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Taktikbrille

Wie spielt man gegen die Pressingmaschine?

Dass Red Bull ein Pressingfurioso zu spielen pflegt, ist bekannt. Was aber tun, wenn eine Mannschaft so auftritt? Die heutige Taktikbrille nimmt sich möglicher Varianten an und hat beim SK Sturm am Samstag zumindest den Versuch einer dieser Optionen festgestellt.

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Eines vorne weg: es ist kein Drama gegen die aktuelle Mannschaft von Red Bull Salzburg zu verlieren. Es ist auch kein Beinbruch mit drei Toren Unterschied im Heimspiel zu verlieren. Da haben andere schon mehr eingeschenkt bekommen. Trotzdem wollen wir das Spiel nochmals unter die Lupe nehmen – und zwar unter dem Titelmotto:

Wie spielt man gegen die Pressingmaschine?
Es wäre jetzt einfach zu schreiben: „so nicht, wie am letzten Samstag“. So einfach ist es aber nicht. Grundsätzlich hatte der SK Sturm schon eine Idee, wie gegen das enorm hohe und von höchster Intensität lebende Pressing der Bullen vorzugehen wäre. Über die Umsetzung lässt sich aber streiten. Natürlich ist es gegen die vor Selbstvertrauen strotzenden Taurinbomber nicht gerade einfach. Die zocken nämlich ganz ordentlich und lassen – vor allem in der Defensive – Räume bewusst offen. Deshalb profitieren sie in ballnahen Zonen von deutlichen Überzahlsituationen. Gut zu bewundern war dieses Verhalten in der ersten Hälfte der Partie am Wochenende. Die Grazer Defensive sah sich bei Ballbesitz den beiden nominellen Sturmspitzen Alan und Robert Zulj, der offensiven Mittelfeldreihe mit Kevin Kampl, Valon Berisha und Sadio Mane sowie den sehr hoch agierenden Außenverteidigern Andreas Ulmer und Christian Schwegler gegenüber. Die Salzburger stellen bzw. laufen also mit sieben Mann Räume zu. Da gibt es leider sehr wenige einfache Passoptionen für den Gegner. Mit diesem Hintergrundwissen betrachten wir jetzt einmal die probaten Mittel gegen hohes Pressing:

1) Einlaufende Außenspieler
Die Last des Spielaufbaues liegt bei hohem Pressing meist auf den Innenverteidigern. Die Außenverteidiger sollten tunlichst nicht zu früh bzw. nicht zu weit in der eigenen Hälfte angespielt werden. Genau dies würde dem Pressing in die Hand spielen. Kurze Passoptionen sind verstellt, ein tief zurückfallender Sechser ist ein Lösungsansatz, allerdings fehlt dann meist die Bindung zum zweiten Sechser oder zum Achter-Raum. Um entweder dem Innenverteidiger oder dem tiefen Sechser eine zusätzliche Option zu eröffnen, kann ein Außenspieler (Mittelfeld oder auch Außenverteidiger – siehe FC Bayern) einlaufen, sprich in die Mitte des Feldes ziehen. Bei erfolgtem Anspiel sollte dieser Spieler den Ball Richtung hoch stehendem Sechser oder Achter weiterleiten (eine Annahme wird unter vermutlich hohem Druck schwer sein). Dieses System bedingt, dass die Stürmer eher nah aneinander agieren und dadurch die Innenverteidiger binden. Somit sind die Halbräume vor der Verteidigung unterbesetzt. Funktioniert dies, läuft das Mittelfeldpressing ins Leere, da ja bis zu sieben Spieler noch vorne orientiert waren und sich nun nach hinten umorientieren müssen.

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2) Flügel überladen – Halbraum öffnen
Ebenfalls wettkampferprobt ist es einen Flügel zu überladen. Mittelfeldspieler und Außenverteidiger rücken sehr weit auf und ziehen ihre Gegenspieler im Regelfall mit. Dadurch öffnet sich der Halbraum an dieser Seite. In diesen Raum kann der tierstehende Sechser im Rücken der gegnerischen Stürmer einlaufen und den Ball von einem der Innenverteidiger bekommen. Funktioniert dies, so sollte man am Flügel auch weiter Passoptionen haben. Diese Version ist natürlich sehr riskant – schließlich steht der Außenverteidiger zumindest auf Höhe der Mittellinie oder gar noch höher. Bei Ballverlust ist der Weg zurück weit und die Defensivseite entblößt.

