12er-Stammtisch

"Unser Weg ist keine Ablöse zu zahlen"

Der 12er-Stammtisch ging in die zweite Runde. Paul Gludovatz, Heimo Mürzl und Manfred Steiner diskutierten über fehlende Führungspersönlichkeiten, ein effektiveres Trainerteam, neue Strukturen bei der Akademie und warum Vastic nicht Sturm-Trainer wird.

© Sturmtifo.com 2012

In einem gut gefüllten “Sturmtreff” ging am Mittwochabend der zweite 12er-Stammtisch über die Bühne. Aufgrund einer Vorstandssitzung traf der sportliche Geschäftsführer bei Sturm Graz Paul Gludovatz etwas verspätet dort ein. Bereits am Podium Platz genommen haben zu diesem Zeitpunkt Markus Zottler, der Moderator der Veranstaltung, Manfred Steiner, Sturm-Legende, und Sturm12.at-Kolumnist Heimo Mürzl.

Nach einem Monat bei Sturm Graz zieht Gludovatz ein erstes Resümee. Besonders zwei Erlebnisse haben ihn geprägt: “Zu Beginn haben mir zwei Dinge besonders viel bedeutet. Was sich zwischen Spielern, Trainern und den Fans getan hat einen Tag vor dem Salzburg-Spiel, hat mich sehr bewegt. Die Mannschaft ist sehr stark kritisiert worden. Das dürfen die Fans, aber das ist mir sehr tief gegangen.” Das zweite Erlebnis, “das noch tiefer ging”: “Was nach der Halbzeit im Spiel gegen Salzburg passiert ist, da zieht’s mir jetzt noch die Ganslhaut auf.” Generell sei zwischen Graz und Ried ein großer Unterschied:In Ried waren damals 500 für mich und 500 gegen mich, in Graz sinds 5000 für und 5000 gegen mich. Also völlig andere Dimensionen.“

Sturm-Legende Steiner betonte in seinem Eröffnungsstatement, dass man dem neuen Team vor allem Zeit geben muss: “Es ist derzeit ein großer Umbruch. Auch die Fans sollten nicht alles so hochspielen. Sturm ist eine Institution, es gibt sehr viele Kritiker. Das ist wie bei Rapid. Sehr viele wissen alles besser. Alle auf einen Nenner zu bringen, ist wahnsinnig schwer. Gludovatz wird nur am Erfolg gemessen werden, wie es bei Trainern auch so ist.“

Kolumnist Mürzl bescheinigte dem Klub Sturm Graz in der jüngsten Vergangenheit “Beamtenmentalität”: „Sturm wurde zu einem Klub ohne Eigenschaften. Es wurde nur Dienst nach Vorschrift gemacht. Da herrschte oft Beamtenmentalität. Es fehlte die Leidenschaft.” Auch Mürzl spricht den Zeitfaktor an: “Lucien Favre in Gladbach hat gesagt: Man braucht einen Plan, und für die Umsetzung braucht es Zeit. Wenn man einen Plan gut und stimmig formuliert, dann bekommt man vielleicht mehr Zeit.“

Für Gludovatz ist Sturm “kein emotionaler Sanierungsfall. Aber im Umbau.” Im Verlauf des Abends skizziert der Geschäftsführer immer wieder, wie er sich diesen Umbau vorstellt. Beispiel Trainer: “Wenn ein Trainer in sein Konzept schreibt, dass er ein Jahr braucht um Begeisterung in den Verein zu bringen, dann geht das nicht. Der muss kommen und muss begeistern. Egal ob das die Putzfrau ist oder sonst was.“ Das drei- bis verköpfige neue Trainertam soll künftig auch verstärkt auf moderne Methoden wie Videoanalyse und Sportpsychologie setzen.

Wichtig ist für Gludovatz auch die räumliche Trennung von Akademie (hier wird ein Trainer eingespart) und Profibetrieb: „Wir werden eine räumliche Trennung durchführen. Die Akademie wird in Gössendorf sein und zwar ausschließlich.” Trotz dieser räumlichen Trennung sollen die Einheiten Profis und Nachwuchs stärker verknüpft werden, etwa indem die Kampfmannschafttrainer “verpflichtend” auch hin und wieder ein U18-Training leiten. Eine Vision sind auch Akademien im Ausland.

