Kapitel 8

Die Website, die niemals war

Drei Jahre Sturm12.at heißt es schon sehr bald. Blicken wir zurück, befinden wir: Das Produkt kann sich durchaus sehen lassen. Doch Einiges haben wir in dieser Zeit auf die Beine gestellt. Dieser Erfolgsgeschichte liegt allerdings ein heftigst gescheiterter Fehlversuch zu Grunde, der für die Geburt und vor allem das am Leben erhalten von Sturm12.at ein wesentlicher Erfahrungswert war.

© 2011 Sturm12.at (CH)

© 2011 Sturm12.at (CH)

Zwölf Sturm-Geschichten zur Weihnachtszeit zu erzählen, heißt auch Episoden auszugraben, von denen bisher nur ein sehr ausgewählter Personenkreis gehört hat. In diesem Fall geht es um die Geschichte eines gescheiterten Vorhabens, das dem Autor dieser Zeilen wohl so peinlich war, dass er beinahe sämtliche Beweisdokumente dazu vernichtet hat. Gleichzeitig sollte es aber – wie sich erst weit später herausstellen sollte – die so immens wichtige Erfahrungsgrundlage für die Internet-Plattform Sturm12.at werden.

Blicken wir zurück ins Jahr … wäre eigentlich ganz einfach … könnte ich mich tatsächlich noch ohne Recherche an die genaue Jahreszahl erinnern. Sommer 2003 – die glorreichen Zeiten, die die Schwarz-Weißen Ende der Neunziger unter Trainerlegende Ivan Osim feiern konnten, waren zwar noch lange nicht vergessen, die tatsächliche Sturm-Realität hatte mit ihnen aber definitiv nicht mehr viel zu tun. Statt Champions League-Euphorie mussten die Fans der Blackies längst wieder mit dem tristen Bundesliga-Alltag Vorlieb nehmen. Franco Foda hatte in seiner ersten Amtszeit als Sturm-Coach die Mannschaft zwar auf einen beachtlichen sechsten Tabellenplatz geführt, dennoch wurde er nach Ende der Saison 2002/2003 vom damaligen Vereinspräsidenten Hannes Kartnig durch den Schweizer Trainer und nunmehrigen Chefanalytiker im Schweizer Fernsehen Gilbert Gress ersetzt.

Ich selbst war nach Matura und absolviertem Präsenzdienst bereits im Sommer 2000 nach Wien gezogen, um dort mein Studium zu absolvieren (ja – für diejenigen unter Euch, die sich dieser Tatsache noch nicht vollständig bewusst waren – der Gründer von Sturm12.at ist tatsächlich ein in Wien lebender Steirer). Auch die – zugegebenermaßen nicht besonders große – räumliche Distanz zur steirischen Heimat sollte meinem Interesse für die schwarz-weißen Kicker aus meiner Geburtsstadt keinen Abbruch tun. Ganz im Gegenteil – Sturm wurde für mich zur einem knappen Gut, schließlich war es kein Selbstverständnis mehr, die Schwarz-Weißen Woche für Woche spielen sehen zu können.

Informationen über den Verein waren kurz nach der Jahrtausendwende – auch lächerliche 200 Kilometer entfernt – nur spärlich zu bekommen. Das Internet hatte zwar längst seinen grandiosen Siegeszug angetreten, steckte aber dennoch in den Kinderschuhen – kein Facebook, kein YouTube, kaum Sport-Plattformen, die mehr als die herkömmlichen Meldungen der Austria Presse Agentur zu bieten hatten. Und die APA kümmerte sich nur selten um das, was in Fußball-Graz passierte. Ohne Kleine Zeitung und Steirerkrone war man von Informationen zu Sturm Graz quasi abgeschnitten. Wären nicht immer wieder Freunde mit ihren Erzählungen in die Presche gesprungen, man wäre zwischen den Spielen wohl ausgehungert.

