12 Meter: Ungesunde Nähe

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Sportlich setzt Sturm die Positiv-Serie im Frühjahr fort. Drittes Spiel, dritter Sieg. Diesmal ein klarer Erfolg gegen Mattersburg, der ungefähr so aussagekräftig ist wie alles andere bisher in diesem Frühling. Die wirklichen Aufgaben kommen erst auf die Schwarz-Weißen zu.
Zum Sportlichen gibt es also im Moment wenig gehaltvolles zu sagen, deshalb werden wir in der Tradition der Vorwoche wieder ein Umfeld-Thema behandeln. Heute ein sehr österreichisches Phänomen: Das merkwürdige Naheverhältnis zwischen Journalisten und denen, die sie mitunter auch kritisch beurteilen sollten. Auch in den Katakomben des Liebenauer Stadions immer wieder zu beobachten…
Eine relevante Bemerkung doch zum Spiel am Samstag: In der ersten Hälfte war der SVM einige Male über rechts mit Dominik Doleschal gefährlich vor dem Grazer Tor. Christian Klem schien hier einigermaßen überfordert und auf seiner linken Abwehrseite brannte es ordentlich. Franco Foda reagierte zur Pause, brachte Christian Prawda und der löschte den Brand. Schön zu sehen, dass es mittlerweile möglich ist, mit Alternativen von der Bank auf Mängel zu reagieren. In dieselbe Kategorie fällt die Sperre von Daniel Beichler und seinen Ersatz von Beginn an, Roman Kienast. Er spielte eine starke Partie, erzielte ein Tor und war mehr als nur ein Ersatzmann. Soviel sei den Maulern über diese beiden Verpflichtungen ins Stammbuch geschrieben…
Zum Thema der Überschrift dieses 12 Meters: Betritt man den Pressebereich im Stadion Liebenau, spielt sich vor einem Spiel nicht selten ein solche, oder zumindest so ähnliche, Szene ab: An einem der Tische sitzt Präsident Rinner, gemeinsam mit Journalisten der größeren Medien im Umfeld des SK Sturm. Also jenen Medien aus Print, Radio und Fernsehen, die es wirklich in der Hand haben breitenwirksam Einfluss durch ihre Berichterstattung zu nehmen. Lauscht man ein wenig den Gesprächen, stellt man fest: Es handelt sich dabei keineswegs um eine Interviewsituation oder eine andere journalistisch verwertbare Tätigkeit.
Da wird Schmäh geführt, viel gelacht und dann klopft man sich auf die Schulter und geht sich das Spiel anschauen. Nicht dass Menschen nicht lustig sein sollen, auch ist es ja sehr schön wenn sie sich gegenseitig sehr lieb haben und gerne nebeneinander sitzen wollen. Auch gehört das informelle Gespräch natürlich zum Geschäft des Journalismus. Ein informelles Gespräch, das eine relevante Information von A nach B transportiert, kann aber schwer in einer Gruppentisch-Situation stattfinden. Das Problem an der Sache ist, dass da auf der einen Seite die Journalisten sind, die bei Bedarf die Rolle des Kritikers gegenüber der anderen Seite, dem Funktionär und Verantwortlichen im Verein, einnehmen müss(t)en.
Nun ist es aber in der (österreichischen) Praxis so: Der Vereinsverantwortliche sucht die Nähe der Journalisten, zumindest jener die er für relevant genug hält, weil er ja ein logisches Interesse an freundlicher Berichterstattung hat. Soweit so logisch. Die Journalisten suchen die Nähe des Vereinsverantwortlichen, um gut informiert zu sein und die neuesten Entwicklungen mitzubekommen. Genauso weit, genauso logisch. Bei der ungesunden Nähe, die es in Österreich, auch bedingt durch die extrem kleine und wenig vielfältige Medienlandschaft, gibt, dreht sich die Spirale dann aber weiter. Man tut sich gegenseitig nicht weh, weil dann alle ein gutes Leben haben. Die Fans und Medienkonsumenten fressen eh alles was man ihnen vorlegt, sie kennen es ja nicht anders.
Würde man eine kritische Distanz einnehmen, wäre der Präsident möglicherweise das nächste Mal böse und es wäre vor dem Spiel gar nicht mehr so lustig und man müsste sich alleine mit Würstel und Bier an den Tisch setzen oder, oh Schreck, sich gar mit inhaltlichem befassen. Deswegen kritisieren wir lieber nicht, hinterfragen schon gar nicht und verlassen nur im Ausnahmefall das warme Nest. Resultat der ganzen Sache ist dann, dass die am besten informierten Journalisten Woche für Woche, weil sie sich an die Vereinsverantwortlichen schmiegen, die inhaltsleersten, langweiligsten und unkritischsten Phrasendreschereien abliefern. Und da fast alle Journalisten der einigermaßen relevanten Medien die ungesunde Nähe praktizieren, gilt das für fast die gesamte Medienlandschaft. Zu überprüfen: beim Fernsehen, Zeitung lesen und Radio hören.
