Kapitel 5

Der Pokal als Päckchen und Lavric statt Wodka

Bereits Wochen vorher stand fest, dass der 16. Mai 2010 ein ganz verheißungsvolles Datum zu werden schien. Gleich zwei Großereignisse fielen an diesem Tag zusammen und bescherten einen Mix aus Autofahren, Älter werden und Kärnten, gewüzt mit steilen Stiegen und Schnaps.

© SturmTifo.com 2010

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“Was hast du dir am Tag deines 18. Geburtstages gedacht?” - Volljährigkeit, Freiheit, legaler Konsum von Schnaps, Wodka & Co., Feiern, Unabhängigkeit, quasi vom Kind zum Erwachsenen, Verantwortung, seine eigene Frau sein, Party etc, so die Antworten meiner Freunde. Irgendwie logisch, würde ich meinen. Allerdings kam es bei meiner erreichten Volljährigkeit ganz anders, da ich an einem 16. Mai das Licht der Welt erblickt habe. Folglich wurde ich auch am 16. Mai 2010 ein Jahr älter, durfte in diesem Jahr sogar meinen 18. Geburtstag feiern. Nun, genau das hab ich auch gemacht – lediglich bereits an den Tagen zuvor. Denn schon am Vorabend meines Geburtstages herrschte Ausnahmezustand in meinem Kopf. Nein, nicht aufgrund des vorangegangenen Partymarathons, wie manche an dieser Stelle meinen würden, sondern wegen dem Cupfinale in Klagenfurt. Somit zählte an diesem 16. Mai 2010 nur, dass “mein” SK Sturm Graz ohne Zweifel siegen würde. Nicht die gewonnene Freiheit, oder die Tatsache, dass ich ab sofort und völlig legal Wodka & Co. konsumieren durfte, oder dass ich “erwachsen” geworden war. Es zählte nur dieser Sieg, mit dem ich auf ewig meinen 18. Geburtstag verbinden würde – zweifelsohne wäre das das schönste Geburtstagsgeschenk für mich. Eine Niederlage? War einfach ausgeschlossen. Hätte sich meiner Meinung nach auch nicht gut gemacht, so in Kombination mit meinem Geburtstag.

Happy Birthday to me
Und so war es selbstredend Pflichtprogramm an diesem 16. Mai 2010 nach Klagenfurt zu reisen. Ursprünglich wollte auch mein Bruder diesem Spektakel beiwohnen, er verbrachte den Vorabend allerdings mit Sushi – all you can eat und war infolge dessen nicht mehr einsatzfähig. Mama begrüßte mich am Morgen dieses Tages mit einem leicht angesäuerten “Alles Gute zum Geburtstag” – einfach deswegen, weil Papa und ich es uns in den Kopf gesetzt hatten, meinen 18er weit weg von der Familie zu verbringen, und weil sie Fußball nicht leiden konnte. Schon immer pflegte sie zu sagen: “Würdest du dich in Mathe nur ansatzweise so gut auskennen wie im Fußball, müsste ich keine Angst vor deiner Matura haben”. Äußerst charmant, wie ich fand. Und da ich meine mündliche Matura mit Mathe noch ausständig hatte, wurde ich auch an meinem Geburtstag mit diesem Thema belästigt. Mein Papa, ein waschechter Sturmfan dagegen, meinte lediglich, er freue sich schon sehr auf das Spiel…

Um 10 Uhr machten also nur wir beide uns auf den Weg von Oberösterreich gen Süden. Mitfahren wollte niemand meiner Freunde, sind ja alles Lask-Sympathisanten. Denn ja, richtig gelesen, ich bin Oberösterreicherin. Warum ich also keine Anhängerin von Lask, Vorwärts oder Blau-weiß geworden bin? Es ist ja nicht so, dass mich die dunklen Fußball-Mächte nördlich des Boßruck nicht gewollt hätten. Ganz im Gegenteil: Es wurde stets mit aller Vehemenz versucht, mich auf deren Seite zu ziehen. Allerdings siegte die Vorbelastung durch den Grazer Vater. Somit bin ich als wahre Sturm-Expertin im oberösterreichischen Kremstal verschrien, genau wie mein Bruder und mein Vater, und das inmitten dieser Lask-verseuchten Gegend. Doch wie dem auch sei, so tauchten eben nur Papa und ich um kurz vor 12 Uhr im Plabutschtunnel ein, da es im Vorfeld hieß, man solle spätestens zu Mittag von Graz aufbrechen, um noch relativ freie Bahn nach Klagenfurt zu haben. Von da an erspähten wir zahlreiche Autos Richtung Klagenfurt, allesamt ausstaffiert mit diversen Sturm-Fanartikeln, welche gut sichtbar an den Scheiben positioniert waren. Alles Gleichgesinnte, schoss es mir damals durch den Kopf. Und nach den Autokennzeichen zu urteilen, waren alle genauo verrückt wie wir. Von überall her schienen sie zu kommen – die meisten natürlich aus der Steiermark, aber auch welche von Oberösterreich, aus dem Raum Gmunden und dem Bezirk Braunau zum Beispiel. Es schien einer Pilgerreise wahrlich nicht unähnlich, dieses Szenario auf der A2.

