gratzeipliquett
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Glanzparade

Momentaufnahme

Abseits der teilweise famosen Leistung der Blackys bei Rapid dominiert bei Sturm gerade die Diskussion um die Tormannfrage. Eine Diskussion um Lobby, Qualität, Momentum und (wieder einmal) die mangelnde Fähigkeit Verunglimpfung und Analyse unterscheiden zu können.

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Es war sehr befremdlich, so nah am Abgrund zu sitzen, vergangenen Sonntag, im Westen von Wien, ganz oben im zweiten Rang der Südtribüne, gleich neben der berüchtigten Westkurve. Umso schöner war es nach rechts in ein Meer an schwarz-weißen Anhängern zu blicken, das auf der gegenüberliegenden Seite ordentlich Stimmung machte. Und auch wenn ich mich ob meiner Sitzposition etwas schallgedämpft fühlte, sollte es ein richtig feiner Fußballnachmittag werden. Nicht zu verlieren im Hanappi ist doch schon was, vor allem nach den Unleistungen und Verunsicherungen der letzten Monaten. Sturm spielte phasenweise richtig tollen Fußball und die grünen Hütteldorfer vor allem in der ersten halben Stunde an die Wand. Auch wenn es am Ende nicht für drei Punkte reichen sollte, hat man gesehen, wie sehr die Mannschaft ihr Potential zur Entfaltung bringen kann, wenn die Frequenzen am Sturmmischpult gut eingependelt sind.

Da wir erst relativ spät zu unseren Plätzen kamen, erblickte ich auch erst kurz vor Ankick, dass Benedikt Pliquett wieder den Kasten hüten durfte. Da ich ehrlich gesagt fix mit einer Rückkehr von Christian Gratzei ins Sturmtor rechnete, war ich doch etwas überrascht. Allein schon deswegen, weil Gratzei doch zum ersten Kapitän bestimmt wurde und dieses Amt üblicherweise nicht an einen Wackelkandidaten vergeben wird. Ich muss ehrlich sagen, dass ich mich FÜR Pliquett freute, aber nicht weil ich mich GEGEN Gratzei freute. Es macht mir einfach Spaß Pliquett zuzuschauen. Er ist ein guter, positiver Typ, der stets bescheiden, demütig und mannschaftsdienlich bleibt und sich auch glaubwürdig und professionell in der Öffentlichkeit positioniert (Anm: aus dieser Aufzählung sei bitteschön kein Umkehrschluss zu konstruieren). Zudem macht Pliquett schon was her. So musste auch Steffen Hofman nach dem Anschlusstreffer akzeptieren, dass die Früchte sehr hoch hängen können. Ganz abgesehen davon, dass ich das Gerangel um den Ball nach dem Tor gleich hirnrissig finde, wie das Fordern eines Einwurfes nachdem man den Ball ins Out bugsiert hat. Egal, es wäre auf alle Fälle sehr schwer zu argumentieren gewesen, Pliquett nach drei drei tadellosen Partien (inkl. der Glanzleistung in Grödig) auf der Bank Platz nehmen zu lassen. Ganz fehlerlos sollte er gegen Rapid zwar nicht bleiben, solange man eber “nur” Elfmetertore bekommt, ist alles gut.

Wo wir auch schon bei der Sache wären. Ich finde die Entscheidung Pliquett ins Tor zu stellen jenseits jeglicher Diskussion bezüglich (verlorener) Lobby oder (mangelnder) Qualität ganz allein deswegen richtig, weil das Momentum gerade massiv für ihn spricht. Und wenn Darko Milanic eines in seinen ersten Monaten als Sturmtrainer gelernt hat, ist es Spieler mit Rückenwind zu forcieren und gut damit zu fahren. Zudem wünsche ich mir, dass alle Personalentscheidungen bei Sturm rein sachlicher und situationsbezogener Natur sind, die jenseits jeglicher Eitelkeiten, jeglichen Kräftemessens, jeglicher Etiketten und abseits aller Arten von -pathien getroffen werden. Natürlich gibt es besonders im Kampf um die rare Position des Torwartes außergewöhnliche Koryphäen, die man nicht und nicht auf die Bank setzen kann/will. Ich erinnere mich da an jene Zeit als Alexander Manninger bei Juventus in der Saison 2008/2009 zum besten Torhüter der Hinrunde gewählt wurde. Als Buffon wieder fit war, wurde Manninger sofort wieder auf die Bank verwiesen. Dieses “Problem” gibt es bei aller Annerkennung unserer beider Torleute bei Sturm nicht.

Benedikt Pliquett steht gerade im Tor und jeder, wirklich jeder, sollte abseits fanpolitischer Nostalgienotwendigkeit dahinter stehen. Und man soll das auch so sagen dürfen. Innerhalb und außerhalb des Fanblocks und auch im Rahmen des geschrieben Wortes. Man soll diese Momentaufnahme akzeptieren, zelebrieren, diskutieren und natürlich auch kritisieren dürfen. Ich denke die Tormannfrage ist weit weniger Politik als ihr beigmessen wird. Der Tormannjob bei Sturm ist und war in den vergangenen Jahren ein flüchtiger. Schon am kommenden Wochenende kann das Pendel in eine andere Richtung ausschlagen, obwohl es doch “never change a winning team” heißt. Und ein Unentschieden bei Rapid ist doch ein kleiner Sieg für eine Mannschaft die noch vor Kurzem schwer in den Ringseilen getaumelt ist.

Und dass die Kollegen Mürzl und Pucher in ihren Kolumnen die Tormannfrage thematisiert haben, ergibt sich aus der Aktualität der Sache. Dass allerdings dem Verfasser des 12-Meters “Mobbing” und eine “Hetzjagd” unterstellt wird, geht doch etwas zu weit. Doch offensichtlich hat Puchers 12-Meter eine klaffende Wunde in die letzten Reste allfälliger Kritikfähigkeit gebohrt. Ein offenes und konstruktives Gesprächsverhältnis wäre weit hilfreicher, kann aber natürlich niemanden vorgeschrieben werden. Und zur Kommentarfunktion: Dass es die (noch) gibt, müssen alle Seiten, nicht nur die Aktiven und Funktionäre, sondern auch die hier tätigen Redakteure aushalten. Wenn man sich im öffentlichen Raum positioniert ist man eben der Kritik, aber auch dem Lob ausgesetzt. Unsere deutschen Nachbarn würden über eine derartige Diskussion nicht einmal lachen, weil man (nach z.B. Robert Enke) zwar gelernt hat etwas sensibler mit Tabuthemen umzugehen, sich aber in keinster Weise den Dialog verbieten lässt. So führt unsere peinliche Armut Diskussionen sachlich und unemotional führen zu können eben dazu, dass wir uns derweil damit begnügen müssen, am Ende des Tages unsere Krokodilstränen aus den Augen zu wischen, und zu hoffen, dass alles wieder gut wird…