Kapitel 10

Der Fußball, mein Sohn und der SK Sturm

Über einen grandiosen Derby-Sieg zur Stadioneröffnung. Über Kartengeschenke von einer netten Nachbarin. Über beginnende Verfallserscheinungen in Zeiten größter Triumphe. Und warum ich mein Herz (auch) an den Fußball verloren habe.

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Tagebucheintrag, 28.06.1997: Sturm – GAK ist bereits ausverkauft! Werde mit Robert wohl ein anderes Heimspiel besuchen müssen!

Tagebucheintrag, 08.07.1997: Morgen mit Robert zu Sturm – GAK ins neue Liebenauer Stadion! Ein Dank an Ute! Sehr nett!

Man schrieb den Juli 1997 und die Eröffnung des nagelneuen, sogenannten Schwarzenegger-Stadions in Liebenau stand vor der Tür. Grund genug für meinen sechsjährigen Sohn Robert – wie sein Vater überzeugter und leidenschaftlicher Sturmanhänger – seinen Herzenswunsch zu äußern, das erste Mal im Stadion mitfiebernd dabei zu sein. Der Papa wird es schon richten – ein Motto, das Sturm betreffend die Jahre bis zu seinem schon mit vierzehn beginnenden und von einem Fanclub stark mitgeprägten Loslösungsprozeß Geltung hatte – und wenn nicht er, eben eine nette Nachbarin, Gemeinderatsgattin und langjährige ORF-Mitarbeiterin. Ich hatte meinem Sohn zuliebe schon früh begonnen, mich um Karten für dieses besondere Spiel zu bemühen. Doch es war – siehe den Tagebucheintrag vom 28.06.1997 – nicht früh genug. Zwei Wochen lang versuchte ich alles – von fehlgeschlagenen Anstell-Exzessen über versuchte “Bestechungsversuche” bis zu unmoralisch hohen Angeboten an Freunde und Bekannte, damit sie mir zwei Eintrittskarten für dieses begehrte Spiel zur Stadioneröffnung abtraten – doch alle Versuche schlugen fehl. Die Enttäuschung unter den Mürzls war umso größer, da Sturm Graz nicht nur Vastic und Reinmayr länger an den Verein gebunden hatte, sondern mit den Neuzugängen Markus Schupp, Franco Foda, Tomislav Kocijan und Ranko Popovic den Anschein erweckte, Titelambitionen zu haben, und den zwei vorangegangenen Cupsiegen vielleicht doch einmal den Gewinn der Meisterschaft folgen zu lassen. Einen Tag vor dem Grazer Stadtderby zur Stadionpremiere hatten wir uns wohl oder übel damit abgefunden, nicht live im Stadion dabei sein zu können und einem letzten verzeifelten Versuch – der Bitte an die Nachbarin und ORF-Mitarbeiterin Ute ihre Verbindungen spielen zu lassen und so vielleicht doch noch zu Karten zu kommen – eigentlich keine Chancen gegeben. Als gelernter Österreicher und überzeugter Kritiker eines Systems der “Freunderlwirtschaft” und der “Verhaberungsdienstleistung” hätte ich es eigentlich besser wissen müssen und wäre letztlich nicht so überrascht gewesen, dass es eben auf diese Art und Weise doch noch klappen könnte. Am Vorabend des Stadioneröffnungsspieles hatten Robert und ich unsere Karten für das Derby: Sektor 7, Reihe 21. Der 9.Juli 1997 konnte kommen und wir zwei, Vater und Sohn Mürzl, waren live dabei um “unsere” Sturm-Mannschaft zu unterstützen. Und ja – dafür war ich bereit, ganz tief unter persönliche ”Anspruchslatten” durchzuschlüpfen, die ich ansonsten für alle Lebensbereiche so gerne einforder(t)e. Geschenkannahme hin, gefakte Kartengewinnspiele her…

