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Sturm Echo #329

Das Jahr der Feuerwerke

Ein magisches Dreieck, ein neues Stadion und eine eingespielte, homogene Mannschaftmachen Graz zum ersten Mal zu Österreichs Fußballhauptstadt. 19 Punkte Vorsprunghat das Team von Ivica Osim am Ende. Der Rückblick auf das perfekteste Jahr der Sturm-Vereinsgeschichte.

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Der 70. Geburtstag des Jahrhunderttrainers Ivica Osim veranlasste die offizielle Klubzeitschrift von Sturm Graz, das Sturm Echo, dazu, den Bosnier ins Zentrum der 329. Ausgabe zu rücken.

Neben einem ausführlichen Interview mit Osim, besuchte das Magazin auch die Heimatstadt des Jubilars, Sarajevo und warf in der Rubrik “Trophäenschau”, zu Ehren des Fußballphilosophen, einen Blick zurück auf die Saison 1997/98. Als Kostprobe stellt Sturm12.at diese Retrospektive seinen Usern exklusiv zur Verfügung.

Sturm Echo Nummer 329 ist ab sofort in allen Fanshops erhältlich. Abos und Einzelausgaben sind auch unter www.sksturm.at/echo oder unter 0316/771771-23 bestellbar.

 

 

“Das Jahr der Feuerwerke”

Saison 1997/98 begann so, wie sie zehn Monate später enden sollte: Mit einem Feuerwerk in der steirischen Landeshauptstadt. Anlass war zunächst jedoch kein sportlicher, sondern die Eröffnung des neuen Arnold Schwarzenegger-Stadions in Liebenau. Am 9. Juli wurde es, Losglück sei Dank, in der ersten Meisterschaftsrunde standesgemäß mit einem Grazer Derby eingeweiht. Doch bevor der Rasen seinem eigentlichen Zweck zugeführt werden konnte, hatte er ein umfassendes Rahmenprogramm über sich ergehen zu lassen: zahlreiche Interviews mit Stadt-, Landes- und Bundespolitikern vom Bürgermeister bis zum Staatssekretär, Volksbelustigungen wie Aerobic- oder Peitschenknaller-Shows und musikalische Darbietungen von der Bundeshymne über die heimische Band Opus bis hin zum italienischen Tenor Benito Fiorente, der Puccini-Arien zum Besten gab. Doch damit nicht genug: Landungen allerlei Fluggeräts (Hubschrauber, Ballon, Fallschirmspringer – Letzterer bringt gar den Matchball), eine ökumenische Stadionweihe, sowie die Möglichkeit zum „Eisenbiegen“ machten sehr stark den Eindruck, Hannes Kartnig persönlich hätte das Programm gestaltet.

Hat er aber nicht, stattdessen widmeten er und Manager Heinz Schilcher sich während der Sommerpause offenbar seriösen Themen und verstärkten ihre Mannschaft: Die Verträge mit den beiden Offensiv-Strategen Hannes Reinmayr und Ivica Vastic´ wurden frühzeitig verlängert, Torjäger Tomislav Kocijan aus Salzburg geholt. Vom FC Basel kamen der Ex-Bayern-München-Mittelfeldmotor Markus Schupp und der deutsche Nationalverteidiger Franco Foda (zuvor auch beim VfB Stuttgart und Bayer Leverkusen aktiv), aus Spanien der serbische Defensivspieler Ranko Popovic´. Alle vier stellten sich als wirkliche Verstärkungen heraus – aus dem Meisterschafts-Dritten und Cupsieger der Saison 1996/97 wurde ein absoluter Titelkandidat. Sturm-Trainer Ivica Osim sah das allerdings – wie gewohnt – differenzierter: „Sturm ist auf einer Ebene mit Salzburg, Rapid, Tirol, Austria Wien, GAK und LASK. Sie alle können vorne mitspielen.“ An diesem 9. Juli sollte sich Osims Einschätzung, zumindest was den GAK betraf, jedoch als nicht zutreffend erweisen. Nach 110 Sekunden erzielte Roman Mählich nach Vorarbeit von Hannes Reinmayr bereits das 1:0 – das schnellste Derby-Tor aller Zeiten. Sturm agierte druckvoll, die Überlegenheit führte aber erst in der 56. Minute zu einem weiteren Torerfolg, als Gilbert Prilasnig nach einer Vorlage von Ivica Vastic´ zum 2:0 abstaubte. Für die Entscheidung sorgte Vastic´ dann per Doppelpack persönlich (64. und 90.). Der Auftaktsieg, gleichzeitig der erste Sieg in einem Grazer Derby für Ivica Osim, war perfekt. Bei bester Stimmung konnte die Mehrheit der Zuschauer im ausverkauften Stadion das nun folgende Feuerwerk genießen.

