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Chants & Goals: Der Mai

Fünf Spiele für ein meisterliches Halleluja

Heimo Mürzl über ein Monat mit bösen Unterstellungen, gefestigten Charakteren, reiselustigen Aficionados, weinenden Ultras, lebensbejahender Freude und grenzenlosem (Meister)Jubel.

08.05.2011: SV Ried – Sturm Graz 0:0
KURT VILE & THE VIOLATORS: “Heart Attack”
WOLF PEOPLE: “One By One From Dorney Reach”

Am Muttertag des Jahres 2011 wurden zahlreiche Mütter davon befreit für ihre Gratulantenschar aufkochen zu müssen, da mit dem Auswärtsspiel in Ried für den SK Sturm Graz der Auftakt der fünf (meisterschafts)entscheidenden Spiele an diesem Sonntag stattfand. Zahlreiche Fans und treue Wegbegleiter der Schwoazn hatten trotz der noch nicht lange zurückliegenden Enttäuschung im Cupviertelfinalspiel gegen Ried die Reise ins Innviertel nicht gescheut und füllten den Auswärtssektor der „Keine Sorgen Arena” auf mittlerweile selbstverständliche Weise zur Gänze und mit guter Stimmung. Im Zentrum des Sektors wurde erstmals ein „neuer” Chant angestimmt – SK Sturm wird neuer Meister… – der im Finish der Meisterschaft noch Hitpotential entwickeln sollte und auch die elf Blackies auf dem etwas holprigen Rasen waren mit wesentlich mehr Elan und Verve an der Arbeit als im Cupspiel. Der Torschrei blieb den Aficionados zwar 93 Minuten lang versagt, die aufkommenden und Großteils dominierenden Rieder sorgten für die eine oder andere Herzattacke im Auswärtssektor und trotzdem hatten die mitgereisten Fans ein durchaus gutes Gefühl beim Antritt der Heimreise: waren doch Leistung und Resultat ein erster, gar nicht so kleiner, Schritt in Richtung Wunschvorstellung Meistertitel. Die Fanclubs hatten nicht darauf vergessen an den 70.Geburtstag von Meistertrainer Osim in Form eines Transparentes zu erinnern: “Alles Gute Ivan. 10 Jahre Trainer, Philosoph, aber vor allem Mensch” und waren sich auch ihrer Pflicht bewusst darauf hinzuweisen: “Im Übrigen sind wir der Meinung, dass der Sponsor aus dem Vereinswappen entfernt werden muss.“

11.05.2011: Sturm Graz – Austria Wien 1:1 (Kienast)
RUN DMC: “It’s Tricky”
FUGAZI: “Waiting Room”

Nur drei Tage später fand in Liebenau der von vielen zur Vorentscheidung hochstilisierte Schlager gegen die in den vorhergegangenen Spielen etwas welken Veilchen aus Wien statt und das Stadionrund war wieder einmal bis auf den letzten Platz und darüber hinaus gefüllt – beide Fanblöcke hatten mehr (Gastgeber) oder weniger (Gäste) sympathische Freunde aus dem benachbarten Ausland eingeladen. Was in der Folge während des Spiels so manchen das Geschehen auf dem grünen Rasen etwas aus den Augen verlieren ließ. Hier taten sich einige – auch geistig – (ur)alte Recken aus der Bundeshauptstadt unrühmlich hervor, während der volle Sektor der Wiener Austria auf beeindruckende Art und Weise und voller Leidenschaft ihre Mannschaft unterstützte. Beide Teams bedankten sich für die großartige Unterstützung von den Zuseherrängen mit einem ebenso spannenden wie intensiven Spitzenspiel, das nach Treffern der beiden Topscorer Kienast und Linz mit einem leistungsgerechten 1:1-Remis endete. Roland Linz erwies sich dieses Mal als fairer Kicker und verzichtete beim Torschuß auf eine zu offensichtliche Abseitsstellung und Peter Hlinka bestätigte erneut seinen Status als große Persönlichkeit auf dem Spielfeld und beförderte den Ball trotz Konterchance bei einer Verletzung von Kainz sofort ins Seitenout. Noch immer darf man diesem Spieler als Sturmfan ein wenig nachtrauern. Die Nordkurve verwandelte das Liebenauer Stadion mit einer Hexenkessel-Choreographie inklusive des Einsatzes von zahlreichen bengalischen Feuern in einen ebensolchen und war auch wieder darum bemüht darauf hinzuweisen: “Im Übrigen sind wir der Meinung, dass der Sponsor aus dem Vereinswappen entfernt werden muss.“

14.05.2011: LASK – Sturm Graz 0:2 (Muratovic, Kienast)
WILD BEASTS: “Hooting & Howling”
TV ON THE RADIO: “Halfway Home”

Die samstägliche Fahrt nach Linz zum Auswärtsspiel gegen den dort ansässigen Athletiksportklub traten soviele Aficionados wie selten zuvor an und machten das Spiel auf der Gugl gegen den Fixabsteiger zu einem echten Heimspiel für die Blackies. Den eingefleischten LASK-Anhängern wurde per Transparent mitgeteilt: “Ihr mögt zwar alle Pisser sein… doch Reichel, das verdient kein Schwein!” und der Ex-GAK-Trainer Walter Schachner wurde mit verbalen Liebesbekundungen verwöhnt. Das Spiel selbst bot zwar großteils nur fußballerische Schonkost, erfüllte für den Grazer Titelaspiranten aber mit einem 2:0-Sieg, drei Punkten und der verteidigten Tabellenführung aber durchaus seinen Zweck. Der im Frühjahr wiedererstarkte Samir Muratovic glänzte als Torschütze und Assistgeber, Roman Kienast erzielte seinen schönsten Saisontreffer und die Auswärtsfans stimmten dieses Mal schon in größerer Zahl den “neuen” Kurvenchant an: “SK Sturm wird neuer Meister / und wir alle sind dabei / SK Sturm wird neuer Meister / alles andere ist vorrüber / warn es früher einmal Wien, Tirol und Linz / das alles ist vorrüber/ SK Sturm wird neuer Meister…” Knapp vor Schluss durfte auch das mittlerweile bekannte Transparent wieder die Position der Fanclubs öffentlich machen: “Im Übrigen sind wir der Meinung, dass der Sponsor aus dem Vereinswappen entfernt werden muss.”

