Platz 3: GAK gegen Sturm – Nervenschlacht par excellence

Es war die 35. Runde in der Meisterschaft 1998/1999. Robert Seegers Stimme überschlägt sich gerade zum wiederholten Male. “Joy, Joy, Joy – was für ein Saisonfinale”, stammelt er ins Mikrofon. Und: “Dieses Spiel ist nichts für schwache Nerven.” War es…

© der Plankenauer
© der Plankenauer

Es war die 35. Runde in der Meisterschaft 1998/1999. Robert Seegers Stimme überschlägt sich gerade zum wiederholten Male. “Joy, Joy, Joy – was für ein Saisonfinale”, stammelt er ins Mikrofon. Und: “Dieses Spiel ist nichts für schwache Nerven.” War es in der Tat nicht. Wäre es bereits die 36. Runde gewesen, es hätte wohl einige Tote gegeben. So durfte Sturm Graz die Tiroler zu Hause mit 3:0 besiegen und war ohne Probleme Meister. Der Grundstein dafür wurde in der 35. Runde jedoch gelegt.

Titeldreikampf
Die Ausgangssituation hätte spannender kaum sein können. Sturm Graz war Tabellenführer, spielte gegen den roten Stadtrivalen, der ebenfalls noch theoretische Chancen auf den Meistertitel hatte. Zeitgleich empfing Rapid, einen Punkt hinter den Grazern, in Wien die SV Ried. Die Rieder hatten damals mit Heinz Hochhauser einen neuen Trainer und unter seiner sportlichen Verantwortung noch kein Tor bekommen. Für die Rapidler also alles andere als eine leichte Aufgabe. Aber auch der GAK war in glänzender Form. Und ließ das die Blackys zu Hause im nahezu ausverkauften Stadion Liebenau auch kräftig spüren.

Sturm Graz, wenige Tage zuvor im Cupfinale gegen den LASK erst nach 120 Minuten und zusätzlichem Elfmeterschießen erfolgreich, fehlte die Spritzigkeit. Der GAK war die dominierende Mannschaft. Andreas Lipa prüfte bereits in der Anfangsphase den Sturm-Schlussmann Sidorzuk. Die Offensivbemühungen der Sturm-Spieler beschränkten sich auf weite Bälle auf den pfeilschnellen Mario Haas. Durchaus gefährlich – manchmal: Der junge Stürmer, der eine Runde später weinend ausgewechselt werden sollte, spielt gegen Ende der ersten Halbzeit einen Querpass auf Ivica Vastic. Der wird durch ein Foul im Strafraum gestoppt. Der Pfiff bleibt aus. Ärgerlich.

Und doppelt ärgerlich, dass Vastic seinem Ärger bei Schiedsrichter Manfred Schüttengruber Luft machen muss. Die gelbe Karte in der Halbzeitpause – und eine mit Folgen: Der Kapitän ist im finalen Match gegen Tirol gesperrt. Trainer Ivan Osim ist empört. Vastic hat allen Grund sich zu entschuldigen. Das tut er auch. In der 52. Minute blickt Hannes Reinmayr bei einem ruhenden Ball auf, sieht Vastic – 1:0. Zeitgleich steht es in Wien noch 0:0. Rapid ist die bessere Mannschaft, aber die Rieder Defensive hält. Sturm wäre bereits eine Runde vor Schluss Meister. Aber erstens kommt alles anders. Und zweitens als man denkt. Wirklich.

Osims erster Wechsel
Kurz vor dem Führungstreffer von Kapitän Vastic wechselte Sturm zum ersten Mal. An der Seitenlinie wartete die Nummer 12, Gilbert Prilasnig. Er kam für den angeschlagenen Darko Milanic ins Spiel. Und wäre beinahe zum tragischen Helden geworden.

80. Minute: In Wien steht es nach wie vor 0:0. Boban Dmitrovic tritt einen Eckball zur Mitte. Viel zu weit. Foda könnte den Ball im Strafraum stoppen. Doch Prilasnig schraubt sich vor ihm in die Höhe. Und klärt den Ball mit der Hand. Elfmeter. Keine Diskussion. Von menschlichem Versagen spricht Präsident Hannes Kartnig nach der Partie. “Ich hab so eine Aktion später einmal von Patrick Kluivert in einem Europacupfinale gesehen”, erzählt Prilasnig heute. “Da dachte ich mir: den Move kenne ich.”

