© 2012 Sturm12.at (Peter Troissler)
© Peter Troissler

Heimo Steps

Der Mann, der Hirschmann und Kartnig war

Er schrieb Texte als Hannes Kartnig, er schrieb Texte als Gerhard Hirschmann. Häufig über Sturm. Heimo Steps agierte jahrelang als Verbindungsstück zwischen Sport, Kultur und Politik. Ein Gespräch über Fußballkultur, Ivan Osim und den exzellenten Torhüter Albert Camus.

© 2012 Sturm12.at (PT)
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Als er Mitte des letzten Jahrzehnts politisch aufs Abstellgleis gestellt wurde rebellierte die Künstlerschaft. Mehr als Hundert nationale wie internationale Künstler forderten die Rückkehr von Heimo Steps als Multifunktionsverbinder zwischen Politik und Kunst. “Heimo Steps ist das wichtigste, ja wahrscheinlich einzige praktizierende, Bindeglied für das Land Steiermark zwischen Einzelkünstlern und Politik”, schrieb Jan-Pieter Martens, Initiator der gemeinsamen Aktion. Gerhard Roth ließ wissen, dass Steps “kein Berufs-Kultur-Beamter ist, sondern alle Sinne für Neues offen hat.” Und Armin Pokorn ergänzte nüchtern: “Die steirische Kulturpolitik ohne Heimo Steps wäre ein Vaporetto ohne Wasser”.

Heute ist Heimo Steps 66 Jahre alt und pensioniert. Der Steiermark, und Graz im Besonderen, drückte der ehemalige Sekretär von Landesrat Gerhard Hirschmann kulturell seinen Stempel auf. Sturm ist dem gebürtigen Kärntner seit Ivan Osim eine Herzensangelegenheit, auch heute zieht es den Begründer der Jazz-Konzertreihe gamsbART regelmäßig nach Liebenau. Als “Gerhard Hirschmann” schrieb Steps Vorworte in Sturm-Publikationen, als “Hannes Kartnig” plädierte er in der Kleinen Zeitung für ein neues Trainingszentrum. Und weil Heimo Steps das Französische besonders schätzt, hat ein Gespräch mit ihm zunächst einmal Alain Masudi zum Thema.

Heimo Steps: Alain Masudi, an den kann ich mich noch erinnern. Ein toller Fußballer, aber schwieriger Typ. Ich versuchte, ihn ein bisschen in der französischen Szene in Graz zu verankern. Ein hoffnungsloses Unterfangen.

Wenn ich an französischsprachige Kicker bei Sturm denke, fällt mir im ersten Moment Franck Silvestre ein. Ein fantastischer Spieler.
Silvestre? Was war das für eine Zeit bei Sturm?

Silvestre kam 2003, Gilbert Gress war Trainer.
Oh, Gilbert Gress. Diese Zeit hab ich aus meinem Gedächtnis gestrichen.

Warum das?
Naja, Osim war weg. Rausgeekelt von Hannes Kartnig. Da musste ich dann eine Zeit lang Sturm-Pause machen.

Wie früher. Ich hab gelesen, Sie waren GAK-Fan.
Ja, ich bin ein Renegat, ein Abtrünniger. Als Kärntner in Graz hab ich mit dieser Rolle immer schon recht gut umgehen können (lacht). Fußball hat mich immer interessiert. Als ich dann nach Liebenau ins Internat gekommen bin hat beim GAK Hannes Jank als Mittelstürmer gespielt. Ein Villacher, den ich später selbst kennen gelernt habe.  Auch danach haben beim GAK immer wieder Kärntner gespielt, das hat mir einfach gefallen.

Wie kam’s zum sportlichen Sinneswandel?
Es war ein langes Ende mit Schrecken – die Leidensfähigkeit als GAK-Fan wurde bei mir überstrapaziert. Da gewinnt man ein Relegationsspiel gegen Sturm mit 4:0 und trotzdem steigen die Schwarzen auf. Furchtbar. Außerdem kam 1983 mein Sohn auf die Welt. Der war recht bald Sturm-Fan. Dann bin ich mit ihm in die Gruabn gegangen.

