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Glanzparade

Fußballfans?

Die herbstlichen Besucherzahlen in Liebenau sind auffallend mager. Liegt es an der Gesamtqualität der heimischen Liga, der fußballerischen Schonkost seitens der Milanic-Truppe, den ungemütlichen Temparaturen oder sind wir alle zu verwöhnt?

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Tja, wenn man mit aller Macht aussagekräftige Vergleiche anstrebt, bleiben wesentliche Nebenaspekte gerne unerwähnt. Ich will mich aber nicht schon wieder über den österreichischen Sportjournalismus auslassen. Fest steht jedoch, dass in der Krone von Montag der rasante Zuschauerrückgang bei Sturm am Beispiel des Duells gegen Wr. Neustadt im Dezember 2012 thematisiert wurde. Über 12.000 Zuschauer fanden damals den Weg ins Stadion, mehr als doppelt so viel wie vergangenen Samstag. Unerwähnt blieb dabei die Tatsache, dass es sich damals um das Abschiedsspiel von Mario Haas handelte. Dass der Rückgang der Besucherzahlen allerdings äußerst dramatisch ist, bleibt allerdings aufrecht. Der SK Sturm ist von der letztjährigen Besuchsstatistik derzeit gleich weit entfernt wie von einem internationalen Startplatz. Spielerisch hat Sturm Graz in der Meisterschaft zuletzt beim 2-2 in Hütteldorf wirklich überzeugen können. Zumindest in der ersten halben Stunde. Dabei dominieren keine Meldungen über eine schlechte Stimmung innerhalb der Mannschaft oder vermeintliche Ekelhaftigkeiten seitens der sportlichen Führungsriege in die Schlagzeilen. Und auch wenn die Verletztenliste schon mal überschaubarer war, scheint es dennoch so zu sein, dass man als SK Sturm auf diese kleinen Qualitätsakzente á la Djuricin, T. Kainz, Todorovski oder etwa Hölzl nicht verzichten kann.

Was hält derart viele Fans aber nun davon ab ins Stadion zu gehen? Zum Ersten gab es seit dem 26.10.2013, dem 0-2 gegen Admira Wacker, über einen Monat lang keinen Bundesligafußball in Graz. Knapp zwei Monate lang, also seit dem 28. September (1-0 gegen Wacker Innsbruck) gab es eben genau nur diese eine Partie in Liebenau. In dieser Zeit könnte natürlich die Sehnsucht nach einem Stadionbesuch wachsen, genau das Gegenteil trat jedoch ein: Sozusagen “Aus den Augen, aus dem Sinn”. Gegen Rapid (ORF-Spiel) kamen nur knapp über 10.000, gegen die Austria als Topwert 12.262 Zuschauer. Dies waren auch die einzigen beiden Spiele, die dem Liebenauer Stadion fünfstellige Besucherzahlen bescherten. Gegen Salzburg, dem Tabellenführer dieser Herbstsaison, passierten Mitte August nicht einmal 8.000 Zuschauer die chronisch disfunktionalen Drehkreuze. Und schlimmer noch: Seit dem 24. August 2011, dem CL-Qualifikationsspiel gegen BATE Borisov, war das Liebenauer Stadion nicht mehr ausverkauft!

Ist allen wirklich dermaßen die Lust auf Grazer Fußball vergangen? 5.176 Zuschauer an einem Samstagabend und damit weniger Stadionbesucher als verkaufte Dauerkarten – eine peinliche Kulisse. Haben die Auswirkungen des Klimawandels die Erträglichkeit eines Matchbesuches dermaßen abgekühlt? Doch eher nicht, da es tendenziell eher wärmer wird. Ist die halbstündige Zurückverlegung der Beginnzeiten wirklich dermaßen ausschlaggebend, um nicht ins Stadion zu gehen? Wirken die Manipulationsvorwürfe gegen zahlreiche (ehemalige) Akteure der Liga und die dementsprechend miesen Schlagzeilen abschreckend? Oder ist das Gezeigte so unerträglich geworden, dass der Griff ins Börserl an den Punschständen bzw. im Murpark leichter fällt, als an den Stadionkassen?

