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Florian Sittsam im Interview

Der verlorene Sohn

Seit Jänner ist Florian Sittsam Spieler des SV Horn. Nach zwölf Jahren beim SK Sturm gab es beim Heimatverein keine Perspektive mehr. Ein Gespräch über fehlende Kommunikation, seinen Vater, die Rolle des Sportchefs und die neuen Aufgaben im Waldviertel.

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Florian Sittsam kommt pünktlich zum Interviewtermin. Eine Eigenschaft, die er auch im zweiten Standbein, das er sich gerade beginnt aufzubauen, gut brauchen wird können. Sittsam hat sich an der Uni Wien für das Lehramtsstudium Geografie und Englisch eingeschrieben. „Ich werde wahrscheinlich ein wenig länger brauchen“, schmunzelt er, ist er doch „nebenher“ auch noch Profi-Fußballer. Profi-Fußballer beim SV Horn, seit nunmehr knapp einem Monat. So lange ist es her, dass Florian Sittsam nach mehr als zwölf Jahren den SK Sturm verlassen hat.

Der Grazer hat mittlerweile eine Wohnung in Stockerau bezogen, eine halbe Stunde von seinem neuen Arbeitsplatz entfernt, aber mit guter Anbindung nach Wien. Das Studieren will ernst genommen werden. Der Umzug sei ein wenig stressig gewesen, schön langsam hätte er sich aber eingelebt, sagt er. Ein wenig Enttäuschung über seinen Weggang kann Sittsam aber nur schwer verbergen. Vor allem wie er zustande gekommen ist, ärgert ihn. So hätte er erst auf Nachfrage erfahren, man würde nicht mehr mit ihm planen.

Man sitzt bei Florian Sittsam einem selbstbewussten und kontrollierten jungen Mann gegenüber. Einem, der nicht zufällig oder impulsiv etwas Ungewolltes von sich gibt. Ein sehr offenes Gespräch mit einem Ex-Blacky und der neuen Nummer 16 des SV Horn.

Florian, du bist jetzt seit Anfang Jänner beim SV Horn. Wie war dein Start im Waldviertel?
Der Start war gut, ich bin gut von der Mannschaft aufgenommen worden und ich habe mich schon ein wenig eingelebt. Den Trainer, Willi Schuldes, kannte ich ja schon, wir haben letzten Sommer und dann im Dezember Gespräche geführt. Das Gesamtpaket vom Verein gefällt mir.

Der SV Horn-Trainer Willhelm Schuldes ist also letztes Jahr auf dich zugekommen?
Der Kontakt ist über den Sportdirektor, Reinhard Vyhnalek, entstanden. Letzten Sommer habe ich noch abgesagt, Markus Schopp hat mich in einem langen Gespräch von einem Verbleib in Graz überzeugt. Er hat mir signalisiert, er würde Chancen für mich sehen, es in die erste Mannschaft zu schaffen. Die sportliche Leitung vom SV Horn hat aber immer wieder Interesse bekundet und die Gespräche waren mit der Zeit so positiv, dass sie mich überzeugt haben zu wechseln.

Dein Abgang aus Graz, wie war das genau? Wann hat dir zum ersten Mal jemand vom SK Sturm gesagt, ein Wechsel wäre für dich die bessere Option?
Es hat sich ab dem Herbst 2013 abgezeichnet. Trotz, nach meiner Meinung, guter Leistungen im Training mit der ersten Mannschaft und in der Regionalliga, wurde bei den Trainingseinheiten von Darko Milanic sehr wenig mit mir gesprochen. Es hat sich fast so angefühlt, als wäre etwas vorgefallen, ich habe immer weniger Anweisungen bekommen. Dann waren die Leistungen der Mannschaft noch dazu nicht gut und trotzdem hat offenbar der Mut gefehlt, jungen Leuten die Chance zu geben. Ich habe dann Ende November/Anfang Dezember mit Milanic das Gespräch gesucht, wo er mir schließlich mitgeteilt hat, er plane nicht mit mir und er sehe wenig Chancen auf Einsatzminuten im Frühjahr.

Wir haben aber auch gemerkt, der Trainer und der Sportdirektor waren nicht immer einer Meinung. Goldbrich hat zum Beispiel zu meinem Vater andere Dinge gesagt, als Darko Milanic dann bei unserem Gespräch zu mir.

Florian Sittsam

Das heißt, mit dir wurde gar nicht geredet und deshalb bist du zum Trainer gegangen und hast das Gespräch gesucht?
Ja, ich habe die Initiative ergriffen und ihm erklärt, ich würde merken, dass etwas nicht passt. Ich wollte von Milanic wissen, wie er das sieht – mit dem Ergebnis, dass mir signalisiert wurde, es wäre besser, den Verein zu verlassen.

