Fußball. Das ist Leidenschaft, Stadionatmosphäre und wenn man auch noch Fan einer Mannschaft ist, dann heißt das vor allem mitfiebern. In meinem Fall mitfiebern beim SK Sturm. Dem Alter entwachsen, wo man Matchbesuche nur unter Aufsicht von Erwachsenen auf den Holzsitzbankerln in der Gruabn zugebracht hatte, zog es mich mit Freunden bald auf die andere Seite des Stadions, hinter die Trainerbänke, auf den Stehplatz. Der Samstagnachmittag gestaltete sich an Heimspielwochenenden immer rund um den 15:30-Termin am Jakominigürtel. Das lief meist in geregelten Bahnen. Schule, dann zum All-you-can-eat-Chinesen, der den Eltern eines Kollegen gehörte, und dann tunlichst danach trachten um circa 14 Uhr “unten” zu sein, damit man sich noch einen ordentlichen Platz sichern konnte. Das war dann speziell in der letzten Saison vor dem Umzug nach Liebenau relevant, als wahrscheinlich oft mehr Menschen in der Gruabn waren, als in der Tat Platz hatten.
In dieser Zeit waren Fußball und der SK Sturm vor allem eines: eine Passion. Man jubelte, schimpfte oder litt mit der Mannschaft. So ein Stadionbesuch verhielt sich im Grunde wie ein fast ausschließlich emotionsgesteuertes Erlebnis. Natürlich wurde auch über Fußball debattiert, davor und danach. Da wurde über den einen oder anderen Spieler diskutiert, ob nicht dieser oder jener besser wäre, ob dieser neue Goalie, Thomas Gill, denn nun ein Guter oder ein Fliegenfänger sei. Ob dieser Enzo Gambaro wirklich ein Fußballer sei oder nur zur Unterhaltung von Pepe Giannini das schwarz-weiße Dress überstreifte – unter der Trainingsjacke, denn eingesetzt wurde er kaum einmal. Aber im Zentrum stand das Spiel, die 90 Minuten auf dem Rasen. Da brachen alle Dämme, als die Osim-Schule schön langsam sichtbar wurde und der SK Sturm die Gegner teilweise an die Wand spielte. Oder man ärgerte sich über Provokateure wie Dietmar Kühbauer. Das Reagieren auf Geschehnisse auf dem Rasen und die dazugehörige Emotion, darum ging es jedenfalls.
Vom naiven Blick zur Veränderung des Zugangs
Das blieb zunächst auch noch so, als Sturm 1997 in das neue Stadion weiterzog. Es folgte der erste Titel, dann noch einer, und die allseits bekannten Europacup-Erfolge. Auch da waren es Emotion und Leidenschaft pur, man suhlte sich in der kollektiven Begeisterung. Auch als es dann begann bergab zu gehen, das “System Kartnig” den Verein nach und nach zugrunde richtete, war zwar ein komisches Gefühl dabei, welche Tragweite das alles noch haben würde, daran wurden keine strukturierten Gedanken
verschwendet. Auch aus einem Mangel an Wissen und Einblick heraus. Als es 2006 zum Zwangsausgleich kam, hatte ich zwar schon begonnen journalistisch aktiv zu sein, beschäftigte mich zunächst aber nur mit Themen abseits des Sports. Chronik, Wirtschaft oder Innenpolitik. Irgendwie konnte ich deshalb den Blick auf den Fußball und speziell Sturm Graz relativ “naiv” halten. Dazu hat sicher auch der Umzug nach Wien beigetragen, wo man von den Schwarz-Weißen einfach nicht mehr so viel mitbekam (was ja auch am Ende für die Gründung dieser Seite nicht ganz unerheblich war).
