SPIEGEL
© Sturm12.at (KU)

Darko Milanic

"Ich will mit Sturm dominieren"

Seit vier Monaten ist Darko Milanic Cheftrainer des SK Sturm Graz. Hinter ihm liegt kein leichter Sommer und doch treffen wir heute einen Mann, der scheinbar keine Zweifel kennt. Ein Gespräch über spektakuläres Spiel, Erfolg und sein “Zuhause” Sturm Graz.

© Sturm12.at (KU)

Darko Milanic ist ein strenger Mann. Sein Blick ist streng, seine Worte sind streng und manchmal hat man sogar das Gefühl, als wäre sein Gang ein strenger. Genauso gibt er sich auch an diesem unwirtlichen Nachmittag in Graz Messendorf. Bei barschem Wind und Regen begrüßt uns Darko Milanic so, wie er überhaupt alles zu machen scheint: bedacht, aber nicht engherzig; distanziert, aber nicht kalt. „Wir haben nicht viel Zeit“, sagt er, wieder mit diesem Blick, und gleich darauf „bis Viertel war ausgemacht, oder?“ Ja, war es.

Schon recht früh im darauffolgenden Gespräch lässt sich an einem Wort festmachen, worüber Darko Milanic besonders gerne spricht: Erfolg. Wenn er über ihn und die Wege, die zu ihm führen, referieren kann, weicht sogar die ihm gegebene Strenge plötzlich der Euphorie. Die Augen werden wärmer, die Gesten größer, die Mimik exaltierter. Das muss wohl auch so sein, im Gespräch mit einem Mann, der des Sieges gewohnt und dem Erfolg gewogen ist.

Herr Milanic, gewinnen Sie gerne 1:0?
Ich gewinne gerne. Ich gewinne lieber 1:0, als 2:4 zu verlieren.

In einem Interview mit Laola1.at haben Sie einmal gesagt: „Offensive Philosophie ist das eine. Klar, alle wollen ein Spektakel sehen. Aber im Leben ist es wichtig, dass du Erfolg hast…Fußball ist Offensive, aber nicht nur Offensive.“ Was denn nun: Kann man mit Spektakel auch Erfolg haben oder schließt das einander aus?
Wenn jemand über Spektakel redet, dann meist von Mannschaften wie Barcelona oder Bayern – das ist Spektakel. Aber Fußball ist sehr oft etwas Anderes. Wenn man sich Dortmund ansieht: Deren Spiel ist auch Spektakel. Aber auf welche Art? Da ist viel Taktik dabei, die Mannschaft ist sehr kompakt und vollführt ein unglaublich schnelles Spiel nach vorne. Erfolg und Spektakel, das geht, aber es gibt extrem wenige Mannschaften, die spektakulären Fußball spielen und großen Erfolg damit haben. Man muss sich allerdings immer auch fragen: Was ist Erfolg überhaupt? Für Grödig ist es ein Erfolg, wie sie jetzt spielen: Sie schießen viele Tore – bekommen zwar auch viele, aber für sie ist das, was sie jetzt spielen, ein Erfolg.

Was ist für Sie Erfolg mit dem SK Sturm Graz?
Dass ich eine Mannschaft sehe, die so spielt, wie in den letzten sechs Spielen; dass wir wenige Fehler machen; dass jeder bereit ist, für den anderen zu kämpfen und jeden Tag mit vollem Einsatz zu arbeiten. Das ist für mich, jetzt in diesem Moment, Erfolg. Aber nächsten Monat sage ich etwas anderes.

Haben Sie schon einmal einen Erfolg verpasst, weil Sie als Trainer zu vorsichtig waren?
Mit Maribor haben wir (Anm: 2011), das ist eine negative Erfahrung für mich, gegen Brügge in einem Europa League-Spiel 3:0 geführt und dann noch 3:4 verloren. Ich wollte keine Spitze rausnehmen, obwohl wir enorm unter Druck gestanden sind. Aber ich bin der Meinung, dass man mit mindestens zwei Spitzen spielen muss, damit man in der gegnerischen Hälfte den Ball halten und im Angriff überhaupt Akzente setzen kann. Ich wollte nicht wechseln, weil ich mir während des Spiels sicher war, dass wir es mit der offensiven Aufstellung über die Zeit schaffen. Aber nach dem Spiel…wenn ich die letzten zehn Minuten noch einmal spielen könnte, würde ich zwei Verteidiger einwechseln.

