Gordon Schildenfeld: “Ich würde gerne bleiben, warum nicht?”

Seit 29. Juni 2009 ist Gordon Schildenfeld Spieler bei Sturm Graz. Er kam als Leihspieler von Besiktas Istanbul, an das er noch bis Sommer 2011 gebunden ist, an die Mur. Seit seinem ersten Einsatz hat sich der Kroate sukzessive gesteigert…

© SturmTifo.com
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Seit 29. Juni 2009 ist Gordon Schildenfeld Spieler bei Sturm Graz. Er kam als Leihspieler von Besiktas Istanbul, an das er noch bis Sommer 2011 gebunden ist, an die Mur. Seit seinem ersten Einsatz hat sich der Kroate sukzessive gesteigert und schoss sich spätestens mit seinen zwei Toren im Cup-Spiel gegen St. Johann/Pongau in die Herzen aller Fans. “Flash”, wie er mittlerweile genannt wird, ist siebenfacher Blacky of the Match und eine nicht wegzudenkende Stütze für die Blackies geworden. Mit einer Durchschnittsnote von 1,38 erzielte er im Sturm12.at-Leserzeugnis die beste Note aller Sturm-Spieler.

Sturm12.at traf den sympathischen Abwehrchef zum Interview und sprach mit ihm über seine Vergangenheit in Istanbul und Duisburg, Sturm Graz allgemein und seinen möglichen Verbleib in der steirischen Landeshauptstadt.

Gordon, du bist jetzt seit Sommer 2009 bei Sturm. Wie fühlst du dich in Graz, hast du dich gut eingelebt?
Ja, es ist schön hier. Es ist in der Nähe von Kroatien. Die Mentalität ist in vielen Bereichen sehr ähnlich, es gibt nur kleine Unterschiede, das hilft um sich einzuleben. Wichtig ist für mich auch, dass meine Frau die Stadt und die Leute hier mag.

Wo liegen genau die Unterschiede zwischen den Mentalitäten?
Zwischen Österreich und Kroatien sind wirklich wenige Unterschiede. Spontan fällt mir nur ein, dass es hier üblich ist im Restaurant einzeln zu bezahlen, in Kroatien bezahlt einer für den ganzen Tisch. Gravierende Unterschiede gibt es allerdings zur Türkei, das ist mit dem Leben hier nicht zu vergleichen.

Deine Frau und deine Familie sind hier in Graz. Wie oft fährst du dennoch nach Kroatien?
Jedes Mal, wenn ich Zeit finde und frei habe. Zagreb ist nur eineinhalb Stunden von Graz entfernt, so kann ich meine Freunde oft sehen.

Wo in Kroatien hast du begonnen Fußball zu spielen?
Ich habe bei HNK Šibenik zu spielen begonnen. Wann genau weiß ich gar nicht mehr. Anfangs habe ich nicht nur Fußball, sondern auch Tennis und Basketball gespielt – irgendwann habe ich mich dann aber entscheiden müssen. Ich habe mich mit meinem Vater besprochen, wir haben ein bisschen Lotto gespielt und es kam heraus, dass ich Fußballer werde.

Du hast österreichische Vorfahren, wie kommt es, dass deine Familie heute in Kroatien lebt?
Meine Urururgroßmutter war aus Österreich. Meine Familie ging dann irgendwann nach Šentilj in Slowenien, direkt an der Grenze zu Österreich – von dort kommt auch mein Name. In weiterer Folge hat es uns dann nach Kroatien verschlagen.

Was hast du schon alles gesehen von Graz und der Steiermark?
Alles (lacht). Meine Familie und ich waren schon viel unterwegs und haben schon einiges angeschaut. Alles haben wir allerdings noch nicht geschafft.

Wie stark würdest du die Österreichische Liga einschätzen?
Ich denke, sie ist sehr stark. Wenn wir sie mit Kroatien vergleichen, ist sie sicher stärker. Dort spielen in der höchsten Liga zwar mehr Mannschaften, aber es gibt nicht so viel Geld. Zwei Mannschaften könnten wahrscheinlich in Österreich mithalten, der Rest ist nicht so gut. Hier hast du vier gute Mannschaften und auch viel mehr Fans.

Wie würdest du den Unterschied zwischen der österreichischen und der deutschen Bundesliga beschreiben?
In Deutschland ist die Dichte höher, beinahe jeder Verein kann im Europacup bestehen. Zu Österreich ist natürlich ein Unterschied da, aber ich denke nicht, dass er allzu groß ist. Heuer waren ja vier österreichische Mannschaften in der Europa League. Alle haben gegen starke Gegner gut gespielt.

2007 hast du bei Dinamo Zagreb gespielt, danach bei Besiktas Istanbul und die letzten beiden Jahre bei Duisburg. Warum hast du dich entschieden zu Sturm Graz zu kommen und nicht zurück zu Besiktas zu gehen?
Das ist eine etwas längere Geschichte. Ich war mir nicht sicher, ob ich bei Besiktas spielen würde. Von Sturm habe ich schon länger gehört, dass es in Graz eine gute Mannschaft und ein gutes Umfeld gibt. Es gab also keinen Grund nicht hier zu spielen. Sturm hat einen guten Ruf, ist zudem ein guter Verein mit Nationalspielern, der auch im Europacup spielt. Sturm muss alles tun, um auch nächstes Jahr wieder einen internationalen Bewerb zu schaffen.

