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© SturmTifo.com 2012

Samir Muratovic

"Sie haben mich weggeschmissen"

Bald ist es ein Monat her, dass Samir Muratovic wegen eines kritischen Interviews seitens des Vereins bis auf weiteres suspendiert wurde. Im Gespräch mit Sturm12.at spricht er über seine derzeitige Situation und was die Zukunft bringen könnte.

Samir Muratovic
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“Ich habe genug Zeit”, seufzt ein bedrückter Samir Muratovic einleitend. Ein Gespräch über die jüngste Vergangenheit fällt ihm aber nach wie vor sehr schwer, hatte er doch die letzten fünf Jahre bei Sturm Graz gespielt und eine Beziehung zu diesem Verein aufgebaut. Und nun darf er seiner Arbeit, dem Fußballsport, bis auf weiteres nicht mehr nachgehen. “Sie haben mich weggeschmissen, das tut weh und das habe ich nicht verdient. Ich war und bin ein guter Spieler”, hält der Bosnier fest.

Insgesamt ist Samir Muratovic aber gar nicht so schlechter Laune, wie man es ob seiner Situation vermuten könnte. “Ich bin von der ersten Mannschaft freigestellt, trainiere im Moment mit der zweiten Mannschaft. Spielen werde ich aber auch hier nicht. Ich trainiere hier nur damit ich fit bin und das auch bleibe. Ich möchte nicht alles wegschmeißen, was ich während dem Trainingslager mühsam aufgebaut habe. Und an dieser Stelle möchte ich danke an Dietmar Pegam und Günther Neukirchner sagen, die mir diese Möglichkeit gegeben haben.” Und er fügt hinzu: “Ich habe nach langer Zeit wieder Spaß am Fußball.”

Keine Kommunikation
Er hat zwar wieder Spaß am Fußball, der Frust kommt aber im Gespräch immer wieder durch. “Was soll ich dazu sagen. Ich bin schon sehr enttäuscht. Aber das ist das Leben, was soll ich tun?”, zuckt Muratovic mit den Schultern. Auf die Frage hin, wie er seine momentane körperliche Verfassung einschätzt, antwortet er: “Ich bin genauso fit wie vor der Suspendierung. Ich trainiere jeden Tag. Es ist das gleiche Training, mit der gleichen Intensität wie bei den Profis.” Der mehrfache Nationalspieler Bosniens ist nach Eigendefinition also fit, die Hoffnung ein letztes Mal das schwarz-weiße Dress überzustreifen hat er aber bereits aufgegeben. Schließlich stagniert die Kommunikation zwischen Spieler und Trainer weiterhin: “Seit langer Zeit hat keiner mehr mit mir gesprochen. Schon gar nicht Franco Foda. Keiner von Sturm hat mich jemals angerufen und und mich gebeten über die Situation zu sprechen. Ich finde das wäre das Minimum, was mir zusteht. Sollte der Verein ihn in den kommenden zwei Monaten dennoch brauchen, würde er die Möglichkeit ohne zu zögern annehmen: “Trotz allem bin ich bereit. Wenn Sturm mich braucht, ich bin da.”

Persönlicher Konflikt
Bereits vor einem Jahr – kurz vor dem Gewinn der dritten Meisterschaft von Sturm Graz – war die Zukunft des 35-Jährigen ebenso angezählt wie heute: “Letztes Jahr war es genauso. Damals hat Oliver Kreuzer gemeint, ich hätte keine Kraft und wäre nicht fit und zu alt. Und damals habe ich zum Ende hin doch noch die Chance bekommen und jeder hat gesehen, dass ich noch gut bin.” Diesmal liegt es aber nicht am Alter des Routiniers, sondern an einem persönlichen Konflikt zwischen Spieler und Trainer: “Es war nur aus persönlichen Gründen, nicht wegen meines Alters. Schließlich gibt es da auch Mario Haas, der zwei Jahre älter ist als ich und seine Einsätze bekommt. Es kommt nicht auf das Alter an, sondern ob du fit bist oder nicht. Paul Scholes oder Ryan Giggs bei Manchester United oder Filippo Inzaghi beim AC Milan haben auch schon ein hohes Alter erreicht und spielen immer noch.” Muratovic will offensichtlich nicht recht glauben, dass seine Situation auch etwas mit seinem höheren Fußballeralter zu haben könnte.

