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Glanzparade

Moneypulation

Seit über einer Woche wird rund um die Selbstanzeige von Dominique Taboga recherchiert. Ärgerliche Schnellschüsse einer verirrten Medienlandschaft und verunglückte Wortmeldungen diverser Fußballfachleute prägen den Versuch der öffentlichen Wahrheitsfindung.

© Sturm12.at

Heiß ging es her vergangene Woche, als am Dienstag der Ex-Teamspieler Sanel Kulijc als prominentester Verdächtiger eines vermeintlichen Betrugsnetzwerks verhaftet wurde. Die Salzburger Nachrichten berichteten am 13.11. von einem “Manipulationsskandal, der in dieser Tragweite im österreichischen Fußball seinesgleichen sucht“. Grödig-Profi Dominique Taboga brachte bei der Polizei eine Selbstanzeige ein und wurde sofort von mehreren Seiten für diesen mutigen Schritt gelobt. So stimmte auch der ehemalige ÖFB-Präsident Friedrich Stickler gleich nach der Veröffentlichung in den Chor der Blitzgneisser ein, indem er dafür eintrat, dass Dominique Taboga geschützt werden muss. Dass er sich jetzt auf Sky mit dem Satz “Das war der erste Befund, wo der Spieler halt ausgesehen hat wie ein Opfer“, zurückruderte, entspricht exakt der allseits beliebten öffentlichen Vorgehensweise – Zulangen statt Zuwarten. Und auch wenn in den famosen Sportredaktionen der Boulevard- und Hinterhofpresse des Landes nie auf das kleine G’setzerl über die Unschuldsvermutung und die Mutmaßlichkeit vergessen wurde, war der “tiefe Fall des Sanel Kuljic” schon die ein oder andere On- und Offlinestory wert. Das unfreiwillige Mad-Magazin im Bereich Sportjournalismus wiederum schilderte z.B. wie “die Verhaftung von Sanel Kuljic ab[lief]“. Na prack! Dabei dachte ich mir man kapriziere sich nach den unfassbaren Niveaulosigkeiten und beispiellosen Peinlichkeiten rund um Marcel Koller eher auf Motorengeheule und Schneegestöber in nächster Zeit. Falsch gedacht, denn die Schmiere scheint nicht und nicht auszugehen.

Gegen Ende der vergangenen Woche wurde unter anderen über Kuljic die U-Haft verhängt. Zu diesem Zeitpunkt wurde die Täter vs. Opferrolle bereits hin und hergeschoben. Von Gewaltandrohung jeglicher Art wurde plötzlich vermehrt Abstand genommen und auf der Jagd nach dem großen Manipulationsnetzwerk das seinesgleichen sucht, mussten, aus Mangel an Sensationsfündigkeit, ältere Kapitel als Lückenfüller herhalten. Wie der “Fall” Petrovic-Filipovic, oder auch das (un)absichtliche Handspiel von Edin Salkic in der Meisterschaftsentscheidung der Saison 2010/2011.

Als vor einigen Jahren rund um Sturm-Coach Mischa Petrovic und Mittelfeldakteur Bojan Filipovic die Alarmglocken zu läuten begannen, waren so manche spontane Reaktionen ähnlich vorverurteilend. Damals wie heute wurde (vor)schnell quergeschossen und zwischen den Zeilen aggressiv gebrandmarkt. In Telefonabhörprotokollen von Wettskandalprotagonisten seien die Namen der beiden Sturm-Angestellten erwähnt worden und es hätte nicht unbeträchtliche Geldzahlungen für eine Niederlage gegen Salzburg geben sollen (Anm: Sturm gewann das Spiel 4-0 und Filipovic war unter den Torschützen). Beim Stöbern im Internetarchiv des ORF Steiermark (http://stmv1.orf.at/stories/103545) ist zu lesen, dass die beiden “offenbar in einen groß angelegten Wettbetrug verwickelt sind” und Filipovics Tor wäre “ein Irrtum” gewesen, für das er sich bei den Wettherren entschuldigt habe. “Offenbar” ist doch viel definitiver und wahrscheinlicher als “es wird ihnen angelastet” und ein “Irrtum” ist doch immer gut, wenn dieser “Irrtum” denjenigen noch weiter anpatzen kann, der ja “offenbar verwickelt ist“. Exklusivität und Newsgehalt sind halt die Feldherren über Beweislage und Rhetorik hierzulande. Eine Be-schuldigung folgte sekundenschnell, eine Ent-schuldigung blieb natürlich aus. Keine Story! Auch wenn viele Jahre nach dem vermeintlichen Manipulationsversuch und trotz Abhörprotokollen, Gerichtsterminen und einer lebhaften Gerüchteküche, noch immer kein einziger stichhaltiger Beweis das Licht der Öffentlichkeit erblickt hat.

Bitte nicht falsch verstehen: Natürlich kann angenommen werden, dass der Sumpf der weltweiten Wettkorruption verschlingend tief ist und natürlich ist zu hoffen, dass sich in den nächsten Jahren alle Gräben, Löcher und Spalten auftun und so die Hintermänner zur Rechenschaft gezogen werden können. Und natürlich besteht die Möglichkeit, dass alle Verdächtigen auch wirklich Schuld tragen und noch zig weitere mit an diversen Machenschaften beteiligt waren. Doch die mediale und öffentliche Umgangsweise mit dem Thema ist armselig und unsensibel zum Quadrat. Ob diverse Sportre(d)akteure aber auch Fussballfachleute und Behörden – sie alle sind aufgefordert, vernünftiger, sensibler und weniger willkürlich die mediale Zunge zu schnalzen. Andererseits, von wem sollen sie in diesem Geschäft schon lernen? Ist doch jene Organisation die dem globalen Friedensprojekt Fußball vorsteht, wahrhaftig keine große Hilfe, wenn es um die Vorbildwirkung hinsichtlich Korruptions- und Manipulationsbekämpfung geht. Jeder Fußballfan muss sich also ohnehin schon beschissen und manipuliert fühlen, der diesem widerlichen Geldapparat mit all seinen Geschwüren und Auswüchsen in den Rachen starren muss. Wenn dieser chirurgische Einblick allerdings nur durch die Lust nach Rampenlicht, Wortmeldung, Sensationsgier und Krachmachung bestimmt wird, kann dies der Wahrheitsfindung kaum zuträglich sein.