10.000 Wunderkerzen schon im Herbst

Das neue Stadion schien Fans wie Spieler gleichermaßen zu beflügeln. Die Einen kamen in Massen und sorgten in der fast immer ausverkauften Arena für hervorragende Stimmung, die Anderen begannen einen beispiellosen Erfolgslauf und gewannen 16 von 19 Spielen vor heimischer Kulisse. Auch die Auswärtsspiele verliefen nicht weniger erfolgreich, und so konnte der SK Sturm das Jahr 1997 als Herbstmeister und „Winterkönig“ mit 50 Punkten und eben so vielen Toren beenden – und das trotz des verletzungsbedingten Ausfalls von Ivica Vastic´ in den letzten Spielen vor der Winterpause. Würdiger Abschluss des Jahres war die Überreichung des Herbstmeister-Pokals nach einem 4:1 Sieg über Ried am 29. November. „10.000 Wunderkerzen wurden von den Fans entzündet, unten am Feld sangen Mannschaft und Präsident nach Klängen der neuen Sturm-Weihnachts-CD“, schrieb die Kleine Zeitung. Nur Ivica Osim hatte sich in aller Bescheidenheit still davongestohlen – er sollte aber selbst nach dem Gewinn des Titels sagen: „Der Titel sagt nichts über die Qualität eines Trainers aus. Im Mittelpunkt steht die Mannschaft.“

Die Führungsetage von Sturm ließ sich weder von Erfolg noch von Euphorie blenden und bemühte sich auch in der Winterpause um Verstärkungen. Jan-Pieter Martens wurde von Roda Kerkrade nach Graz gelotst, Michael Bochtler vom VfB Stuttgart, und Markus Schopp kam von seinem Engagement beim HSV retour. Schopp stand zu Beginn der Rückrunde im März 1998 auch gleich als Stammspieler in jener Elf, die nach einem Unentschieden in Innsbruck, mit Siegen gegen den LASK, den GAK, gegen Salzburg und Rapid, jene Mannschaften in die Schranken verwies, die sich noch minimale Hoffnungen machen konnten, Sturm zu stoppen. Bevor allerdings der Meistertitel fixiert wurde, adelten die heimischen Medien das fantastisch aufspielende Offensiv-Trio Vastic´, Reinmayr und Haas noch zum „Magischen Dreieck“.

„Der schönste Tag in meinem Leben.“

Am 13. April war es schließlich soweit: Mit einem fulminanten 5:0 Heimsieg gegen die Wiener Austria sicherte sich Sturm Graz sieben (!)Runden vor Schluss vorzeitig den Meistertitel der Österreichischen Fußball-Bundesliga 1997/98. Und das souverän: Schon nach 20 Sekunden verfehlte Gilbert Prilasnig das Austria-Tor nur knapp. Nach weiteren guten Chancen startete Markus Schopp in der 35. Minute ein Solo, legte für Reinmayr auf, der direkt ins rechte Kreuzeck schoss. Vier Minuten später legte Reinmayr ideal für Haas auf: 2:0. Nach dem Seitenwechsel verfiel Sturm in einen Spielrausch: Schupp überspielte Tormann Knaller und sorgte für das 3:0 (54. ), der eingewechselte Kocijan stellte nach Neukirchner-Pass auf 4:0 (81.) und Prilasnig köpfelte den Endstand (88.). Auf den Rängen lief die Welle immer und immer wieder durchs Stadion, am Rasen machte der gesamte Kader die „Raupe“, Sekt floss, ein improvisierter Meisterteller wurde überreicht und beim Versuch das Spielfeld zu stürmen, fiel sogar ein Fan in den Graben. Der Euphorie tat das keinen Abbruch, ganz Graz trug Schwarz-Weiß und nicht nur für Hannes Reinmayr war es „der schönste Tag in meinem Leben“.

Die Bilanz der Saison 1997/98 konnte sich sehen lassen. Sturm gewann die Meisterschaft mit dem bis heute unübertroffenen Rekordvorsprung von 19 Punkten auf den zweitplatzierten Rapid Wien, errang insgesamt 81 Punkte, traf 80 Mal ins gegnerische Tor und ließ nur 28 Gegentore zu, was eine rekordverdächtige Tordifferenz von plus 52 ergab. Dass Sturm mit der 1:3-Niederlage im Cupfinale gegen die SV Ried das Double verpasste, war zwar ein Wermutstropfen, fiel aber nicht weiter ins Gewicht.

„Eine Stadt versank im schwarz-weißen Jubel“, titelte die Kleine Zeitung am 17. Mai schließlich, und tatsächlich wurde der bis dahin größte Erfolg der Sturm-Geschichte fulminant gefeiert. Nach einem 2:0 Heimsieg gegen Admira Wacker am letzten Spieltag wurde der Meisterteller nun auch offiziell überreicht, Graz stand im Zeichen des neuen Meisters – und diesmal waren die Feierlichkeiten auch wirklich nach Hannes Kartnigs Geschmack (nur Siegfried und Roy waren offenbar verhindert): bengalische Feuer, eine brasilianische Tanzgruppe namens „Brasil Tropical“ und ein Auto-Konvoi durch die Stadt, der von einem schwarz-weißen Konfetti-Regen in der Herrengasse empfangen wurde. Die Musik kam von der EAV, den Stoanis und den Fabulösen Thekenschlampen, Franz Beckenbauer und Arnold Schwarzenegger gratulierten aus der Ferne, Politiker durften diesmal nicht reden, sondern wurden von den Spielern mit Sekt begossen und als schließlich Kapitän Ivica Vastic´ am Grazer Hauptplatz den 50.000 Jubelnden den Meisterteller präsentierte, erleuchtete ein Riesen-Feuerwerk am Schloßberg den Himmel.

Das SturmEcho rückt historische Trophäen des Sportklub Sturm in den Mittelpunkt und versucht anhand dieser Objekte Geschichte(n) sichtbar zu machen.

Zitate entnommen aus der Kleinen Zeitung(09.07.1997, 30.11.1997, 13.04.1998, 17.05.1998)

Text: Andreas Peternell / Foto: GEPA pictures