Mario Haas: “Es gibt halt keinen Herrn Haas”

Kult hat bei Sturm Graz einen Namen: Mario Haas. Oder schlicht und einfach: der Mario. Was ihn daran stört, erzählt der Stürmer – neben vielen anderen Themen – im Gespräch mit Sturm12.at.

© 2010 Sturm12.at (Wolfi Krenn)

© 2010 Sturm12.at (Wolfi Krenn)

Einmal lebendige Sturm-Geschichte erleben? Ein Gespräch mit Mario Haas würde sich dafür anbieten. Seit mittlerweile 36 Jahren fließt schwarz-weißes Blut durch die Adern des gebürtigen Grazers. Er war Meister und Cupsieger mit Sturm, hat mittlerweile über 400 Bundesligaspiele für die Schwarz-Weißen gespielt und an die 140 Mal das runde Leder im Eckigen versenkt.

Im Gespräch mit Sturm12.at erzählt der “Bomber”, warum er Sturm gerade in der schwierigsten Zeit der letzten 10 Jahre verlassen hat und für so ziemlich alle Steirer bloß “der Mario” ist. Außerdem: Die Unterschiede zwischen den Trainern Ivan Osim und Franco Foda. Schlussendlich durfte eine Frage natürlich auch nicht fehlen: Mario, wie sieht’s denn im nächsten Jahr aus?

Wie würdest du Kult definieren?
Das ist schwierig zu erklären. Aber wenn ich kurz nachdenke: Maradona ist Kult.

In Graz bist du Kult.
Ja, und ich bin wirklich stolz drauf. Ich glaub die Leute sehen einfach, dass ich Sturm Graz bin. Ich lebe diesen Verein. Aber trotzdem kann man so einen Status nicht von heute auf morgen erreichen, man muss ihn erarbeiten. Die Sturm-Fans haben meine Art und Weise der Arbeit akzeptiert.

Früher war das nicht immer so. Sehr lange hat man dich belächelt, die Lichtgestalt hieß Ivica Vastic.
Ich hab das nie so wahrgenommen. Natürlich hat Ivo super gekickt, hat entscheidende Tore für Sturm erzielt. Aber ich war auch nicht schlecht und bei den internen Torschützenlisten sogar oft vor ihm. Das zeugt von Qualität. Natürlich hat man den Ivo hervorgehoben. Aber dafür haben die anderen Spieler mehr Ruhe gehabt. Das war auch nicht schlecht.

Die wichtigen Tore waren wohl der eine Grund für die Beliebtheit eines Ivo Vastic, seine Genialität der andere. Du bist der schnelle, zielstrebige Spielertyp. Wärst du manchmal gerne ein anderer Typ Fußballer gewesen?
Nein, überhaupt nicht. Ich hab aus meinen Möglichkeiten das Beste herausgeholt. Und um das geht’s im Fußball schlussendlich. Ich war einfach nie ein Reinmayr, und auch nie ein Vastic. Punkt. Der Reini war übrigens noch ein besserer Techniker als der Ivo. Ich hab meine Qualitäten und hab diese durch harte Arbeit noch verbessert. Meine Fähigkeiten haben ideal zu jenen von Ivo und Reini gepasst. So entstand das magische Dreieck.

Das sich persönlich wie gut verstanden hat?
Eines vorweg: Wir waren nur magisch, weil viele andere die Drecksarbeit für uns gemacht haben. Markus Schupp, Roman Mählich – das waren enorm wichtige Spieler. Und zum Verstehen: Ja, das war eine Einheit. Wir haben Weihnachten gemeinsam gefeiert, waren zusammen Schifahren und haben uns zu Silvester wieder getroffen. Wir haben alles über den jeweils anderen gewusst, auch private Dinge. Oft kritisiert man einen Mitspieler, ohne eigentlich zu wissen, welche privaten Probleme er hat. Das kann unfair sein.

Du bist schon in jungen Jahren im medialen Rampenlicht gestanden. Inwiefern hat dich das geprägt?
Als Junger steht man auf sowas. Da freut man sich, wenn man groß in der Zeitung steht und überall erkannt wird. Da spielt man dann oft den Lässigen, den Coolen, obwohl man in Wirklichkeit nur die eigene Unsicherheit damit überspielen will. Später aber wird das alles lästig. Man hat kein Privatleben mehr. Überall, wo ich heute hinkomme bin ich der Mario. Einen Herrn Haas gibt es nicht. Obwohl es doch eigentlich normal wäre, oder? Wenn man vorher noch nie mit mit jemandem gesprochen hat, dann nennt man ihn doch nicht einfach beim Vornamen.

