Michael Madl

"Hyballa ist brutal detailverliebt"

Mit Michael Madl konnte Sturm einen neuen Innenverteidiger an Land ziehen. Im Sturm12.at-Interview spricht der 24-Jährige über “Sturm-Neu”, Hyballa-Trainings und die Taktikrevolution im Web 2.0.

© Sturm Graz (honorarfrei)

Als Michael Madl und ich den Interview-Termin vereinbarten, beließen wir es auf Mittwoch oder Donnerstag Abend. Mittwoch Abend versuchte ich den “Neuen” dann krampfhaft, aber erfolglos zu erreichen und hinterließ zwei Kurznachrichten auf seinem Handy. Bis ich, mit dem Sturm12.at-Liveticker vor mir – es ist mir noch immer peinlich – realisierte, dass sich Sturm gerade ein Testmatch mit Dukla Banska Bystrica lieferte. “Madl mit dem Freistoß direkt aufs Tor, aber kein Problem für den Torhüter”, stand da geschrieben. Darauf wollte ich ihn ansprechen. Zum Glück nahm er es mit Humor.

Bei seinem Rückruf gab sich Sturms Neuzugang von seinem neuen Arbeitgeber begeistert. Bei seiner Entscheidung für Sturm und gegen diverse Mitbieter, machte sich der 24-Jährige, der ursprünglich aus Kobenz, Bezirk Murtal, stammt, nicht nur Gedanken über Geld, Frauen und schnelle Autos. „Nach der Ära Foda gab es einen Neuanfang. Nicht nur was die Spielphilosophie betrifft“, so Madl, der Sturm als logischen nächsten Schritt bezeichnet. Und wann folgt der nächste Schritt? Damit lässt sich der spielstarke Innenverteidiger Zeit und zitiert Mario Haas: „Sturm ist ein Verein um alt zu werden.“

Im Interview mit Sturm12.at beschreibt Michael Madl, wie ein Peter Hyballa-Training eigentlich aussieht, was den Unterschied zu Peter Stöger und Peter Schöttel ausmacht und wieso die Taktikrevolution im Web 2.0 durchaus positiv ist.

Peter Hyballa meinte im Sturm12.at-Interview, der Gegner müsse Angst vor Sturm Graz haben.  Jetzt stelle ich die Gegenfrage: Bereitet dir der Gedanke Unbehagen, hoch zu verteidigen?
Wenn man das hoch verteidigen richtig macht und Druck auf Ball und Gegner ausübt, dann funktioniert das. Dieses hoch verteidigen wird vielleicht auch etwas falsch interpretiert. Peter Hyballa versucht uns da einen guten Mittelweg zu vermitteln. Die Rückwärtsbewegung muss stimmen, sonst kann das ziemlich ins Auge gehen. Für mich ist das ja auch eine Umstellung. Bei Wiener Neustadt haben wir versucht defensiv gut zu stehen und dann auf Konter zu spielen. Hier ist das komplett anders.

Anders formuliert. Ist es dir als Innenverteidiger unangenehm, wenn dein Trainer lieber 5:4 statt 1:0 gewinnt?
Soll ich ehrlich sein? Ich gewinne lieber mit 1:0. Das wird aber wohl allen Verteidigern und Tormännern so gehen. Aber ich verstehe natürlich, dass Zuschauer das ganze anders sehen.

War es dir bei deiner Vereins-Wahl wichtig, bei einem Klub zu unterschreiben, der Offensivfußball in Reinkultur praktizieren will?
So würde ich das gar nicht sagen. Der Trainer hat mich kontaktiert und mir seine Sicht der Dinge mitgeteilt. Da ging es jetzt gar nicht nur um den Offensivfußball, sondern auch darum, wie er trainieren will. Nach der Ära Foda gab es einen kompletten Neuanfang. Nicht nur was die Spielphilosophie betrifft. Auch die Vereinsführung ist neu. Das hat mir alles gut gefallen. Sturm ist ja ein großer Verein. Es ist mir eine Ehre, für den Verein spielen zu dürfen.

Findest du dich schon gut zu recht?
Ja, auf jeden Fall. In Graz war ich noch fast gar nicht unterwegs, wir trainieren sehr viel. Aber eine Wohnung habe ich schon.

Entspricht dieses viel zitierte „Sturm-Neu“ internationalen Standards?
Die Grundidee ganz bestimmt. Aber das Projekt ist ja noch in Kinderschuhen. Wenn ich an die Spielphilosophie denke, kann man durchaus Parallelen zur Europameisterschaft ziehen. Da werden moderne Systeme praktiziert, das schnelle Umschalten und großteils Offensivspiel forciert.

