Raphael Wolf ist groß, jung, souverän und abgeklärt. Und spielt ganz und gar nicht wie ein 22-Jähriger. Spricht man mit ihm, hat man das Gefühl einen erfahrenen Vollprofi am Telefon zu haben. Die Nummer 1 der Kapfenberger hütet nun seit 2009 das Tor der Stahlstädter. Dabei verpasste er nur ein Spiel – das Abschiedsspiel für die vormalige Nummer 1, Martin Eisl.

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Im Gespräch mit Sturm12.at erzählt der Müncher wie sein Wechsel vom Hamburger Sportverein zu Stande kam, das Phänomen Elferschießen, wie die Zukunftspläne aussehen und erklärt, wieso der SK Sturm am Samstag besonders unter Druck steht.
Raphael, du bist 2009 vom Hamburger SV zu Kapfenberg gewechselt. Wie kam es zu diesem Engagement?
Zunächst wurde ich von Werner Gregoritsch beobachtet. Dieser hat sich dann mit meinem Berater getroffen und nachgefragt, ob ich mir einen Wechsel nach Österreich vorstellen kann. Bei Hamburg war ich ja nur dritter Tormann und hatte lediglich Einsätze in der Regionalliga. Da hat die Perspektive nicht gestimmt. Das Duell mit Martin Eisl, dem damaligen Kapfenberg-Tormann um das Einserleiberl hat mich sehr gereizt. Und die Spielpraxis in Österreich ist für mich eine klare Steigerung zur Regionalliga.
Was ist dein Eindruck von zwei Jahren österreichische Bundesliga?
Als Bayer war es für mich nicht besonders schwer mich einzuleben. Die Mentalität und das Leben war keine große Umstellung für mich und auch die Sprache hat mir in die Hände gespielt. Über das Niveau in Österreich habe ich mir vorher keine großartigen Gedanken gemacht. Klar, ich kannte Sturm Graz und Rapid Wien – aber das sind Vereine, die kennt man in Deutschland einfach. Ich wusste das Kapfenberg ein Verein mit wenig Geld ist, und das internationale Geschäft nicht wirklich thematisiert wird – aber es ging mir hauptsächlich um die Spielpraxis.
Du warst auf Anhieb Stammspieler. Bist du selbst überrascht von deinem Aufstieg?
Nach der Vorbereitung war mir eigentlich schnell klar, dass ich Stammspieler sein werde. Meine Leistungen waren sehr ansprechend, früher oder später musste ich im Tor stehen, dass wurde mir bald bewusst. Schlussendlich stand ich schon beim ersten Saisonspiel im Tor.
Bist du mit deiner Entwicklung zufrieden?
Klar. Ich konnte bis dato viel Spielpraxis sammeln, habe erst ein Spiel verpasst. Bis jetzt ist mir alles aufgegangen.
Dein Vertrag in Kapfenberg läuft 2012 aus. Wie sieht deine weitere Zielsetzung aus?
Das stimmt so nicht. Mein Vertrag endet erst 2013, ein Vertragsende 2012 ist ein Irrglaube. Aber ich möchte so schnell wie möglich zurück nach Deutschland. So ein Wechsel ist aber sinnlos, wenn die Perspektive nicht stimmt. Da muss wirklich alles passen. Der Sprung ist kein kleiner. Deutschland oder England sind mit Österreich überhaupt nicht vergleichbar, was schon alleine auf die Population rückführbar ist. Das sind fußballerisch verschiedene Welten. Fairerweise muss man aber sagen, dass wenn man Sturm oder Rapid-Spiele zum Vergleich hernimmt, das Ambiente und der Flair wirklich toll ist. Beispielsweise sind die Kurven der beiden Vereine international mehr als konkurrenzfähig.
Wie würdest du dich und deinen Spielstil am ehesten beschreiben?
Ich versuche ruhig von hinten zu spielen. Spektakuläre, unnötige Paraden sind nicht mein Stil, ich suche immer den einfachsten Lösungsweg und möchte für die Mannschaft da sein. Wirkliches Vorbild habe ich da keines. Natürlich schaue ich immer nach Deutschland und versuche zu beobachten: „Wie macht der das? Wie löst er diese Situation?“ Man sucht sich das Beste raus. Klar, in meiner Jugend gab es Idealvorstellungen von bestimmten Torhütern, aber jetzt suche ich meine eigenen Wege, orientiere mich an mir selbst.