Boban Dmitrovic selbst trifft den Elfmeter. Nicht sicher, der Ball rutsch Goalie Sidorczuk unter dem Körper durch. Aber das ist egal, 1:1. Noch kein Problem, in Wien steht es noch 0:0. Und plötzlich überschlägt sich eine Stimme. “Tor in Hütteldorf.” Am Tonfall von Peter Elstner ist klar, wer getroffen hat: Rapid Wien. In Person: Jürgen Saler, der junge Steirer in grün-weiß. Und plötzlich ist Rapid Tabellenführer.

Osims zweiter Wechsel
In der 83. Minute steht dann der kleine Belgier Jan-Pieter Martens an der Outlinie bereit. Mario Haas geht aus dem Spiel, der Offensivallrounder, der vorher und nachher für Sturm enorm wichtige Tore erzielt hat, kommt ins Spiel. Sturm wirft alles nach vorne. Ranko Popovic spielt Mittelstürmer. Die Bälle fliegen nur mehr hoch Richtung Strafraum. Allein: Es hilft nichts. Die Aktionen des GAK wirken kontrollierter. Sturm muss gewinnen, der GAK will.

Die 90. Minute verstreicht. Vier Minuten Überspielzeit werden angezeigt. In Wien gewinnt Rapid mit 1:0. Die Sturm-Fans sind bereits verstummt. “Hier regiert der GAK!” hallt durch das Liebenauer Oval. Wieder ein weiter Ball von Prilasnig, Lipa klärt.

Und dann ist plötzlich Jan-Pieter Martens am Ball. Er nimmt ihn mit Tempo mit, spielt einen Pass auf Markus Schupp. Der lupft den Ball mit dem Außenrist über die GAK-Verteidiger genau in der Loch im Strafraum. Martens nimmt den Ball volley im Fallen mit dem linken Außenrist – 2:1. Sieben Sekunden vor Schluss. Robert Seegers Stimme überschlägt sich gerade zum wiederholten Male. “Joy, Joy, Joy – was für ein Saisonfinale”, stammelt er ins Mikrofon. Und: “Dieses Spiel ist nichts für schwache Nerven.” War es in der Tat nicht.

Kommentar von Herbert Troger
Das Jahr nach dem ersten Meistertitel gilt allgemein als Jahr der Bewährung und schwierigstes Jahr. Verstärkt mit den WM-1998 Spielern Angibeaud und Minavand schafft die Osim-Truppe die Champions-League-Qualifikation und zahlt gegen Inter Mailand, Real Madrid und Spartak Moskau Lehrgeld. Verständlich, dass in der Meisterschaft einige Punkte liegen bleiben. Licht – etwa ein 5:0 gegen den GAK, ein 2:1 gegen Rapid – wechselt mit Schatten. Doch Sturm ist immer in Tuchfühlung mit Rapid, das unter Coach Heribert Weber, eine starke Saison spielt. Auf den Fersen klebt der GAK unter Trainer Klaus Augenthaler.

Im Mai 1999 spitzt sich die Situation zu: Im Cup steht Sturm nach einem 2:1 über den GAK durch Tore von Vastic (Elfmeter) und Martens bzw. Lipa und nach einem 5:0 über Ried wieder im Finale und kann am 18. Mai im Ernst Happel-Stadion im Elfmeterschießen gegen den LASK zum dritten Mal den ÖFB-Pokal holen. In der Meisterschaft scheint nach einer 1:2-Heimniederlage gegen Salzburg in Runde 32 alles verspielt zu sein. Doch ein 4:1 in Steyr und ein Heim-1:1 gegen Titelkonkurrent Rapid lassen die Chance auf eine Verteidigung des Titels leben. Sturm führt mit 67 Punkten vor Rapid mit 66.