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Du hast gesagt, es hätte sich für dich so angefühlt, als wäre etwas vorgefallen, weil sich die Situation auf einmal so verschlechtert hat. Du hast keine Idee, was das sein könnte?
Vielleicht ist das auch nur mir so vorgekommen. Aber es war einfach komisch, dass er mit mir nicht geredet hat, mir nicht gesagt hat, was er mit mir vorhat oder was er plant. Ob ich bald einmal einen Einsatz bekomme, vielleicht im Frühjahr, oder gar nicht. Irgendwann musste ich das Gespräch suchen. Ich war bei den Amateuren zweieinhalb Jahre Stammspieler, es muss einfach jetzt der nächste Schritt kommen.

Welche Rolle spielt dein Vater Hannes Sittsam, der bei Sturm administrativer Leiter der Jugend ist, in dieser ganzen Angelegenheit? Manche Leute behaupten, dass dein Verkauf auch ein bisschen deinen, oftmals kritischen, Vater ruhigstellen soll.
Das war für mich bei dieser gesamten Entwicklung natürlich schon eine Überlegung, die ich angestellt habe. Ich habe mich natürlich gefragt, warum wird auf einmal mit mir nicht mehr gesprochen? Wissen tue ich es aber natürlich nicht.

Aber du schließt einen Zusammenhang nicht aus?
Es könnte schon so sein.

Inwiefern hat der sportliche Leiter mitgeredet?
Mein Vater war ständig in Kontakt mit Gerhard Goldbrich. Ich glaube, der General Manager hat eine Rolle in dieser Causa gespielt. Wir haben aber auch gemerkt, der Trainer und der Sportdirektor waren nicht immer einer Meinung. Goldbrich hat zum Beispiel zu meinem Vater andere Dinge gesagt, als Darko Milanic dann bei unserem Gespräch zu mir.

Was hat Goldbrich deinem Vater gesagt?
Er hat meinem Vater gesagt, ich sei in der ersten Mannschaft voll integriert, der Verein würde voll auf mich bauen und es würden sich sicher Einsätze ergeben, ich müsste nur Geduld haben. Da frage ich mich dann schon, was ich glauben soll.

Bist du der Meinung, Gerhard Goldbrich hätte dich gerne weiter beim Verein gesehen?
Nein, das Gefühl habe ich nicht gehabt.

Gilt dein Fall, die fehlende Perspektive in die erste Mannschaft zu kommen, für mehrere Leute in deiner Altersklasse beim SK Sturm?
Bis jetzt ist es so gewesen. Wenn ich nur meinen Jahrgang, 1994, als Beispiel nehme, da gab es in der U15 bei Sturm einige Talente. Wir waren in der Liga die beste U15, die der Verein jemals hatte. Aus dieser Truppe kommen zum Beispiel Daniel Bachmann, derzeit dritter Tormann bei Stoke City, oder Daniel Geissler, jetzt bei Schalke 04. Die wären alle gerne bei Sturm geblieben, aber hier sind Fehler passiert.

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Welche Fehler sind passiert?
Talente gehören gefördert. Es können natürlich nicht zehn Leute pro Jahrgang in die erste Mannschaft kommen, zwei oder drei wären schon super. Diese Leute, die jetzt alle weg sind, haben aber das Gefühl schlicht nicht gehabt, diese Förderung ausreichend zu bekommen. Durch diese Beispiele habe auch ich nach und nach gesehen, es gibt eine andere Perspektive als den SK Sturm. Ich wollte es aber unbedingt in die Bundesligamannschaft schaffen, deswegen bin ich länger geblieben.

Es hat mit der neuen Akademie einige Änderungen im Nachwuchsbereich gegeben. Wird das die Situation ändern oder wird es gleich weitergehen wie bisher?
Soweit ich das verfolgen kann, denke ich schon eine Weiterentwicklung zu erkennen. Mein Bruder, Philipp Sittsam, spielt selbst in der Akademie. Ich habe diesbezüglich einen positiven Eindruck.

Aber ist eine neue Struktur, eine neue Akademie nicht ein wenig belanglos, wenn die sportliche Leitung nicht auf die jungen Leute setzt?
Ich würde es so sagen: Die notwendige Struktur, um die Leute optimal auszubilden, ist mit dieser neuen Akademie sicher geschaffen worden. Meiner Meinung nach kommen auch starke Jahrgänge nach. Aber natürlich muss von oben ein Zeichen kommen, dass mit den Jungen geplant wird.

Signalisiert der SK Sturm den Jahrgängen nach dir, den heute 16- oder 17-jährigen, das? Gibt es dieses Zeichen für die Spieler?
Ich glaube es, ja. Und: Mein Jahrgang war sicher sehr gut, aber in der Kaderbreite könnte es sein, dass noch stärkere nachkommen.

Es sollten hier eigentlich alle an einem Strang ziehen und ich denke, man sieht, dass die sportliche Leitung das nicht so umsetzt, wie der Präsident es vorgibt.

Florian Sittsam

Der sportliche Verantwortungsbereich, also jener von Gerhard Goldbrich, siehst du da einen roten Faden, ein Ziel, worauf der Verein hinarbeitet?
Er versucht es teilweise. Aber hinsichtlich der oft angesprochenen Karriereplattform ist seit Beginn seiner Amtszeit noch nicht viel zu erkennen.