Bei Besiktas und Duisburg ist es nicht allzu gut gelaufen für dich. Was waren genau die Probleme?
Warum es bei Duisburg nicht gut gelaufen ist, weiß ich ehrlich gesagt wirklich nicht. Ich habe nie gespielt und wenn, dann höchstens 10-15 Minuten, das war das Maximum. In Istanbul habe ich ein Monat lang nicht gespielt und trainiert, weil ich krank war. Danach haben wir entschieden es ist besser zu wechseln, ich habe einfach keine Chance mehr gesehen in die Mannschaft zu kommen. Ein dauerhaftes Reservistendasein kommt für mich nicht in Frage, ich will immer spielen.

Aufgrund einer Verletzung von Ferdinand Feldhofer gleich im ersten Spiel gegen Wiener Neustadt hast du alle Bundesliga-Spiele im Herbst absolviert. Mit deinen zwei Toren gegen St. Johann/Pongau im Cup hast du dich in die Herzen der Fans gespielt. Warum läuft es für dich in Graz so gut?
Ich fühle mich einfach gut bei Sturm. Ich mag hier alles, das Team, die Stadt. Das ist wichtig für jeden Spieler. Man muss sich wohl fühlen wo man spielt. Ich hoffe die Vorbereitung verläuft gut und ich kann im Frühjahr dort anknüpfen, wo ich im Winter aufgehört habe. Nur eines wünsche ich mir, ich möchte gerne mehr Tore schießen als in der Herbstsaison.

Hättest du dir am Anfang gedacht, dass du so schnell einen Stammplatz in der Mannschaft bekommen würdest?
Ich denke niemals so. Du musst immer erst die Vorbereitung absolvieren und dich für die Mannschaft empfehlen. Ich kämpfe wie jeder Spieler um meinen Platz in der Mannschaft und der Trainer entscheidet dann ,wer spielt und wer nicht. Eine Garantie gibt es für niemanden.

Einer deiner Mitspieler in der Innenverteidigung, Mario Sonnleitner, hat sich dank dir massiv gesteigert. Freut dich das?
Ja, natürlich, das freut mich sehr. Ich habe mich toll gefühlt, als ich davon gehört habe und mir sagen das sehr viele Leute. Ich verstehe mich sehr gut mit Mario, wir fühlen uns gut, wenn wir zusammenspielen und wir verstehen uns fast schon blind. Wir wissen wo der andere steht, auch wenn wir uns nicht sehen. Das ist gut für uns, aber auch gut für die Mannschaft. Das strahlt Sicherheit aus. Für mich würde es aber auch keinen Unterschied machen mit Ferdinand Feldhofer zu spielen. Mario und Ferdinand sind zwar charakterlich und spielerisch unterschiedliche Typen, aber für mich ist es prinzipiell egal, mit wem ich spiele.

Du hast dich mit Sturm Graz für die Europa League-Gruppenphase qualifiziert. Hast du damit gerechnet?
Ja. Jedesmal, wenn wir spielen, ist es eine gute Gelegenheit für den Verein sich zu präsentieren. Es war gut, dass wir uns qualifiziert haben. Die Gruppe war nicht einfach für uns, wir hatten gute Gegner und ich finde es schade, dass wir den Aufstieg nicht geschafft haben. Aber okay – nächstes Jahr dann (lacht).

Warum ist Sturm schlussendlich gescheitert?
Ich denke, der Knackpunkt war schon im ersten Spiel gegen Dinamo Bukarest. Wenn wir da gleich mit drei Punkten gestartet wären – alles wäre möglich gewesen. In jedem Turnier ist das allererste Spiel ein entscheidendes Spiel.

In der Bundesliga lief es bisher auch nicht nur nach Wunsch. Der Abstand zur Austria ist mit sechs Punkten auch schon etwas größer. Was ist für Sturm heuer noch möglich?
Sechs Punkte kann man schon aufholen. Das eigentliche Problem ist, dass wir viele Punkte sinnlos hergegeben haben. Im Herbst waren es sicherlich sieben oder zehn Punkte, die wir hergeschenkt haben. Einmal führen wir 3:0 und es geht 3:3 aus, dann führen wir 2:0 und spielen 2:2. Wir haben einige Punkte auf diese Art und Weise verloren und wir müssen darauf achten, dass im Frühjahr so etwas nicht mehr geschieht. Ich glaube fest daran, dass wir den Sprung in die Top 3 noch schaffen.

Dein Vertrag mit Sturm endet nach dieser Saison und der Verein möchte dich gerne halten. Möchtest du auch in Graz bleiben?
Ich habe noch einen Vertrag bei Besiktas Istanbul bis 2011. Es  liegt nicht nur an mir, Besiktas muss auch zustimmen. Aber ich würde gerne bleiben, warum nicht? Ich finde es schön hier und hoffe, dass sich die Vereine einig werden.

Im November 2009 hast du dein Debüt für Kroatien beim Spiel gegen Liechtenstein gegeben. Wie siehst du eine Zukunft im kroatischen Nationalteam?
Ich hoffe natürlich auf weitere Einsätze für Kroatien. Es war ein tolles Gefühl für das Nationalteam zu spielen. Im Team sind sehr gute Spieler, die allesamt in guten Ligen engagiert sind. Wenn ich Leistung bringe, werde ich meine Chancen bekommen, davon bin ich überzeugt.

Das Interview führte Jakob Dohr

Sturm12.at
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