Die jungen Spieler werden mehr Chancen erhalten, aber auch mehr Druck ausgesetzt sein. In Ried war es folgendermaßen: “Im ersten Halbjahr: mittrainieren, im zweiten Halbjahr Kurzeinsätze und dann im dritten Halbjahr entscheidet es sich, schaffst du‘s oder nicht. Anders geht es nicht. Das erzeugt Druck, aber den braucht es auch.“ 

Gludovatz vermeidet es während des fast zweistündigen Stammtischs konsequent, Namen zu nennen – sowohl bei der Trainersuche (“der Kandidatenkreis ist eingeengt, wir gehen noch vor dem letzten Spiel an die Öffentlichkeit“), bei möglichen Neuzugängen (“wir brauchen sie für drei bis vier Positionen, etwa in der Innenverteidigung und im Sturm“) und auch bei den Vertragsverlängerungen. Zwischen den Zeilen lässt sich aber heraushören, dass etwa Silvije Cavlina und Thomas Burgstaller keine schwarz-weiße Zukunft haben werden. Bei Mario Haas arbeite man hingegen an einer Lösung, die sowohl Spieler als auch Klub zufriedenstellt.

Klar wird an diesem Abend auch, dass ein Verbleib von Rubin Okotie bei Sturm Graz eher unwahrscheinlich ist: “Unser Weg ist, keine Ablöse zu zahlen.” Allerdings: “Es wird daran gearbeitet, dass Nürnberg etwas zahlt, damit wir ihn übernehmen.”

Von vielen Fans im Publikum wird das Fehlen einer Führungsperson in der Mannschaft angesprochen. Gludovatz bestätigt, dass diese im derzeitigen Kader fehlen. Immer wieder spricht er in diesem Zusammenhang Manuel Weber an, von dem er sich offensichtlich mehr “Leadership” erwartet. Man würde gerne einen Führungsspieler verpflichten, allerdings: “Ich kennen keinen, der leistbar ist und Führung übernimmt. Ich will eh solche Spieler, aber die fallen nicht vom Himmel.” Der Name Samir Muratovic wird aus dem Publikum genannt – zumindest für die wichtigen letzten drei Spiele in dieser Saison könne dieser eingesetzt werden. Der sportliche Geschäftsführer entgegnet: “Mura hat sich dazu bekannt, dass er seine Trainerausbildung in den nächsten vier Monaten macht.” Und: “Für ein sehr schnelles Spiel brauchen wir andere Spieler.”

Wichtig ist dem neuen starken Mann auch der Bezug zur Steiermark. Sturm Graz soll greifbarer werden. “Es gibt bereits Termine, in Köflach und so weiter”, so Gludovatz. Es wird also eine Art Steiermark-Tournee mit Freundschaftsspielen und Autogrammstunden geben. Gludovatz, der sich selbst bereits als “Steirer” sieht, will quasi zu den Wurzeln zurück und den Verein in der Steiermark verankert wissen.

Einig waren sich alle Anwesenden, dass der eingeschlagene Zukunftsweg weg vom strategischen Fußball hin zum vorzeigbaren Offensivfußball der Richtige ist.

Ganz am Ende wurde Gludovatz doch noch einmal konkret. Als er hört, dass Franco Foda bei der Austria im Gespräch ist, reagiert er schnell: “Vastic kommt nicht zu uns.” Großer Applaus…

Die besten Fotos des spannenden Diskussionsabends in Zusammenarbeit mit Sturmtifo.com. Die Sound-Anlage wurde an diesem Abend freundlicherweise von der Firma Tec-2-Fun zur Verfügung gestellt. Ein herzliches Danke an beide Partner.

Teile diesen Artikel mit deinen Freunden



Kommentare

maverick1987 says:

- Fuehrungsspieler:
Die Kritik hört sich richtig an, die Frage ist, ob sich ein M. Weber dadurch verkriecht oder jetzt **er zeigt, oder vielleicht braucht er einfach noch länger in der Entwicklung?!
- Trainer:
Sofort begeistern wird schwierig sein. Das Publikum wird skeptisch sein und was ich nach all dem Theater im letzten Jahr nicht brauche ist folgendes: kurzfristiger Erfolg – mir nützt ein Hype im ersten Monat nichts, wenn dann wieder der Alltag einkehrt.
- Moderne, sportliche Verfahren a la Video-Analysten und/oder Mentaltrainer sollten zur Selbstverständlichkeit gehören – erschreckend, dass es das nicht gut.
- Sehr gut, dass alle Jugendverträge überarbeitet werden.
-
Mal sehen, wie sich das ganze entwickelt. Gludowatz bringt seine Vorstellungen und Philosophien voll ein und möchte damit auch unseren SK Sturm prägen. Das ist eigentlich nachvollziehbar, schließlich hat man ihn dafür geholt. Die Frage ist (auf den sehr guten Kommentar vom bianconero eingehend), ob dann nicht wieder ein starker Mann herangezüchtet wird (wie bei Foda z.Bsp.) oder ob die Marschrichtung dann später mit dem Trainer ausgearbeitet wird…

bianconero says:

