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© 2011 SturmTifo.com

Kommentar

Stürmische Defensive

Eine starke Defensive beginnt im Sturm. Von den Kritkern kaum beachtet, konnten bisher auch Imre Szabics und Roman Kienast nicht überzeugen. Welche bedeutung das Angriffsduo für das Sturm-Spiel hat, zeigte das Rückspiel gegen Zestafoni.

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In den vergangenen Wochen wurde viel über die größten Problembereiche im Spiel von Sturm Graz diskutiert. Der Fokus lag hier beinahe ausschließlich auf der Defensive. Abwechselnd wurden die Innenverteidigung, die in den bisherigen sieben Saisonspielen massiv unter dem Abgang von Gordon Schildenfeld litt, und das defensive Mittelfeld, wo Mario Kienzl mehr abgeht als es viele vermutet hatten, als Krisenherde Nummer eins genannt.

Beinahe völlig unbeachtet blieb hingegen eine weitere Problemzone des schwarz-weißen Spiels – der Angriff. Die Schwächen in der Defensive nehmen hier ihren Ausgang. Ja – richtig – auch Sturms Stürmer haben einen wesentlichen Anteil an der defensiven Misere der Blackies. Fußball in seiner modernen Ausprägung kann längst nicht mehr in zwei voneinander unabhängige Teilbereiche wie Offensive und Defensive unterteilt werden, vielmehr wurde das Umschalten von Abwehr auf Angriff und vice-versa zum spielentscheidenden Kriterium.

Sowohl Imre Szabics als auch sein Partner Roman Kienast agieren mit ihren technischen Fähigkeiten in Franco Fodas System als bewegliche Angreifer, die sich oftmals tief ins Mittelfeld zurückfallen lassen. Einerseits, um sich dort die Bälle zu holen, die sie dann an den jeweils anderen weiterleiten, anderseits um der Viererkette im Spielaufbau die Möglichkeit des langen Balles über das Mittelfeld hinweg zu geben (auch hier fehlt Gordon Schildenfeld mit seiner Passgenauigkeit).

Im Vorjahr funktionierte das hervorragend. Gemeinsam konnten die beiden Angreifer 2010/2011 48 Scorerpunkte (Szabics: 8 Tore, 11 Assists; Kienast: 22 Tore, 7 Assists) auf ihrem Konto verbuchen – ein beeindruckender Wert. Anders in den bisherigen Saisonspielen – auch bedingt durch Verletzungen. Bei einem Blick in die LAOLA1.at-Statistik sticht vor allem ein Wert der beiden Stürmer ins Auge – ihre Zweikampfbilanz. In den bisherigen drei Bundesliga-Spielen gewann Kienast nur 29,8% seiner Zweikämpfe, Szabics gar nur 20,0%. Noch klarer wird das Bild wenn man diese Prozentsätze in Relation zu den Gesamtwerten der Meistersaison setzt. Szabics konnte 2011/2012 noch eine Quote von 37,0% erreichen, Kienast von 42,3%.

Was das freie Auge vermutet, quantifiziert und bestätigt die Statistik. Das Sturm-Duo verlor zum Saisonstart zu viele Bälle. Dadurch konnte Sturm zum einen weniger Gefahr im Spiel nach vorne ausüben, zu anderen gerät eine ohnehin verunsicherte und durch Verletzungen deutlich dezimierte Defensive öfter unter Druck. Je mehr Bälle im Sturm verloren werden, desto mehr Ballbesitz bekommt der jeweilige Gegner. Das führt in den meisten Fällen dann auch zu mehr Torschüssen und Torchancen gegen Sturm. Jeder verlorene Zweikampf schmerzt daher doppelt.

Welchen Einfluss Szabics und Kienast auf das Spiel von Sturm haben, konnte man im Rückspiel gegen Zestafoni hervorragend beobachten. Vor allem in der ersten Halbzeit erweckte das Sturmduo oftmals den Eindruck, dass man noch nicht besonders oft zusammengespielt hätte. Die Abstimmung funktionierte schlichtweg nicht. Der jeweils ballführende Stürmer wurde so – unfreiwillig – zu Fehlpässen und in aussichtslose Zweikampfsituationen gezwungen. Dementsprechend auch die Gesamtleistung der Blackies. Der georgische Meister machte über weite Strecken das Spiel, hatte die besseren Torchancen, während die Defensive der Grazer nach Luft ringen musste.

Ein Moment in der 68. Minute veränderte dann alles. Szabics bringt den Ball optimal zu seinem Partner. Kienast verarbeitet ihn gekonnt – und ästhetisch wertvoll – zum erlösenden 1:0. Das Spiel und das Duell mit den Georgiern war damit entschieden. Sturm hatte in den letzten 20 Minuten keine Probleme mehr, den Aufstieg in die nicht nur finanziell, sondern vor allem auch sportlich so wertvolle Playoff-Runde sicherzustellen. Ganz im Gegenteil. Auch wenn noch nicht alles perfekt lief, die Befreiung war den Schwarz-Weißen anzusehen. Plötzlich wurde wieder kombiniert, Torchancen kreiert.

Mit Darko Bodul gab ein weiterer Stürmer sein Debüt – ein durchwegs vielversprechendes. Auch wenn dem 22-Jährigen der Torerfolg verwehrt blieb, hinterließ er dennoch einen starken Eindruck. In der Bundesliga mit ihrer Erfahrung noch wichtige Bestandteile der Sturm-Mannschaft, fehlt es Mario Haas und Samir Muratovic auf internationalem Niveau oft an der entscheidenden Dynamik und Spielschnelligkeit. Kann Bodul die – zugegebenermaßen sehr kurze – Leistung aus dem Zestafoni-Spiel bestätigen, könnte er als Ergäzung zu Szabics und Kienast zu einer entscheidenden Waffe werden. Sowohl vor dem gegnerischen Tor, als auch als Teil der Sturm-Defensive. Damit aus der stürmischen Defensive auch ein defensiver Sturm wird.

Ein Kommentar von Christopher Houben

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