Goldbrich
© Sturm12.at (Micka Messino)

Jahrgang 1992 - 1996

Generation Lost? Teil II

Im ersten Teil der Sturm12.at-Nachwuchsanalyse haben wir die Eigenbauspieler der vergangenen Jahre gesucht, die abgelaufene Transferzeit beleuchtet und mit zwei „verlorenen“ Söhnen über ihr Verbleiben gesprochen. Heute gehen wir einen Stock tiefer:

© Sturm12.at
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“Im Moment haben wir keine nachrückenden Talente für die Stammelf. Sogar für den Kader wird es schwierig. Das muss man ganz realistisch so beurteilen. In der Türkei haben wir Flo Sittsam und Erman Bevab als die Talente ausgemacht, die den Sprung machen könnten…Ich sage den Jungs immer: Es ist schön jung zu sein, es ist schön steirisch zu sein, es ist schön bei Sturm zu sein – aber es müssen einfach Schritte kommen.” Diese Worte fand ein gewisser Peter Hyballa nach einem halben Jahr bei Sturm Graz für den jungen Unterbau des Vereins. Nur die Schritte kamen scheinbar nicht. Von Marc-Andre Schmerböck (den Peter Hyballa ohnehin damals schon als Profi-Spieler betrachtete) abgesehen, schaffte es seither kein Spieler dieser Generation auch nur in die Nähe der ersten Mannschaft. Es herrscht(e) Ebbe in der Grazer Nachwuchsquelle: Auch die von ihm genannten und 2013 ins Trainingslager nach Belek mitgereisten Florian Sittsam und Erman Bevab schafften den Sprung nicht. Der eine, Florian Sittsam, sollte ein Jahr nachdem Hyballa diese Aussage von sich gab den Verein endgültig verlassen. Der andere, Erman Bevab, wurde unter Darko Milanic wieder in den Amateurkader rückversetzt – auch Belek sah er kein zweites Mal. Es sind dies zwei Symptombilder einer eminenten Problematik im Sturm Graz der Gegenwart.

Das Prinzip Hoffnung

© Sturm12.at (Micka Messino)

“Ich weiß bis heute nicht, warum ich wieder zu den Amateuren musste”, sagt ein nüchterner Erman Bevab heute. Der 18-jährige Mittelfeldspieler ist eine der Säulen im Spiel der Sturm Amateure und hatte im vergangenen Sommer den vermeintlichen Sprung in die erste Mannschaft bereits geschafft. Doch “dann meinte der Trainer, ich solle wieder bei den Amateuren trainieren.” Bei den Amateuren ist er noch heute – nicht einmal im erweiterten “Belek”-Kader fand er heuer mehr Erwähnung. Erman Bevab feiert in wenigen Wochen seinen 19. Geburtstag und scheint von der Kampfmannschaft doch so weit entfernt wie lange nicht. Die Hoffnung will der U19-Nationalspieler, der gerade von einem Probetraining auf Schalke zurückgekehrt ist, trotzdem nicht verlieren: “Bei Sturm gibt es auf jeden Fall viel Perspektive für Eigenbauspieler“, ist er sich nach wie vor sicher. Dass die jüngeren Andreas Gruber und Benjamin Rosenberger heuer die Reise nach Belek antreten durften, sei unabhängig von seinem Werdegang „ein Schritt in die richtige Richtung.“ Für das Loch, das in den Semestern davor klafft, hat aber auch er keine Erklärung: “Vielleicht ist bei diesen Jahrgängen schlecht gescoutet worden. Aber das kann ich nicht beantworten.”