Viele Menschen beschäftigen sich tagtäglich mit dir, glauben dich besser zu kennen als deine wirklichen Freunde.
Ich weiß. Dieses “Mario” wird ja auch vom Stadion einfach ins Private übernommen. Unbewusst wahrscheinlich.

Stören dich fertige Mario-Haas-Bilder im Kopf der Fans. Bilder, die durch Interviewsequenzen oder kürzeste Begegnungen entstanden sind?
Nein. Wie soll das anders klappen? Es kann nicht jeder den Menschen Mario Haas kennen. Ich steh in der Öffentlichkeit und muss mit diesen Vorurteilen leben – mit positiven und mit negativen. Mittlerweile empfind ich dieses Verhalten der Fans gar nicht mehr als Respektlosigkeit. Die Fans kennen nur den Mario. Oder eigentlich ihr Bild vom Mario. Das passt schon so.

Auch die Journalisten haben naturgemäß ihr eigenes Bild vom Mario. Wie hart darf das kritisiert werden?
Es gibt keinen Schlussstrich. Wenn die Zeitungen schreiben, du bist schlecht dann bist du schlecht.

Und ohne Ironie?
Es gibt natürlich Kritiken, die einen nerven. Wenn ich 90 Minuten die Aufgaben vom Trainer perfekt umsetze, ein starkes, aber unauffälliges Spiel mache, dann will ich am nächsten Tag auch nicht lesen, dass ich schlecht gespielt habe. Dafür gibt es auch die umgedrehte Situation: Da spiel ich 90 Minuten einen Schmarren, schieß dann das 1:0 und werde am nächsten Tag hochgejubelt. Dann denke ich mir auch meinen Teil. Aber so etwas sagen oder schreiben halt leider oft Leute, die ihr ganzes Leben lang noch nie eine kurze Hose angehabt haben.

© 2010 Sturm12.at (Wolfi Krenn)

© 2010 Sturm12.at (Wolfi Krenn)

Du hast zweimal im Ausland gespielt. Warum ist es in Japan sportlich besser gelaufen als in Frankreich?
Straßbourg war seltsam. Wir waren eine Multi-Kulti-Truppe. Die ersten sechs, sieben Spiele ist es nicht schlecht gelaufen. Aber dann wollte der Verein auf einmal noch ein paar Spieler dazuholen. Das führte dazu, dass kaum wer einen Stammplatz hatte. Und als Stürmer brauchst du gerade am Anfang der Saison einen Platz und die damit verbundenen Tore. Eigentlich bin ich dort auch daran gescheitert, dass ich nie meine wirklichen Qualitäten ausspielen konnte. Die dachten ich sei ein Dauerläufer mit wahnsinniger Kondition. Ich bin aber eindeutig der Sprintertyp. In Dubai hab ich später dann noch einmal den Manager von Straßbourg getroffen. Und der hat zu mir gesagt: “Mario, das Problem warst nicht du. Das Problem war Straßbourg.”

Nach deinem Straßbourg-Abenteuer bist du 2000 zu Sturm zurückgekehrt. Vier Jahre später hast du den Verein am Beginn einer sehr schweren Zeit wieder verlassen. Warum?
Ich hab dem Verein doch extra geholfen, indem ich nach Japan gegangen bin. Sie haben für mich Geld bekommen und ich bin von der Gehaltsliste runtergestrichen worden. Wenn Sturm nicht die finanziellen Probleme gehabt hätte wäre ich sicher geblieben.

Wie ausschlaggebend war Ivan Osim für den Wechsel nach Ichihara?
Er war sehr wichtig. Ivan Osim war für mich wie ein zweiter Vater. Er hat mich in allen Lebenslagen unterstützt. In Japan hat er mich gerade in der Anfangszeit öfters zu sich eingeladen. Am Abend, zum Essen. Der Herr Osim ist ja ein sensationeller Koch. Er hat mich am Vormittag im Training geschunden, und am Abend haben wir uns beim Essen über ganz andere Dinge unterhalten. Er trennt das Sportliche vom Privaten wie kein anderer. Der Wechsel nach Japan war für mich trotzdem ein brutaler Schritt. Vor allem am Beginn war es sehr schwierig. Ich bin aber jemand, der offen auf andere zugeht und ich hab’s schon nach einem Jahr geschafft, eine Art Touristenführer für die Neuerwerbungen bei JEF zu spielen.