Sie haben dem Sohn das durchgehen lassen?
Jaja, der hat das einfach richtig überrissen. Dank Osim bin ich dann zum wirklichen Sturm-Fan mutiert. Auch wenn das unverständlich erscheint, da man ein Fan eines Teams ja eigentlich ein Leben lang sein sollte.

Wirklich?
Nein, man kann, muss aber nicht (lacht).

Teilen Sie das Gefühl, dass Ivan Osim viele Kulturschaffende zu Sturm-Fans gemacht hat?
Da bin ich mir sicher. Er hat eine große Ausstrahlung, die viele Leute dieser Szene angesprochen hat. Einerseits ist er sehr geheimnisvoll und andererseits ein sehr präziser Denker. Er hatte viele Bewunderer. Ich hab über Osim einmal mit einem französischen Universitäts-Professor gesprochen. Der kannte Osim von Sedan, aber auch von Straßburg. Da hörte ich zum ersten Mal die Bezeichnung “Johann Strauß des Fußballs”. Trotz seiner schlaksigen Statur war Osim ein blendender Fußballer, ein genialer Techniker.

Kennen Sie Ihn persönlich?
Jaja!  Wir waren gemeinsam in Sarajevo. Er ist mit mir durch die Stadt gefahren und hat ehemalige Sportstätten gezeigt, die zu Friedhöfen umfunktioniert wurden. Das war sehr berührend. Am Abend lud Osim dann gemeinsam mit einigen Freunden in ein Fischlokal in Sarajevo ein. Und plötzlich fing er an zu tanzen und zu singen an. Nur wenige Österreicher haben ihn vermutlich so gesehen. Es war hinreißend, und auch sehr berührend. Ich hab mit Osim oft gesprochen, nachdem er zurückgetreten ist. Eigentlich wurde er ja abserviert. Von Kartnig, auf eine miese Art. Obwohl ich Kartnig auch gute Seiten zuspreche.

Viele tun das. Sie sollten ein Abschiedsfest für Osim organisieren?
Gerhard Hirschmann hat mir gesagt, ich soll ein Fest in der Grazer Burg vorbereiten.  In dieser Zeit hab ich mich oft mit Osim getroffen – und ihm gesagt, er soll die Leute einladen, die er dort sehen will. Osim hat lange überlegt, ob er Kartnig einladen soll. Er war in dieser Sache entschlusslos, obwohl er kurz zuvor so drastisch abmontiert wurde.

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In einem Interview hat mir Osim Hannes Kartnig als “starken, mutigen Mann” beschrieben. Es kam kein schlechtes Wort aus seinem Mund.
So ist er. Er hat damals bezüglich der Feier wirklich lange überlegt und schlussendlich tatsächlich gesagt: ‘Wir haben gemeinsame Erfolge gehabt’. Er hat ihn eingeladen.

Kam Kartnig zur Feier?
Nein. Osim war sehr getroffen.

Osim wurde während seiner Trainerzeit häufig die Bezeichnung “Fußball-Intellektueller” umgehängt. Wenn man sich die Geschichte des Sports ansieht, hat man das Gefühl, die Begrifflichkeiten passten lange kaum zusammen.
Jajaja. Mittlerweile ist das anders. Schauen Sie, ich hab sogar etwas dazu geschrieben. 1996, für die Zeitung. (Legt den Text auf den Tisch und beginnt vorzulesen) ‘Manchester United gegen Rapid Wien: Eric Cantona, der französische Kapitän des englischen Fußballmeisters und Cupsiegers, ist nicht nur auf dem Fußballfeld ein Star. Er gehört zu jenen großen und verdienstvollen Persönlichkeiten, die dem Fußball neue gesellschaftliche, kulturelle und intellektuelle Dimensionen eröffnet haben. Denn einem Fußball nachzulaufen oder zuzuschauen, wie andere einem Fußball nachlaufen, gilt in so genannten besseren Kreisen noch immer als vulgär. Da wird der Intelligenzquotient von Fußballern und Fußballfans noch gerne mit dem von Hydranten oder Heuschobern verglichen.

Sie verkehrten lange auch in “so genannten besseren Kreisen”. Hatten Sie jemals Unbehagen, sich als als Fußball-Fan zu bezeichnen?
Nein, überhaupt nicht. Ich hab immer selbst gespielt, wuchs mit dem Fußball auf. Die erste WM bekam ich 1954 im Radio mit – da hat mein Vater zugehört.