22.05.2011: Wiener Neustadt – Sturm Graz 1:2 (Kainz, Muratovic)
OTTAWAN: “Hands Up”
THE FEELIES: “Paint It Black”

Zwischen 5.000 und 6.000 Sturmfans fanden sich am Sonntag dem 22.05.2011 in Wiener Neustadt ein, um ihre Mannschaft zum für den angestrebten Meistertitel so wichtigen Auswärtssieg zu treiben. Schwarz-weiße Dressen und Fahnen beherrschten das Bild im provinziellen Stadionrund, trotz höchst mangelhafter akustischer Voraussetzungen wurde auch mit großer Leidenschaft und maximaler Lautstärke versucht das schwarz-weiße Kurvenliedgut dem staunenden Wiener Neustädter Publikum näherzubringen und der Samma Schwoaz / Samma Weiss-Wechselgesang war auswärts schon lange nicht so laut und eindrucksvoll zu vernehmen. Das Spiel selbst lebte von Spannung, Dramatik und bemerkenswerten individuellen Leistungen und Fehlleistungen. Die Entdeckung der Saison 2010/2011, Florian Kainz, und die spielerische Galionsfigur im Sturmdress, Samir Muratovic, sorgten mit ihren Treffern für den so wichtigen und den Weg zum Meistertitel ebnenden Sieg der Blackies. Dass der Siegestreffer durch einen von einem äußerst bizarren und unglücklich wirkenden Handspiel des Ex-Sturm- und Austria Wien-Spielers Edin Salkic verursachten Elfmeter entschieden wurde, sorgte in den folgenden Tagen für haltlose Vorverurteilungen, respektlose mediale Unterstellungen und lieferte den erneuten Beweis, dass es fast noch eine größere Kunst ist, mit Haltung verlieren zu können, als mit viel Glück zu gewinnen. Für mich waren die Momente vor dem von Muratovic verwandelten Elfmeter und der anschließende Jubel die wohl emotionalsten eineinhalb Minuten dieses Spieljahres: die bangen und hilfesuchenden Blicke , die Ringbildung von ganzen Gruppen, das hoffnunggebende Händehalten von Zufallsbekanntschaften und der schier orgiastische und mitunter tränentreibende Jubel danach. Auch ein bewegender Grund für ein Fandasein. “Im Übrigen sind wir der Meinung, dass der Sponsor aus dem Vereinswappen entfernt werden muss.”

25.05.2011: Sturm Graz – Wacker Innsbruck 2:1 (Hölzl, Muratovic)
SAINT VITUS: “I Bleed Black”
NADA SURF: “Beautiful Beat”

Die Nordkurve hatte es zu Beginn des Spiels mit ihrer beeindruckenden Choreographie treffend auf den Punkt gebracht: “Eine Stadt brennt auf den Titel” stand da zu lesen, während ein riesiger Meisterteller im Zentrum der Nordkurve dieser Sehnsucht auch ein Bild verlieh. Viel Pyrotechnik und ebenso überzeugte wie überzeugende Gesänge ergänzten das Ganze und ließen viele fast vergessen, dass da auch noch ein Spiel gewonnen werden sollte, um den dritten Meistertitel in der über 100-jährigen Sturm-Historie Realität werden zu lassen. Das Spiel gegen die wackeren Innsbrucker bot ein Spiegelbild der gesamten Saison – der Zweck heiligte die Mittel, das Resultat überstrahlte das Spiel. Und am Ende der Saison darf man mit Fug und Recht sagen: Stimmt das Gesamtergebnis, dann kann bzw. muß man Einzelergebnisse als peripheres Beiwerk ansehen. Das hatten an diesem Abend auch die kritischsten Geister erkannt und freuten sich einfach mit den Protagonisten und für den Herzensverein. Ein “beautiful beat” war da zu spüren, die große Sturmfamilie wirklich wieder für einen Abend und eine lange Nacht geschlossen und einig wie schon lange nicht. Dass es auch noch gerade der teilweise schon fast verstoßene Extra-Kicker Samir Muratovic war, der an diesem für den Grazer Traditionsverein legendären Abend das Siegestor erzielte und so das letzte Kapitel des Meisterromans schrieb, war eine ebenso gelungene wie berührende Pointe dieses wunderbaren Fußballabends in Liebenau. Doch auch in den Momenten des Erfolgs und des ausgelassenen Jubels galt es darauf hinzuweisen: “Im Übrigen sind wir der Meinung, dass der Sponsor aus dem Vereinswappen entfernt werden muss.“

P.S.: Meistertitel miteinander zu vergleichen ersparen sich kluge Köpfe – wissen sie doch, dass Erfolge und Titel nur im Kontext ihrer Entstehungszeit zu bewerten sind…

Bonustrack: HALL & OATES: “You Make My Dreams Come True”