Goldbrich
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Jahrgang 1992 - 1996

Generation lost?

Da klafft ein Loch im Eigenbau des SK Sturm Graz. Auch die abgelaufene Transferzeit zeigt wieder deutlich: Seit der Ära der Prödls, Jantschers und Kainz’ gibt es nicht mehr viel zu ernten im selbsternannten Ausbildungsverein. Eine Analyse in zwei Teilen.

Die Kalender an den Bürowänden der SK Sturm-Geschäftsstelle müssen zum ersten Mal umgeblättert werden – der Februar ist eingekehrt in Graz Messendorf. Hinter dem Verein liegt eine auf den ersten Blick ereignisarme, aber nichtsdestoweniger bemerkenswerte Transferphase. Null Zugängen stehen zwei Abgänge gegenüber. Der 23-jährige Christoph Kröpfl wechselte eine Liga abwärts und eine Autostunde aufwärts nach Hartberg, der 19-jährige vermeintliche Hoffnungsträger Florian Sittsam zum Erste Liga-Mittelständler aus Horn. Außerdem wurden der 22-jährige Reinhold Ranftl (zu Hartberg) und der 21-jährige Pascal Zisser (zum KSV) jeweils bis Saisonende verliehen. Lukas Waltl scheiterte mit seinem Vorhaben, im Winter einen neuen Verein zu finden und wird sich wohl im Frühjahr mit der Ersatzbank der Sturm Amateure zufrieden geben müssen. Ist das in Summe ein Bruch mit der Philosophie des Nachwuchsklubs? Ein Widerspruch zum eigenen Bekenntnis? Nicht unbedingt – doch stehen diese Personalien exemplarisch für eine “Generation lost” des SK Sturm Graz.

Da klafft ein Loch

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“Wir haben eine sehr gute Jugendarbeit und eine sehr gute Akademie, aber wir sind beim Hochziehen in die erste Mannschaft zu spät. Aus meiner Sicht musst du spätestens mit 16 Jahren immer bereit sein, dass der Chef-Trainer ruft und dich in den Kader dazu nimmt…Wir haben drei Leute mit Jahrgang 1997, die über kurz oder lang Kandidaten genau dafür sind”, sagte Gerhard Goldbrich zu Saisonauftakt im großen Sturm12.at-Interview und im darauffolgenden September, beim Sturm12.at-Stammtisch“Bei uns sind Leute mit 22 noch immer Talente, die von den Amateuren hochgezogen werden. Das ist fünf Jahre zu spät. Man muss gleich bei 16- oder 17-jährigen schauen und sehen, wer bald so weit sein könnte.” Nun gibt es aber im Verein dutzende Spieler der Jahrgänge 1992 bis 1996, die bei den Amateuren oder noch in der U18 der Akademie genannt sind und teils noch meilenweit weg von einer Einberufung in die Kampfmannschaft scheinen. Von den Amateuren David Schnaderbeck, Andreas Gruber, Benjamin Rosenberger abgesehen, die beim Trainigslager in Belek an Bord waren und nach Darko Milanic mit Einsatzzeiten im Frühjahr rechnen können und müssen, sieht es finster aus um den aktuellen Unterbau des Profikaders.

Die Leiden des Lukas W.
Was also tun mit den zahllosen, rund 20-jährigen “Noch immer-Talenten”? Verleihen und auf einen Leistungssprung hoffen, wie in den Fällen Ranftl und Zisser, oder direkt ziehen lassen wie Florian Sittsam? Eine dritte, nicht sehr glückliche Vorgehensweise, hat Lukas Waltl in den vergangenen Monaten miterlebt. Der 20-jährige Torhüter wurde für ein halbes Jahr nach Hartberg verliehen und flog nach seiner Rückkehr statt mit der Mannschaft nach Belek aus dem Kader der ersten Mannschaft. “Ich war am dritten Jänner zum Trainingsstart anwesend und da hat Kazimierz Szidorcuk zu Pascal Legat und mir gesagt, dass einer von uns zurück zu den Amateuren muss – ich dachte nicht, dass ich es bin, weil ich jetzt ein halbes Jahr in der zweiten Liga gespielt habe und dritter Tormann war, bevor ich gewechselt bin”, kann Waltl die Entscheidung gegen seine Person nur schwer verstehen. Unglücklich sei für Waltl vor allem der Zeitpunkt gewesen, als er erfuhr, dass das Trainerteam in der Rückrunde nicht mit ihm plane. “Hätte man mir früher schon gesagt, dass ich nicht mehr dritter Tormann sein werde, wäre es sich vielleicht ausgegangen, dass ich noch einen anderen Verein finde.” Bis zum Transferschlusstag wollte Waltl zu einem Verein in die Regionalliga oder in die Erste Liga wechseln, um Spielpraxis zu sammeln. Es gab Interessenten, doch ein möglicher Transfer sei an der zu kurzen Verhandlungszeit gescheitert.

Ein Einzelfall?

