Sturmfans sind unheimlich reisefreudig. Nicht nur in wichtigen Partien ihres SK Sturm Graz. Heute werden rund 3.000 in Wolfsberg erwartet. Die so berühmte, wie zuletzt vermisste Völkerwanderung über die Pack hat wieder Saison. Aus diesem Anlass wirft Sturm12.at einen Blick zurück auf die größten Massenbewegungen der schwarz-weißen Anhängerschaft in über 100 Jahren Vereinsgeschichte.
Sturm ist ein Fanverein – und jeder Sportklub lebt von seinen Fans. Und so dürfen auch nicht die großartigen Fan-Auftritte, die es nicht unter diese “Top-12″ geschafft haben, unerwähnt bleiben. Seien es die rund 300 mitgereisten Fans beim Europcup-Rückspiel in Leipzig gegen Lokomotive 1983/84, die über 2.000 in Wien beim 5:1 bei Rapid 2007, sowie beim 3:1 (Mario-Haas-Fersler) bei der Austria 2008, die 4.000 im Cupfinale 1998 und die 6.000 ein Jahr später, oder jene 500 beim historischen 1:0 im UEFA-Cup 2002 bei Lazio Rom (auf die in der aktuellen Ausgabe der Schwarzmalerei genauer zurückgeblickt wird). Dazu die vielen weiteren unglaublich gut bemannten Fanfahrten nach Klagenfurt, Kapfenberg, Budapest, Zürich, Szekesfehervar, oder Moskau.
Eiserner Vorhang und Packer Bundesstraße
4. Juli 1948. Austria Wien – Sturm Graz 2:0; 40.000 (ca. 1.000 Sturmfans)
Knapp 1.000 Sturmfans sahen in Wien ein 2:0 der Austria gegen die Schwarz-Weißen. Klingt nicht unbedingt nach einem außergewöhnlichen Spiel und schon gar nicht nach einer historischen Auswärtsfahrt. Doch wenn man die Jahreszahl, sowie die damaligen Umstände in Betracht zieht, so war dies eine der bedeutsamsten Völkerwanderungen innerhalb Österreichs in der Nachkriegszeit. Für das Cupfinale 1948 fuhr ein Sonderzug nach Wien, um den ersten Provinzverein in einem großen Spiel auf Wiener Boden zu begutachten. Rund 40.000 hatten eine kurze, wohl recht angenehme Anreise. Die knappen Tausend aus Graz ganz und gar nicht. Sechs Stunden verbrachten die Sturm-Knofel im Zug, mussten dabei am Semmering in die russische Besatzungszone – alles andere, als ein leichtes Unterfangen. Doch es zahlte sich aus. Alleine das Erreichen des Finalspiels war schon ein Erfolg. Nach der knappen Niederlage überschlugen sich Medien und Fans voller euphorischer Berichte. Es war klar: Dieser Klub musste Teil einer gesamtösterreichischen Meisterschaft werden!
21. Juni 1964. Villacher SV – Sturm Graz 1:3; 4.000 (ca. 1.000 Sturmfans)
Das erste wichtige Spiel über der Pack. Damals noch ohne Autobahn (durchgehend Bundesstraße) pilgerten über 1.000 Sturm-Fans in die Faschingshauptstadt. Im Stadion Villach-Lind sahen diese den großen Kampf der Grazer um die Rückkehr in die Staatsliga. Und nach sechs langen Jahren gelang dieser auch. Gegen die bereits fix abgestiegenen Blau-Weißen brachte Ivan Medle die Aficionados erstmals zum Jubeln – 0:1 in der 7. Minute. Publikumsliebling Kurt Reisinger erhöhte noch vor der Pause auf 0:2, der Kuchen schien gegessen. Doch es wäre nicht auch schon damals Sturm gewesen, wäre die Partie nicht noch einmal (durch ein Eigentor) spannend geworden. Schlußendlich war es aber ein weiteres Mal Reisinger, der kurz vor Schluss den Sack zumachte. Verletzt humpelte er mit dem Ball ins Tor – 1:3. Grenzenloser Jubel der Mitgereisten am Spielfeld. Sturm war zwar nur für eine Saison wieder erstklassig, aber man konnte doch noch aufsteigen. Und so war es doch mit ein Grundstein für die zwei Jahre später stattfindende endgültige Rückkehr ins Fußball-Oberhaus.
