Taktikkommentar

Die Fehler, aus denen Sturm nicht lernte

Schwarz-Weiße Missstände spielerischer Natur. Probleme im Kombinationsspiel ein starres System, eindimensionaler Druckaufbau und eine Wiederholung von Fehlerketten. Was bei Sturm falsch läuft: Sturm12.at mit dem Taktikkommentar.

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Einen Artikel nach der Fertigstellung mit einer treffenden Überschrift zu garnieren, ist nicht immer die leichteste Aufgabe. So manche große Tageszeitung lässt sich diese Dienste für viel Geld von Fachleuten erledigen. Vergangenen Sonntag-Nachmittag lieferte mir der SK Sturm bei seiner unzulänglichen Leistung gegen die Admira viel Material. Die Grazer offenbarten, nicht zum ersten Mal in dieser Saison, eine unübersichtlich große Menge an Defiziten auf allen Positionen.

Wo er Recht hat…
ORF-Kommentatoren konnte ich bis dato noch nicht oft kopfnickend Recht geben, seit dem ich Fußball verfolge. Aber Thomas Königs resignierendes „das ist alles ganz schrecklich was Sturm hier liefert. Ganz schrecklich“ in Minute 73 verursachte bei mir eine noch nie dagewesene Solidaritätsbezeugung. „Untauglich an Mittel und Methode“ rundete die Analyse der österreichischen Teilzeit-Kommentatoren-Koryphäe treffend ab. Aber nun meine Worte.

Zu gut konnte sich Franco Foda an die schockierende 2:4-Niederlage in der Südstadt Anfang dieser Saison erinnern. Konter um Konter rauschte durch die lethargische Abwehr der Grazer. Die schnellen Issiaka Ouedraogo und Philipp Hosiner fanden ein ums andere Mal ihren Weg durch die klaffenden Löcher in der Defensive. In weiser Voraussicht stellte Foda die Innenverteidigung um. Statt dem hüftsteifen Thomas Burgstaller brachte der Deutsche Dominic Pürcher in die Startaufstellung. Zum erst fünften Mal in dieser Saison.

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Ansonsten blieb das System im Vergleich zur peinlichen Heimpleite gegen Wiener Neustadt unverändert. Am Papier ein flaches 4-4-2 à la Franco Foda. Jedoch gab Darko Bodul von Minute eins den verlängerten Arm des Mittelfeldes. Die Überzahl im Mittelfeld war jedoch nur numerischer Natur. Statt Andreas Hölzl durfte sich diesmal wieder Patrick Wolf versuchen. Diese defensiv ausgerichtete Aufstellung sollte das Kombinationsspiel der spielstarken Admira im Mittelfeld unterbinden und den ersten Sieg im dreizehnten Auswärtsspiel ermöglichen. Doch die Grazer scheiterten erneut.

Aus den Fehlern nichts gelernt, Chancen Mangelware
Und das nicht nur wegen spielerischer Defizite. Auch, weil Sturm nichts aus seinen Fehlern gelernt hat. Nicht nur einmal entwischten die flinken Stürmer der Südstädter und bahnten ihren Weg frei Richtung Tor der Grazer. So resultierte auch das 1:0. Die Innenverteidigung schlief, Ouedraogo entkam, Silvije Cavlina verschätze sich beim Herauslaufen und verursachte einen Freistoß aus gefährlicher Position. Daniel Toth nimmt sich diesem an, bringt den Ball aufs Tor und der Schlussmann patzt erneut. 1:0. Eine Fehlerkette der besonderen Art. Eklatante Gebrechen im Spielaufbau, während selbiges bei der Admira außergewöhnlich einfach aussah – das schmerzte. Die Mannschaft von Dietmar Kühbauer musste nicht konditionsaufwändig gegen den Ball arbeiten. Sturm gab das Spielgerät von selbst zurück in die Reihen des Gegners.

Drei Minuten später bekommt Sturm die Möglichkeit auf den Ausgleich. Florian Kainz wird gelegt und Imre Szabics scheitert jämmerlich an Admira-Tormann Tischler. Acht Stunden wartet der SK Sturm nun schon auf einen Torerfolg. Ein Moment, der mir sofort das Gespräch mit Admira-Stürmer Issiaka Ouedraogo in den Sinn rief. Bei Sturm ist das aktuell Unglück. Pech. Der Ball will nicht ins Tor. Da mangelt es an der Chancenverwertung.“ Dass es sich jedoch nicht nur um Pech handelte, bewiesen die Grazer in den verbleibenden Minuten eindrucksvoll. Spielerisch ging in Halbzeit eins wenig bis gar nichts. Sturm konnte kaum Chancen kreieren. Im Mittelfeld wurden Bälle vertändelt und viele ungeschickte Zweikämpfe führten zu Freistößen für die Südstädter. Wie ungeschickt das Zweikampfverhalten wirklich war, zeigte der dafür repräsentative Elfmeter der Admira, welcher zum verdienten 2:0 führte. Christian Klem zieht im Strafraum unbeholfen an Seebacher, Andreas Schicker verwandelt den folgerichtigen Elfmeter.

