glaub ich auch die meist genanntesten sein, wenn man eine spontane Umfrage auf der Straße veranstalten würde.

Gue am 4. Januar 2010 um 13:08

Mehr Mut hätte ich von der Jury schon erwartet. Objektiv und neutral gesehen hätte gar niemand anderer als Hannes Kartnig die Nummer eins sein müssen. Egal in welche Richtung, seine Auffassung einer Clubführung und Präsidentschaft waren einzigartig und hat den SK Sturm Graz am Meisten geprägt. Auch international wurde Sturm zu einer wahrnehmbaren Adresse. Wie gesagt, das ist keine Beliebtheitswahl!

bl09ck am 4. Januar 2010 um 20:44

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