05. November 1975. Haladas Szombathely – Sturm Graz 1:1; 20.000 (ca. 5.000 Sturmfans)
Sturm eine gefestigte Größe des Landes – der GAK am Ende. Dies hatte 1975/76 genauso Gültigkeit, wie in der Gegenwart. Rund um den ATS-Bank-Crash im Februar 1976 wurde GAK-Präsident Horst Melcher verhaftet, der GAK wurde (zumindest damals) durch die Rückkehr zum Amateurfußball gerade noch gerettet. Was die Sturmfans aber in dieser Zeit mehr interessierte, das war der Europacup der Cupsieger. Als Cupfinalist stürmte man mit einem Gesamtscore von 3:2 über Slavia Sofia ins Achtelfinale. Dort war der Gegner das Team von Haladas Szombathely, aus dem knapp 100 Kilometer Luftlinie von Graz entfernten Steinamanger. Und die Steirer hatten nach dem 2:0 im Hinspiel das erste Viertelfinale der Vereinsgeschichte im Visier. So strömten unglaubliche – und bis dato nicht dagewesene – 5.000 Schwarz-Weiße über den eisernen Vorhang nach Ungarn. Viele von ihnen nahmen stundenlange Grenzkontrollen und ein Kommen im Laufe des Spiels in Kauf, um dabei zu sein. Um einen noch größeren Ansturm zu verhindern, wurde der Ankick schon mit 12:30 Uhr angesetzt. Das Stadion war dennoch voll – und die Sturmfans durften am Ende jubeln. Sturmlegende Gernot Jurtin fing einen verunglückten Abschlag des Torhüters ab und traf zum verdienten Ausgleich in der 89. Bis heute war es die größte, schwarz-weiße Massenbewegung der Europacupgeschichte.
Wien ist anders
01. Juni 1996. Rapid Wien – Sturm Graz 2:0; 48.000 (ca. 5.000 Sturmfans)
Es wäre zu schön gewesen. 48.000, davon rund 5.000 aus Graz im Ernst-Happel-Stadion. Diese zeigten zum Einlauf der beiden Titel-Aspiranten eine Zettel-Choreographie in schwarz-weißen Streifen. Am Ende aber durfte Rapid-Trainer Ernst Dokupil und seine Europacup-Finalisten-Mannschaft nach dem verpassten Triumph gegen Paris Saint-Germain doch noch jubeln. Carsten Jancker, Michael Konsel, Christian Stumpf, Trifon Ivanov, Zoran Barisic, Dietmar Kühbauer, Andreas Heraf und Peter Stöger standen damals in einer der besten Rapid-Mannschaften aller Zeiten. Und sie ließen der jungen, unerfahrenen Ivan-Osim-Elf keine Chance. Roman Pivarnik und Stumpf trafen zum Endstand. Der lang ersehnte erste Meistertitel wurde vertragt und Hannes Kartnig weiter verunglimpft – alle werden Meister, nur der Kartnig nicht.
05. Juni 1996. SCN Admira Wacker – Sturm Graz 1:3; 8.800 (ca. 7.000 Sturmfans)
& 27. Mai 1997. First Vienna FC 1894 – Sturm Graz 1:2; 14.000 (ca. 9.000)
Nur vier Tage nach der verpassten Meisterschaft machten sich rund 7.000 Steirer ein weiteres Mal auf den Weg ins Happel-Rund. Diesmal mit einem glücklicheren Ende. Schon vor Spielbeginn sorgte ein Bengalenmeer für die Anheizung der Stimmung. Nach dem Schlusspfiff und dem 3:1-Erfolg gab es kein Halten mehr – das Grün im Praterstadion wurde von Sturmfans besetzt und Arnold Wetl stemmte den ersten nationalen Titel im Profifußball in die Höhe.
Ähnliche Szenarien ein Jahr später. Auch gegen die Elf von Trainer-Legende Helmut Senekowitsch war Sturm klarer Favorit, ging vor 14.000 Besuchern (davon rund 9.000 aus Graz) schnell durch einen Ivica-Vastic-Elfer in Führung – der spätere Sturm-Schlussmann Heinz Weber hatte keine Chance. Jens Dowe erhöhte auf 2:0 – das reichte. Am zweiten Cuperfolg nacheinander hinderte auch das Mario-Posch-Eigentor kurz vor dem Ende der Partie nicht. Und nicht nur in Wien wurde gefeiert. Auch am Grazer Hauptplatz fanden sich nach beiden Siegen 10.000-15.000 feiernde Blackies.
06. Mai 2000. Rapid Wien – Sturm Graz 2:3; 35.700 (ca. 4.000 Sturmfans)
Nach zwei Meistertiteln in Serie wackelte die abermalige Titelverteidigung gewaltig. Der FC Tirol war vorne weg und nur der Sieger aus der Partie Rapid-Sturm durfte sich fünf Runden vor Schluss noch berechtigte Hoffnungen auf den Titelgewinn machen. Die Champions-League-erprobte Elf von Ivan Osim zeigte eine der spannendsten und schönsten Aufholjagden der Sturm-Geschichte. Mit dabei waren rund 4.000 Sturmfans, die im sehr gut gefüllten Happel-Stadion am Ende jubelnd dastanden. Zunächst aber spielte Grün-Weiß. “Il genio” – Dejan Savicevic - brachte die Wiener früh mit 2:0 in Führung. Die Antwort von Gilbert Prilasnig ließ nicht lange warten. Danach entwickelte sich das Spiel zum Krimi. Kurz vor Schluss traf dann Hannes Reinmayr zum 2:2 und in der Nachspielzeit spielte Mehrdad Minavand den Ball mit seinen funkelnden weißen Schuhen vor zu Ivo Vastic, der in der Nachspielzeit (92.) zum 3:2 für die Grazer traf.
