Chants & Goals

Der Dezember

Schnee der auf grünen Rasen fällt – von Moskau bis Ried. Heimo Mürzl über einen Monat ohne Adventstimmung und mit nicht zu leugnenden Problemen. Und dem passenden Soundtrack von The Clash bis zu CocoRosie.

01.12.2011: Lokomotive Moskau – Sturm Graz:  3:1 (Kainz)
THE CLASH: “White Riot”
THE JAM: “That`s Entertainment”

Der Dezember 2011 begann für den SK Sturm Graz mit dem letzten Auswärtsspiel in der Euro League – Gruppenphase gegen Lokomotive Moskau. Um weiterhin Chancen zu haben, auch im Frühjahr noch international tätig sein zu können, hätte es eines Auswärtssieges im winterlichen Moskau bedurft.  Zwanzig ambitionierte Minuten der Sturm-Mannschaft reichten aber nicht aus, um den notwendigen Sieg zu holen und so blieb der Ehrentreffer von Florian “Mighty-Floh” Kainz der einzige Grund, an diesem kalten Dezemberabend zu jubeln. Wieder einmal hatte man das Gefühl, dass die Mannschaft ein wenig Herz und Leidenschaft vermissen ließ. Die ungefähr vierhundert mitgereisten Aficionados bewiesen dagegen ein weiteres Mal, wo authentischer Sturmgeist und echte Leidenschaft noch zu finden sind. Einige von ihnen zeigten ihr Sturmherz auch auf der Straße und hätten sich positivere Schlagzeilen als die der Kleinen Zeitung verdient, die davon berichtete, dass “sich die Fans gar nicht erfreulich präsentiert haben”.  Ansonsten waren die steirischen Medien bemüht, gute Miene zum müden Kick zu machen und über Stretch-Limousinen-Fahrten und das schwere Dasein eines sich um eine Vertragsverlängerung bemühenden Erfolgstrainers zu berichten.

04.12.2011: Wacker Innsbruck – Sturm Graz 1:0
DER NINO AUS WIEN:  ”fuasboi schaun”
THE JEZABELS: “Hurt Me”

Wer nur drei Tage später die weite Fahrt zum Auswärtsspiel nach Innsbruck auf sich nimmt, um wieder seiner Mannschaft beim Fußballspielen zuzusehen und sie lautstark zu unterstützen, der darf zu Recht als Fußballverrückter bezeichnet werden. Passenderweise feierten die “Verrückten Köpfe” von Wacker Innsbruck mit einer gelungenen Choreographie ihr zwanzigjähriges Bestehen. Über das Spiel selbst erübrigt es sich allzu viele Worte zu verlieren – das Auftreten der Fußballbeamten in Sturmdressen war nicht nur spielerisch bieder, sondern zudem von einer Leidenschaftslosigkeit geprägt, die die mitgereisten Fans beinahe körperlich schmerzte. So blieb die Präsentation des bekannten Spruchbandes “Im Übrigen sind wir der Meinung, dass der Sponsor aus dem Vereinswappen entfernt werden muss” der einzige erfreuliche Moment dieses Fußballsonntagnachmittages in Innsbruck.

10.12.2011: Sturm Graz – Austria Wien 5:1 (Kienast 3, Bodul 2)
OTHER LIVES: “For 12″
STAN RIDGWAY: “Camouflage”