Nun war ja aber Vorsicht in Marburg oft gar nicht angebracht. Dort hatten Sie Erfolg und das, wie Sie selber sagen, mit teilweise sehr offensivem Fußball. Können Sie sich auch mit Sturm spektakuläres Spiel erlauben oder lassen das der höhere Druck und die andere Konkurrenzsituation in Graz nicht zu?
Der Druck ist überhaupt nicht größer oder kleiner. Der Druck ist für den Trainer immer gleich groß. Außerdem ist Druck immer auch eine persönliche Sache. Ich weiß, dass ich einen sehr wichtigen Job habe und Sturm ein sehr wichtiger Verein ist. Aber auch die Vereine, bei denen ich bisher gearbeitet habe, müssen diesen Respekt bekommen. Der Druck war dort genauso groß. Der Unterschied ist, dass wir in Maribor überlegen waren und jedes Spiel dominiert haben. Die Gegner haben defensiv gespielt, wir hatten viel Ballbesitz und konnten kombinieren. Wie denkt aber meine Mannschaft jetzt? Spielt sie lieber offensiv, oder verteidigen sie lieber alle zusammen und schalten dann schnell um? Ich glaube Zweiteres. Ich glaube, sie hat schon so gedacht, bevor ich hierher gekommen bin. Seit wann gewinnen wir? Seitdem wir kompakter stehen, schnell in Offensive und Defensive umschalten und ab und zu auch gutes Pressing nach Ballverlust spielen. Das ist mit dieser Mannschaft aktuell der Weg zum Erfolg. Aber mein Ziel ist es, in Zukunft zu dominieren. Ich fordere ständig mehr Ballbesitz von meiner Mannschaft. Wer glaubt, dass ich mit einem Ballbesitz von 45 Prozent zufrieden bin, ist fehl am Platz. Ich will, dass wir dominieren, dass wir 70 Prozent Ballbesitz haben. Ich weiß aber, dass es zurzeit wichtig für das Resultat ist, dass wir so spielen, wie wir spielen.

© Sturm12.at (KU)

Sie sind jetzt seit mehr als vier Monaten in Graz. Ganz ehrlich: Haben Sie am Anfang Ihre Aufgabe unterschätzt?
Ich habe sie überhaupt nicht unterschätzt. Ich habe gewusst, dass die Aufgabe sehr schwer ist. Wenn ich die Vorsaison betrachte: Der Herbst war okay, der Frühling war extrem stressig. Ich sage bewusst extrem stressig. Sehr stressig wäre untertrieben. Die Spieler sind Menschen und man kann keinen Knopf drücken, der alles vergessen macht, was war. Jetzt aber habe ich das Gefühl, dass wir einen enormen Schritt nach vorne gemacht haben. Ich merke, dass die Mannschaft gerne zusammen ist, dass die Spieler gerne zum Training kommen und gerne untereinander und mit mir kommunizieren. Wir haben aktuell eine gute Chemie in der Mannschaft. Das bedeutet aber nicht, dass ich denke, es wartet in den kommenden Wochen jetzt ein leichter Job auf uns.

Der Saisonstart ist alles andere als geglückt. Sie wirkten in Interviews während dieser schwierigen Phase ruhig und ernst, doch hatte man nie den Eindruck, dass Sie an sich zweifeln würden. Wie sehr hat diese schlechte Anfangsphase wirklich an Ihnen genagt?
Dafür bin ich schon zu lange im Fußball aktiv. Ich bin nach einem Sieg der gleiche Mensch, der ich davor war. Ich habe vor einem Sieg alles dafür gegeben, dass wir gewinnen – das Gleiche habe ich auch vor einer Niederlage gemacht. Ich komme jeden Tag um kurz nach 8 Uhr ins Trainingszentrum und bin hochmotiviert. Ich weiß, wie schwer es ist, Erfolge zu haben, wie schwer dieser Job ist. Im Fußball gibt es enorme Emotionen im positiven und negativen Sinn.

Gab es Momente, in denen Sie dachten, dass Ihre Amtszeit bei Sturm Graz schieflaufen könnte?
Nein. Keine Chance.

Haben Sie, öffentlich wurde es mitunter so dargestellt, eine kaputte Mannschaft übernommen?
Ich habe eine Mannschaft übernommen, die extrem viele Schwierigkeiten hatte.

Welche Schwierigkeiten?
Psychische. Es war eine kalte Kabine, die ich betreten habe, eine sehr kalte. Jetzt ist sie wärmer.

“Ich habe eine Mannschaft übernommen, die extrem
viele Schwierigkeiten hatte. Es war eine kalte Kabine,
die ich betreten habe, eine sehr kalte. Jetzt ist sie wärmer.”

Als Sie Ihre Amtszeit angetreten haben, sagten Sie, dass Sie mehrere Führungsspieler bräuchten, die auch einmal lauter würden auf dem Platz. Haben Sie diese Spieler mittlerweile gefunden?
Ja, es gibt Spieler, die diese Rolle langsam übernehmen. Aber es ist noch immer viel zu tun und wir befinden uns in einem Prozess, der andauert. Einige Spieler haben zuletzt auch besser gespielt, aber noch nicht so gut, wie sie können.

Markus Schopp meinte kürzlich in einem Sturm12-Interview, dass Ausbildungsvereine wie Sturm eine Spielphilosophie etablieren sollen, die unabhängig vom Cheftrainer bis in die jüngste Altersklasse vermittelt werden muss. Nun stellt sich die Frage: Hat Sturm Graz jetzt die Spielphilosophie von Darko Milanic übernommen oder umgekehrt?
Es ist nichts Neues, dass man definiert, wie ein Verein funktionieren muss und wie alle Mannschaften spielen müssen. Bei Sturm bedeutet das konkret: Schnelles Spiel, viel Ballbesitz, Torgefährlichkeit, Pressing nach Ballverlust, schnelle Balleroberung, keine passive, sondern aktive Verteidigung. Das sind alles Dinge, die auch die erste Mannschaft umsetzen möchte.

