
© Fabian Zerche
Da saß ich, am 23. Dezember und da saß ich noch immer am 24. Dezember. Zu lange hatte ich meine anstehende Weihnachtsgeschichte für das alljährliche Sturm12.at-Special hinausgezögert.
Meine Kollegen bedienten sich bereits an den vielen wunderbaren Momenten in der jüngeren Vergangenheit, wie das magische Auswärtsspiel in Wiener Neustadt vergangenes Jahr, der Bratwurstverkauf in den stürmischsten Zeiten oder dem beinahe legendären 5:1 in Hütteldorf.
Was blieb mir also? Ich überlegte hin und überlegte her. Zwei wunderbare Wochen mit der Mannschaft in Belek. Zu wenig! Ein toller Auftritt in Turin – nicht prägend genug. Doch dabei lag mir mein Thema die ganze Zeit im Hinterkopf. So nahe und doch so fern. Ein Moment, eine Zeitspanne, die mir auch nach eineinhalb Jahren nicht im Geringsten aus dem Kopf ging.
Was zuvor geschah
Es war im Sommer 2010. Mein Kollege Jan, der gute zwei Wochen zuvor zum Sturm12.at-Redaktionsteam stieß, und ich besuchten den zweiten Tag der festlichen Trainingszentrum-Eröffnung in Messendorf. Hier sah man durchwegs bekannte Gesichter. Aktuelle Mitarbeiter des SK Sturm sowie Legenden.
Es war ein buntes Bild, welches sich hier bot. Spieler-Söhne wie Charles Amoah-Junior oder Nikko Sidorczuk verzauberten die Zuseher am Spielfeldrand und altgediente Spieler wie Markus Schopp oder Arnold Wetl sorgten durch ihre Anwesenheit für Köpfe-Verdrehen und daraus resultierende Verspannungen in der Nackenmuskulatur der Schaulustigen.
Nach ein paar Gesprächen mit Funktionären und Spielern begaben wir uns in Richtung Kantine, um uns an diesem schwülen Sommertag eine Erfrischung zu genehmigen. Und ich weiß auch nach längerem Überlegen nicht mehr, wieso wir uns in den hinteren Teil der Kantine begaben. Doch es war retrospektiv betrachtet eine gute Entscheidung.
Osim schauen beim Fußballschauen
Denn da saß er. Etwas gebückt, ja fast ein wenig geknickt, starrte Ivica Osim auf den Fernseher der ihm gegenüber stand. Es lief ein Fußballspiel. Niederlande gegen Japan. Und es gefiel Ivica Osim. Obwohl sein Japan mit 1:0 verlor. Irgendwie ärgerte ich mich über die Tatsache, dass die vielleicht größte Persönlichkeit der Grazer Fußballgeschichte an diesem Zeitpunkt in mein Leben trat. Während so einem Spiel konnte ich ihn nicht ansprechen. Unmöglich, taktlos – unerhört.
Also tat ich es den anderen Menschen im Raum gleich. Meinem Kollegen Jan, Markus Schopp und ein paar älteren Sturm-Fans, die Osim noch von diversen Stammtischrunden persönlich kannten. Alle beobachteten Ivica Osim dabei, wie er ein Fußballspiel beobachtete. Im Nachhinein infantil und voller Situationskomik. Osim starrte zum Fernseher wir starrten zu Osim.
Ab und an ließ sich Osim einen Kommentar zum Spiel entlocken. Ihm gefielen die Niederländer nicht besonders. „Früher spielten sie nicht so ergebnisorientiert“. Doch ich fühlte mich in meinem Eindruck bestätigt. Ivica Osim ist vieles. Nur nicht gesprächig. Genau diesen Eindruck widerlegte Osim kurz darauf. Ich war so gebannt von seiner Aura und Präsenz und auch so eingeschüchtert von den vielen Bildern vergangener Tage die mir unwiderruflich durch den Kopf gingen, dass ich erst einen Ruck von meinem Kollegen Jan benötigte, um mich zu Osim zu setzen.
Aus meiner Lethargie erwacht trat ich so respektvoll und distanziert wie nur möglich in das Gespräch. Lediglich ein Stichwort von meiner Seite reichte und Osim begann wider meiner Erwartungen zu sprechen. Der Raum lauschte gespannt, kein Mucks war zu hören.
Das Gespräch und ein Irrglaube
Ivica Osim sprach und sprach. Er sprach über das Trainingszentrum, welches für ihn überhaupt nicht von Bedeutung war, sprach über Schotterplätze in Sarajewo und gab sich dabei philosophisch wie eh und je. Die Phrase „ein guter Spieler ist wichtiger als ein schönes Büro“ wird mir dabei auf ewig in Erinnerung bleiben.
Die größte Trainerlegende im österreichischen Fußball hatte mir den Kopf verdreht. Der anstehende Bericht mit Kollegen Jan war über den Haufen geworfen. Denn ich hatte Osims Meinung aufgesogen. “Natürlich wurde eine gute Grundlage geschaffen. Aber wichtig ist die Schule, die darin stattfindet. Und eine gute Schule kann es auch auf einem Schotterplatz in Sarajewo geben. Für die Jungen ist es aber natürlich sehr wichtig. Sie müssen hier Fußball spielen lernen, nicht Fußball arbeiten. Fußball ist immer noch ein Spiel, auch wenn das viele vergessen. Doch arbeiten kann man auch in einer Miene”.

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Mehr gab es über dieses Trainingszentrum nicht zu sagen. Irgendwann erhob sich Osim, was mir bewusst machte, wie groß der Meistermacher eigentlich war. „Ich muss jetzt mit Christian Peintinger reden. Ich habe einen jungen Spieler für ihn. Besser als Ivo“, fügte er zum Abschied hinzu und zwinkerte noch ungewohnt lässig. Bis dato weiß ich nicht, ob mich Ivica Osim anflunkerte. Doch es ist auch egal.