Um einen kritischen, inhaltlich relevanten Journalismus abzuliefern, bedarf es einer gewissen Distanz. Das heißt nicht, dass man Blitze abfeuern muss wenn der Präsident, der Trainer oder Manager bei der Tür hereinkommt. Es gilt aber ein übertriebenes Naheverhältnis zu vermeiden, das eine kritische Beurteilung des Gegenübers unmöglich macht. Das findet in der Praxis des österreichischen Sportjournalismus aber einfach so gut wie gar nicht statt. Wieso auch, wäre ja unbequem, man müsste mehr arbeiten und man müsste sich wirklich mit der Materie auseinandersetzen – also lieber nicht…
P.S.: Diese Geschichte ist natürlich kein Sturm-Spezifikum. Das gilt für jeden anderen Verein ganz genau gleich. Und auch, noch viel stärker, für andere Bereiche des Sports, Stichwort: ÖSV-ORF-Krone…
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Spielerprofil
Geboren 1978 im Spannungsfeld von DSV Alpine und KSV in Bruck an der Mur. Mit den ortsansässigen Fußballvereinen allerdings nichts anzufangen gewusst und bald nach Graz gestürmt. Dort den Fußballklub des Herzens entdeckt und, obwohl die Farbe der Liebe rot ist, war der Verein doch der Schwarze. Nach dem Ausscheiden im Finale des AHS-Cups fünf Jahre als CAD-Techniker Beton angerührt. 2005 wieder in die Offensive gegangen, gereift und aus politischen Gründen einen Vertrag bei Uni Wien unterschrieben. Seither Exil-Schwarzweißer, dafür momentan auf einem UEFA-Cup-Platz in der Uni-Liga, der Meistertitel in greifbarer Nähe. Auch als Rasenpfleger vermehrt aktiv und seit Frühjahr 2008 Redakteur beim Fußballmagazin Null Acht. An dieser Stelle schließlich kehrt die Seele heim und man lässt ihn einmal wöchentlich nur über die in Graz zurückgelassene Liebe schreiben.
Kommentare ( 8 )
Funaki am 24. Februar 2010 um 15:51Leider sehr wahr.
Wobei ich ja mit der Zeit das Gefühl bekomme, dass es sich allromanmählich verbessert.
ZB wenns um den Herrn Constantini geht. Wobei’s da auch nur etwas objektiver gehn dürft, weil sich der’s auch schon ganz schön mit den Journalisten verscherzt hat…
flachzange1987 am 24. Februar 2010 um 16:13Interessante Einblicke, die du uns da gewährst.
Könnte es vl sein, dass es hier einfach an sportl. Konkurrenz mangelt??
Kann mich noch an div. Artikel in der Kleinen, Krone usw. erinnern, wo doch (soweit ich das jetzt beurteilen kann o_O) auch kritisch hinterfragt wurde, wenns bei Sturm nicht lief und bei den Roten schon und natürlich umgekehrt.Was mich interessiert ist dann aber, wenn alles so freundschaftl. ist und alles so wunderschön und der Informationsfluss nur so rinnt wie das Puntigamer, wie dann solche Falschmeldungen a la Mura zu Stande kommen (hat ja geheißen er sitzt wegen disziplinaren Dingen auf der Tribühne).
Zusammenfassend ist doch zu meinen, dass es vl doch besser ist, man hat eine Wirtshausstimmung als so eine Verhältnis wie van Gaal oder Mourinho zu der Presse. Oder etwa nicht?
12ter Mann am 24. Februar 2010 um 17:51Ich hab da mal eine Frage zu dem ganzen Thema “was passiert rund um die Mannschaft bei Funktionären und im Vorstand eigentlich?”:
Wissen die Rapid-Fans bis ins kleinste Detail, was Vorstand und Funktionäre machen? Wissen es die Salzburg-Fans? Haben die Fans von Bayern München, Manchester United oder Real Madrid Einblick in solche Sachen????
Ich bin ein riesengroßer Sturm-Fan und mir liegt der Klub sehr am Herzen. Aber mir als Fan reicht es, wenn ich weiß, wie es um die Mannschaft steht! wenn ich weiß, dass eine gute Stimmung herrscht, im Training gut gearbeitet wird und wir gut spielen. Ich finde nicht, dass die Fans jede Funktion eines jeden einzelnen Funktionärs wissen muss! So denk ich halt drüber, würd sehr gern wissen, wie des andere sehen.