Und so gelang es uns, die 336 Kilometer in der Fabelzeit von knapp über drei Stunden zu bewältigen, Papas grandiosem Fahrstil sei dank. Es blieb nur zu hoffen, dass wir in kein Radar hineingerast waren… Schlussendlich gelangten wir nach kleineren Umwegen, Irreführungen und so mancher Rätselraterei innerhalb der Kärntner Hauptstadt am Ziel dieser Fahrt an. Wir parkten neben einer in schwarz-weiß gekleideten Familie und kamen ins plaudern. So erfuhren wir, dass der kleine Junge Sturmfan sei und der Vater vormals der roten Plage angehörte. Aber seit deren Untergang und dem Buben zuliebe, habe er ein klein wenig die Seiten gewechselt. Wir wünschten uns noch viel Glück für die Partie.

Auf in den Kampf, Sturm Graz
Nach einem kleinen Imbiss beim Chinesen – Huhn mit Reis und Beerenschnaps – ging es in das Stadion, das seit Ende der Euro ’08 liebevoll “Geisterbude” ob der recht überschaubaren Fangemeinde des ortsansässigen Fußballvereins genannt wird. Die gespenstische Leere in den Rängen musste aber an diesem 16. Mai 2010 weichen und den rund 27.000 angereisten Sturmfans Platz machen. So auch einem Fan, der bereits einiges intus zu haben schien, krabbelte er doch nur noch auf allen Vieren die Stufen in den zweiten Rang hinauf. Aber Hut ab vor seiner Leistung, hätte ich in seinem Zustand nicht mehr geschafft. Denn die Betonstiegen in diesem oberen Rang waren unglaublich steil und schwer zu erklimmen, da hatte ich schon nüchtern wahrlich zu kämpfen… Es war somit vieles anders an diesem so besonderen Tag. Es lag etwas außergewöhnliches in der Luft, das spürte ich. Es schien einfach alles angerichtet zu sein für ein fußballerisches Märchen. Für ein Märchen an meinem 18. Geburtstag. Die Arena war voll bis zum Anschlag, die Kurve machte Stimmung wie nie zuvor und die Hauptdarsteller am Feld tauchten in ein schwarz-weißes Meer an Emotion. Und dann der entscheidende Moment, so wie er sich noch heute vor meinem geistigen Auge abspielt:

© SturmTifo.com 2010

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81. Minute. Ein langer Ball auf Mario Haas, der auf der linken Seite den Turbo zündet und in den Strafraum der Neustädter eindringt. Er täuscht zwei Gegenspieler und spielt im richtigen Moment einen gekonnten Pass auf Samir Muratovic, welcher zuvor in die Tiefe gesprintet war. Einfach unglaublich, wie blind sich die beiden Edeljoker zu verstehen schienen. An der linken Strafraumgrenze stoppt Mura den Ball, erblickt Klemen Lavric, der seinerseits vor der zweiten Torstange lauert, und macht einen gezielten Heber in dessen Richtung. Der Torgarant in schwarz-weiß setzt sich durch, bezwingt Goalie Saso Fornezzi und netzt per Kopf. 1:0 für Sturm. Für Graz. Für die 27.000 mitgereisten Fans. Und für mich. Das ganze Stadion steht Kopf, wird wie schon so oft verrückt und hüpft auf und nieder, so auch der obere Rang, der bedrohlich mitschwingt. Diese alles entscheidende 81. Spielminute…