Der 10.12.2011, das Samstagabend-Heimspiel gegen die Austria aus Wien bot der Sturm-Mannschaft nach den enttäuschenden Spielen gegen Lok Moskau und Wacker Innsbruck eine gute Gelegenheit für partielle Wiedergutmachung – auch wenn der letzte Heimsieg gegen die Wiener Veilchen durch ein Elfmetertor von Amadou Rabihou schon über fünf Jahre zurücklag. Das Spiel begann mit einer fulminanten Choreographie der Grazer Nordkurve, die nicht nur für wunderbare Bilder und eine gute Stimmung sorgte, sondern einmal mehr bewies, dass Pyrotechnik in den richtigen Händen zu einem stimmungsvollen Fußballspiel gehört, wie treffende Stürmer zu einem Kantersieg über den Titelkandidaten aus Wien Favoriten. Während Teile des Austria-Anhangs mit martialisch-infantilen Choreographien – Panzer und Soldaten hinter dem Spruchband “We Are From The Violet Army” – für Erstaunen und Kopfschütteln sorgten und die Grazer Nordkurve durch ein Spruchband – “Ausreise- und Stadionverbote dort, Strafen fürs Vorsingen da: Solidarität mit Karlsruhe – E LIBERTA PER GLI ULTRA” – für die Freunde aus Karlsruhe Position bezog, nützten die Spieler des SK Sturm Graz die Gunst der Stunde und liefen und spielten, als ob sie einen Mann mehr auf dem Spielfeld hätten. Der überaus agile und gewitzt agierende “Mighty-Floh” Kainz sorgte für eine Gala-Vorstellung und die Stürmer Kienast und Bodul besannen sich auf das Wesentliche: das Erzielen von drei bzw. zwei Toren. Ein selten schöner Fußballabend in Liebenau ließ jeden Sturmfan glücklich aus dem Stadion gehen und rätseln, wieso die Sturmelf so befreit und spielfreudig agiert hätte – eine mögliche Antwort erhielt man am nächsten Morgen, als man auf das Titelblatt der Kleinen Zeitung blickte, wo “Das Ende einer großen Liebe” verkündet wurde. Wobei ich doch anmerken möchte, dass sowohl die Inszenierung, wie auch die Camouflage zu wünschen übrig ließ…

14.12.2011: Sturm Graz – AEK Athen 1:3 (Kainz)
CLOUD NOTHINGS: “No Future/No Past”
COCOROSIE: “Lemonade”

Die Tage zwischen dem Galaauftritt gegen Austria Wien und dem letzten Spiel in der Euro League – Gruppenphase gegen AEK Athen wurden von Diskussionen über den vermeintlichen Foda-Rücktritt mit Meisterschaftsende 2011/2012 , die Unfähigkeit und den Dilettantismus von Präsident und Vorstand und “puztigen” Protestaufrufen über Social Networks bestimmt. So überraschte es kaum, dass die Besucher dieses Spiels am Stadionvorplatz mit dem Spruchband “Über Social Networks wollt ihr rebellieren? Dieser Kurve hat keiner was zu diktieren!!!” willkommen geheißen wurden und der Kurven-Altvordere Thomas Lang vor Spielbeginn Position bezog und den Standpunkt der organisierten Fanclubs klarmachte: “Der Vorstand kann gehen, die Mannschaft kann gehen, der Trainer kann gehen – doch wir stehen hinter den Schwoazn und geben 90 Minuten Vollgas!” Zum Bedauern vieler Sturmfans tat dies die Mannschaft nicht und so blieben vom Spiel neben eines “mutigen” Defensivferserls von Thomas Burgstaller und eines schön herausgespielten Ehrentreffers von Florian Kainz  nur das Ergebnis und die bittere Erkenntnis in Erinnerung, dass auch die internationalen Auftritte der Sturm-Mannschaft fast immer weit hinter den optimistischen Erwartungen blieben. So möge der per Spruchband propagierte Weihnachtswunsch der Nordkurve – “Unser Weihnachtswunsch: Professionelle Vereinsstrukturen!” – in Erfüllung gehen, wie auch der, der Initiative “Freiheit für Sturm”: “Im Übrigen sind wir der Meinung, dass der Sponsor aus dem Vereinswappen entfernt werden muss”.

17.12.2011: SV Ried – Sturm Graz 1:1 (Wolf)
DAVE STEWART & BARBARA GASKIN: “It`s My Party”
DAN MANGAN: “Oh Fortune”

Die Terminplanung der österreichischen Bundesliga bewies einmal mehr Gespür und sorgte dafür, dass eine über dreißig Pflichtspiele umfassende Herbstsaison so endet, wie sie begonnen hatte – mit einem Auswärtsspiel in der Keine-Sorgen-Arena in Ried. Hatte man sich schon zu Saisonbeginn mit einem 1:1 Unentschieden die Punkte geteilt, so sorgten dieses Mal bei einer erneuten Punkteteilung Patrick Wolf und Carril für je einmal ausgelassenen Torjubel. Die Sturmelf ereilte dieses Mal jenes Schicksal eines sehr späten Gegentreffers, dass Gegner und deren Fans in den letzten Monaten (Rapid Wien und Kapfenberg) nach Spielen gegen Sturm Graz schon sehr intensiv über “Glück und Unglück” von Last Minute -Toren philosophieren ließ. Letztlich bestätigte das letzte Spiel der Sturm-Mannschaft den Eindruck der gesamten Herbstsaison 2011: Mangelnde Leidenschaft, fehlende Konstanz und individuelle Schwächen kosteten zuviele Punkte, um von einem zumindest ergebnismäßig zufriedenstellenden Herbst zu sprechen. Den gut gelaunten Auswärtsfans blieb es vorbehalten für den richtigen Ton zu sorgen – ein neuer chant brachte den Wunsch der Aficionados treffend zum Ausdruck: “wir wolln euch kämpfn sehn, wir wolln euch siegn sehn, weil sturm is unsa lebn ” – und mit einer beeindruckend dichten Choreographie mit “Freiheit für Sturm”-Doppelhaltern auch für das Bild des Tages zu sorgen.