Der ältere Fan und ein hysterischer Japaner
Nach dem Gespräch fragte mich ein älterer Fan, wieso ich nicht mitgeschrieben hatte. Doch das war nicht notwendig. Kein Wort verließ meine Gedanken. Und ein paar Wochen danach passierte noch eine weitere kleine Episode, die einer kurzen Anekdote würdig ist.
Ich fuhr auf Urlaub nach Barcelona und kam bei Nachts am Strand mit einem sehr freundlichen Japaner ins Gespräch. Nachdem ich meine Herkunft Preis gab, überschlug sich erstmals seine Stimme. „Graz? Da war unser Ivica Osim sehr erfolgreich. Da lebt er doch nun?“ Seinen Eindruck konnte ich ihm nur bestätigen und machte ihm klar, dass Ivica Osim unser sei. Als ich ihm anschließend von meinem Gespräch mit dem ehemaligen japanischen Teamchef erzählte, hatte ich augenblicklich einen hysterischen gut 40-Jährigen Mann vor mir, dem ich in jeglichem Detail den Gesprächsverlauf schildern musste.
Nun erzähle ich diese Geschichte ein zweites Mal.
Eine Sturm-Geschichte von Fabian Zerche
Sturm12.at ist ein privates und unabhängiges, journalistisches Medium, das seinen Fokus auf die Berichterstattung über den Fußballklub SK Sturm Graz gerichtet hat. Gegründet wurde Sturm12.at am 20. Februar 2009 von Christopher Houben und Julia Wendl. Das Hauptaugenmerk der Arbeit bei Sturm12.at liegt auf der tiefgreifenden Analyse von Sturm Graz und des österreichischen Fußballs.
Auch wenn ich nicht dabei war, jagd es mir die Gänsehaut den Rücken runter :thumbup:
Ivica Osim ist wohl das größte, was Sturm Graz in seiner Geschichte bisher passiert ist und jemals passiert sein wird!
Ich habe ihn selbst einmal 2010 in einer Hotel-Lobby in Graz getroffen, er hatte gemeinsam mit dem japanischen Fernsehen die Spiele der japanischen Nationalmannschaft bei der WM 2010 kommentiert. In der Lobby saßen auch japanische Journalisten. Die Rezeptionistin wies uns darauf hin, dass es bis nach kurz vor Mitternacht dauern würde, bis Ivica Osim aus dem Zimmer kam, als wir sagten, dass wir warteten, fragte uns der japanische Journalist, ob denn Ivica Osim tatsächlich noch so eine große Persönlichkeit in Graz ist, er war ganz erstaunt, dass wir so lange auf ihn warten würden. Ich antwortete: “Ivica Osim ist eine Legende, seine Leistungen für Sturm Graz auf ewig unvergesslich!” (oder so ähnlich ^^).
So gesprächig ich vorher war, als Ivica Osim die Hotel-Lobby betrat, erstarrten wir alle in Ehrfurcht. Allein durch sein Auftreten, seine (körperliche) Größe hat man immensen Respekt vor ihm. Ich brachte kaum ein Wort heraus.
Für mich ist Ivica Osim die beeindruckenste Persönlichkeit, die ich jemals getroffen habe!
Danke für diese wunderschöne Sturm12-Geschichte!!!
Ab dem letzten Absatz hats mir die Gänsehaut aufgezogen
Dem kann ich nur zustimmen!
In der Geschichte von Sturm war niemand beeindruckender als Ivica Osim!!!!
Ivica Osim ist einer der größten Trainer, den die Welt je gesehen hat! Zu viel Aufmerksamkeit ist ihm aber nahezu peinlich. Ich kann mich da an ein Erlebnis erinnern. Meine bosnische Freundin und ich trafen Osim einmal, sprachen kurz, bald gesellte sich ein unbekannter Österreicher zu uns, der sich mit Osim über Fußball unterhielt und Osim philosophierte, in seiner Art, sehr ausführlich, so dass man ihm stundenlang zuhören könnte. Zum Schluss fragte der Österreicher, ob Osim ihm nicht ein Autogramm geben könnte. Osim überlegte kurz, sagte dann? “Wir sind doch keine Kinder mehr. Ich bin ein ganz normaler Mensch”. Diese Bescheidenheit macht ihn wirklich … mehr als besonders.
Toller Artikel. Vielen Dank, das Lesen hat mir sehr viel Freude bereitet.
Vielleicht ist’s nur die Weihnachtszeit. Aber der letzte Absatz hat mir die Tränen in die Augen getrieben. Großartige Kleinigkeit zu einer wahren Legende unseres SK Sturm Graz und vorallem des Fußballs im Allgemeinen.
Fabian, diesen Moment haben wir damals ja – wie in deinem Artikel angedeutet – gemeinsam erlebt. Danke für die schöne Erinnerung!
Tolle Geschichte Herr Kollege!
@ Sturm12 : Eine sehr schöne Reminiszenz von Herrn Zerche der das Charisma von Ivan sehr nett würdigt !! – Besonders auch den japanischen Anteil – man darf nicht vergessen , das japan. Medien ihn noch immer besuchen , also kein Vergleich zu Österreich .- Derzeit engagiert er sich ganz für den Präsidenten des bosnischen Fußballs um die Probleme mit der FIFA diplomatisch zu lösen ! Seine tröste Leistung mit Sturm für den österr. Fußball konnten die Dummköpfe des alten Sturmvorstandes leider nicht einschätzen & haben sich schäbig gegen diese große charismatische Persönlichkeit benommen !!–Danke Herr Florian Zerche ! @
Fabian Zerche, der Ordnung halber…