Oliver Kreuzer: “Es war kein faules Ei dabei”

Reden wir über Haris Bukva. Sie haben ihn im Mai 2009 in einem Sturm12.at-Interview als riesige Aktie bezeichnet. Wie sehen Sie das heute? Unverändert. Haris Bukva hat riesiges Potential. Er hat im ersten Jahr mit Jakob Jantscher starke Konkurrenz gehabt…

© 2011 Sturm12.at
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Reden wir über Haris Bukva. Sie haben ihn im Mai 2009 in einem Sturm12.at-Interview als riesige Aktie bezeichnet. Wie sehen Sie das heute?
Unverändert. Haris Bukva hat riesiges Potential. Er hat im ersten Jahr mit Jakob Jantscher starke Konkurrenz gehabt und war sehr unzufrieden. Schon damals wollte er sich ausleihen lassen. Ich habe ihm gesagt, dass er Ruhe bewahren soll, dass seine Zeit kommt, dass er weiter an sich arbeiten soll. Jetzt im zweiten Jahr hat er relativ oft gespielt, hat viele Tore gemacht, auch einige Assists. Haris war im Herbst für mich ein sehr wertvoller Spieler. Sein Wunsch, ausgeliehen zu werden, kam für uns deshalb eigentlich sehr überraschend.

Jetzt ist diese Aktie beim Abstiegskandidaten Nummer eins, dem LASK. Steigt dadurch der Wert?
Durchaus möglich. Ich gehe davon aus, dass er beim LASK regelmäßig spielt. Wenn er gut spielt, steigert sich sein Wert, das ist klar.

Hat der LASK eine Kaufoption?
Der LASK hat eine Option Haris zu erwerben. Ob er es dann tut, wird man sehen.

Haris Bukva hat nicht unbedingt den Ruf ein Kämpfer zu sein. Ist der Abstiegskampf das richtige für einen Spieler wie ihn?
Schwierig zu beantworten. Für mich ist Haris kein Spieler für den Abstiegskampf. Da sind dann die sogenannten Kämpfertugenden gefragt. Für mich, das habe ich Haris auch gesagt, ist es unverständlich, dass er jetzt nach Linz wechseln möchte. Wir sind hier nur seinem eigenen Wunsch nachgekommen. Noch einmal: Haris hat diese Saison einen Sprung nach vorne gemacht. Er hat sich in Graz mit guten Leistungen etabliert. Sturm ist für das Frühjahr außerdem in einer hervorragenden Ausgangsposition. Und gerade deswegen ist es für mich unverständlich, wie ein Spieler jetzt mit dem Wunsch kommen kann, sich zu einem Abstiegskandidaten ausleihen zu lassen.

Hat er seinen Entschluss Ihnen gegenüber begründet?
Er hat mir keine Gründe genannt. Er ist zu mir gekommen und hat gesagt, Herr Kreuzer, ich möchte das tun. Vielleicht weil die Familie aus Linz ist, vielleicht kennt er auch Georg Zellhofer gut. Keine Ahnung.

Hat er Angst gehabt bei Sturm nicht zu spielen?
Eventuell. Aber auch das habe ich ihm versucht zu erklären. Die Verpflichtung von Patrick Wolf heißt nicht automatisch, ein Haris Bukva sitzt auf der Bank. Außerdem hat er im Herbst fast immer gespielt – bis er sich verletzt hat.

Aber dort wo Bukva spielen kann, links oder rechts im Mittelfeld, ist der Kader schon sehr dicht besetzt.
Richtig. Aber er hat bis zu seiner Verletzung einen Stammplatz gehabt. Das zeigt doch, dass der Trainer ihm Vertrauen schenkt. Und: Mit Sturm hat er die Chance Titel zu holen. Wir liegen gut in der Meisterschaft und sind noch im Cup vertreten. Ich wiederhole mich, aber in so einer Position gehe ich doch nicht zum LASK.

Schon im Mai 2009 haben wir Sie erstmals mit der Frage konfrontiert, ob Sturm ein Führungsspieler fehlt. Und Sie haben uns damals Recht gegeben. Wie würden Sie diese Frage eineinhalb Jahre später beantworten?
Christian Gratzei ist für mich in der Zwischenzeit zum Führungsspieler geworden. Er wurde immer ein bisschen unterschätzt, auch vom Typ her. Aber aufgrund der zuletzt gezeigten Leistungen und der Einberufung ins Nationalteam, hat er menschlich einen Sprung nach vorne gemacht. Er ist eindeutig zu einer Persönlichkeit gereift, auch abseits des Platzes. Auch Gordon Schildenfeld als kroatischer Teamspieler sollte so eine Leader-Rolle einnehmen können. Ich habe mit ihm darüber auch gesprochen, dass wir das von ihm vermehrt erwarten.

Gibt es bei Schildenfeld vielleicht ein sprachliches Problem?
Nein. Die Sprachbarriere ist inzwischen nicht mehr da. Gordon spricht mittlerweile sehr gut Deutsch.