Wirkungslose Änderung zur Pause
Wieder konnte Sturm nicht agieren, sondern musste reagieren. Wie auch schon beim Halb zeitrückstand gegen Wiener Neustadt vergangene Runde wechselte Franco Foda zur Pause erneut. Für die blasse hängende Spitze Darko Bodul kam Srdjan Pavlov. Dietmar

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Kühbauer reagierte auf diesen Wechsel, verletzungsbedingt oder nicht, und brachte für den 1, 80 Meter kleinen Innenverteidiger Windbichler den um zehn Zentimeter größeren Daniel Drescher, womit Franco Fodas Versuch schon im Keim erstickt wurde. Der Wechsel im Sturm änderte nichts am Gesamtbild: Die beiden Spitzen bewegten sich nach wie vor schlecht, boten sich unzureichend an und konnten weder füreinander, noch für die selten nachkommenden Mittelfeldspieler Räume schaffen.

Säumel und Weber bewegten sich zwar erwartungsgemäß viel, strahlten aber zu wenig Kreativität aus. Bei zu wenig Kreativität und einem mangelhaften Flügelspiel gehen die Optionen aus. Sturm Graz operierte daraufhin vorwiegend mit langen Bällen, das Kombinationsspiel kam in keiner Phase ins Rollen. Wie schon in den vergangenen Wochen konnte Sturm den Ball kaum über drei Stationen en Suite zirkulieren lassen. Die Admira stellte das Fußballspielen ein und versetzte sich in Lauerstellung. Die große Angriffswelle wurde aber vergeblich erwartet. Sturm hatte nun zwar die Möglichkeit zu spielen, dieser Umstand verdeutlichte aber umso mehr die gravierenden Mängel im Aufbau- und Umschaltspiel.

Eindimensionaler Druckaufbau
Und wie auch schon in der vergangenen Runde an dieser Stelle festgestellt, verdeutlichte sich das Phänomen, dass Sturm in einer Halbzeit immer nur über eine Seite Druck aufbauen kann. So war es im ersten Durchgang die linke Seite über Kainz. Im zweiten Durchgang versuchten sich die Grazer ausschließlich über Wolf, welcher die andere Seite beackerte. Eine Tatsache, die Sturms Offensivspiel um einen weiteren Faktor ausrechenbarer macht.

Da Joachim Standfest es nicht vermochte, das Angriffsspiel zu unterstützen und Patrick Wolf an sich selbst und dem Gegenspieler scheiterte, musste Franco Foda reagieren. Erneut nur im Foda’schen 4-4-2-System. Andreas Hölzl nahm positionsgetreu den Platz von Wolf ein. Aber das Spiel von Sturm war tot. Die erste „Chance“ verzeichneten die Grazer in Minute 72, als Jürgen Säumel das Dach des Mödlinger Kirchturmes anvisierte. Mit Erfolg, das Tornetz blieb unversehrt.

Wieder geht mit Haas eine Seite verloren
Wie schon im Spiel gegen Wiener Neustadt erlag Franco Foda anschließend erneut dem selben Fehler, wie schon vor einer Woche. Während Dietmar Kühbauer mit dem jungen, dynamischen Philipp Hosiner frisches Blut für den Angriff brachte, griff Franco Foda auf alt, aber lange nicht bewährtes Material zurück. Anstatt die verwaiste linke Seite zu stärken, nahm er sie durch die Hereinnahme von Mario Haas für Florian Kainz vollkommen aus der Partie. Haas konnte erneut keine Impulse setzen, verschleppte  von Zeit zu Zeit das Spiel. Imre Szabics, der auf links rückte, konnte an einem für ihn ungewöhnlich schwachen Tag die Lücke nicht schließen. Dem Spiel der Grazer fehlte nun die Zuordnung. Eine genaue Aufteilung war nur schwer auszumachen. Die Außenverteidiger hielten wie erstarrt ihre Positionen, die (nominell) drei Angreifer hingen in der Luft.