Ein gutes Beispiel. Deutschland gewann das Finale in Bern – kein einziger Politiker war im Stadion. Die gesellschaftliche Elite hatte andere Sorgen als Fußball und andere öffentliche Plattformen als das Stadion.
Das stimmt. Aber es gab dann doch recht früh Philosophen und Literaten, die sich zum Fußball geäußert haben. Mein Säulenheiliger ist diesbezüglich ja Albert Camus.

Den sie auch in Ihre Texte immer wieder einfließen lassen.
Einmal sogar in einen Text von Hannes Kartnig für die Kleine Zeitung.

Sie waren nicht nur Hirschmann, Sie waren also auch Kartnig?
In seiner frühen Präsidenten-Zeit (lacht). Es gab den Plan eines neuen Trainingszentrums, Sturm und GAK sollten nebeneinander in Straßgang residieren. Und Gerhard Hirschmann war dafür. Kartnig wurde eingeladen, einen Beitrag für die Zeitung zu schreiben, den ich dann verfasst hab. Kartnig war natürlich auch für die neue Trainingszentrumslösung, der rote Dörflinger dagegen.

Und “Kartnig” hat Camus zitiert?
Jajaja. ‘Literaturnobelpreisträger Albert Camus hat gesagt, dass bisschen Moral, über das er verfügt, hat er beim Fußballspielen gelernt’. So schrieb ich als Kartnig in der Zeitung. Am Tag der Veröffentlichung traf ich den Grazer Künstler Jörg Schlick, einen leider bereits verstorbenen Freund von mir. Der hat mir natürlich sofort erklärt, dass der Kartnig-Text einer von mir sein muss. Camus hatte mich enttarnt. (lacht)

Um auf das Camus-Zitat zurückzukommen. Ist ein Fußballfeld wirklich als Spiegel der Gesellschaft dienlich? Ist der dortige Moralbegriff jener, den man auch außerhalb des Stadions verwenden kann?
Ich will da gar nicht allzu philosophisch sprechen. Das Fußballspiel hat klare Regeln, die jeder versteht. Deswegen funktioniert das Spiel weltweit. Aber Camus war ja ein exzellenter Tormann und hat gelernt, in einer Mannschaft, einem Team, zu funktionieren – was zum Beispiel nur gelingt, wenn man eine klare Vorstellung von Fairness hat.

Was macht den Fußball für Sie aus?
Die Spannung. Man setzt auf eine Mannschaft und hofft, dass diese gewinnt. Und mittlerweile ist es ja ein richtig schönes Spiel geworden. Spielfreude und Spielwitz, das ist entscheidend.

Ist das “Fußballkultur”?
Ja, doch. Einer meiner Lieblingsausdrücke ist in diesem Bezug ja übrigens “ein Spiel lesen”. Das hab ich einmal mit Gilbert Prilasnig diskutiert.  Der hat über die gegenseitige Beeinflussung von Alltagssprache und Sprache im Sport geschrieben. Was übrigens noch Fußballkultur ist: Der Doppelpass am Sonntag, im deutschen Fernsehen. Dieses gegenseitige Korrigieren, Präzisieren und dann noch dieses Phrasenschwein – fantastisch.

Sie gelten in Graz als jemand, der sich kein Blatt vor den Mund nimmt. Man müsste meinen, Ihnen gefallen am Fußballplatz die frechen, quirligen Spieler?
Ein Ribery taugt mir. Bei Sturm der Florian Kainz.

Also tatsächlich die Frechen.
Anscheinend. Früher hat mir der Roman Mählich immer getaugt. Meiner Meinung nach der beste Fernseh-Kommentator im Moment. Er ist sprachlich gut, hat einen Witz – und außerdem fällt ihm immer etwas Neues ein.

Ivan Osim hat einmal gesagt, dass Heimo Steps der “Missing Link zwischen Fußball und Kultur” ist.
Ich habe zumindest immer versucht, den Wert des Sportes zu vertreten. Gerade in sportfernen Milieus. Dort habe ich zunächst einmal Leute beschimpft, die über Fußball geschimpft haben. Mich hat dieses Naserümpfen, diese Geringschätzung der Sportler einfach immer furchtbar genervt.

Danke für das Gespräch.

 

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