Ein grandioser Derbysieg zur Stadioneröffnung

© der Plankenauer

© der Plankenauer

Das Spiel am 09.07.1997 selbst erfüllte alle Wünsche der seit fast einem Jahrzehnt (4:0 im alten Liebenauer Stadion im Oktober 1989) nach einem Derbysieg lechzenden Sturmknofel und geriet zu einem Traumabend für die Osim-Elf, die nicht nur dieses Spiel mit 4:0 für sich entscheiden konnte, sondern mit diesem Derby-Triumph zu einem Erfolgslauf ansetzte, der letztlich mit dem Gewinn des ersten Meistertitels in der Klubgeschichte gekrönt wurde. Vater und Sohn Mürzl hatten kaum die Diskussionen über die Mannschaftsaufstellungen abgeschlossen, als Roman Mählich nach knapp mehr als zwei Minuten den Ball nach Reinmayr-Vorarbeit ins von Franz Almer gehütete GAK-Tor spitzelte. Zu diesem Zeitpunkt ahnten wir zwei noch nicht, dass diesem Führungstreffer noch weitere wunderbare Sturm-Tore folgen würden. Bis zum Pausenpfiff war uns aber klar geworden, dass Trainer Osim hier ein funktionierendes Kollektiv gefunden und geschaffen hatte, wo ein Rädchen ins andere griff und das magische Dreieck Reinmayr-Vastic-Haas  so richtig aufblühen konnte. Da war etwas ganz Großes im Entstehen und ein Abstaubertor von Gilbert “Gili” Prilasnig und zwei Traumtore von Ivica “Ivo” Vastic ließen noch drei Mal ausgelassenen Sturm-Jubel ausbrechen. Und doch – trotz des triumphalen Erfolges waren in den Momenten größter Begeisterung schon Ansätze und Vorboten des späteren Verfalls zu erkennen und erspüren. Die großmannssüchtige Präsentation des eigenen Egos von Präsident Hannes Kartnig und die fast schon wahnhafte Selbstdarstellung als zunehmend der Maßlosigkeit zugetaner Klub-Impresario wurde hier erstmals, noch in ihren harmlosen Anfängen, sichtbar: Ein Hubschrauber brachte Models ins Stadion, Fallschirmspringer landeden mit dem Spielball punktgenau und der italienische Tenor Benito Fiorente schmetterte zur Freude Kartnigs und seiner einflußreichen Freunde Puccinis “Vincero”. Doch ich gebe es gerne zu: An diesem Abend standen der begeisternde Fußball, der wunderbare Sieg und ein unverwechselbares Stadion-Initiationserlebnis für eine ganz eigene Vater-Sohn-Fußball-Beziehung im Mittelpunkt.

Der Fußball, mein Sohn und der SK Sturm Graz

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Wieso habe ich mein Herz (auch) an den Fußball verloren? Wieso bin ich und sind meine Söhne Fans des SK Sturm Graz geworden? Möglicherweise weil ich (wir) hier etwas finden konnte(n), was in vielen anderen Lebensbereichen mehr und mehr verloren geht. Je heimatloser ich mich (gesellschafts)politisch fühlte, desto stärker wurde ich vom Fußball und der Kunst ( Musik, Literatur und Film in dieser Reihenfolge) angezogen und sie standen im Mittelpunkt (nicht nur) meiner Freizeit. Fußball war für mich immer mit einer Form von temporärer Gemeinschaft verbunden. Hier wurde über Berufs-, Gesellschafts- und “Normalitäts”grenzen hinaus in kleinen überschaubaren Gruppen Toleranz, Ehrlichkeit, Zusammengehörigkeitsgefühl und zeitgemässe Solidarität demonstriert und praktiziert, vom Haarlosen bis zum Spät-Hippie, vom Kiffer bis zum Alkoholiker, vom Arbeitslosen bis zum Rechtsanwalt, vom Lagerarbeiter bis zum Arzt, egal ob Mann oder Frau, Familienvater oder Single. Und obwohl sich der Fußball im Laufe der Jahre den allgemeinen gesellschaftlichen Entwicklungen nicht verschließen konnte und wollte, blieb ein Verein wie der SK Sturm Graz in seinen Grundzügen den alten Tugenden des Fußballs verbunden. Während der Fußball in vielen Bereichen seine “Seele” längst verloren hat und tatsächlich mehr und mehr zum kleinen, gleich üblen Abbild der großen Welt wird, hat ein Verein wie der SK Sturm Graz mit seiner Einbettung in unterschiedliche gesellschaftliche Gruppenprozesse (s) einen Zauber im Ansatz erhalten. Die Fans teilen viele Stunden ihrer Freizeit miteinander. Sie diskutieren, jubeln, singen und lachen zusammen. Sie trauern gemeinsam über eine Niederlage. Und sie teilen zum Großteil und im Wesentlichen grundsätzliche Auffassungen darüber, was Zusammenhalt und Toleranz heißt und wofür der Mensch ein Herz haben sollte. Auch deshalb bin ich Fußball- und Sturmfan geworden. Und freue mich sehr darüber, dass es auch meine Söhne geworden sind. Der eine mehr, der andere weniger. Und immer, wenn ich vor, bei oder nach Sturm-Spielen einen meiner Söhne treffe, empfinde ich eine besonders große Nähe zu ihnen. Es ist wohl kein Zufall, dass wir gemeinsam Fans des SK Sturm Graz sind.