Was ist mit Samir Muratovic? Er ist kein potentieller Führungsspieler?
Klar, eigentlich wäre er der Typ, ein Führungsspieler zu sein. Als er noch regelmäßig gespielt hat, war er es auch definitiv. Aber als Leader definiere ich nicht nur einen, der am Platz steht und ruft und schreit. Ein Führungsspieler definiert sich in erster Linie über die Leistung. Diese Marktschreier, die am Platz keine Leistung zeigen, aber dafür laut sind und andere dirigieren, das sind keine Leithammel. Muratovic war Führungsspieler. Aber er hat in den letzten zwölf Monaten wenig gespielt. Damit ist natürlich dieser Status verloren gegangen.

Es ist bei Samir Muratovic also mittlerweile ein Leistungsproblem. Er kann die Führung am Platz nicht übernehmen, weil er nicht spielt?
Absolut. Zum Thema Muratovic wurde soviel geredet, geschrieben und in Kameras gesagt. Franco Foda stellt die Mannschaft auf, die er für die stärkste hält. Jeder Trainer, jeder Sportchef will Erfolg haben. Wir wollen alle Erfolg haben. Und in den letzten Monaten war Franco Foda eben der Meinung, dass unsere Mannschaft ohne ihn besser spielt. Unterm Strich muss ich sagen: Der Erfolg gibt dem Trainer Recht. Immer wenn Sturm drei, vier Spiele nicht gewinnt, dann kommen wieder die Kritiker und sagen, mit einem Muratovic wäre es besser gelaufen. Das ist alles Spekulation, sonst gar nichts.

Aber können Sie jene verstehen, die einen solchen Spieler gerne wieder in der Mannschaft sehen wollen?
Das sind eben seine Fans. Die erinnern sich gerne an die Zeit vor zwei, drei Jahren, als er gemeinsam mit Haas das Sturmspiel geprägt hat. Man muss es einfach realistisch sehen, der heutige Fußball wird mit viel Tempo gespielt, mit hohem Rhythmus, mit einer großen Intensität. Und irgendwann muss einfach jeder Spieler seinem Alter Tribut zollen. Das ist einfach so. Da ging es zum Beispiel einem Foda oder einem Kreuzer als Spieler ganz genauso. Ich kann mich noch genau erinnern, ich war inzwischen 36 Jahre alt und habe bei Basel gespielt – ich bin den jungen Stürmern einfach nicht mehr hinterher gekommen. Die Muskulatur lässt nach. Man hat es zwar im Kopf, man weiß wie es geht, aber irgendwann kann es der Körper nicht mehr umsetzen.

Sturm-Arzt Doktor Puskuris meint, Samir Muratovic sei fit wie lange nicht mehr.
Er ist körperlich fit. Er kann auch bestimmt lange laufen. Aber man muss einfach sehen, und der Trainer sieht das tagtäglich im Training, dass er bei hohem Tempo Probleme hat. Ohne an seinen Qualitäten zu zweifeln. Muratovic ist nachwievor ein hervorragender Fußballer. Und in manchen Situationen kann er uns auch noch immer helfen. Wenn der Gegner tief steht, wenn die Wege kurz sind. Wenn wir ein Spiel drehen müssen, wenn der ideale, der finale Pass in die Tiefe gefragt ist. Dann brauchen wir einen Muratovic. Aber er muss verstehen, wie es Mario Haas auch verstanden hat, mit 36 kannst du heute nicht mehr 90 Minuten Powerfußball spielen.

Ich hab mich einmal in Messendorf mit Muratovic über seine Situation unterhalten. Und er hat geklagt, Sturm würde nicht mehr den schönen Fußball von früher spielen. Er hat gemeint, Sturm müsste einen jungen Muratovic und einen jungen Haas kaufen. Haben Sie solche Spieler im Blickfeld?
Wir sind immer auf der Suche nach jungen, geeigneten Spielern. Aber was ist jung? Natürlich möchten wir Spieler mit hoher Qualität. Und ja, ich hätte auch gern, dass bald wieder ein “junger Haas” vorne bei uns aufläuft.

Didi Elsneg war vorigen Sommer ein Thema. Vorerst wurde daraus nichts, ist er noch im Gespräch?
Wenn es möglich gewesen wäre, hätte ich ihn gerne geholt. Aber wir hatten damals ein ausgereiztes Budget. Wir haben Imre Szabics verpflichtet, einen Roman Kienast geholt und mit Beichler, Haas, Muratovic, Weinberger und Hassler waren viele weitere Offensivkräfte im Kader. Dieter Elsneg war eine Option, aber es waren einfach zu viele Stürmer an Bord. Elsneg ist außerdem ja nur an Kapfenberg ausgeliehen und wird nach der Saison zu Frosinone nach Italien zurückkehren. Und meines Wissens hat er dort noch Vertrag bis 2013.

Aber jedenfalls auch für Sturm ein interessanter Spieler, oder?
Ihr hört ja schon an meinem Reden, dass wir immer an jungen, guten Stürmern interessiert sind. Aber es muss halt passen. Und wenn es letztes Jahr aus unterschiedlichen Gründen nicht gepasst…

…dann passt es vielleicht heuer?
So ist es.

Herr Kreuzer, vielen Dank für das Gespräch.
Mit dem Schlusswort?

Na gut. War Fernando Torres ein Thema bei Sturm?
Natürlich. Ich habe 50 Millionen geboten. Aber Chelsea hat noch zehn drauf gelegt.

Das Interview in Belek führten Clemens Ticar und Fabian Zerche

(Fotos © 2011 Sturm12.at/Fabian Zerche)