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Kommentar

Vergesst die Millionenliga!

Champions League ist gleich Millionenliga – das hört und liest man immer öfter in den Medien vor dem heutigen Quali-Spiel der Blackies. Aber geht es nicht um etwas anderes? Sind es nicht die wirklich großen Momente, für die wir Fußballspinner alle leben? Ein Plädoyer für den Sport.

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Wenn Sturm Graz heute Abend in Liebenau gegen BATE Borisov antritt, dann geht es für die Schwarz-Weißen um den Einzug in die Champions League. Die Teilnahme an der höchsten Spielklasse, die eine Fußballmannschaft auf diesem Kontinent erreichen kann. Mehr geht nicht, der Zenit wäre erreicht, in anderen Sphären kann auch der FC Barcelona nicht spielen. „Welch eine Erkenntnis?“ wird sich so manche Leserin und mancher Leser an dieser Stelle Fragen. In der Tat, um das herauszufinden, dafür muss man nicht extra Sturm12.at besuchen.

Warum ich es dennoch festhalten möchte, ist die Tatsache, dass die sportliche Komponente in diesem Zusammenhang immer weiter in den Hintergrund tritt. In der Öffentlichkeit wird der Begriff Champions League mehr und mehr mit dem Wort Millionenliga umschrieben. Keine Frage, das Geld ist gerade für einen Klub in der Größenordnung von Sturm Graz eine nicht ganz unwesentliche Komponente, aber geht es heute nicht in erster Linie um eine ganz große sportliche Errungenschaft? Ich habe heute Abend – sollte es tatsächlich soweit kommen – nicht vor mich über zusätzliche Einnahmen zu freuen. Nein, ich möchte mich darüber freuen, dass Sturm tatsächlich zum elitären Kreis der 32 Mannschaften gehört, die sich für die Gruppenphase der Champions League qualifiziert hat. Die Crème de la Crème des europäischen Klubfußballs.

Viele werden an dieser Stelle einwenden, dass weitere Einnahmen von zumindest 7,2 Millionen Euro für Sturm aber viel wichtiger sind, als die Teilnahme an einem Bewerb, wo ohnehin in der Gruppenphase Endstation sein wird. Es mag ein romantischer Ansatz sein, den ich in diesem Zusammenhang verfolge, aber wenn ich an die Champions League-Zeit vergangener Sturm-Tage zurückdenke, dann denke ich nicht an die Millionen, sondern erinnere mich an die großen Momente. Den Moment als zum ersten Mal ein Champions League-Spiel auf Grazer Boden über die Bühne ging (Spartak Moskau, 0:2-Niederlage), den Moment, als die Schwarz-Weißen vielleicht die beste Viertelstunde ihrer Vereinsgeschichte absolvierten (auswärts bei Manchester United, 1:2-Niederlage), den Moment als Sergei Yuran, nach 40-Meter-Pass von Gili Prilasnig und Direktweitergabe von Hannes Reinmayr, den Keeper der Glasgow Rangers überspielte und nicht nur den damaligen Sektor 25 in einen Rauschzustand versetzte (2:0-Sieg). Und vor allem erinnere ich mich an Markus Schopp. Im Ali Sami Yen Stadion zu Istanbul. Am 7. November 2000. In einer packenden Partie gegen Galatasaray war er es, der den Ausgleich zum 2:2 erzielte und Sturm damit zum Sieger der Gruppe D der Champions League-Saison 2000/01 geschossen hat. Der bis heute größte Erfolg einer österreichischen Vereinsmannschaft.

Genau wegen solcher Momente geht es mir um den Sport und nicht um die Kohle. Wie schnell die Millionen nämlich auch ab und an wieder verschwinden, davon können speziell der Grazer Fans ein Lied singen. Hautnah waren sie dabei, als Hannes Kartnig seinerzeit alles was eingenommen wurde, wieder verpulverte. Der derzeitige Vorstand der Schwarz-Weißen agiert in finanzieller Hinsicht mit Sicherheit vorsichtiger, ein langfristiges Business Model gepaart mit einer klaren strategischen Ausrichtung, die eine nachhaltige sportliche Weiterentwicklung von Sturm sicherstellt, ist aber auch heute nicht zu erkennen. Meine Hoffnung, dass die Champions League-Millionen sinnvoll genutzt werden, ist daher äußerst gering. Die Verlockung kurzfristig Investitionen ohne andauernde positive Effekte zu tätigen, ist dafür wohl viel zu groß.

Daher vergesse ich heute die Millionen lieber und freue mich, dass Sturm bei einem Erfolg gegen BATE Borsiov – und der ist alles andere als sicher – im Konzert der großen europäischen Mannschaften mitspielen dürfte. Ich nehme es sportlich, im wahrsten Sinne des Wortes, und fiebere dem heutigen Spiel entgegen. Keine alltägliche Partie, ein Spiel, wie es nur selten stattfindet, wo es um wirklich Großes geht – im Falle von Sturm, wie schon der Titel im Mai, ein Jahrzehnteereignis. Und ich sehe mit Gänsehaut einer möglichen Gruppenphase entgegen. Wenn die ganz großen Spieler zu den Klängen der Champions League-Hymne den Rasen in Liebenau betreten und der SK Sturm Graz bis zur Selbstaufgabe fighten würde, um ganz vielleicht den einen oder anderen Erfolg in dieser höchsten Ebene des Klubfußballs zu erringen.

Wer hat jetzt noch an irgendwelche Millionen gedacht?

Ein Kommentar von Christopher Houben