Eine Sturm-Geschichte von Heimo Mürzl

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Kommentare

Danke! Wirklich sehr berührend, Herr Kollege! Ich komm heuer aus dem Heulen gar nicht mehr raus!

Das sind die Facetten die Fußball (und Sturm Graz) so interessant und besonders machen. Danke für die schöne Neujahrsgeschichte!

Bisher haben mir alle Geschichten sehr gut gefallen, aber diese ist einfach ein besonderes Highlight! Danke!

archaeopterix says:

Eine schöne Erinnerung an das legendäre Spiel & Beginn der Osim -Ära ! Ein gutes Neujahr .-

Tolle Geschichte! War auch mein erstes Sturmspiel live im Stadion! Meine Mutter hat mich zum ersten Mal mit Bekannten und Freunden mit ins Stadion genommen, und wir Kids, damals zwischen 10 und 12 Jahre alt, hatten unsere Gesichter mit den Vereinsfarben dekoriert….!

12ter Mann says:

Fantastisch geschrieben! Ich kann das Ganze nur allzu gut nachvolllziehen, auch mein Verhältnis zu meinem Vater definiert sich sehr über den Fußball und besonders über den SK Sturm Graz. Wir sehen uns auch nicht allzu oft und wenn dann meistens bei den Heimspielen. Von dem her kann ich diesen Text wirklich sehr gut nachvollziehen.
Und ganz besonders diese Passage finde ich einfach hervorragend beschrieben:
“Während der Fußball in vielen Bereichen seine “Seele” längst verloren hat und tatsächlich mehr und mehr zum kleinen, gleich üblen Abbild der großen Welt wird, hat ein Verein wie der SK Sturm Graz mit seiner Einbettung in unterschiedliche gesellschaftliche Gruppenprozesse (s) einen Zauber im Ansatz erhalten. Die Fans teilen viele Stunden ihrer Freizeit miteinander. Sie diskutieren, jubeln, singen und lachen zusammen. Sie trauern gemeinsam über eine Niederlage. Und sie teilen zum Großteil und im Wesentlichen grundsätzliche Auffassungen darüber, was Zusammenhalt und Toleranz heißt und wofür der Mensch ein Herz haben sollte.”
Genau so ist es!

la.mano.de.dios says:

fußball ist ein puzzle zusammengesetzt aus leidenschaft & emotionen, traditionen & werten und einer besonderen art des zusammengehörigkeitsgefühls, welches mich über jeden für sturm direkt oder indirekt ausgegebenen euro ohne reue zufrieden lächeln lässt

Ein sehr schöner Artikel, der auch gut und gern aus der Feder eines Herrn Hornby kommen könnte! Nur, die Prophezeiung des Untergangs unter dem Pomp im 97er-Jahr ist im Nachhinein natürlich leicht zu treffen. ;-)

Ich kann mich an das Match noch sehr gut erinnern. Sektor 13, kaum hingesetzt, da fiel schon das erste Tor, Vater und Brüder, alle in der Wolle gefärbte Rote waren zu Statuen erstarrt, und was da folgen sollte war eine Demonstration der Klasse, die ihresgleichen sucht. Eine Wahnsinnspartie!

saurons_mouth says:

danke @hm für diese erinnerungen, die ich leider selber nie machen durfte…
eines am rande: Puccinis “Vincero” ist die arie “Nessun Dorma”.. :)

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