Der Touristenführer, der angeblich die Welle nach Japan brachte.
Das war lustig. Immer wenn wir gewonnen haben mussten wir zu den Fans laufen und einen Purzelbaum machen. Ich hab gedacht ich bin im falschen Film. Einen Purzelbaum nach dem Spiel und das wenn ich sowieso schon müde bin?Dann hab ich ihnen halt gezeigt, wie die Welle funktioniert. Die Zuseher waren begeistert und wollten beim nächsten Mal wieder die Welle von “Hase” sehen. Wenn ich jetzt so zurückdenke. Es waren zwei schöne Jahre. Zwei Cupsiege, zudem im ersten Jahr beinahe der Meistertitel.

Ivan Osim hat dich 10 Jahre trainiert. Jetzt steht Franco Foda an vorderster Front. Wodurch unterscheiden sich die beiden Trainer?
Die Zeiten haben sich natürlich verändert. Frenkie setzt sehr stark auf Disziplin und Ordnung, Osim hat stärker auf Kreativität gesetzt. Nicht nur die Stürmer sollten bei ihm Tore schießen, sondern auch die Mittelfeldspieler. Franco hat sich von all seinen Trainern ein bisschen was abgeschaut und daraus seine eigene Linie entwickelt. Und diese Linie spielen wir jetzt. Das ist im Moment kein schöner Fußball. Aber wir sind auf einem guten Weg, wieder schön zu spielen.

Wirst du diesen Weg auch im nächsten Jahr noch aktiv mitgehen?
Ich weiß es wirklich nicht. Ich bin fit, aber lassen wir uns überraschen.

Du hast in einem anderen Interview angedeutet, in Zukunft eine Art Sponsoringbetreuer bei Sturm werden zu wollen.
Sponsoren gehören betreut, gerade auf persönlicher Ebene. Und ich glaub, dass die Sturm-Sponsoren sehr viel über den Verein wissen wollen. Die wollen mit Leuten sprechen, die wissen was Sturm ist. Da wäre ich doch ein idealer Ansprechpartner.

Wo wird Sturm heuer am Ende der Saison stehen?
Wir brauchen einen Platz, der uns nächste Saison international spielen lässt. Und wenn’s nicht klappt geht die Welt auch nicht unter. Dann versuchen wir es im nächsten Jahr wieder. Die Fans werden wieder da sein und uns wieder unterstützen.

Warum bist du dir da so sicher?
Weil’s Sturm ist.

Das Interview führte Markus Zottler

Wolfi Krenn hat für Sturm12.at fotografiert. Noch mehr Fotos gibt es auf unserem Flickr-Account.

© 2010 Sturm12.at (Wolfi Krenn)

© 2010 Sturm12.at (Wolfi Krenn)

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Kommentare

Mario Haas – du bist Kult!
@sturm12
gönnt euch doch mal ne pause des kann ja ned wahr sein. uns fans so zu verwöhnen! DANKE!

“Immer wenn wir gewonnen haben mussten wir zu den Fans laufen und einen Purzelbaum machen. Ich hab gedacht ich bin im falschen Film. Einen Purzelbaum nach dem Spiel und das wenn ich sowieso schon müde bin?”
^^

Wahnsinns Interview, liebe Kollegen!

hans henny jahnn says:

herr haas, allez, allez, allez.

flachzange1987 says:

Herr Hass, allez, alle, allez ;)
-
Nicht nur, weil’s Sturm, sondern auch weil ER Sturm Graz ist.

Bin auch dafür..beim nächsten Heimspiel, rein Gaudehalber mal “Herr Haas” zu rufen :)

one_punch_mickey says:

… dann will ich aber einen Purzelbaum sehen!

SchwarzerRabe says:

Mario bitte noch eine Saison anhängen!

Na wenn dann richtig: “Sir Mario Haas” :) schönes intervie!

intoXicated says:

danke sturm12!! <3
was besseres für sturm als diese seite wär wohl nicht möglich!

und bitte herr haas, bitte, bitte häng noch das eine oder andere jahr dran!

und wenn's "nur" die jokerrolle ist. was er in einer schlussphase für einen schwung (am platz und auf den tribünen!) bringt ist einfach unglaublich! alleine schon deshalb ist er so wichtig!

super interview! :D
hat spaß gemacht das zu lesen^^

archaeopterix says:

Herr MARIO Haas ist ein goalgetter par excellance wie es ihn heute nicht mehr gibt ….. Danke !

unglaubliches interview aus zwei gründen:

1) hätt nie gedacht, dass es in der steiermark mal ein medium geben wird, dass solche sportinterviews macht.
2) hätt ebenso wenig gedacht, dass der herr haas derart pointiert zu werke geht, wenn er die richtigen fragen kriegt.

insofern: respekt an beide!