Wo gibt es in deinem Spiel noch Verbesserungspotential?
Gute Frage. Eine wirklich eklatante Schwäche habe ich nicht. Ich versuche ständig an meinen Stärken und an meinen Schwächen zu arbeiten – das ist auch völlig normal so. Aber das vielleicht die linke, oder die rechte Seite eine bessere von mir ist, könnte ich jetzt nicht sagen. Meistens ist das Tagesverfassung. Da denke ich mir: „Die Woche passt die linke Ecke einfach. Da fühl ich mich wohl, das gefällt mir.“
Deine große Stärke sind Elfmeter. Die letzten drei konntest du parieren. Wie sehr kann man als Torhüter solche beeinflussen? Worauf kommt es an? Wie viel ist Können, wie viel ist Glückspiel?
Für mich ist das ein reines Glückspiel. Na gut, vielleicht 90 % Glück, 10 % Können. Es kommt auf den Schützen drauf an, wie gut er sich ausgucken lässt. Ob er platziert schießt, ob er langsam anläuft. Manchmal ist es offensichtlich, was der Stürmer vorhat. Ich kann nur solange wie möglich warten. Dann brauch ich Glück bei der Ecke, meine Hand muss an der richtigen Stelle sein. Da kommen viele Faktoren zusammen.
Die Saison neigt sich langsam dem Ende zu. Kapfenberg steht stolze 17 Punkte vor dem Tabellenletzten LASK. Kann man von einer erfolgreichen Saison sprechen?
Die Saison ist für Kapfenberg schon positiv. Wir stehen im Cup-Halbfinale, haben mit dem Abstieg nichts zu tun. Mit etwas Glück können wir sogar den ganz großen Erfolg schaffen, etwas noch nie Dagewesenes. Gegen Lustenau ist alles möglich. Die vierte Saison für Kapfenberg kann kommen!
Wie sieht in dieser Saison die weitere Zielsetzung in der Meisterschaft aus?
Es wird schwer nach oben zu kommen. Klar, der sechste oder siebte Platz wäre schön, aber der Abstand ist schon enorm. Die 40 Punkte-Marke zu schaffen wäre ein Erfolg. Letztes Jahr waren es 37, denke ich. Das zu überbieten wäre schon ein Erfolg für Kapfenberg, oder?
Auf alle Fälle. Im Cup konnte die Hürde Vienna gemeistert werden, nun steht ihr im Halbfinale. Sind der Cup-Sieg und die damit verbundene Europa League Teilnahme Thema in der Mannschaft?
Nein, nicht wirklich. Gegen die Vienna waren wir ja eigentlich unglaublich schlecht, hatten auch die nötige Portion Glück. Aber da fragt nachher niemand, wie es gelaufen ist. Natürlich, dadurch, dass wir Lustenau zugelost bekommen haben, denken alle noch eine Spur intensiver darüber nach. Aber wir sprechen nicht über die Europa League, über den Cup-Titel. Das wäre auch nicht gut.
Du bist Teil einer sehr jungen Kapfenberger Mannschaft, mit 22 Jahren selbst noch am Anfang deiner Karriere. Wie ist das Klima bei euch in der Mannschaft?
Wir sind eine lustige Truppe mit der nötigen Portion Ernst. Die Mischung passt einfach sehr gut. Das sieht man auch an der Integration von neuen Spielern, die Menschen fühlen sich einfach wohl.
Wie wichtig sind für euch erfahrene Leitwölfe wie Milan Fukal, Herbert Wieger oder Matej Mavric?
Sehr wichtig. Bei schweren Spielen, oder Spielen wie im Cup gegen die Vienna sieht man, wie wichtig die Routiniers sind. Sie sind immer am Punkt genau da, motivieren die Mannschaft. Vielleicht sind sie nicht mehr die frischesten Spieler, aber durch gutes Augen- und Stellungsspiel machen sie Schwächen wett. Ältere Spieler, die das Spiel aktiv gestalten sind einfach wichtig.