Ich hab’s schon während des tickers gesagt. Für mich hat Gludovatz zu genaue Vorstellungen über Taktik und Spielanlage. “Ich möchte kein Ballstreicheln, ich möchte das schnelle Spiel in die Spitzen”. Ich glaube nicht dass ein sportlicher Geschäftsführer solche Forderungen stellen kann. Vielmehr sollte der Trainer diese stellen und Gludovatz sie umsetzen. Mir gefallen seine Ansätze, Ideen und Visionen. Aber seine Aussagen sind mir häufig zu sehr das Tagesgeschäft betreffend. Umso wichtiger wird die baldige Vorstellung eines Trainers. Ich hoffe inständig dass der Neue dann ein Mann mit Rückgrad ist und nicht nur die Marionette von Gludovatz.

Ist vielleicht etwas ungewohnt, weil es in heimischen Gefilden nicht so gehandhabt wird, aber der Verein/also in dem Fall PG gibt die Marschroute vor, man könnte auch von Philosophie sprechen, nicht der Trainer. Der große Vorteil davon liegt klar auf der Hand, man ist nicht von Einzelpersonen abhängig, sollte ein Trainer den Verein verlassen, zieht man das Konzept weiter durch, somit kann man mittelfristig planen, sonst wäre man bei jedem Trainerwechsel zwangsläufig zu einem Umbruch gezwungen. EIn weiterer Vorteil liegt auch in der Jugendarbeit, so kann man nämlich klar eine Linie verfolgen, also von unten herauf ein “System” durchziehen, erleichtert logischerweise die Integration von Jugendspieler in die Kampfmannschaft und sollte sich zudem auch positiv auf den Spielfluß auswirken.

dalamma says:

na gott sei dank hat der gludo vorstellungen, wir sind es in ö einfach gewöhnt, dass zu viele ahnungslose leute auf solchen sesseln sitzen. in italien hat sogar der platzwart eine vorstellung von taktik und spielanlage…

bianconero says:

Ich glaube einfach dass die Vorstellungen zu detailliert sind und bis zu einem gewissen Grad in Stein gemeißelt sind. Ich glaube nicht dass Gludovatz dem neuen Trainer viel Moeglichkeiten geben wird seine Vorstellungen umzusetzen. Viel mehr ist er auf der Suche nach jemandem der seinen Anspruechen gerecht wird. Ich denke es scheiden viele Kandidaten aus die nicht den Taktik Vorstellungen von Gludovatz entsprechen.

mindpoker says:

Jeder redet vom schönen und schnellen Spiel, aber dazu braucht es auch die Spieler dazu, und die haben wir nicht, und ich denke nicht dass man für lau solche Spieler bekommt, Glückstreffer gibts natürlich immer!

Gludovatz weiß schon was er macht. Bitte schauts doch nach Ried, was er da in den Jahren aufgebaut hat! Ohne ihn wären die jetzt nie so weit!

Und ihn jetzt schon zu kritisieren ist viel zu früh. Erstmaliger Zeitpunkt dafür wäre der Winter 2012/2013. Da kann man erste Schlüsse ziehen, in welche Richtung es geht. Er hat jetzt klare Visionen, der auch umsetzen möchte. Sowas hat uns in den letzten Jahren auch einfach gefehlt. Da ging nur Foda alleine den Weg, was zwar zum Teil auch klappte. Aber langfristig hat man dann ja gesehen, dass es nicht funktioniert. Dadurch hat man trotz Meistertitel vielleicht 2 Jahre verloren.

archaeopterix says:

Ein sehr lebendiger 2. Stammtisch mit guter Tonversorgung ! Mandi Steiner würde man glauben, daß er als Führungsspieler sofort einspringen könnte !!- Alle angesprochenen Themen von Zottler & Mürzl sehr aktuell und tiefschürfend mit sehr geordneter guter Diskussion .-dieser Stammtisch sollte zu einer laufenden Veranstalltung 2 bis 3 mal jährlich zu aktuellen Themen von Sturm werden !?- In meinen Augen sind beide Geschäftsführer mit der neuen Organisation einfach die große Hoffnung für den Verein ! Ihnen traut man zu ” Moderne Zeiten ” im 2. Jahr 100 für Sturm zu realisieren …… Paul Gludovatz traue ich zu der Mannschaft ” Ein neues Gesicht zu geben” !! Hier ist Jauk ein Super – Engagement gelungen ! Glück auf !