Auflösungserscheinungen in schwarz-weiß
Die sich wie ein roter Faden durch das ganze Spiel ziehenden Auflösungserscheinungen wurden 30 Minuten vor Schluss auf die Spitze getrieben. Zwei Mal konnte ein Admiraner der Grazer Abwehr entwischen, verschonte diese aber vor einem Debakel. Sturm nahm die Niederlage hin, nicht einmal zu einem obligatorischen Frustfoul ließen sich die Spieler hinreißen. Die elegisch anmutenden Trompeten im Hintergrund rundeten das Trauerspiel ab. Auch im13. Auswärtsspiel gelang Sturm kein Sieg.

Um eines festzuhalten: Die vorhin aufgezogene Fehlerkette zieht sich nicht nur durch das taktische Grundverhalten. Auch Fehler in der Kaderplanung sind mitverantwortlich für das aktuelle Leistungsvermögen der Sturm-Mannschaft. Um das Argument “Meisterschaft” in der vergangenen Saison im Keim zu ersticken: Einerseits war die Liga ausgeglichen schwach und Sturm auch mit dem Glück des Tüchtigen bedacht, andererseits dirigierte aus der Abwehr ein gewisser Gordon Schildenfeld das Tempo im Spielaufbau.

Fazit: Gludovatz, Kaderplanung, Trainerbestellung
Wirft man einen Blick auf die aktuelle Kadersituation, wird schnell klar, wo ein weiteres Problem liegt – kreative Spieler sind Mangelware. Vor allem in der Defensive. Angefangen bei einem (zwar soliden) Cavlina, der den Ball lieber ins Niemandsland bugsiert als ihn im Spiel zu halten, über eine Abwehr deren Stärke ausschließlich in der Rückwärtsbewegung liegt. Moderner Fußball verlangt Außenverteidiger, die sich ins Offensivspiel einschalten und Innenverteidiger, bei denen das Angriffsspiel seine Wurzeln schlägt. Grundvoraussetzungen für einen Systemwechsel.

„Ich weiß nicht, ob es besser wird, wenn es anders wird. Aber es muss anders werden, wenn es besser werden soll“, meinte Georg Christoph Lichtenberg.

Es muss anders werden. Und es muss besser werden. Spätestens der nächste Übungsleiter wird nicht daran vorbei kommen, die Spielanlage an internationale Maßstäbe anzupassen. Situationsbezogenes Pressing findet bei Sturm in keiner Phase statt. Ein Attribut, dem fast die gesamte Bundesliga nicht gerecht wird. Vereine wie die nicht ganz so graue Maus aus Niederösterreich oder die SV Ried zeigen, was auch mit geringen Mitteln und akribischer Arbeit möglich ist. Weg vom reaktiven, passiven Fußball. Die Bestellung von Paul Gludovatz, der sich nie zu schade war neue Wege zu beschreiten, als sportlicher Geschäftsführer ist ein Schritt in die richtige Richtung.

Eine zielgerichtete Kaderplanung sowie die Bestellung eines fachlich gut geschulten Trainers mit dem nötigen theoretischen Wissen à la Markus Schopp oder Darko Milanic muss folgen. Auch wenn sich unter Letzterem in Sachen Systemfrage nichts ändern dürfte. Darko Milanic vertraut bei NK Maribor ausschließlich auf ein 4-4-2 mit einer defensiv ausgerichteten Doppelsechs und zwei offensiven Flügelspielern im Mittelfeld und aktiv agierenden Außenverteidigern. Von dieser Formation wich Milanic auch nicht ab, als der Underdog in der Europa League auswärts bei Braga (1:5), Glasgow (1:1), Birmingham (0:1) oder Brügge (0:2) antrat.

Ein Kommmentar von Fabian Zerche

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Fabian Zerche (fz)

Seit Juli 2009 Bestandteil des Sturm12.at Teams. Blutjung wurde er Mitte der 90er Jahre auf den Sportklub Sturm aufmerksam. Es war Liebe auf den ersten Blick, die bis heute ungebrochen anhält. Die eigene Fußballkarriere war nie von großem Talent gesegnet und so versank Fabian Zerche in Spielerstatistiken, den virtuellen Transfermarkt im Web 2.0 und das soziale sowie gesellschaftspolitische Phänomen der Fankultur. Vom Sektor 25 wechselte der audiophile Idealist in den 26er - und seit dem Wechsel in den Norden des Stadions ist er nun im 10er Sektor anzufinden. Fabian Zerche textet für sport10.at, ist Redakteur des offiziellen Klubmagazins SturmEcho und Datenpfleger des SK Sturm auf Transfermarkt.at. Hat sich vorgenommen, ab und an zu twittern. Neues Métier. -> @FabianZerche