Mit der Frage konfrontiert, ob er es eigentlich rückblickend bereut, seinen Vertrag bei Sturm Graz mit der abgelaufenen Saison verlängert zu haben, antwortet er: “Wenn ich jetzt zurückblicke, würde ich sagen, dass ich meinen Vertrag nicht hätte verlängern dürfen. Nach dem Meistertitel waren einfach viele Emotionen da. Ich liebe den Klub, die Stadt, und ich habe mir gedacht, dass das der richtige Schritt ist.” Und er fügt hinzu: “Damals habe ich mein Gehalt halbiert, nur um bei Sturm zu bleiben. Bei mir geht es nicht um das Geld. Ich war lange Fußballer, ich brauche kein Geld mehr. Franco Foda hat damals gemeint, dass ich manchmal spielen und manchmal auf der Bank sitzen werde.”

Es begann dann aber gleich durchwachsen: “Ich habe alle Spiele in der Champions-League-Qualifikation absolviert. Ich habe gut gespielt und wir sind nach und nach weitergekommen. In der Bundesliga habe ich eine einzige Begegnung von Beginn an gespielt und das war gegen Wiener Neustadt. Wir haben 5:0 gewonnen und ich habe einen Rekord aufgestellt, mit 118 Ballkontakten. Nach dem Spiel war es aber wieder vorbei. Gegen die Admira saß ich auf der Bank und bekam lediglich fünf Minuten Spielzeit. Das ist mir zu wenig.” Die Unzufriedenheit ist mehr und mehr gewachsen und gipfelte am Ende in dem Wunsch, die Situation der Öffentlichkeit mitzuteilen. “Darum habe ich vor drei Wochen dieses Interview gegeben. Ich habe einfach keine Chance bekommen und musste das verlautbaren. Ich bin aber der Meinung, dass ich nichts Schlimmes getan habe. Wäre dem so, soll mir der Verein eine Geldstrafe geben und das Leben geht weiter”, fühlt sich Muratovic für seine Aussagen zu hart sanktioniert.

Trotz der momentanen Umstände blickt der gebürtige Bosnier gerne an seine Karriere bei Sturm Graz zurück: “Ich habe immer alles gegeben, es war eine sehr schöne Zeit. Sturm wird immer in meinem Herzen bleiben, ich liebe diesen Klub. Wir sind Cupsieger und Meister geworden. Ich wünsche dem Verein für seine Zukunft alles Gute.”

Die Zukunft
Der Abschied bei den Schwarz-Weißen scheint also unmittelbar bevorzustehen, aber wie sieht es eigentlich mit der Zukunft des 35-Jährigen aus? “Ich habe noch zwei Monate Vertrag. Dann werden wir sehen was in der Zukunft passiert.” Der Bosnier hält allerdings bestimmt fest: “Wenn ich jetzt meine Karriere beenden müsste, wäre das sehr schlimm für mich. Ich will unbedingt noch ein Jahr bei einem Klub spielen, egal ob es Sturm ist oder nicht. Ich habe zwei, drei interessierte Vereine, bei denen ich mir auch vorstellen könnte zu spielen. Aber in der Zukunft kann viel passieren. Ich werde aber noch die zwei Monate abwarten und mich in meinem Urlaub entscheiden.Wenn nichts daraus werden sollte, dann beende ich eben notgedrungen meine Karriere.” Vorstellen kann er sich jedenfalls nur ein Engagement in Österreich, zurück in sein Heimatland Bosnien zieht es ihn nicht: “Nein. Ich würde nur wieder in Österreich spielen, nicht mehr im Ausland oder in der Heimat. Ich möchte ewig in der Stadt Graz leben, ich liebe diese Stadt.”

Neben der Tatsache, dass er seine Karriere als Fußballer noch fortsetzen möchte, hat Muratovic auch einen weiteren Zukunftsplan:“Ich habe bereits mit dem bosnischen Fußballverband gesprochen und ab 1. Juni werde ich den Kurs für die Trainerlizenz absolvieren. Ich kann mir schon vorstellen später einmal bei Sturm als Trainer, Manager oder Sportdirektor zu arbeiten. Sollten sie fragen, ich wäre auch dafür bereit.”