Ist diese Karriereplattform ein Ziel von Goldbrich?
In der Öffentlichkeit transportiert er es so, oder?

Diese Idee, dieser Begriff, kommt ursprünglich aus dem Konzept von Präsident Christian Jauk, das er bei seiner Wahl präsentiert hat. Nun sagt Jauk mittlerweile sogar im Sturm12.at-Interview, er würde sich diesbezüglich von der sportlichen Führung ein konsequenteres Verfolgen der vorgegebenen Ziele wünschen. Verfolgt Goldbrich nun dieses Ziel tatsächlich oder verfolgt er zumindest auch andere?
Es sollten hier eigentlich alle an einem Strang ziehen und ich denke, man sieht, dass die sportliche Leitung das nicht so umsetzt, wie der Präsident es vorgibt.

Ist Gerhard Goldbrich der Spagat zwischen der vorgegebenen Karriereplattform und dem Aufbau einer schlagkräftigen Mannschaft noch nicht gelungen?
Auf jeden Fall scheitert das noch, ja.

Geht beides zusammen?
Da bin ich überzeugt davon. Und wenn man die wirtschaftliche Situation ansieht, ist es auch die einzige Möglichkeit für Sturm.

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Themenwechsel. Du hast unter Peter Hyballa und unter Darko Milanic trainiert. Wo liegen die Unterschiede zwischen den beiden?
Bei Hyballa hat fast alles mit dem Ball stattgefunden, der war immer dabei. Sehr viele Technikübungen kamen dazu. Bei Milanic geht es sehr in die taktische Richtung. Viele Sachen zum Stellungsspiel und zum richtigen Verschieben kommen bei ihm vor.

War Peter Hyballa hinsichtlich seines Umgangs mit den Spielern tatsächlich so furchtbar wie heute viele behaupten?
Sein Umgang mit den Spielern ist schon kritisch zu betrachten. Mir gegenüber und auch gegenüber den anderen Amateuren, die oben mittrainiert haben, war er sehr autoritär. Ich muss ehrlich sagen, das habe ich so noch nicht erlebt, wie er teilweise mit Menschen umgegangen ist.

In deiner bisherigen Laufbahn, wer war der beste Trainer für dich?
Für mich persönlich war Dietmar Pegam, den ich am Anfang bei den Amateuren hatte, ein sehr guter Trainer. Er hat Mut gehabt, hat mich mit 16 Jahren schon in der Regionalliga eingesetzt. Aber auch Markus Schopp hat ein gutes Händchen für junge Spieler. Er kommuniziert viel und kann sehr gut vermitteln, was er sich erwartet.

Dein neuer Coach in Horn, Willhelm Schuldes, was ist er für ein Typ?
Er ist Dietmar Pegam sehr ähnlich, sie sind privat auch befreundet. Er plant mit mir auf meiner bevorzugten Position im defensiven zentralen Mittelfeld. Die Spielanlage, die mir in den Gesprächen von ihm vermittelt wurde, gefällt mir außerdem insgesamt sehr gut. Schuldes möchte eine Mannschaft, die sehr viel im Ballbesitz ist. Er ist fasziniert von Pep Guardiola, dann kann man sich etwa vorstellen, wie das im Optimalfall ausschauen sollte. (lacht) Hier zählt auch die Infrastruktur in Horn dazu. Sie war mit ein Grund für meine Entscheidung, dorthin zu wechseln. Es gibt fünf oder sechs Trainingsplätze in einem Top-Zustand, was man über jene in Messendorf nicht immer behaupten kann. Der Stadionrasen ist zum schönsten in der ersten Liga gewählt worden. Das Umfeld ist einfach sehr gut.

Als der Wechsel von dir zum SV Horn konkret geworden ist, hast du zu Sturm12.at gesagt: “Eine Rückkehr zu Sturm kann man sich immer vorstellen.“ Ist es ein Ziel von dir, wieder nach Graz zurückzukehren?
Es als Ziel zu definieren, zu einem Verein zurückzukehren, das geht im Fußball nicht. Aber ich habe zwölf Jahre hier gespielt, wenn Sturm irgendwann Interesse an mir haben sollte, werde ich ein offenes Ohr haben. Jetzt befasse ich mich damit aber nicht, sondern konzentriere mich auf die neue Herausforderung. Nichtsdestotrotz war es für mich eine große Enttäuschung, wie das letztlich bei Sturm verlaufen ist.

Wäre es zum Beispiel überhaupt vorstellbar, nach der großen Enttäuschung, zu Sturm mit der gleichen sportlichen Führung wie heute zurückzukommen?
Ich würde es mir jedenfalls als sehr schwierig vorstellen.

Wird deiner Ansicht nach die sportliche Leitung beim SK Sturm in drei Jahren noch jene von heute sein?
Mein Gefühl sagt mir: nein.

Das Gespräch führte Jürgen Pucher