Genau an diesem Punkt wollte ich damals mit einer Gruppe von Freunden ansetzen. Frei nach dem Motto “Wenn es niemand anderer macht, dann machen wir es halt selbst” wollten wir zum Saisonstart 2003/2004 eine Internetplattform launchen. Einen Namen hatten wir längst gefunden. blackies.at hätte das Webportal heißen sollen. Ein redaktionelles Konzept war längst ausgearbeitet – zumindest glaubte ich das damals, schließlich hatte ich ja bereits alles im Kopf. Sogar einen Marketing-Plan hatten wir fertig in der Schublade. Fest von der Sinnhaftigkeit unserer Maßnahmen überzeugt, ließen wir sogar Aufkleber in großer Stückzahl produzieren. Stolze 411 Euro und 60 Cent sollte die Rechnung dafür ausmachen, doch die Sticker sollten niemals in Umlauf kommen … kein einziger von ihnen …

Was war passiert? Nicht viel, um an dieser Stelle brutal ehrlich zu sein. Außer einiger guter Ideen – einige davon waren für die damalige Zeit sogar durchwegs revolutionär (Blogs kannte damals noch niemand) – hatten wir keinen Plan, wie man so ein Projekt auf die Beine bekommt. Etwas unbedarft traf ich mich damals zwar noch mit dem Presseverantwortlichen von Sturm, um mich mit ihm über die Möglichkeit einer Fotoakkreditierung zu unterhalten. Seine Antwort war ein klares “Nein”, Begeisterung über unser Vorhaben war zu keinem Zeitpunkt zu erkennen.

Die Verantwortung für unser Scheitern dem Verein in die Schuhe zu schieben, wäre aber nicht nur viel zu einfach, sondern schlichtweg falsch. Wir hatten weder ein technisches Konzept – frei verfügbare Content Management Systeme zur inhaltlichen Pflege von Websites gab es damals schlichtweg nicht – noch die finanziellen Ressourcen, um zumindest ein paar Monate über die Runden zu kommen (oder wir hatten sie einfach allesamt für Aufkleber ausgegeben). Aber auch das hätte uns wohl noch nicht aufgehalten – vielmehr wurde uns zum Verhängnis, dass wir alle zu groß dachten und von Beginn an ein perfektes und vollständiges Portal auf die Beine zu stellen. Wir wollten alles. Und das sofort. Dass Qualität und Quantität gerade für Neulinge nicht sofort vereinbar sein würden, war irgendwie logisch, nur in unsere Köpfe wollte es damals nicht rein. Wenigstens siegte irgendwann die Einsicht, dass wir uns  mit  einem Launch wohl ziemlich lächerlich machen würden.

„Kleine Brötchen backen“ wurde dann fast sechs Jahre später zum Motto bei der Gründung von Sturm12.at. Eine Story – nicht mehr und nicht weniger – pro Woche war zunächst das erklärte Ziel. Ein Ziel, das wir allerdings nach einer Woche bereits wieder über Board geworfen hatten …

Eine Sturm-Geschichte von Christopher Houben

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Kommentare

ich hätt gern so eine blackie.at-sticker!

Ich auch – habe sie wohl alle in einer Frustaktion entsorgt.

gratugratulation zum bisher geschafften. auch von mir eine kleine geschichte: ohne den abgang von walter hörmann und eurem interview vor dem auswärtsmatch gegen altach, das in der österreichischen sportpresse häufig zitiert wurde, wäre ich wohl auch nicht so schnell auf eure seite gestoßen.

Verweigerer says:

Weiter so, Herr Houben! Die APA soll sich brausen gehen… :-)

12ter Mann says:

So viel Engagement, solch inovative Ideen und die Konsequenz, Ideen und Ziele zu verfolgen, vor allem aber die Eigenschaft, aus Misserfolgen und Fehlern etwas für die Zukunft zu lernen, das wünsche ich den Verantwortlichen bzw. dem Vorstand von Sturm Graz auch mal!
Herr Houben, der Vorstand könnte wohl noch viel von Ihnen lernen. Danke für einen Blick hinter die Kulissen.

Interessante Geschichte, erinnert mich an mein gescheitertes web 2.0 Projekt. ;) Aber eine Frage, warum zieht man zum Studieren von Graz nach Wien?

Gute Frage – damals war wir das auch nicht so klar. Im Nachhinein war es aber die vollkommen richtige Entscheidung. Studienrichtung, mehr Möglichkeiten an der Uni, …

weil zum beispiel einige studien in graz nicht angeboten werden, weil in graz halt alles ein bisschen kleiner ist…

Leute, es heißt “über Bord werfen”, mit einem Brettl hat das nichts zu tun, da muss ich in die Bresche springen, um ganz frech vorzupreschen ;-) Sorry! ;-)

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