Das frustrierte Fazit zahlreicher Anhänger (nicht nur in Graz) ist, dass man sich die oft kostspieligen Stadionbesuche zukünftig gut überlege, da man “de Liga jo nimmer aunschau’n kaun”. Freilich, der Kontrast zum Champions/Euroleague-Programm ist krass. Zudem gibt sich der gemeine Zuschauer 2013 nicht mehr nur mit “Feuerwehrfußball” oder “irrregulären” Matchanalysen zufrieden. Notwendig, um zu verstehen, warum die Herren Guardiola, Klopp, Benitez oder etwa Mourinho das eben so machen wie sie’s machen.

Im Zweiwochentakt bekommt man internationalen Spitzenfußball, fein säuberlich analysiert und aufbereitet ins Haus geliefert. Die Austria spielt gegen Atletico Madrid, der systemorientierte und qualitätsbewusste österreichische Fußballafficionado schaltet aber lieber zu Arsenal gegen Dortmund und wird dafür mit Fußballkunst vom Feinsten belohnt. Und wie auch die Spieler am freien Markt längst nicht mehr der Vereinstreue allein verhaftet sind, tut sich auch der vom internationalen Pomp verwöhnte heimische Fan immer schwerer seine Glieder in die Arenen zu tragen, die bei Fehlschüssen etwa Suchaktionen in Maisfeldern mit sich bringen.

Unsere Liga ist nicht schlechter geworden, die Ansprüche sind aber gestiegen. Selbst zum Nationalteam plus Betreuerstab kann trotz verpasster WM-Qualifikation nicht mehr hingeraunzt werden. Es punktet nämlich durch höchste Professionalität und wird mit ansprechendem Zuschauerinteresse belohnt. Das Ausbildungssystem bringt tolle Talente aus den Akademien in die Nachwuchskader, die auch international beachtliche Resultate liefern. Es sind auch mehr Spieler in diversen deutschen und anderen internationalen Ligen beschäftigt als je zuvor, was aber zu keinerlei Qualitätsvakuum in Österreich führt, da die massive Dichte an Nachwuchstalenten stetig für erfreuliche Neuentdeckungen sorgt.

Und bevor man der Österreichischen Bundesliga die Existenzberechtigung entzieht und mit interessenstechnischer Abwanderung droht, muss man auch den Blick über den Tellerrand wagen dürfen. Die Suche nach schwachen Ligen ist weitaus einfacher als die nach starken. Nicht nur im kleinen Slowenien wird man dabei fündig oder in der einstigen Fußballgroßmacht Ungarn, oder im international einst so mächtigen Tschechien. Belgien, das neue Vorzeigeland erfolgreicher Ausbildungsarbeit, hat ein beeindruckendes Nationalteam, doch die internationalen Erfolge der Jubiler-League-Vereine stehen beispielsweise weit hinter jenen der österreichischen Klubs in der heurigen Spielsaison. Griechenland, die Türkei, die Schweiz, Dänemark, Kroatien, Polen, Schweden, ja selbst Frankreich, Portugal oder die Niederlande haben im heurigen Jahr weniger Punkte für die Fünfjahreswertung gesammelt, als die heimischen Vertreter. Der schwedische Meister Elfsborg hat nicht nur die CL-Qualifikation verpasst, sondern sich auch in einer überschaubar starken Euroleague-Gruppe zusammen mit Standard Lüttich bis auf die Knochen blamiert.

Unsere großen Erwartungen können nur durch die mächtigen Ligen erfüllt werden, und selbst die halten nicht immer das, was sie versprechen. Das gesamte europäische Fußballnetzwerk ist auf die Elitenationen hingezimmert, der Geldverteilungsapparat UEFA stärkt den Mächtigen den Rücken. Er sorgt dafür, dass die Schere immer weiter auseinanderklafft. Über kurz oder lang werden sich die kleinen Nationen gegen das Machtwerk UEFA durchsetzen müssen und ein länderübergreifendes Ligasystem mit nationalen Sub-Ligen installieren, um die Attraktivität, die Professionalität und die Qualität zu steigern. Denn nicht nur in Österreich sind die Zuschauerzahlen und das Interesse rückläufig bzw. massiv schwankend. Vielleicht kann damit etwaige Ursachenforschung ad acta gelegt werden und auf zuletzt gestellte Fragen wie: “Wer geht’n auch bei den Temparaturen freiwillig ins Stadion?” mit folgender Gegenfrage geantwortet werden: “Fussballfans?”