Sturmfans im Aufwind
03. November 2007. Austria Kärnten – Sturm Graz 0:0; 16.800 (ca. 7.600 Sturmfans)
Vor der EM wurde gebaut. Rechtzeitig vor den Schlagerspielen gegen Austria Wien und Sturm Graz wurde das neue Wörtherseestadion (das “Ufo”, oder auch “Klagenfurz”, wie es die Deutschen ob der geringen Kapazität für die Euro nannten) feierlich eröffnet. Richtig beleben konnte aber nur die Grazer Anhängerschaft das schönste und dauerbaufälligste Stadion des Landes. Eine in Österreich noch nie dagewesene Wanderung von Sturmfans über die Pack hielt niemanden ruhig daheim vor dem Fernseher. 7.600 waren es letztendlich, die mit Wechselgesängen und mit zwei großartigen Choreographien die auf die Stahlrohrkonstruktion trampelnden und in Vuvuzela-Vorgänger blasenden Heimfans von Jung bis Alt beeindruckten. Das Spiel selbst war matt und ein laues Lüftchen, doch der Feldzug der Mitgereisten machte Lust auf mehr.
09. August 2008. Kapfenberger SV – Sturm Graz 1:3; 11.200 (ca. 6.800 Sturmfans)
Sturm im Aufwind. Die Euphorie kannte in dieser Zeit keine Grenzen. Kein Rückschlag (Budapest) konnte diese Fanszene stppen. Auch an diesem wunderschönen Tag im August gab es nur eine Mannschaft, die tatkräftig unterstützt wurde. Kapfenberg kam neben den Sturmfan- auch erstmals zu IC-Ehren eines ÖBB-Sonderzugs. Rund 3.000 kamen gleichzeitig mit dem Zug an (knappe 7.000 dürften es insgesamt aus der Landeshauptstadt gewesen sein), zogen gemeinsam zum Stadion und sorgten dort bereits für ein Chaos unter dem örtlichen, völlig überforderten Ordnerdienst. Schlimmer wurde es nur noch im Sommer danach. Diesmal blieb es allerdings soweit ruhig und die Emotionen standen im Vordergrund. Anhänger, die auf Steinstufen stehend eingepfercht in einen durch altmodische Zäune umrandeten Old-School-Auswärtssektor sich gegenseitig auf die Füße treten. Fans auf den Flutlichtmasten, auf den hinteren Absperrzäunen, auf dem Imbissstand und auf den provisorischen WC-Anlagen. Überall Menschen – überall Sturmfans. Dazu eine elektrisierende Atmosphere. Das its Fußball! Nie hat Kapfenberg mehr spaß gemacht. Am Ende schießen Marko Stankovic und Samir Muratovic die Blackies auch noch zum 3:1-Sieg.
16. Mai 2010. SC Wiener Neustadt – Sturm Graz 0:1; 28.000 (ca. 26.000 Sturmfans)
Jeder, der auch nur irgendetwas mit diesem Verein zu tun hat war entweder dort, oder verbrachte an jenem Tag bange Stunden, Minuten und Sekunden vor den Fernsehgeräten dieses Landes. Sturm war nach dem Konkurs dreieinhalb Jahre zuvor nun endgültig wieder dort, wo man hingehörte. Und über 25.000 feierten mit. Doch bereits nach wenigen Augenblicken griff Christian Gratzei daneben, foulte seinen Gegenspieler – der Pfiff blieb aus. Warum? Peter Schöttel meinte nach Spielende: “Wenn man sich hier so umsieht, dann konnte es heute nur einen Sieger geben!” Und wie recht er hatte! An diesem Sonntag-Nachmittag regierte Schwarz-Weiß. Die Zehntausenden trieben in einer nie erreichten Lautstärke ihre Elf auf dem Feld zum ersten gemeinsamen Titel. “Schreibt Geschichte – Holt euch den Pokal” stand in großen Lettern am Oberrang des Klagenfurter Wörtherseestadions geschrieben. Schon während des Spiels bebte nicht nur das Stadion, man musste gar Angst haben, dass die Anzeigetafel die Partie nicht überstehen würde. Doch sie bestand ihre Prüfung – es war eine harte. Denn in Minute 81 passte Haas hinaus auf Samir Muratovic. Dieser flankte zur Mitte und der heute vereinslose Slowene Klemen Lavric köpfte gekonnt ins lange Eck ein. Den darauffolgenden Torjubel vermochte man noch in Graz-Weinzödl zu vernehmen. Die Tribünen nahe dem Einsturz machte der Schiedsrichter noch im absoluten Trance-Zustand des Grazer Publikums wenig später das einzig Richtige und beendete das Spiel.
