Die Saisonvorbereitungen sind am Ende angelangt, der SK Sturm Graz startet am heutigen Freitag, den 13., gegen WSG Wattens die neue Saison. So weit nichts Neues in Liebenau, könnte man meinen. Und doch ist in dieser Saison wenig so wie zuvor. Der Verein ist im Umbruch.
Am stärksten wird der Unterschied wahrscheinlich am Spielfeld sichtbar sein. Erstmals werden die Schwarz-Weißen unter Coach Peter Hyballa auflaufen. “Kurzes Hy, schnelles Balla” hatte er zu seinem Amtsantritt versprochen und damit neue Dynamik – zumindest – versprochen. Der 37-jährige Münsterländer folgt damit auf Franco Foda, dessen Karriere bei Sturm 1997 (damals noch als Libero) begonnen hatte. Im April endeten somit beinahe 15 Jahre, die der gebürtige Mainzer in den Diensten der Steirer verbrachte. Zu Buche steht damit letztlich die Bilanz von drei Meistertiteln, drei Cupsiegen und einer legendären Champions-League-Saison. Besonders sind ihm Fans und Verein für seine Treue in der schweren ersten Zeit nach Hannes Kartnig zu Dank verpflichtet.
Fodas Abschied ist letztlich ganz anders ausgefallen, als es nach einer solchen Ära wünschenswert gewesen wäre. Nach einer peinlichen Pleite im Cup und einer eher durchwachsenen Frühjahrssaison wurde ihm der Laufpass erteilt. Dass sein Engagement mit Saisonende vorbei sein würde war zu diesem Zeitpunkt schon klar – mit Ex-Präsident Gerald Stockenhuber hatte es bereits gegen Jahresende 2011 schwere Reibereien gegeben.
Die Präsidenten…
Apropos Stockenhuber. Der hatte den Rücktrittsreigen eröffnet und am 10. Jänner 2012 überraschend sein Amt zur Verfügung gestellt. Über die Gründe wurde viel spekuliert und noch viel mehr Kaffeesud gelesen. Letzten Endes sind wohl die Auffassungsunterschiede im Vorstand in vielen Bereichen zu groß geworden. Außerdem wurde immer offensichtlicher, dass ein Verein wie Sturm ehrenamtlich kaum noch “zum daheben” ist.
Für Stockenhuber, der sich seither auf die Leitung seines Unternehmens konzentriert, ging damit eine Phase von gut fünf Jahren im Sturm-Vorstand zu Ende. Auf der außerordentlichen Generalversammlung wurde der Banker und ehemalige Sturm-Wirtschaftsvorstand Christian Jauk zu seinem Nachfolger gewählt. Diese Wahl wird von vielen heute als zweite Zäsur der Post-Kartnig-Ära gesehen. Nach Rettung und Wiederaufbau nach 2006 und dem dritten Meistertitel 2011 beschreitet der Grazer Traditionsverein den Weg der Professionalisierung.
…und die Geschäftsführer…
Der Betrieb des SK Sturm Graz läuft bereits in zwei GmbHs, an deren Spitze zwei Geschäftsführer stehen sollen. Davon soll sich der eine um die wirtschaftlichen, der andere um die sportlichen Agenden sorgen. Das Präsidium agiert im Hintergrund und bestückt zum Teil den neu geschaffenen Aufsichtsrat für die GmbHs. Mit der Bestellung Christopher Houbens zeigte Jauk auch sogleich, dass er es ernst meint mit “Sturm Neu”. Der studierte Betriebswirt Houben hatte sich zuvor als Gründer von Sturm12.at einen Namen gemacht und seine ersten beruflichen Sporen im Controlling der Telekom Austria verdient.
Teil zwei des Geschäftsführerduos sollte ebenfalls eine Trendwende werden. Der “Geschäftsführer Sport” soll unter Anderem den bisherigen Sportdirektor ersetzen. Eine Funktion, die nach dem Abgang Oliver Kreuzers im vergangenen Sommer sowieso vakant war. Hans Lang war ja lediglich Sportkoordinator – und auch das nicht sehr lange, mit ein Beispiel für das Chaos im Verein. Die Position wurde letztlich mit Paul Gludovatz besetzt, auch das nicht von langer Dauer. Nach einem langen Krankenstand musste der ehemalige österreichische Nachwuchtsteamchef seiner Gesundheit den Vorzug geben. Er soll dem Verein zwar als Berater erhalten bleiben, ein Nachfolger steht derzeit noch nicht fest.
…und die Sturm-Familie.
“Alle Jahre wieder”, summte es wohl im Kopf so manchen Sturm-Fans, als es im Frühjahr wieder zu Vertragsverhandlungen mit Mario Haas kam. Natürlich auch diesmal ohne klares Ziel, auch wenn – wie üblich – beide Seiten den Wunsch zur weiteren Zusammenarbeit hegten. Und auch diesmal erhielt der erklärte Publikumsliebling einen neuen Kontrakt mit seinem Stammverein. Diesmal aber mit einem Zusatz, der getrost als Seltenheit bezeichnet werden kann: Der “Bomber” wird neben seinen Auftritten als Fußballprofi ein auf ihn maßgeschneidertes Traineeprogramm im Marketing des Vereins absolvieren.
