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Mo's Corner

Kluger Leader oder zögerlicher Blender?

Die ersten 43 Tage von Neo-Präsident Christian Jauk. Ein smarter Macher kämpft um sein Image. Und ein Verein um den richtigen Weg. Eine erste Bestandsaufnahme.

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Bevor man sich der Kür – Stadionumbau, Sky-Boxen, Vergrößerung des VIP-Klubs und ähnliche Visionen – widmet, sollte man nach bestem Wissen und Gewissen seine Pflicht erfüllen. Der neue Sturm-Präsident Christian Jauk weiß das. Auch der mit vielen Vorschußlorbeeren bedachte Hoffnungsträger vieler Sturmsympathisanten wird daran gemessen werden, ob er in der Lage ist, vollmundige Ankündigungen auch entsprechend umzusetzen.

“Glück bedeutet, Gelegenheit trifft Vorbereitung.”
– Seneca

“Wir brauchen auch im Fußball eine moralische Diskussion.”
– Christian Jauk

“Es werden teilweise drastische Sparmaßnahmen sein, aber für eine möglichst große Eigenständigkeit der Fußballgesellschaft sind sie unumgänglich.”
– Dieter Schneider, Präsident von 1860 München

“Ich weiß, das klingt alles sehr kompliziert.”
– Fred Sinowatz

“Wir wollen den richtigen Mann finden. Da kommt es auf 14 Tage nicht an. Wir haben ja keinen Zeitdruck.”
– Christian Jauk

Der Großteil der Sturmfans war sich nach der Generalversammlung am 17. Jänner 2012 einig – Christian Jauk ist der richtige Mann an der Spitze dieses Traditionsvereines und ihm ist es zuzutrauen, den Verein auf gesunde wirtschaftliche Beine zu stellen. Jauk wird es in Zusammenarbeit mit Vorstand und Aufsichtsrat gelingen, auf den vereinsspezifisch rechten Weg zurückzukehren und so auch zu den richtigen Werten, die den Verein so unverwechselbar mach(t)en. Nach 43 Tagen ist es an der Zeit, eine erste Zwischenbilanz der Präsidentschaft Jauk zu ziehen.

Konzepte und Karriereplattform
Christian Jauk und sein Team traten mit dem Versprechen einer Neustrukturierung und Professionalisierung des SK Sturm Graz an und nannten das Austria-Wien-Modell der geteilten Geschäftsführung als Vorbild. Das Tagesgeschäft solle die Aufgabe der zwei Geschäftsführer sein, einer für den wirtschaftlichen Bereich, einer für den sportlichen, dem Präsidenten und dem Vorstand bliebe die wichtige Rolle der Hintergrundarbeit als Kontrollorgan mit repräsentativen Aufgaben. Die ersten Schritte waren schnell getan – mit Dr. Stefan Fattinger,  einer der Baumeister der Rettung des SK Sturm Graz im Jänner 2007, holte Jauk einen Experten für die so wichtige Frage der Ausgliederung und Umwandlung des Profibetriebes in eine Wirtschaftsbetriebe-GesmbH an Bord, mit Christopher Houben als wirtschaftlichem Geschäftsführer wurde eine unkonventionelle und mutige Personalentscheidung getroffen, die bewies, dass der neue Präsident gewillt ist, seine Ideen und Visionen als Präsident mit Gestaltungswillen auch umzusetzen.  Jauk betonte zu Beginn seiner Präsidentschaft, dass man nicht zwanghaft nach großen Namen suche, sondern einen Mann mit Konzept und dem unbedingten Willen mit und bei Sturm Graz etwas erreichen zu wollen. Jauk vermittelt bisher aber auch glaubhaft, dass er weiß, dass der gewünschte Erfolg nur über eine klare und strukturierte Aufgabenverteilung zu erreichen ist. Präsident und Vorstand mit der Verbindung zu Politik und Sponsoren (Stichwort: “Networking”) und Repräsentationsaufgaben, Christopher Houben als wirtschaftlicher Geschäftsführer für den geschäftlich-administrativen Bereich und der noch zu findende sportliche Geschäftsführer in Zusammenarbeit mit dem Trainer für den sportlichen Bereich. Es ist zu hoffen, dass die neuen Geschäftsführer mit den erforderlichen Kompetenzen, notwendigen Freiheiten und der erwünschten Rückendeckung ausgestattet werden und nicht vom Vorstand gnadenlos für deren Zwecke instrumentalisiert werden.

