12 Meter: Vom Finale und alten Männern

Die Chance auf Europa und den ersten Titel für die Blackies seit mehr als zehn Jahren lebt. Bei einer grundsoliden Leistung musste man sich in der Arena in Ried gestern am (viel zu frühen) Abend eigentlich nie Sorgen um den…

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Die Chance auf Europa und den ersten Titel für die Blackies seit mehr als zehn Jahren lebt. Bei einer grundsoliden Leistung musste man sich in der Arena in Ried gestern am (viel zu frühen) Abend eigentlich nie Sorgen um den Einzug ins Cup-Finale machen. An dieser Stelle wird nun am 16. Mai eine Völkerwanderung nach Klagenfurt erwartet, damit dort nicht immer nur die roten Sitzreihen zu sehen sind.

Zu sehen waren gestern auch zwei Spieler eher älteren Semesters, zu denen es auch ein-zwei Dinge zu sagen gibt, wenn auch mit unterschiedlichen Vorzeichen und Ausgangssituationen. Herwig Drechsel spielte gestern, obwohl keine Zukunft mehr in Ried, in der Startelf, Mario Haas kam erst in der Schlussphase ins Spiel. Ein paar Worte heute auch zu diesen beiden Akteuren.

Souverän. Das beschreibt die gestrige Leistung wohl am besten. Sturm wurde seiner Favoritenrolle gerecht und ließ keinen Zweifel aufkommen, welche Mannschaft eher ins Finale des Cup-Bewerbes gehört. Am 16. Mai geht es also in Klagenfurt gegen Wr. Neustadt, um der schon über ein Jahrzehnt andauernden Titelflaute in Graz ein Ende zu setzen. In einem Finale kann man nie von einem klaren Favoriten sprechen, nicht zuletzt weil die Niederösterreicher in der Rückrunde nicht schlecht in Schuss sind. Trotzdem muss dieser Pot nach Graz. Man hat hier den Anspruch, sich international zu qualifizieren, der Zug in der Meisterschaft ist abgefahren, dieser Cup-Sieg ist also Pflicht. Dieses eine Spiel wird entscheiden, ob das eine Saison zum Abhaken oder eine Saison mit einem Happy End am Grazer Hauptplatz gewesen sein wird.

Die Fans können ein Faktor sein in diesem Finale. Von Wr. Neustadt wird es eher keinen Auto-Konvoi Richtung Klagenfurt geben, aus Graz erwarte ich mir einen. Dieses Spiel kann zu einem absoluten Heimspiel für Sturm werden, es wird sich zeigen wie sehr das doch oft bequeme Grazer Publikum zu mobilisieren sein wird. Auch um diesem sonst so tristen Bewerb endlich einmal einen würdigen Rahmen zu geben. Und wenigstens das Finale sollte nicht zu einer Schande verkommen, wie das “Spiel des Jahrhunderts” (Copyright Matthias Dollinger) am Dienstag. Ein bisschen noch den Finger in die Wunde: Wenn Rapid in diesem Finale wäre, wäre das Stadion ausverkauft, trotz der zwei Stunden längeren Anreise.

Für Mario Haas könnte es im Mai der vierte Cup-Sieg seiner Karriere werden, der sechste (relevante) Titel mit den Schwarz-Weißen insgesamt. Herwig Drechsel wird in seiner Karriere keinen zweiten nationalen Titel nach seinem Pokalerfolg 1998 mehr gewinnen, soviel steht fest. Drechsel, er wird im September 37, wurde bei Ried ausgemustert und bekommt keinen neuen Vertrag für die nächste Saison. Nun kann man darüber streiten, ob man für so einen verdienten Spieler den Abgang nicht ein wenig würdevoller gestalten hätte können. Aber auch Drechsel selbst hat viel dazu beigetragen, seine Würde weggeworfen und einen auf beleidigte Leberwurst gemacht.

Fakt ist, Drechsel hat seit einiger Zeit kein Bundesliganiveau mehr, schleppt beständig einige Kilo zu viel mit sich herum und hat das Spiel der SV Ried des öfteren schon eher verlangsamt denn belebt. Seine technischen Fähigkeiten und seine Gefährlichkeit bei Standards sind unbestritten, irgendwann genügt das alleine aber nicht mehr. Mich hat eher gewundert, dass Paul Gludovatz ihn so lange noch in der Startelf mitgeschleppt und ihn nicht schon früher auf die Bank gesetzt hat. Hatte wahrscheinlich auch mit dem Standing des Wiggerl Drechsel im Innviertel zu tun. Jedenfalls kann der Drechsel beleidigt sein wie er will, er hat es verabsäumt sich selbst richtig einzuschätzen und sich so, zumindest vorerst, auch einen Verbleib bei Ried in anderer Funktion verbaut.

Bei Mario Haas ist das ein wenig anders, die Situation birgt aber auch eine gewisse Gefahr in sich. Haas, er wird im September 36, kann sicher noch höheres Niveau spielen als ein Drechsel. Allein schon wegen seiner Schnelligkeit und viel besseren Fitness. Außerdem hat Haas in seiner Karriere doch ein wenig mehr zuwege gebracht, als jahrzehntelang Star einer Provinzmannschaft zu sein. Und trotzdem war er einer der ersten, der den Umgang von Ried mit Drechsel öffentlich kritisiert hat. Nachvollziehbarer Weise ist er auch nicht erfreut, dass er nach seiner langen Verletzungspause seinen Stammplatz verloren hat und im Moment nur noch eine Jokerrolle spielt.

Aber es ist nun einmal so, dass der Zahn der Zeit an uns allen nagt und auch ein Mario Haas nicht ewig aktiv Fußball spielen wird können. Ich wünsche mir, angesichts der Drechsel-Geschichte, bei Sturm und Haas eine bessere Lösung. Der Verein, sollte er mit Haas nicht mehr als Spieler planen, könnte sich frühzeitig mit ihm zusammensetzen und man könnte über Alternativen diskutieren. Jedenfalls sollte man nicht einen der verdientesten Spieler der Klubgeschichte ganz verlieren und ihn in irgendeiner Form im Verein behalten. Der Spieler, so hart das ist, muss allerdings auch erkennen, wann die Zeit gekommen ist in Würde abzutreten. Vielleicht am 16. Mai, Grazer Hauptplatz, mit dem Pokal in der Hand?

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Spielerprofil
Geboren 1978 im Spannungsfeld von DSV Alpine und KSV in Bruck an der Mur. Mit den ortsansässigen Fußballvereinen allerdings nichts anzufangen gewusst und bald nach Graz gestürmt. Dort den Fußballklub des Herzens entdeckt und, obwohl die Farbe der Liebe rot ist, war der Verein doch der Schwarze. Nach dem Ausscheiden im Finale des AHS-Cups fünf Jahre als CAD-Techniker Beton angerührt. 2005 wieder in die Offensive gegangen, gereift und aus politischen Gründen einen Vertrag bei Uni Wien unterschrieben. Seither Exil-Schwarzweißer aber an dieser Stelle schließlich kehrt die Seele heim und man lässt ihn einmal wöchentlich nur über die in Graz zurückgelassene Liebe schreiben.