Dieser Tag hat so vieles verändert. Ich wurde großjährig, ein Tag, den man die ganze Jugend hindurch herbeisehnt. Und ihn auf solch eine Art und Weise verbringen zu dürfen, war etwas ganz besonderes. Hätte ich die Chance dazu, ich würde jeden 16. Mai so verbringen wollen. Und das trotz dieser langen Autofahrt, nach welcher meine Beine komplett eingeschlafen waren, und trotz des nicht vorhandenen Geburtstagskuchen, denn sowohl meine Mutter als auch meine Oma waren tatsächlich ein klein wenig angefressen (aber keine Angst, am 17. Mai bekam ich ihn – zwar verspätet, aber doch – vor die Nase gesetzt). Ein neuer Lebensabschnitt hat somit für mich begonnen.
Aber auch für Sturm Graz. Denn nach dem finanziellen Niedergang und der Wiederbelebung in letzter Sekunde hat die Mannschaft das geschafft, was niemand für möglich gehalten hat: Der Gewinn eines Titels. Damit wurde ein Traum wahr, und das viel schneller, als man hätte erwarten dürfen. Immerhin lag der Konkurs zu diesem Zeitpunkt erst drei Jahre zurück.

© SturmTifo.com 2010

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Danke Papa, für die Fahrt von Linz nach Klagenfurt und retour: insgesamt 672 Kilometer, bewältigt in acht Stunden reiner Fahrzeit. Danke Klemen Lavric, für das Tor, das einen Traum hat wahr werden lassen. Danke Mario Haas und Samir Muratovic, das dieses entscheidende Tor überhaupt passieren konnte. Danke Sturm Graz, für meinen unvergesslichen 18. Geburtstag.

Heute wie damals
Erst unlängst habe ich wieder einmal mit meinem Vater über den 16. Mai 2010 geplaudert. Auf die Frage, was denn an diesem Tag so Besonderes gewesen sei, meinte er: “Cupsieg!” Und weiter? Nix weiter. Dass ich auch noch Geburtstag hatte, ist heute wie damals nachrangig. Erst kurze Zeit später kam ihm, dass ich ganz nebenbei auch 18 wurde…

Aber es sei ihm verziehen. Immerhin wurden wir Cupsieger und alles andere irgendwie zur Nebensache.

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Kommentare

Traum!! Tränen! Gänsehaut! Danke!

Toller Artikel…..

Auch bei mir viel die Matura damals recht ungünstig, nämlich einen Tag später. Deshalb bin ich freiwillig mit dem Auto gefahren. Aber was tut man nicht alles für seinen Verein.

und was hattest in Deutsch? ;)

Ja, sieht nicht gut aus mein Kommentar. Aber zu meiner Verteidigung, ich hab ihn mit dem Handy getippt. Sollte aber trotzdem nicht passieren…….
So hab ich wenigstens einen guten Vorsatz fürs neue Jahr: Weniger Rechtschreibfehler bei Sturm12-Kommentaren machen!!!

Ich hatte übrigens eine EINS in Deutsch! ;)

Toller Artikel Landsfrau! ^^
Ich assoziiere den Cupsieg auch immer mit meiner Matura, hatte nämlich damals einen Tag nach dem Finale die Schriftliche.
Jedoch kann ich mir nicht vorstellen, dass diese paar Stunden Autofahrt deine Füße so sehr strapaziert haben! ^^
Ist doch gar nichts! Was hätten deine Füße gesagt, wennst mit dem Bus z.B. nach Brüssel oder Turin gereist wärst? :D

Uh, genau einen Tag danach ist fies. Da hatte ich’s bedeutend angenehmer, hatte am Montag erst ab 10 Uhr meine erste Vorbereitungsstunde ;)
Tja, da wären meine Beine wohl endgültig in Streik gegangen. :)

12ter Mann says:

Gänsehaut pur für alle, die damals dabei waren. Für mich war’s der erste Titel, den ich live im Stadion miterlebt habe. Auch deshalb wird mir dieser Tag im Mai für immer in Erinnerung bleiben.

Auch für mich, war dieser Tag was Besonderes. Die schönste Auswärtsfahrt mit Kumpel nach Kärnten (in der Steiermark auch als Nordslowenien bekannt). Das Tor zum 1-0 durch Klemen ist weiterhin bildlich vor meinen Augen, genauso wie die prekäre Situation in Minute 5. Die Hinreise, das Spiel, die Feier, der ewige Marsch zurück zum Auto, aber vorallem der Autokorso über die Pack (ich glaub 1h für 5km) war der absolute Wahnsinn. Danke für das Auffrischen dieser schönen Erinnerungen!

stuermerchen says:

Kommentar gelöscht.

stuermerchen says:

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