© Sturm12.at

Wie sieht ein Hyballa-Training in der Praxis aus?
Der Trainer will am Trainingsplatz immer 100 % Arbeit und 100 % Konzentration. Wir arbeiten sehr viel mit dem Ball. Das heißt aber überhaupt nicht, dass es locker zugeht. Ganz im Gegenteil, die Einheiten sind sehr intensiv. Hyballa arbeitet sehr modern, unterbricht das Training häufig und redet mit uns viel auf dem Platz. Zudem ist er sehr detailverliebt. Noch sind natürlich einige Fehler drinnen. Aber wir arbeiten auch erst ein paar Wochen zusammen, da kann das System noch nicht perfekt greifen.

Und welches System ist das? 4-4-2 mit Raute?
Wir probieren aktuell mindestens zwei bis drei Systeme und dieses ist auch dabei. Aber wie die genauen Gedanken des Trainers für den Meisterschaftsstart aussehen, kann und möchte ich noch nicht verraten.

Verständlich. Michael, du wurdest zuletzt von Peter Stöger und Peter Schöttel trainiert. Worin unterscheiden sich die beiden von Hyballa?
Schwierig zu sagen. Prinzipiell sind sie alle drei sehr gute Trainer. Schöttel und Stöger sind sich als Trainer ganz ähnlich. Hyballa unterscheidet sich von den beiden durch seine brutale Detailgenauigkeit. Das exakte Einstudieren. Aber alle drei können gut mit Spielern. Die vorhin genannten Punkte machen aber den Unterschied. 

Einer von den beiden trainiert nun Rapid. Hast du dich gegen Hütteldorf und für Graz entschieden?
Nein, nicht direkt. Für mich war einfach der nächste Schritt entscheidend. Ich habe mir viele Gedanken darüber gemacht und für Sturm entschieden. Ein schriftliches Angebot gab es da von Rapid gar nicht. Sturm ist ein großer Verein und die Entscheidung war sicher richtig.

Reden wir über dich. Wo siehst du deine Stärken?
Ich kann das Spiel gut lesen, habe eine gute Übersicht…(unterbricht), aber ehrlich gesagt mag ich es nicht, über meine Stärken zu sprechen. Das sollen andere beurteilen.

Aber auf eines wollte ich raus – du kannst Freistöße schießen, oder?
Ja, aber damit habe ich erst letzte Saison angefangen. Ich habe bei Wiener Neustadt mehr Verantwortung übernommen und bin sporadisch einfach hingegangen. Dabei sind mir dann auch gleich zwei Bundesliga-Tore gelungen. Mit wem ich mich jetzt darum bei Sturm matchen muss, weiß ich noch gar nicht. (lacht)

Vor ungefähr sechs, sieben Jahren habe ich in der SportWoche einen Artikel über dich gelesen, in dem du als eines der größten österreichischen Talente bezeichnet wurdest. Wie zufrieden bist du mit deinem Karriereverlauf?
Rückblickend muss ich sagen, dass es einige Ups und Downs gegeben hat. Nach der Weltmeisterschaft in Kanada bin ich nach Innsbruck gewechselt und habe viel gespielt. Das war, obwohl wir abgestiegen sind, ein sehr wichtiges Jahr für mich. Dann bin ich zur Austria. Die zwei Jahre in Favoriten waren mit viel Pech verbunden. Ich war oft verletzt und habe wenig gespielt – im Endeffekt zwei verlorene Jahre. Dann konnte ich zu Wiener Neustadt gehen und diese Zeit ebnete mir im Endeffekt den Weg zu Sturm. Ich war zwei Saisonen verletzungsfrei und habe gut gespielt. Graz war dann der logische nächste Schritt.

Sturm Graz tituliert sich nun als Karriereplattform. Ist für dich Sturm eine Sprosse deiner Karriereleiter?
Auf der einen Seite ja, auf der anderen Seite nein. Bei Sturm kann man alt werden. Ich bin sicher nicht so ein Typ, der nach zehn guten Spielen den Verein verlassen will. Ja, ich denke Mario Haas hat es so gesagt – Sturm ist ein Verein um alt zu werden.

In Österreich findet, zumindest im Web 2.0, eine Taktik-Revolution statt. Wie nimmst du es wahr, wenn Laien versuchen, komplexere Thematiken aufzuarbeiten?
Bei Taktik ist das durchaus eine gute Sache. Taktik kann man sich aneignen, lernen und letztendlich entwickelt jeder seine eigene Philosophie. Was ich nicht gut finde sind diejenigen, die denken über Aufstellungen richten zu müssen, ohne den Trainingsbetrieb zu sehen.