Die Mannschaft kommt ohne die ganz großen Namen aus. Lebt der KSV vom starken Kollektiv?
Das Kollektiv ist am wichtigsten. Wir sind jung, hungrig und müssen uns Woche für Woche neu beweisen. Anders können wir keinen Erfolg haben.
Am Samstag trifft der KSV im „Steirerderby“ auf den SK Sturm. Ist diese Partie etwas Besonderes für dich und den Umkreis Kapfenberg?
Ich gehe in das Spiel, wie in jedes andere und versuche mich zu motivieren. Aber nicht zu sehr, denn übermotiviert macht man vor allem als Torhüter Fehler. „Mal schauen was passiert“, das ist meine Devise. Für Sturm wird es ein Heimspiel, mit einer tollen Kulisse. Das wird schon ein komisches Gefühl, mit den ganzen Sturm-Fans im Rücken.
Mit welcher Erwartungshaltung gehst du in dieses Spiel?
Klar, das wird ein schweres Spiel, aber wir können befreit aufspielen. Ich will unbedingt gewinnen. Verlieren ist nie gut und es fällt mir schwer Niederlagen zu akzeptieren. Aber das geht jedem Fußballer so und ist völlig normal.
Sturm bot die letzten beiden Spiele schwache Leistungen, musste gegen Salzburg und Ried zwei bittere Niederlagen einstecken. Siehst du das als Vorteil?
Das liegt ganz an der Mannschaft. Wenn wir schlechte Zeiten haben, ist das meistens ein Startschuss für besondere Leistungen. Die Sturm-Spieler wissen, um was es geht. Der Vorstand wird sicher Druck auf die Mannschaft ausüben. Die Fans wollen etwas geboten bekommen. Da kommt es von allen Seiten doppelt und dreifach. Die Spieler werden hochkonzentriert sein, aber die Gefahr, dass sie dem Druck erliegen, ist nicht zu unterschätzen. Daher: Vielleicht ein Vorteil.
Für euch geht weder nach oben, noch nach unten besonders viel. Die Grazer sind nach wie vor mitten im Titelkampf. Was traust du Sturm Graz in dieser Saison noch zu?
Auch wenn es blöd klingt, vielleicht ist das Cup-Aus gar nicht so schlecht. Sturm kann sich voll auf die Liga konzentrieren. Gerade im Herbst haben die Grazer gezeigt, dass sie mit der Austria die torgefährlichste Mannschaft der Liga sind. Da ist noch viel drinnen und entscheidend werden die Spiele gegen die kleinen Gegner wie uns sein.
Der Titelkampf gestaltet sich enorm spannend – niemand scheint so richtig den Titel zu wollen. Wohin wird die Schale letzten Endes hinwandern?
Das ist nicht auszumachen. Wie gesagt, auf die Kleinen kommt es an. Salzburg hat gegen uns genau fünf Punkte liegen gelassen. Diese fünf Punkte fehlen ihnen auf ganz oben. Die Austria hat zuhause gegen Mattersburg verloren, im Cup gegen Lustenau. Das sind entscheidende Spiele, die durch schlechte Tagesform verloren werden.
Letzte Frage: Wie lautet dein Tipp für kommenden Samstag?
Schwierig. Ich hoffe in erster Linie auf eine tolle Kulisse und eine gute erste Halbzeit von uns. Wer dann das erste Tor macht ist klar im Vorteil. Letztes Heimspiel gegen Sturm haben wir uns selbst mit individuellen Fehlern abgeschossen, das wird nicht wieder passieren. Daher glaube ich an einen Sieg von uns.
Raphael, danke für das Gespräch!
Das Interview führte Fabian Zerché
Sturm12.at ist ein privates und unabhängiges, journalistisches Medium, das seinen Fokus auf die Berichterstattung über den Fußballklub SK Sturm Graz gerichtet hat. Gegründet wurde Sturm12.at am 20. Februar 2009 von Christopher Houben und Julia Wendl. Das Hauptaugenmerk der Arbeit bei Sturm12.at liegt auf der tiefgreifenden Analyse von Sturm Graz und des österreichischen Fußballs.
Sehr sympathisches Interview von beiden Seiten. Diese Seite macht mich ehrlich stolz Sturm Fan zu sein!