Sterne
Beantworten können sollte diese Fragen Gerhard Goldbrich. Könnte er wohl auch, wenn er denn wollte: “Ich will zu diesen Jahrgängen, die Sie ansprechen, eigentlich gar nicht mehr viel sagen. Da gibt es natürlich einiges intern zu besprechen, aber das sind keine Themen für die Öffentlichkeit”, gibt er sich der Problematik zwar bewusst, wenn auch nicht gesprächsbereit. Der spätgekommene Sportdirektor, der für ein geerbtes Generationenproblem sühnen, den unglücklichen Status Quo verwalten muss? Na gut. Wie stellt sich dann die Gegenwart, wie hat sich der vergangene Jänner für den General Manager dargestellt? Kann man bei Einberufung einiger Amateure ins Trainingslager nach Belek auf der einen und der praktizierten Transferpolitik des Verleihens und Verkaufens junger (Profi-)Spieler auf der anderen Seite von einer Auslese, einem Aussieben, sprechen? “Wir wollen niemanden aussieben, aber es ist natürlich so, dass wir die nach Ansicht des Trainerteams ‘High Potentials’ mitgenommen haben. Die, die verliehen wurden, würden bei Sturm im Frühjahr wenig Einsatzzeit bekommen und sollen deshalb anderswo Spielpraxis sammeln. Wir werden diese Leute sehr genau im Auge behalten, ob vielleicht ihr Stern während dieser Zeit aufgeht.” Man wird sehen, ob in den Sportstätten von Hart- und Kapfenberg in diesem Frühjahr Sterne aufgehen oder verglühen werden.

General Zukunft

© Peter Troissler

Am Gelingen dieses Vorhabens wird auch die Arbeit des General Managers gemessen werden. Auch wenn an oberster Stelle bei Sturm Graz noch immer der sportliche Erfolg der ersten Mannschaft steht: “Eines muss man schon auch bedenken. Wir haben Ziele: die Top drei, das Cupfinale.” Karriereplattform hin oder her: Die nachhaltige Integration des eigenen Nachwuchses spiele bei Sturm Graz eine wichtige Rolle, doch nicht auf Kosten des Erfolges: “Wir müssen schon am Ende des Tages die beste Mannschaft auf den Platz schicken.” Ein unbedingtes Versprechen von Einsatzzeit für den eigenen Nachwuchs kann es da freilich nicht geben: “Man muss immer die Entwicklung sehr genau beobachten und die Trainer entscheiden lassen, wann einer so weit ist.” Im Wissen darum sucht Goldbrich auf die “Lost Generation” angesprochen schnell die Flucht nach vorne: “Ich will in die Zukunft schauen und da sind wir immer besser aufgestellt. Alle Trainer ziehen an einem Strang. Wir arbeiten viel im Individualtraining und gehen auf jeden Spieler ein.” Viel lieber als über die Jahrgänge 1993 und 1994 redet Goldbrich über den zukunftsträchtigen Jahrgang 1997. “Zum vielzitierten 1997er-Jahrgang ist es nach wie vor so, dass wir extrem viel Potential sehen”, der Verein erhoffe sich aus diesem Jahrgang “nicht nur einen, sondern zwei, drei oder vier Spieler für die Zukunft herauszubekommen.”

Class of 97
Einer dieses “goldenen” Jahrgangs ist Robin Bleyer. Der 16-Jährige Stürmer trainierte die ganze Vorbereitungszeit über mit den Amateuren mit und steht kurz davor, in den Kader aufgenommen zu werden. Sofern er in seiner Entwicklung schon so weit ist: In den nächsten Wochen würde der Betreuerstab rund um Markus Schopp entscheiden, ob er von der U18 aufrücken darf, so Bleyer. Dass er und einige seiner Altersgenossen an die Amateur-Mannschaft herangeführt werden, zeige, dass der Verein auf den eigenen Nachwuchs setzt – Bleyer fühlt sich gefördert: “Sturm forciert die eigene Jugend sehr. Bei den Amateuren trainieren immerhin sieben oder acht 97er, ein 98er und drei 95er mit. Wir sind eine junge Truppe.” In jungem Alter schon bei den Amateuren spielen zu können sei für ihn und seine U18-Kollegen “gut und wichtig, weil wir uns dadurch weiterentwickeln.” Wie für Bevab ist auch für Bleyer Sturm “ein Verein mit viel Perspektive”. Besonders für Spieler seines Jahrgang: “Der 97er Jahrgang ist ein sehr guter Jahrgang. Ich glaube, dass sehr viele aus diesem Jahrgang das Potenzial haben, um Bundesliga spielen zu können. Es könnte sein, dass einige früh den Sprung in die Bundesliga schaffen.” Man darf gespannt sein.

 

Hier geht’s nochmal zum ersten Teil der Geschichte.