Ceterumcenseo says:

Kann archaeopterix nur zustimmen. Jauk, Santner und Co – dazu Houben und Gludovatz, das ergibt ein spannendes Team, wie es Sturm noch selten gehabt hat. Wenn das Trainerteam auch noch passt und davon sollte man ausgehen, denn Gl. ist ein erfahrener Teamplayer, dann darf man auch in notwendigen Sparzeiten optimistisch sein. Ob der Erfolg auf Anhieb eintreten wird, ist natürlich ungewiss. Aber Gludovatz hat in vier Jahren in Ried viel bewegt, zuvor auch im ÖFB. Wichtig ist, dass Sturm erste Adresse für Talente ist, dass die Steiermark und Nachbarregionen voll eingebunden werden. Und man sollte auch nicht vergessen, dass Ivica Osim den Herbst 1994 brauchte, um im Frühjahr 1995 erstmals mit seiner Spielphilosophie zu begeistern. Dass in Umbauzeiten Abschiede notwendig sind, ist selbstverständlich, persönliche Kränkungen sind nie ganz auszuschließen.

auch wenns nicht hier her passt, hat dem heuer schonmal jemand beachtung geschenkt? http://www.wahretabelle.at/
keine ahnung wieviel wahrheitsgehalt die geschichte hat, aber allemal interessant!

tool_king says:

Interessant schon, aber zugleich auch schockierend, wenn man sich die Leistungen der heurigen Saison (vor allem auswärts) in Erinnerung ruft. Allerdings muss man wohl beachten, dass 28% der wahretabelle-User Sturm-Fans sind. ;)

12ter Mann says:

Ein wirklich gelungener, sehr interessanter 2. 12er Stammtisch! Vielen herzlichen Dank an Sturm12, dass ihr uns Fans die Möglichkeit bietet, unsere Fragen direkt an die Verantwortlichen zu stellen. Das hat in Graz schon seit längerer Zeit gefehlt. Das letzte Ereignis in der Form, wo man wirklich hautnahen Kontakt zu den Spielern hatte, war in meiner Erinnerung die Aktion mit dem Würstel-Grillen der Spieler vor dem Stadion (das mein ich: http://www.sturm12.at/wp-content/uploads/Unbenannt1.png)
Dass so viele Leute gekommen sind, zeigt auch, dass wirklich ein Bedarf an so einem Stammtisch da ist! Großes Kompliment an das Sturm12-Team, super Sache!!
Am besten fand ich Gludo’s Aussage zur Steiermark-Tournee! Ich finde, dass es das in der Steiermark unbedingt braucht, Sturm Graz muss wieder näher an den Leuten sein und viel mehr solcher Events veranstalten. Man muss den Leuten was bieten. Gefällt mir sehr gut, diese Idee.

tool_king says:

Ich war zwar selbst leider nicht vor Ort, aber die Ansichten Gludovatz’, die Sturm12 transportiert hat, haben durch die Bank Hand und Fuss gehabt. Wenn es ihm gelingt, all das umzusetzen, was er sich vorgenommen hat, dann werden wir in den nächsten Jahren wieder viel Freude mit einer jungen, steirischen Truppe haben.

12ter Mann says:

Ich war vor Ort und ich muss schon auch sagen, dass viele Aussagen dabei waren, die eher fürs Publikum gedacht waren, verstehst was ich mein? Er hat halt auch vieles gesagt, was Fans eben gerne hören. Dennoch is er sehr authentisch rüber gekommen und man hat ihm seine Aussagen auch durchaus abnehmen können. Und er is einfach – wie man auf steirisch so schön sagt – “a groda Michl”. Aber die Ansätze, die er gebracht hat und sein Verständnis wie Fußball in etwa aussehen soll, waren schon überzeugend. Vor allem sein Karriereplan mit den Halbschritten!

tool_king says:

Dieser Drei-Stufen-Plan mit den Halbjahresschritten für die Jungen hat mir auch gefallen. Wenn man sich Leute wie Weinberger, Maric oder Tauschmann anschaut, dann muss man schon sagen, dass früher oder später die Spreu vom Weizen trennt. Das Fussballgeschäft ist nun mal so, dass man sagen muss, dass einer schlichtweg nicht gut genug ist für die Bundesliga, wenn er es bis 21 nicht ansatzweise geschafft hat, Fuß zu fassen.

Pingback: Sturm12.at | Pressespiegel: Sturm Graz – Admira

Rudolpho says:

Ich habe grosse Zweifel das Gludowatz der richtige Mann ist,das Sturm international nicht mit dabei
ist,hat wohl der Vorstand und Gludovats zu verantworten.Ich sehe in nächster Zeit wohl einen Abstieg
von Sturm und die Zuseher werden auch ausbleiben.Es bleibt zu hoffen das wenigstens der richtige Trainer gefunden wird.Schade um Sturm Graz.

Pingback: Sturm12.at | 12 Meter: Praxismangel

Pingback: Sturm12.at | Aus Stammtisch wird “Stammtisch”

Hinterlassen Sie einen Kommentar