BONUSTRACKS anläßlich der bevorstehenden außerordentlichen Generalversammlung am 17.01.2012:
SHY: “Neben den Schuhen”
SEX PISTOLS: “Anarchy In The UK”
LOS BRAVOS: “Black Is Black”

Ein Reinheitsgebot gibt es nicht nur die Biererzeugung betreffend, wonach Bier nur Hopfen, Malz, Hefe und Wasser enthalten solle, sondern auch was Vereinsnamen und Vereinslogo betrifft, die frei von Sponsornamen zu sein haben!

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Heimo Mürzl (hm)

Jahrgang 1962, verbrachte seine Kindheit fern großer Fußballstadien in Mariahof, einem kleinen Ort in der Obersteiermark. Die Fußball-WM 1970 in Mexiko, die unvergessene Ajax-Jahrhundertmannschaft rund um Johan Cruijff und das so unglücklich endende Messestädte-Cup-Duell von Sturm Graz gegen Arsenal London machten den von Kleinauf selbst kickenden Buben zum späteren Fußballverrückten. Mit dem Studiumbeginn in Graz wurde es ihm auch endlich möglich, sein Fantum nicht nur vor dem Fernsehschirm auszuleben, sondern selbst im Liebenauer Stadion und in der Gruabn Teil der kollektiven Emotionen zu werden. So verbringt er auch heute noch sehr viel Zeit in den diversen Weihetempeln des runden Leders, wo Sehnsüchte erzeugt und mitunter auch gestillt werden. Mit großer Freude schreibt er für das Extra der Wiener Zeitung und das SturmEcho, das Klubmagazin des SK Sturm Graz.



Kommentare

Smoking Smiley says:

@ Sturm Graz – Austria Wien
Das Solidaritäts-Spruchband war nicht nur auf Karlsruhe bezogen, sondern auch auf die Freunde aus Pisa, da dort leute Geldstrafen fürs Vorsingen mit Megaphon erhalten haben.
Und für die Winterpause gilt……Alle zur Generalversammlung – FREIHEIT FÜR STURM!!!

das erste Match in Ried endete nicht 0:0, sondern ebenfalls 1:1.
Torschützen damals waren Th. Burgstaller und Reifeltshammer wenn ich mich recht erinnere..

Richtig, auch dort hat man es (wie mittlerweile schon gewohnt) verabsäumt, nach dem 1:0 nachzusetzen und hat sich durch Feigheit um den Sieg gebracht (ähnlich wie zB in Favoriten oder Mattersburg)

Sehr schöner Satz:
“(…) eine mögliche Antwort erhielt man am nächsten Morgen, als man auf das Titelblatt der Kleinen Zeitung blickte, wo “Das Ende einer großen Liebe” verkündet wurde.” :)

bozo bakota says:

Werter Heimo -, schön dass Du diesmal einen Song des grossartigen Dan Mangan eingebaut hast. – Wie ich an dieser Stelle überhaupt vielen Dank für ein ganzes Jahr C&G’s sagen möchte. Auf dass Du hoffentlich mit dieser Deiner Rubrik wohl auch im nächsten Jahr auf diesem Blog zu finden sein wirst. – Im Übrigen empfinde ich es als sehr bereichernd, dass Du mir in vielen Stunden sehr oft auch im Privaten Deine im ersten Moment manchmal auch eigenwillige, letztendlich von mir aber dann fast immer als augenöffnend empfundene Sichtweise zu den div. Geschehnissen rund um STURM mitgeteilt hast.

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