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Er werde nun, so Waltl, versuchen, sein Bestes zu geben, und die Position als dritter Tormann zurückzuerkämpfen. Fest steht jedoch: “Wenn es so bleibt, wie es jetzt ist, möchte ich im Sommer auf jeden Fall weg.” Dem Frust zum Trotz möchte der Tormann jedoch eines nicht bestätigen: Dass Sturm Graz generell zu wenig auf Eigenbauspieler setzt. “Perspektive hat man bei Sturm Graz immer.” Marc-Andre Schmerböck, der im letzten Spiel vor der Winterpause gegen Rapid mit seinem ersten Bundesliga-Tor den Sieg fixierte, sei das beste Beispiel dafür. “Wenn ein junger Spieler gut ist, dann wird ihm die Chance gegeben – das ist bei jedem Verein so.” Man könne nicht generalisieren, sondern müsse jeden Fall einzeln betrachten, so Waltl. Trainer Darko Milanic würde die von Gerhard Goldbrich frühe Integration von jungen Talenten umsetzen. Und auch dessen Vorgänger Peter Hyballa und Franco Foda hätten den eigenen Nachwuchs bereits in frühem Alter an die Kampfmannschaft herangeführt. “Ich habe als 16-Jähriger unter Franco Foda mit der ersten Mannschaft einmal mittrainiert. Das hat mir etwas gebracht.”  Es sei zwar für die Entwicklung mancher 16-, 17-Jähriger gar nicht so gut, gleich in den Kader aufgenommen zu werden. Aber wichtig sei es, so Waltl, vor allem, junge Spieler gelegentlich mittrainieren zu lassen – ein Reinschnuppern quasi. In dieser Hinsicht werde bei Sturm “gute Arbeit gemacht”.

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Kein Einzelfall!
Möglich. Trotzdem lässt sich das Loch, das im aktuellen Sturm-Eigenbau klafft, nicht wegreden. Da gibt es diese Jahrgänge, die sich einfach nicht in die Tradition der hoffnungserfüllten und alljährlich reproduzierenden Nachwuchsmaschinerie Sturm Graz einfinden wollen. Gab es in den Jahren davor zumindest immer den einen Klassenbesten, der sich mit 18, spätestens 19 Jahren in die erste Mannschaft gekämpft und durchgesetzt hat, scheint sich dieses Muster in den vergangenen Jahren immer mehr zu verlaufen. Fakt ist: Seit dem Jahrgang 1992 (dem Geburtsjahr von Florian Kainz und David Schloffer) konnte mit der einen Ausnahme namens Marc-Andre Schmerböck kein einziger Spieler mehr an die Kampfmannschaft herangeführt, geschweige denn integriert werden. Auf die Prödls, Jantschers, Beichlers und Klems folgte gähnende Leere im Sturm Graz nach dem Cupsieg 2010. Die Jahrgänge 1993-95 scheinen aus heutiger Sicht karg, gar verwaist. Bis die selbst gesetzte Vision der 17-jährigen Profispieler Wirklichkeit wird, ist also offenbar noch Warten angesagt – bis die hochgelobte “97er”-Klasse ihre Früchte wirft.

Einfach weg
Wenn sie denn diese werfen wird dürfen. Einer der erwähnten “verlorenen Generation” ist auch Florian Sittsam. Der 19-Jährige wechselte im vergangenen Winter nach Horn. Keine Leihe, keine Rückkaufklausel – einfach weg. Diese Entscheidung traf er auch wegen anhaltender Perspektivenlosigkeit und dem fehlenden Vertrauen gegenüber ihm und seinen Altersgenossen: “Mir hat das Gefühl gefehlt, dass man den Mut hat, einem Jungen eine Chance in der Bundesliga zu geben”, sagt Sittsam und spricht damit für sich und gleich eine ganze Reihe anderer. Dabei macht er auch den von Goldbrich angepriesenen jüngeren Jahrgängen wenig Mut: “Ist doch klar, dass Herr Goldbrich damit die Jungen an den Verein binden will und ihnen Versprechen oder Hoffnungen macht. Ich bin jedoch gespannt, wann diese Worte in Taten umgesetzt werden.” Die jungen Talente aber auch wirklich einsetzen muss immer noch der Trainer und der heißt eben Darko Milanic. Sittsam selbst habe mehr und mehr gespürt, dass der Slowene nicht auf ihn baue. Für Sittsam völlig unverständlich, denn “die Leistungen bei den Amateuren im Herbst waren größtenteils ja auch sehr zufriedenstellend”. Deshalb habe er schlussendlich von sich aus das Gespräch mit dem Trainer gesucht. Jener Dialog sei dann “sehr aufschlussreich” gewesen: “Er hat mir gesagt, dass er glaubt, dass es für mich besser sei den Verein zu verlassen”, so Sittsam, der gleichzeitig aber klarstellt: “Der Trainer und Herr Goldbrich waren zu diesem Thema nicht immer einer Meinung, so wie ich das aufgefasst habe.
” Der Präsident hat zudem im Sturm12.at-Interview seine Meinung dazu ebenso kundgetan und sich nicht eben begeistert von diesem Abgang gezeigt.

Mit Stimmen aus dem Verein, einem Lagebericht vom aktuellen Amateurspieler Erman Bevab und einem Ausblick mit Robin Bleyer des “goldenen Jahrgangs” 1997 geht’s in den kommenden Tagen auf Sturm12.at weiter – im zweiten Teil von ‘Generation lost?‘.