26. August 2010. Juventus Turin – Sturm Graz 1:0; 18.595 (ca. 1.100 Sturmfans)
1:2 im Hinspiel. Nicht viel sprach für einen Aufstieg der Bianconeri aus Graz, gegen jene aus Turin. Doch Italien und die große Fußballbühne rund um die “Alte Dame” zogen die Sturmfans in ihren Bann. Rund 1.100 Steirer machten sich so auf den Weg in die Po-Metropole. Und diese machten mächtig Krach. Schon am Weg zum Stadion – beim gemeinsamen Marsch – hallten die Gesänge durch die Turiner Innenstadt bis zum Olympiastadion von 2006. Unter dem Motto “Sturm auf Turin” war der volle Auswärtsblock zu Spielbeginn lautstark, euphorisch und siegesgewiss. Das spürte auch die Elf am Platz und kämpfte wacker gegen den übermächtigen Gegner. Imre Szabics traf nur die Stange, ein gewisser Alessandro del Piero machte es mit einem Traumtor besser. Juve in der Gruppenphase – Sturm und seine Fans aber zeigten, wie man am Ende der Saison Meister werden konnte.
Ein Märchen und ein bleibender Eindruck
22. Mai 2011. SC Wiener Neustadt – Sturm Graz 1:2, 7.036 (ca. 6.000 Sturmfans)
Noch zu real die Erinnerungen und Geschehnisse an diese denkwürdige Partie: 6.000 Schwarze unter den 7.000 Besuchern. Dress-Code. Eine unglaubliche Hitze. Florian Kainz unbekümmert. Ausgleich, Latte, immer wieder Christian Gratzei. Edin Salkic und sein liebstes Körperteil. Samir Muratovic eiskalt. Der Daumen in Mario Haas’ Auge. Meister 2011. Mehr braucht man dazu nicht sagen.
03. November 2011. RSC Anderlecht – Sturm Graz 3:0; 15.460 (ca. 1.300 Sturmfans)
Auch diese unglaubliche Auswärtsfahrt sitzt noch tief in den Köpfen der Sturm-Anhängerschaft. Eintausenddreihundert begleiteten die steirische Abordnung nach Brüssel, um das Constant-Vanden-Stock-Stadion zu rocken. Und wie sie das taten! Schon (nach einer 20-stündigen Zug-Odyssee) in der Innenstadt besetzten die Grazer Kneipen, Bars und Geschäfte der EU-Hauptstadt. Der Weg zum Stadion übertraf schließlich – trotz der Länge – sämtliche Erwartungen. Hunderte Einheimische lockten die ohrenbetäubenden Gesänge an. Kameras, Fotoapparate und Handys wurden auf die Meute gerichtet. Im Stadion das selbe Szenario. Der Lärmpegel überschlug sich mehrmals, der “Sturm-Klatscher” und der Auftritt wurde nicht nur bewundert, sondern nach Spielende auch frenetisch von der violetten Anhängerschaft der Brüsseler beklatscht. Das Unternehmen Aufstieg war dahin, das Spiel war nahezu katastrophal, aber Sturm hinterließ einen bleibenden, positiven Eindruck – dank seiner Fans.

Sturm12.at ist ein privates und unabhängiges, journalistisches Medium, das seinen Fokus auf die Berichterstattung über den Fußballklub SK Sturm Graz gerichtet hat. Gegründet wurde Sturm12.at am 20. Februar 2009 von Christopher Houben und Julia Wendl. Das Hauptaugenmerk der Arbeit bei Sturm12.at liegt auf der tiefgreifenden Analyse von Sturm Graz und des österreichischen Fußballs.
Das CL Quali “Heimspiel” in Klagenfurt hatte aber auch was!
Habe ich nicht erwähnt, da es ja ein offizielles Heimspiel war.
@bs: naja diverse cupfinali waren aber auch keine “auswärtsspiele” …
toll, bei 2 dieser wunderbaren Auswärtsspielen dabei gewesen zu sein
Hoffentlich kommen noch viele, legendärere Spiele dazu!
Anderlecht away war geil. Die Zugfahrt detto (“Hurra, hurra, die Grazer die sind da…”). Würde wahnsinnig gerne mal auf die Insel und die Briten in Grund und Boden singen (siehe die Grünen bei Aston Villa). Schaffen wir auch…