12ter Mann am 24. Februar 2010 um 17:52Zum 12Meter: den find ich gut geschrieben und bin derselben Meinung. Durch ehrliche Kritik kann man viel mehr Verbessern als durch falsches Lob.
Yksi am 24. Februar 2010 um 21:32Sehr guter Kommentar, denn so läuft es nämlich wirklich ab. Traurig aber wahr. Ganz auffällig sind die Kommentare des Herrn Klimkeit in der “Kleinen”. Heuchlerischer geht’s kaum…
Philipp am 25. Februar 2010 um 02:23Auch hier gilt: meinst Du wirklich dass fuer jene die statt Prawda lieber eine “interne Loesung” gehabt haetten und jene, die den Hype um Lavric und die verpflichtung von Kienast nicht nachvollziehen konnten NUR der faktor Qualitaet ausschlaggebend war? So da- man jetzt selbstgerecht den “Maulern” ins “Stammbuch schreiben” darf, weil die drei – erwartbar! – gut kicken? In anderen Worten, glaubst Du ernsthaft dass es bei der Kritik damals darum ging, und geht, dass die 3 allesamt angeblich Spitzkicker und fuer eh nix gut waeren? Und dass wir Kritiker ernsthaft glauben, dass diese Nachwuchsleute auf Anstand besser sein wuerden als ein gstandenenr BuLi Spieler wie Prawda und ein ehemaliger Deutschland legionaer wie Lavric?
Wenn ja, dann hast Du vielleicht nie eine ernstzunehmende Kritik an diesen Transfers gelesen.
Ich stehe dazu, dass das Ziel eines “ausgeglichenen” Kaders mit zumindest 17, 18 “gstandenen” Spielern mittelfristig nur Schlechtes bedeuten kann. Und da kann mir Kreuzer einen Philipp Lahm oder einen Marcell Jansen kaufen! Erst wenn wir nach Abschluss des Fruehjahrs besser als 4. werden ueberdenke ich das Ganze noch mal, aber nicht einfach weil Prawda sich als der gstandene, solide verteidiger erweist der er auch bei Kaernten war und weil Lavric super trifft und ein zweifellos spitzenstuermer fuer oesterr. verhaeltnisse ist. Hier geht es um was ganz anderes als darum ob wir Mattersburg und Kaernten abschiessen. Das “ins Stammbuch schreiben” wuerde ich an Deiner Stelle noch einige Jahre nach hinten verschieben.
Baldurinho am 25. Februar 2010 um 09:18Im Prinzip eine schöne Geschichte, wobei es die Schulterklopfer alá Klimkeit oder Hinterleitner auch hier bei Sturm12 gibt, ist heutzutage glaube ich fast schon normal, egal ob auf der Nord oder im Businessklub oder im Büro. Was allerdings noch immer nicht ganz verstanden wurde, dass teilweise nicht die Qualität von zb Kienast kritisiert wurde, sondern das sportliche Überangebot und daraus resultierend BUDGETÜBERREIZUNGEN die eigentlich nicht notwendig wären. Ausreden wie die Sommerzeit werden ja leider nicht hinterfragt, denn bei Lavric hätte man von vorne herein eine Option ausverhandeln können. In den Kritikpunkten ging es wie schon bei Hassler nicht um die Spieler als Person sondern um die Transfers als Notwendigkeit (Budgetfrage, Qualität, Zielsetzung?). Wenn ich mir ansehe, wie bei uns ein zweiter Block gegen Maribor aussieht, ist ein dritter Platz als Ziel eigentlich niedrig angesetzt, verletzte Spieler nach wie vor ausgeklammert (Kienzl). Diesen Luxus gab es zuletzt vor 8 Jahren…
rio am 25. Februar 2010 um 12:34“Zum Sportlichen gibt es also im Moment wenig gehaltvolles zu sagen,….” sieht man einmal davon ab, dass die Bullen aus dem Cup geworfen und gegen Mattersburg & Kärnten 7 Tore erzielt wurden und gleichzeitig keines erhalten wurde. Jeder mag sich selbst sein Bild darüber machen, inwieweit es da journalistisch “Gehaltvoller” ist Stehtischblödlereien zum Grunde für den Verlust des Qualitäts(sport)journalsimus herbeizuschreiben. Ein ungezwungenes Miteinander scheint für beide Seiten befruchtender, als Interviewverbote und verkrampfter, besessener “Newsjournalismus”, so in der Richtung: Only bad news are good news!
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