Erst 2008, mit der Gründung von Null Acht und meiner Mitarbeit ebendort, änderte sich das grundlegend. Plötzlich stand die intensiven, detaillierte und fachliche Beschäftigung mit meinem Lieblingssport im Mittelpunkt, wo es in Folge auch zum ersten Mal zu einer journalistischen Begegnung mit dem SK Sturm gekommen ist. Ziemlich zeitgleich, im Februar 2009, ging Sturm12.at online. Null Acht verschwand dann wieder, zumindest in gedruckter Form, Sturm12.at blieb. Und es veränderte sich der Zugang zum Verein des Herzens grundlegend. Nicht sofort und abrupt, aber schleichend und stetig. Nach und nach wurde es immer schwieriger, einem Spiel nur emotional und leidenschaftlich zu folgen. Je größer und ernsthafter Sturm12.at wurde, umso mehr Platz nahm dieses Projekt auch im Leben ein, auch wenn die berufliche Entscheidung gegen den Journalismus als Broterwerb, zumindest bei mir – gilt bei weitem nicht für alle Teammitglieder – schon längst gefallen war. Zuerst galten die Gedanken hauptsächlich den sportlichen Belangen. Ist dieser oder jener Mann der bessere rechte Außenverteidiger, ist die taktische Einstellung der Mannschaft die richtige oder haben die Wechsel von Coach Franco Foda etwas gebracht?
Der Schreiberling sitzt (fast) immer mit im Stadion
Schon klar, alles Themen, die mitunter auch beim normalen Stadionbesuch diskutiert werden. Der Unterschied ist, dass man als “reiner” Fan dann debattiert und überlegt, wenn man es will. Wir müssen das Gesehene zu Geschichten verarbeiten, damit es hier etwas zu lesen gibt. Zudem ist man in meinem Fall auch ständig auf der Suche nach dem nächsten Kolumnenthema. Das Ganze wurde noch ein Stück weit intensiver, als wir uns immer mehr auch mit komplexeren Themen im Bereich der Vereinsführung und auch bei Fanangelegenheiten beschäftigten. Je mehr Wissen und Einblick man ansammelt, desto schwieriger wird der rein emotionale Blick auf ein Fußballspiel der Blackies. Der “Schreiberling” sitzt immer mit im Stadion und durch die Arbeit zwischen den Spielen, die Interviews, Telefonate, Hintergrundanalysen, verliert man mehr und mehr die Fähigkeit nur noch Fan zu sein. Der Hebel lässt sich beim Anpfiff nicht auf Befehl umlegen, schon gar nicht, wenn man vom Spiel mit den Kollegen selbst berichtet. Der erworbene Einblick, vor allem die Baustellen und Ungereimtheiten, oder die Pflicht zu tickern oder den Spielbericht zu schreiben, verbauen einem sozusagen die Fansicht.
Aber manchmal ist sie noch da, die reine Emotion. Wenn etwa in Wiener Neustadt Samir Muratovic den Elfer reinhaut und man weiß, das war der Titel, das muss er einfach gewesen sein. Wenn es dabei den sturmaffinen Kollegen eines großen Internetportals, mit dem man das Spiel gemeinsam hinter dem Neustädter Tor vor den Spielerkabinen verfolgt, auf seinen Hosenboden setzt, weil sein Jubel ihn aus dem Gleichgewicht bringt. Oder wenn man dann eine Woche später nach Graz fährt, die Choreo “Eine Stadt brennt auf den Titel” sieht und den schließlich alles klar machenden Zwischenstand aus Wien hört. Dann fühlt sich das wieder so an wie damals, in der Gruabn, beim ersten Titel, in der Champions League. Zumindest kurz. Am Tag nach dem Neustadt-Spiel gingen die Wogen wegen der Manipulationsvorwürfe gegen Edin Salkic hoch. Da hatte sie einen auch schon wieder eingeholt, die “Journalistenbrille”. Und das ist auch gut so. Auch wenn man manchmal wehmütig zurückblickt, im Grunde gehen wir hier diesen Weg, weil wir es so wollen.