Die Runde 35 am 22. Mai 1999 bleibt vergesslich. Das flaue Gefühl im Magen, das gewisse Kribbeln befällt einen schon Tage davor. GAK gegen Sturm, ein Muss-Sieg für Sturm, will man den Titel holen. Auch ein Muss-Sieg für den GAK, der ebenfalls noch Chancen hat. Denn der Heimsieg von Rapid gegen Ried scheint außer Frage zu stehen.

Die Osim-Truppe hat den Bonus des Pokalsieges, der Mut und Auftrieb in diesem Zitter-Derby vor ausverkauftem Haus gibt. Zur Halbzeit 0:0 in Graz bei leichten Vorteilen des GAK, sensationell auch 0:0 in Wien. Noch ist Sturm vorne. Nach dem Vastic-Führungstor in Minute 52 ein Erlösungsschrei aus unseren Kehlen, jetzt das 1:0 über die Runden bringen, dann wäre es (fast) geschafft. Doch dann das Fegefeuer: Der Kurzschluss von Gili Prilasnig – 1:1 durch Dmitrovic. Ein Unglück kommt selten allein: Kurz darauf die Meldung vom 1:0 Rapids durch Saler in Minute 88. Jetzt ist wohl Rapid Meister, tiefe Depression. Doch nicht für die Sturmkicker, die das nötige Selbstvertrauen und Glück des Tüchtigen haben: Sekunden vor dem Abpfiff trifft der sympathische, in Minute 83 für Haas eingetauschte Jan Pieter Martens zum 2:1. Unser Jubel kennt keine Grenzen, Jan Pieter, wir lieben dich.

Jetzt ist Sturm vorne – und lässt sich eine Woche danach den Pflichtsieg über den damals noch nicht gefestigten FC Tirol (3:0) nicht nehmen. Und das ohne Vastic, der nach einem Disput mit Schiri Schüttengruber beim Derby-Abgang die rote Karte sieht. Sturm ist wieder Meister, Sturm ist Doublegewinner, Sturm gewinnt auch den Supercup und Sturm qualifiziert sich neuerlich für die Champions-League. Einziger Verlust: Mario Haas zerreißt das magische Dreieck und verabschiedet sich unter Tränen nach Straßburg.

Spieldaten
GAK – Sturm Graz 1:2 (0:0)
Bundesliga – 35. Runde
Samstag, 22. Mai 1999 – Stadion Liebenau – 14.800 Zuschauer – SR: Schüttengruber

Tore
0:1 Vastic (52.)
1:1 Dmitrovic (80./Elfmeter)
1:2 Martens (93.)

Gelbe Karten
Kulovits (30./Foulspiel)
Vastic (45./Kritik)
Ramusch (63./Foulspiel)
Schopp (64./Foulspiel)
Radlspeck (77./Foulspiel)

Grazer AK
Almer – Lipa – Pötscher (83. Sick), Grimm, Hartmann – Ramusch, Ceh, Kulovits, Dmitrovic – Akwuegbu (63. Brenner), Radovic (63. Radlspeck)

Sturm Graz
Sidorcuk - Foda – Milanic (50. Prilasnig), Popovic – Schopp, Schupp, Reinmayr, Mählich, Neukirchner – Vastic, Haas (83. Martens)

Ein Rückblick von Clemens Ticar

Dieser Rückblick ist Teil der Sturm12.at-Serie “Sturm Graz – 12 legendäre Spiele”. Von 23.12. bis 03.01. wird täglich eine Partie vorgestellt. Gewählt wurden die zwölf Spiele von Sturm-Historiker Herbert Troger und dem Sturm12.at-Team.

Das Spiel gegen den GAK ’99 wurde auf Platz drei gewählt.

Sturm Graz – 12 legendäre Spiele
Platz 12: Austria ’48
Platz 11: Admira ’96
Platz 10: Rapid ’80
Platz 9: FavAC ’93
Platz 8: Hellas Verona ’83
Platz 7: Parma ’99
Platz 6: Austria ’98
Platz 5: Nottingham Forest ’84
Platz 4: GAK ’97
Platz 3: GAK ’99
Platz 2: Arsenal ’70