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12 Meter

Meister ohne Würde, Season 2

Meister wird heuer der Einäugige unter den Blinden, soviel steht auch sieben Runden vor Schluss schon fest. Niemand sticht hervor, keiner setzt sich ab und alle gemeinsam gefallen sich in einer Durchschnittlichkeit, die für die nahenden europäischen Aufgaben nichts Gutes erwarten lässt.


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© 2011 Sturm12.at

Im Schlager gegen Salzburg setzte es am Samstag eine herbe 0:3-Heimniederlage. Das war’s dann mit den Titelambitionen für die Grazer, dachte man sich, spielte die Austria doch zu Hause gegen Mattersburg. Nix da. Alles beim Alten, weiterhin nur ein Punkt Rückstand auf Platz eins, die Austria kippte ebenso um und blamierte sich bis auf die Knochen gegen die biederen Burgenländer.

So ausgeglichen und spannend, tönt eine unselige Allianz zwischen Trainern, Spielern und Medien seit Wochen. Jeder könne jeden schlagen und so super sei das, Werbung für den Fußball und so weiter und so fort. Kaum jemand spricht aus, was Sache ist: Diese Liga suhlt sich in einer unendlichen Durchschnittlichkeit. Ich muss mich da auch immer wieder selbst bei der Nase nehmen, lasse mich anstecken von der trügerischen Möglichkeit endlich wieder Meister werden zu können oder vermeintlichen Top-Leistungen der Blackies, wie dem Auswärtssieg in Hütteldorf.

Einen 12 Meter mit dem Titel “Meister ohne Würde – so oder so”, habe ich letzte Saison vor Runde 36 geschrieben. Auch wenn Sturm im Gegensatz zum Mai 2010 heuer um den Titel mitmischt, die Headline dieses Kommentars lässt sich sieben Runden vor Ende der Saison 2010/11 ohne Not wiederholen. So wenig Konstanz, so wenig Klasse vereint die verbleibenden Titelkandidaten, also alle Mannschaften außer dem LASK, Mattersburg und Kapfenberg. Und auch ohne überspitzte Darstellung haben noch die ersten fünf äußerst realistische Chancen, den Teller zu holen. Rapid und Salzburg sind wieder dran, nachdem sie beide ihre unsäglichen Betonkopf-Trainer in die Wüste geschickt haben. Einer der wenigen Lichtblicke in den letzten Wochen, nebenbei bemerkt. Ein Treppenwitz der Geschichte, würde Dietrich Mateschitz Huub Stevens gegen Peter Pacult tauschen.

Ließ man sich vom Auswärtssieg der Blackies in Wien noch täuschen und die Hoffnung aufkommen, es spitze sich alles auf einen Showdown gegen die Austria zu, schlug am Wochenende in Liebenau die Realität wieder gnadenlos zu. Genauso bei der Austria und alle gemeinsam haben sich wieder aneinanderverdurchschnittlicht. Sturm war, so ehrlich muss man bei der nüchternen Betrachtung im Nachhinein sein, wahrscheinlich gegen Rapid nicht so stark. Eher war Rapid durch die Gesamtheit der Vorkommnisse so schwach. Auch die hochgelobte Austria, spielstärkste Mannschaft der Liga und eigentlich der logische Titelanwärter Nummer eins, hat in den letzten beiden Runden gegen KSV und SVM einen mickrigen Punkt geholt. Wäre in dieser Liga nur eine einzige Mannschaft, die ein Mindestmaß an Klasse und Konstanz aufweisen würde, sie wäre längst auf und davon.

Apropos Konstanz: Der SK Sturm etwa brachte es bisher fertig, ein einziges Mal in 29 Runden drei Spiele in Serie zu gewinnen. In den Runden 6-8, gegen die Giganten Neustadt, LASK und Mattersburg. Seit Anfang März stehen zwei Siege, drei Unentschieden und zwei Niederlagen zu Buche – und man ist auf Tuchfühlung mit Platz eins. In jeder anderen Liga Europas würde man mit diesen Ergebnissen wahrscheinlich irgendwo im Mittelfeld herumkrebsen, in der Durchschnittlichkeit. Nicht von ungefähr wird der heurige Meister einer mit den wenigsten Punkten aller Zeiten sein. Das niedrige Level ist auch an einzelnen Spielern festzumachen. Sturm hat etwa im Winter Patrick Wolf aus Neustadt nach Graz geholt. Dieser Spieler ist nahezu ein Prototyp für das Gesamtbild, das die Ö-Liga abgibt. Wolf wurde als Riesenverstärkung angepriesen und er schafft es auch in gewissen Situationen ganz gut Eindruck zu schinden, durch seine Schnelligkeit und sein kraftvolles Spiel.

Sieht man genauer hin, ist er ein Spieler mit großen technischen Mängeln und einem unterdurchschnittlichen Spielverständnis. Er ist ein Poser, einer der nur in Spielen, wo er ausreichend Zeit und Platz hat, wirklich effektiv sein kann. Ist er unter Druck, muss er schnell reagieren und aus wenigen Chancen an der Flanke Effektives und Effizientes zustande bringen, bleibt meist eine Fehlanzeige, siehe das Spiel am Samstag. Er braucht zu viele Chancen, flankt großteils schlecht, als Flügelspieler, und er findet sehr oft nicht die richtige Lösung für die jeweilige Spielsituation. Aber: Patrick Wolf ist ein Leistungsträger im Sturm-Dress. Er hat zurecht ein Stammleiberl, es drängt sich sonst keiner auf, der ihm seinen Platz streitig machen könnte. Das ist die eigentliche Tragödie. Und das Beispiel Wolf ist hier exemplarisch gewählt. Dutzende ähnlich gelagerte Fälle beackern die heimischen Felder.

Klar, sollte Sturm am Ende oben stehen, dann werden wir uns alle wieder täuschen lassen und eine Party feiern. Wir werden dem Einäugigen unter den Blinden zujubeln und vom so spannenden Finish reden. Aber, in der nüchternen Betrachtung im Nachhinein wird an der Schale ein schaler Beigeschmack kleben. Zumindest bei jenen, die sich ernsthaft mit dieser Liga und ihrem Niveau auseinandersetzen. Ein Meister ohne Würde wird den Teller entgegennehmen, so oder so. Auch die Schönfärber und Wegschauer-Fraktion wird die Tatsachen vorgeführt bekommen. Wie sehr man sich hierzulande im Durchschnitte bettet, zeigt sich dann spätestens im Sommer. Dann müssen nämlich die österreichischen Vereine wieder ihre geschützte Werkstätte verlassen und in die europäischen Bewerbe einsteigen. Und dann werden wieder alle ganz verzagt sein und sich wundern, wieso auch in Europas zweiter Leistungsklasse nahezu alle Mannschaften mindestens eine Nummer zu groß für die heimische “Elite” sind.