Sturm12.at ist ein privates und unabhängiges, journalistisches Medium, das seinen Fokus auf die Berichterstattung über den Fußballklub SK Sturm Graz gerichtet hat. Gegründet wurde Sturm12.at am 20. Februar 2009 von Christopher Houben und Julia Wendl. Das Hauptaugenmerk der Arbeit bei Sturm12.at liegt auf der tiefgreifenden Analyse von Sturm Graz und des österreichischen Fußballs.
Hm, die Dichotomie kommt mir raetselhaft vor. Heisst Fan sein nicht auch oft mal beobachten, analysieren und kritisieren? Zwar “wenn man will”, aber Sturm12 “will” ja auch, wie du schreibst. Und unter anderem will man wohl auch deswegen, weil hier ja saemtliche Autoren auch Fans sind. Ohne Fan-sein auch keine journalistische Arbeit hier… oder?
es geht dabei um das “sich verpflichtet fühlen”. man kann den “journalist” oft nicht wegblenden. und man denkt automatisch “die geschichte” mit. das fühlt sich dann anders an, verkürzt erklärt…
Ich kenne den Unterschied zwischen Fan sein und Journalist sein im Stadion nicht, ich war immer der selbe, nicht einmal Fan und dann wieder Journalist. Der größte Unterschied ist, dass man mehr zu tun hat und zwischendurch oft abgelenkt ist. Das Fan-sein auf reine Emotionalität zu beschränken, halte ich für extrem oberflächlich. Es gibt nicht nur Supporter im Stadion, sondern genügend Fans die ebenso fähig sind wie du, lieber JP, zu analysieren, auch ohne Journalisten-Brille.
P.S. Ein guter Journalist stellt immer das Geschehen in den Vordergrund, nie sich selbst.
danke, insieme – musste ähnliches denken.
Ich muss hier dem Kollegen Pucher Recht geben – klar, auch als Fan analysiert man, versucht das Fußballspiel als Ganzes zu betrachten und nicht auf Emotion zu beschränken – zumindest machen das viele Fans. Aber als Journalist ist man immer auf der Suche nach einer Geschichte, die ja jedes Spiel erzählt, und die dann weitererzählt werden will.
Guter Artikel. Ich kann das sehr gut nachvollziehen! Auch wenn man sich im Zuge seiner journalistischen Aufgabe – z.B. beim Livetickern – mit der Mannschaft und den anderen im Stadion über ein Tor freut. Primär geht es darum den Torablauf noch einmal vor sich ablaufen zu lassen um ihn dann niederzuschreiben. Wie kam das Tor zustande? Wer gab den Assist? Wer schoss das Tor? Eventuelle Patzer in der Abwehr? Hat sich der Tormann richtig verhalten? Ist man dann damit fertig ist auch der Jubel im Stadion größtenteils wieder verflogen und die Gedanken sind schon beim nächsten Tickereintrag.
Und an alle die immer nur über JP herziehen anstatt konstruktive und objektive Kritik zu äußern: bewerbt euch doch bei Sturm12.at und macht es besser!
Seid ihr Sturm12 Journalisten eigentlich alle selbst selbständig gemacht und habt Sturm12 einfach mal gegründet oder habt ihr auh Abschlüsse dafür? Und wie/wo seid ihr angestellt? Woher kommt das Gehalt und wie viel denn eigentlich?
Im Team gibt es einige, die auch beruflich als Journalisten arbeiten – andere nicht. Es gibt mehrere Redakteure, die eine journalistische Ausbildung (teils sogar akademisch) abgeschlossen haben – andere nicht. Sturm12.at ist ein durch und durch zusammengewürfelter Haufen und funktioniert genau deswegen auch weiter über das Projekt hinaus. Und Geld kassiert dafür natürlich kein einziger Redakteur. Wir sind froh, im Moment dank Werbeeinnahmen aber auch dank eurer Spenden kostendeckend arbeiten zu können.