Kommentare

mautner-markhof says:

abgesehen davon dass klem nicht schicker sondern einen andere gefoult hat > eh egal < wieder sehr richtig was hier steht. allerdings ist nach so einer gesamtleistung ein taktik-kommentar auch irgendwie .-.. hmmm schwer??? weil wenn keiner in normalform agiert, is das alles ja noch viel schlimmer. es bestätigt natürlich die vorjahresvermutung mancher: letzte saison war überform und glück. beides ist dieses saison abwesend … dann schaut auch genau das was wir am sonntag gesehen haben dabei raus.
systeme mit zwei ketten sind – so vorgetragen wie es mainzer feldherrenart ist – nicht zeitgemäß. und man könnte ja auf den blog zur wr.neustadt-niederlage verlinken. da steht viel ähnliches.
mögen des autors wünsche nach AVs moderner prägung auf offene ohren der neuen sport-verantwortlichen stoßen …

Stimmt, Seebacher war es. Das hat man davon, wenn man dem Sturm12.at-Ticker Glauben schenkt ;)

sektor19 says:

“Es muss anders werden. Und es muss besser werden. Spätestens der nächste Übungsleiter wird nicht daran vorbei kommen, die Spielanlage an internationale Maßstäbe anzupassen. Situationsbezogenes Pressing findet bei Sturm in keiner Phase statt. Ein Attribut, dem fast die gesamte Bundesliga nicht gerecht wird.”
Perfekt und richtig formuliert. Zum allgemein guten Beitrag auf Sturm12 haben es diese Sätze am meissten in sich.

archaeopterix says:

In diesem Artikel sind die beschriebenen Mängel schon eher 2 dimensional ! Ich möchte hier schon oft angesprochene grundsätzliche Mängel ansprechen : wenn wir schon 6 Stürmer haben , aber keine Tore machen, müßte man wenigstens 3 aufstellen mit 3 4 3 etc. – 2. Von 10 einwürfen gehen 7 zum Gegner !!? – 3. Wir haben zu wenig Kopfballspieler ! – 4. Wir spielen 70% Fehlpasses & bringen so kaum den Ball über 3 Stationen !! Das Zeikampfverhalten ist eine Katastrophe, von pressing etc. Haben wir noch nichts gehört ! Auch von Kampfgeist nichts !!- 5. Weber hat den besten Weitschuß, warum schisst er nur 1x im Jahr aus Tor ?? Bodul gehört in die Sturmspitze, da er auch einen Hacken machen kann & aus jeder Lage einen kondolierten Torschuß zusammenbringt ! Er Mus exakt angespielt werden; im Mittelfeld verpufft seine Wirkung !!!- 6. Nach solchen verschlafenen Leistungen muß Foda rigorose Konsequenzen zeigen und sofort neuen Spielern die kampfbereit sind eine Chance geben, auch wenn wir wieder verlieren sollten !!! Ansonsten will FF nur beweisen wollen, das seine Aufstellung die richtige ist und nur die Spieler nicht wollen oder können ……

1.) 6 Stürmer, von denen nur 5 fit waren, einer keine Bundesliga-Qualität aufweist, eine Legende die ihren Zenit nicht nur leicht ankratzt sondern vermutlich wohl überschritten hat und einen der vom Trainer ignoriert wird, nach seiner Ablöse wird man sehen ob zurecht. Bleiben zwei übrig, einer davon ist komplett von der Rolle und beim anderen ist immer die Frage ob er gerade Lust aufs Kicken verspürt.
2.) Indirekt wohl auch ein Zeichen für die fehlende Laufbereitschaft.
3.) Für das System auf jeden Fall. Eine Option wäre einfach flach spielen.
4.) RIchtig. Das Spiel ohne Ball gehört auf jeden Fall forciert.
5.) Weber hat leider die Angewohnheit “unterzutauchen”, nicht unbedingt die beste Eigenschaft. Wenn man weiterhin nur hohe Bälle in den Strafraum drischt, dann wird Bodul als Sturmspitze auch verhungern und wäre verschenkt, generell natürlich richtig.
6.) Wenn der Eindruck des “gegen den Trainer spielen” korrekt gewesen ist, dann hat die Mannschaft ihren Willen jetzt ja bekommen und sollte plötzlich wie verwandelt auftreten. Die Frage ist nur wie weit man dann auf solche Spieler in Zukunft bauen sollte. Die Aufstellung wird sich danach richten, als wie hoch man die Wahrscheinlichkeit der EL-Teilnahme einschätzt. Sollte man bis zur letzten Runde noch eine rechnerische Chance haben, dann werden weiterhin die üblichen Verdächtigen auflaufen. Es wäre zu mindestens wünschenswert, wenn die Chance dahin sein sollte, man ordentlich rotiert.

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