Christoph says:

Super Interview, vielen Dank! Haas ist die Sturm-Kultfigur schlechthin. Man wird immer ein bisschen nostalgisch und liebt Sturm gleich noch ein kleines Stück mehr, wenn man ihn sieht :) Sofern er es körperlich packt, spricht eigentlich nichts dagegen, wenn er auch 2011/12 dranhängt. Großverdiener ist er keiner mehr, da es ihm ja nicht ums Geld geht und für 1 HZ ist er immer noch eine Waffe – ganz zu schweigen davon, was sich auf den Tribünen abspielt, wenn er eingewechselt wird. :D

Endlich bekomme ich aus wirklich profundem Munde bestätigt wofür ich, wenn ich es behaupte, nur milde angelächelt werden, nämlich, dass der Reinmayr der bessere Techniker als Vastic war und wenn nicht überhaupt der beste, der je bei Sturm gekickt hat – danke Mario!

@leoman
ähm, toll. und was kannst du dir davon jetz kaufen!?

Genau so is’es – weil’s Sturm is’! Danke Herr Haas! Danke Herr Zottler! Danke Sturm12.at!
Wo sitzt Ihr denn da zum Interview?

Temperenz says:

Großartiges Interview! Ein weiteres Jahr anhängen Herr Haas!

Ein großartiges, sehr authentisches Interview, mit wohl das Beste, das ich gelesen habe.
Gratulation an Herrn Zotter und Herrn Haas. ;)
Mario Haas, man kann denken und reden über ihn wie man will, aber er ist ein Typ, der wohl niemanden kalt lässt und den der Fußball braucht und aktuell verkörpert wohl niemand annähernd den SK Sturm so wie er.

sturm12 <3
Herr Haas <3

Ein Interview mit dem Herr MARIO HAAS.
Herrlich zu lesen. Hoffentlich hängt er noch eine Saison an.
-
Wenn er beim Heimspiel gegen Ried spielt ( wenn auch als Joker) dann soll er nach dem Spiel einen Purzelbaum machen. Auch wenn er kein Tor macht.
-
MARIO HAAS = FUSSBALLGOTT

12ter Mann says:

Mario Haas = eine lebende Legende.

Traum-Interview, Burschen!
Die Fotos sind auch super! :)

flachzange1987 says:

Sind da eigentlich keine Kämpfe in der Redaktion ausgebrauchen, als es hieß es geht um ein Interview mit dem Herrn Haas? :D

Bravo Herr Haas, bitte denke noch nicht an dein Karriereende ! :)

saurons_mouth says:

Haha auf den Purzelbaum freu ich mich schon!!!;)
wer weiß-vl wird’s noch was min NT;)

Super Interview. Ich hoffe Mario Hass spielt noch ganz lange für Sturm. Eine Sache die mir allerdings zur Zeit Sorgen macht, was ist dran am Gerücht das Stronach einsteigen will, gibt es dazu vom Vorstand schon eine Stellungnahme?

jorge diaz says:

freu mich schon auf den fangesang:

HERR HAAS, FUSSBALLGOTT
oder
ES GIBT NUR EINEN HERR HAAS, EINEN HERR HAAAAAS
oder
und jetzt Applaus für unseren Toschützen “HERR HAAAAS”
oder
“HERR HAAS, ALLEZ ALLEZ ALLEZ ALLEZ…..”

nach herrlicher Vorarbeit von Mario Kienzl und Andi Hölzl applaudieren die im Publikum anwesenden Pepi Schicklgruber, Granaten Fredl Murlasits und Liebenau Toni Haas dem Torschützen Herrn Haas zu

Hagara_01 says:

er is und bleibt der einzige und wahre MARIO HAAS …
so wie gerrard bei liverpool nur besser ^^

Wenn er als JOker ins Spiel kommt werde ich HAAS sagen.
Oder vielleicht doch Herr Haas
-
Torschütze zum 3:0: Unsere Kapitän, mit der Rückennummer 7: MARIO ( HERR ) HAAS

Mario Haas Fußballgott, er wird immer Sturm sein und ich hoffe auf mindestens 1 – 2 weitere Jahre am Feld,
weil ganz ehrlich er sorgt mit seiner Schnelligkeit (und seinem mit dem Alter gewonnen Auge für den Mitspieler) noch immer für mächtig Dampf!
Danke sturm12 für das Interview!!!
Und für mich werden Herr Haas und Herr Puyol (und zwar in dieser Reihenfolge) so lange sie aktiv sind, die besten und symphatischten Kicker der Welt bleiben!!!

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