Koordiniert wird dieses Programm, mit dem der Verein Haas gegenüber ein altes Versprechen einlöst, von der neuen Sponsoring-&-VIP-Ticketing-Beautragten Daniela Tscherk. Die studierte Betriebswirtin leitete zuletzt die Öffentlichkeitsarbeit der Industriellenvereinigung Steiermark und unterrichtete im Studiengang International Marketing & Sales Management an der Fachhochschule Campus Graz.
Omnipräsent und doch aus der täglichen Wahrnehmung verschwunden ist ein anderes Schwergewicht der Sturm-Familie. Einst ist Hannes Kartnig als Retter des SK Sturm Graz und als erfolgreichster Clubpräsident der steirischen Fußball-Geschichte gefeiert worden. Fünf Jahre später sind die Methoden, mit denen er das erreichte längst kein Geheimnis mehr. Vorigen Sommer wurde gegen ihn noch ermittelt, mittlerweile gibt es immerhin ein (noch nicht rechtskräftiges) Urtel. Der 60-jährige Steirer wurde zu Anfang des Jahres wegen schweren Betrugs, grob fahrlässiger Beeinträchtigung von Gläubigerinteressen und Steuerhinterziehung erstinstanzlich zu fünf Jahren unbedingter Haft verurteilt.
Der Verein befindet sich also im Wandel. Schwarz-Weiß geht den professionellen Weg, kappt Freunderl-Bande und vergisst dennoch nicht, was die “Sturm-Familie” ist. Das ist zumindest das Bild, das nach Außen transportiert werden soll. So ganz will das noch nicht funktionieren und die Geschichte warnt vor zu schnellem Fortschrittswunsch. Aber ist nicht aller Anfang schwer?
Quo vadis?
Alles in allem lässt sich ein Bild zeichnen, dessen Hauptfguren zumindest zu wissen scheinen, was sie tun. Das gilt auch für Transfers. Nach Kreuzers Abgang während der Meisterfeiern wirkte die Spielerpolitik bisweilen wie ein aufgescheuchtes Reh. Die Meistermannschaft musste etwa Mario Kienzls Abgang verkraften, dafür kamen Darko Bodul, Milan Dudic, Matthias Koch und Heimkehrer Jürgen Säumel. Der Sommer 2011 war somit ein “normaler” Transfersommer, der allenfalls ein wenig unkoordiniert, aber sonst gelaufen ist wie immer.
Davon ist in der heurigen Kadererstellung keine Rede möglich gewesen. 14 Abgänge spielerseitig (und hätte man nicht Rubin Okotie oder Imre Szabics gehalten, wären es noch mehr geworden) und acht Neuzugänge stellen letztlich einen Komplettneubau der Mannschaft dar. Da weiß jemand, wohin die Reise gehen soll - das wird dabei offensichtlich.
Daher auch das Saisonziel: Nach dem Meistertitel übte man sich wie üblich in Understatement, versuchte die eigenen Ambitionen zu verwischen und wollte, wie jedes Jahr, selber nur irgendwas in den Top vier erreichen. Das ist heute schwer vergleichbar. Nicht zuletzt durch den kompletten Neubau wird der Hyballa-Mannschaft wohl eine Schonfrist zugestanden werden. Der Trainer hält sich daher beim Saisonziel auch schlicht und einfach an die Vereinsvorgaben (“Internationaler Startplatz“) und will von den Spielern “Arbeitsatmosphäre” und “100-prozentige Konzentration” am Rasen. Das sind dann wohl auch die Mindeststandards, an denen der 29 Mann starke Kader und die Arbeit der Köpfe von “Sturm neu” gemessen werden wird.

Sturm12.at ist ein privates und unabhängiges, journalistisches Medium, das seinen Fokus auf die Berichterstattung über den Fußballklub SK Sturm Graz gerichtet hat. Gegründet wurde Sturm12.at am 20. Februar 2009 von Christopher Houben und Julia Wendl. Das Hauptaugenmerk der Arbeit bei Sturm12.at liegt auf der tiefgreifenden Analyse von Sturm Graz und des österreichischen Fußballs.
14 Abgänge – ist viel, schon klar. Aber da sind ja ettliche Kicker dabei die nie oder sehr wenig gespielt haben und deren fußballerische Fähigkeiten recht überschaubar sind. Aber dieses Thema wurde ja schon ausführlich diskutiert. Bin auch neugierig, wie der Hy-Balla rollt.
Korrekt. In der Startformation stehen 8 bis 10 Spieler,die bereits länger dabei sind. Einzig Madl hat von den Neuen ein Fixleiberl, möglicherweise auch Sukuta und Vujadinovic. Umbruch geht anders. Oder anders formuliert: Gute Arbeit der sportlichen Leitung im letzten Jahr.
Der “große Umbruch” ist deshalb nicht möglich gewesen, weil die “Stammbesetzung” der letzten Saison und Spieler wie Wolf und Dudic mindestens noch einen Vertrag bis 2013 besitzen und aufgrund ihrer Leistungen sich nicht unbedingt in die Auslage gespielt haben, von so ziemlich allen, bei denen man konnte hat man sich getrennt. Der Kader 2012/13 ist eine Kompromisslösung, erst in der nächsten Saison kann sich Hyballa + der neue Geschäftsführer Sport eine Mannschaft nach ihren Vorstellung basteln.