Michael, abschließend – die EURO ist in vollem Gange. Was erwartest du von den KO-Spielen?
Ich persönlich hoffe, dass die Spiele attraktiv bleiben. Bis jetzt ist das ja gut anzuschauen. Und am Ende machen es natürlich die Deutschen.

Ich hoffe nicht. Danke für deine Zeit!


Das Interview führte Fabian Zerche

Teile diesen Artikel mit deinen Freunden



Kommentare

donbernardo says:

@fz: starke Aktion!! Danke für diese Anekdote, konnte mir ein schmunzeln nicht verkneifen;)

Sonst sympathisches Interview, nicht nur wegen der stelle mitm alt werden, ich denke wir werden viel Freude mit ihm haben!

@fz: lol, ja, muss mich da meinem Vorposter anschliessen und dir auch dazu gratulieren :D Find ich cool, dass du das hier in den Artikel einbaust ;) Aber der schönste Satz ist dein letzter Satz! 100% Agree

Denke auch, dass wir mit dem jungen Herren noch viel Freude haben werden. Kann den Auftakt gar nicht mehr erwarten!!!!!!!

MeisterFuchs says:

Die letzte Antwort kann man streichen ;) “und am Ende machen es die Deutschen!” – Na hoffentlich nicht. ;)

archaeopterix says:

Daß Hyballa auf Details Wert legt ist der einzige richtige Weg !dies beginnt schon , daß wir die meisten Einmürfe verloren haben ! Wieviele können gute Freistöße oder Corner schieden ? Ebenso die Fehlpassfrage – das sind Grundelemente im Fußball wo er richtigerweise ansetzen muß – von einem System Rede ich noch gar nicht. …..

Da hast du schon recht – am schlimmsten fand ich immer solche situationen wie: Rückstand, 80. minute, einwurf auf höhe des gegnerischen 16er – kein schwein bietet sich an, nach 10 sekunden kommt mal der erste entgegengetrabt… furchtbar, wenn man denkt, wieviel räume man mit schnellen einwürfen aufreißen kann. und über ecken sprechen wir am besten gar nicht erst.

bzgl. system: find hyballa seinen ansatz gut und richtig – wenn die spieler das noch umsetzen können. also seine aussage bzgl. system ist nichts anderes als eine zahlenkombination, sagt nichts über die spielanlage selbst aus oder wie die laufwege sein sollen… man mekrt wohl auch, dass sein 4-4-2 komplett anders angelegt ist, als das von Foda.

12ter Mann says:

Madl kommt sehr bodenständig herüber, er könnte wirklich eine Bereicherung für unsere Innenverteidigung sein. Ich muss ehrlich sagen, er is mir zuvor als Spieler überhaupt nicht aufgefallen. Was ich in den Testspielen bis jetzt gesehen habe, war jedenfalls solide und hat Potenzial. Ich bin wirklich gespannt, wie er sich im ersten Bewerbsspiel tun wird.
Und die Frage, mit wem er sich um die Freistöße matchen muss, kann ich beantworten – mit (meiner Meinung nach nachtürlich ;) ) Darko Bodul :D

Nicht nur deine Meinung ;)
Wer sonst als der Darko!!

exilim916 says:

mitn darko werden wir no ganz viel freude haben!
-
und system: alles ok! nur dürfen wir uns nicht erwarten, dass die mannschaft jetzt +/- 90min. nur auf dauerdruck geht. das geht nicht! aber ich denke schon, es wird ein sehr offensiver fussball im stadion zu sehen sein! nur, dürfen wir dann bei niederlagen nicht raunzen!!! ;-)
-
ich freu mich schon auf die dosen! zum start weg, gleich mal die hütte voll!

exilim916 says:

….und dann stellen wir uns vor, wir fahren mit drei pkt. nach wien zur austria! könnt fast a heimspiel werden… ;-)
-
ein traum! der aber, wahr werden könnte…

beatrice says:

Ich kann diese Aversion gegen die Deutschen irgendwie nicht so ganz nachvollziehen, die da einige von Euch äussern. Sie spielen einen effektiven, erfolgreichen Fussball, meist auch schnell und schön anzusehen und es sind mit die fairste Fussballer des Turniers. Ausserdem haben sie etwas im Kopf und drücken sich meist symphatisch aus in den Intewievs.
Meine Sympathien gehören zwar auch mehr den Underdogs, aber die sind ja gar nicht erst bis zur EM gekommen.;-)
(I hob kane Lire – des bringt mi net vire – i geh ins Gänsheifl – auf Italien pfeif i !) Sorry das musste jetzt sein!

Hinterlassen Sie einen Kommentar