Und diese Idee, wie Sturm Fußball spielen möchte, haben Sie mit der sportlichen Geschäftsführung und den anderen Trainern entwickelt?
Nein, das wurde schon gemacht, bevor ich hierher kam. Aber meine Idee von Fußball ist nicht von einem anderen Planeten.

Themenwechsel: An den ganz großen Erfolgen bei Sturm Graz waren immer Spieler und Trainer aus dem ehemaligen Jugoslawien wesentlich beteiligt. Bakota, Baric, Osim, Vastic, Muratovic usw. Es scheint eine besondere Beziehung zwischen dem Verein und den Menschen des ehemaligen Jugoslawien zu geben. Warum ist das so? Ist das eine Frage der Mentalität? Eint beide das gleiche Verständnis von Fußball?
Wahrscheinlich haben diese Leute Qualität und passen mit ihrer Mentalität hierher. Leute aus Ex-Jugoslawien haben eine andere Mentalität und eine andere Fußballschule – das ist klar.

Was ist das für eine Mentalität?
Improvisation und Lockerheit. Da reden wir aber nicht über Darko Milanic, Darko Milanic ist anders. Aber die Genannten konnten alle improvisieren – und Genialität und Improvisation braucht man am Platz.

Sehen Sie aktuell bei Sturm Graz genügend solcher “genialer” Spieler, die in der Lage sind, auch einmal Aktionen alleine zu lösen?
Es braucht mehr. Wir brauchen Spieler, die ständig Klasse zeigen, nicht nur einmal in drei Saisonen. Spieler, die nicht nur ein Highlight zeigen und das war’s, sondern zehn, fünfzehn, zwanzig Spiele lang Klasse zeigen. Das will ich sehen. Da rede ich jetzt nicht von Legionären, sondern von der ganzen Mannschaft. Ich will Genialität und Spektakel von allen sehen, vor allem natürlich von der Offensive. Die Stürmer und die äußeren Mittelfeldspieler, die müssen das ins Spiel bringen.

© Sturm12.at (KU)

In diesem Zusammenhang: Wie beurteilen Sie die Leistungen von Robert Beric bisher? Kann er Ihren Erwartungen gerecht werden?
Er ist extrem wichtig für die Mannschaft. Aber natürlich: Was er sehen will, was die Fans wollen und was ich von ihm will, sind mehr Tore. Aber, dass er gut spielt, dass er für die Mannschaft spielt, immer da ist und schmutzige Arbeit macht – das ist zu hundert Prozent der Fall.

Benedikt Pliquett ist zuletzt 340 Minuten ohne Gegentor geblieben und hat vor allem gegen Grödig eine sehr ansprechende Leistung gezeigt. Steht er gegen Rapid im Tor?
Er hat bis jetzt drei Mal zu Null gespielt – seine Leistungen waren gut. Ich war mir sicher, dass er gut halten wird, weil er nach dem zweiten Training schon voll in die Mannschaft integriert war. Und nicht nur ich, nicht nur die Mannschaft, sondern auch die Fans haben schon beim ersten Spiel seine Energie gespürt. Seine Energie ist wie ein Virus, der sich auf die anderen Spieler ausbreitet. Dass ich mir jetzt Gedanken machen muss, wer im Tor stehen soll, ist eines der kleineren Probleme, die ich als Trainer haben kann.

Also werden Sie die Tormannfrage mit Kazimierz Sidorczuk jetzt neu diskutieren?
Ich weiß schon, wer im Tor stehen wird, aber ich sage es nicht.

Weil wir gerade über Benedikt Pliquett gesprochen haben: Ein Wort, das im Zusammenhang mit seinem Namen sehr oft fällt, ist „fußballverrückt“. Ist das ein Wort, das auch Sie beschreibt?
Heutzutage ist ein Spieler wie er „verrückt“, weil er voll da ist. Er ist jedes Mal bereit, mit vollem Einsatz zu trainieren. Das ist vielleicht verrückt. Ich war als Spieler auch so: Ich habe sehr gerne trainiert und war immer voll motiviert. Und jetzt als Trainer bin ich auch so.

Sie sagen von sich, dass Sie siebzehn Stunden am Tag an Fußball denken und sieben schlafen. Gibt es Tage, an denen Sie sich denken: Wozu das Ganze?
Sieben Stunden und fünfzehn Minuten schlafe ich, ja, leider nicht acht Stunden. Aber nein, ich frage mich das nicht. Ich habe viel Energie und liebe diesen Job.

Sie sind kein religiöser Mensch, Sie sind auch nicht getauft. Warum glauben Sie an den Fußball?
Fußball ist mein Leben. Ich habe als Kind gerne Fußball gespielt und als ich fünfzehn war und mein erstes Probetraining bei Dinamo Zagreb machte, wusste ich, dass Fußball mein Leben ist.

Das Interview führten Adrian Engel und Lukas Matzinger