Doch wie es scheint, gelingt es Christian Jauk bisher die ihm so wichtigen Begriffe Tradition  und Emotion inhaltlich aufzuladen und in zeitgemäße moderne organisatorische Formen zu gießen und ein Gegensatzpaar wie es Fußballverein und Wirtschaftsunternehmen nun einmal darstellen stimmig unter einen Hut zu bringen. Der vom Neo-Präsidenten gerne gebrauchte Begriff der “Karriereplattform Sturm Graz” trifft aber nicht nur auf den ambitionierten jungen wirtschaftlichen Geschäftsführer Christopher Houben zu, sondern meint auch eine Art Rückbesinnung auf eine Vereinsphilosophie, jungen, steirischen und österreichischen Talenten eine sportliche Heimat zu bieten und eine Chance zu geben. Wieder, und mehr als das in den letzten sportlich erfolg-, aber wirtschaftlich risikoreichen Jahren der Fall war.

Kardinalfrage mit Signalwirkung
Christian Jauk weiß ganz genau, dass die Andersartigkeit im Fußballgeschäft, das Alleinstellungsmerkmal eines Fußballvereines – Christian Jauk würde wohl vom unique sales point sprechen – ein sehr wichtiger Faktor für die Positionierung des Vereines als unverwechselbare Marke ist und auch viele Personalentscheidungen unter diesem Gesichtspunkt zu betrachten sind. Ein professioneller Vereinskörper mit sympathischem Antlitz schwebt dem Sturm-Präsident vor, wirtschaftlich auf soliden Beinen stehend, sportlich wettbewerbsfähig, aber auch die Rolle und Funktion als sozial-integrative Kraft und gesellschaftlich-kulturellem Wert wahrnehmend. Dieser Wunsch gleicht einem schwierigen Balanceakt und doch ist man versucht, Christian Jauk die Umsetzung zuzutrauen.

Die noch offene Besetzung des Postens des sportlichen Geschäftsführers wird wohl zur ersten Nagelprobe für den starken Präsidenten und sein Kabinett. Christian Jauk hat mit der Bestellung von Christopher Houben zum wirtschaftlichen Geschäftsführer Mut bewiesen und betonte auch im Zusammenhang mit der Suche nach einem sportlichen Geschäftsführer immer wieder, dass man einen qualifizierten Mann suche, der Feuer entfacht und mit Feuer und Eifer bei der Sturm-Sache ist. Dass er auch bereit sein muss, den Weg der “Karriereplattform Sturm Graz” mitzugehen und Sturm Graz wieder zu einem sportlich erfolgreichen, wirtschaftlich soliden UND sympathischen Konsensklub zu machen, sollte klar sein. Die Bestellung des sportlichen Geschäftsführers hat auch dahingehend Signalwirkung, weil Christian Jauk immer wieder betont, dass auch die Trainersuche in erster Linie zu dessen Aufgaben gehöre.

So bleibt es spannend. Spätestens in 14 Tagen sollten erste Antworten möglich sein – wie der sportliche Geschäftsführer nun heißt und ob Christian Jauk eher als kluger Leader oder als zögerlicher Blender zu gelten hat. Die in den “Hausblättern” publizierten angedachten Lösungen a la Franco Foda in einer Doppelfunktion Sportdirektor/Trainer würden auf zweiteres hindeuten. Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass ein kluger Leader und visionärer Macher Werte wie Loyalität und Teamwork nicht ganz oben auf seiner Prioritätenliste stehen hat und Auffassungsunterschiede in der Akademiefrage ( Kooperation mit der HIB-Liebenau)  oder bei der Absetzung/Demissionierung von Ex-Jugendleiter Alfred Werner ganz vergessen sind.