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3) Schnelle Spielverlagerung über Sechser oder Innenverteidiger
Die hohe Schule im Spielaufbau. Direkte Pässe aus der Verteidigung auf die Sechs und von dort nach außen und wieder zurück. Wenn der Gegner kompakt verschiebt (also die Räume zuläuft) muss durch hohes Passtempo entweder einmal eine Außenbahn frei sein, oder sich eine Schnittstelle im zentralen Raum öffnen. Schließlich ist es physikalisch noch immer so, dass die Geschwindigkeit eines scharfen Passes höher ist als die Laufgeschwindigkeit eines Spielers sein kann. Warum dies die hohe Schule ist haben versierte Fußballzuseher sicher bereits erkannt. Es liegt an Begriffen wie „direkte, schnelle, scharfe Pässe“. Die vom sozialen Einsiedler Peter H. in der letzten Saison so oft propagierte Passqualität kommt hier extrem deutlich zu tragen. Vor allem wenn sie fehlt.

4) Steilbälle auf die Stürmer
Hat man kopfballstarke Stürmer, oder Offensivspieler, die in der Ballbehauptung mit dem Rücken zum gegnerischen Tor stark sind? Fein – dann kann man den Weg gehen, für den sich der SK Sturm am 15. Februar entschieden hat. Hohe Bälle vom Tormann oder den Innenverteidigern über die Pressingzone hinweg auf die vordersten Anspielstationen. Von dort prallen lassen oder den Ball annehmen und weiterverarbeiten. Ganz einfach. Gegen kopfballschwache Innenverteidiger kann das ein guter Plan sein, wenn direkt hinter den Spitzen (bzw. der Spitze) jemand die zahlreich entstehenden „Rebounds“ aufnimmt. Soviel zur Theorie.

Wir sehen also: der SK Sturm hatte einen Plan. Einen erprobten Plan gegen ein Pressing, wie es Red Bull praktiziert. Dass dieser Plan immer nur so gut ist, wie es der Gegner zulässt ist eine alte Fußballbinsenweisheit und kostet den Verfasser dieser Zeilen einen Euro für das Phrasenschwein oder ein Bier an den für die Veröffentlichung dieser Geschichte zuständigen Redakteur. Wie gut es Robert Beric und Daniel Beichler in den ersten 45 Minuten gelungen ist, Bälle gegen Martin Hinteregger, Andre Ramalho und Stefan Ilsanker zu behaupten, das darf jeder für sich selbst beurteilen. Fest steht, dass diese Aufgabe zu den aufreibendsten für Sturmspitzen zählt und über 90 Minuten nicht praktikabel ist.

Und sonst?
Tja, sonst haben alle die in Liebenau waren gesehen, dass die Mannschaft schon irgendwie wollte. In den ersten 45 Minuten war aber leider wenig Gelingen dabei. Im zweiten Durchgang, gegen Red Bull im dritten Gang, lief das dann besser. Da konnte man auch immer wieder gelungene Kombinationen sehen die aus gekonnten Formationsläufen entstanden. Optimisten sehen darin beginnenden Automatismen. Ob dieses zarte Pflänzchen noch in dieser Frühjahrssaison zur Blüte kommt? Fakt bleibt aber, dass bis auf den abgefälschten Ramalho-Freistoß alle Salzburger Treffer aus teils kapitalen Einzel- oder gesamtmannschaftlichen (taktischen) Fehlern entstanden. Böse formuliert könnte man meinen, dass der SK Sturm zumindest drei Tore (das 2:0 war ein typischer Salzburg-Treffer) erhalten hat, die man von jedem anderen Bundesligateam so auch bekommen kann. Es geht einfach manchmal sehr leicht den Schwarz-Weißen ein Tor zu machen. An manchen Tagen sogar viermal.

Abschließend möchte der Autor dieser Taktikbrille ein Frage formulieren, deren Klärung nicht Gegenstand dieser Kolumne sein kann. Vielleicht finden andere Antworten darauf:

Fragt sich in der österreichischen Bundesliga eigentlich niemand, worauf die überragende Athletik der Red Bull-Spieler beruht? Abgesehen von den individuellen Fähigkeiten von Spielern wie Alan, Kevin Kampl oder Sadio Mane, stellt man sich als Betrachter doch die Frage, warum ein Robert Zulj im Winter aus Ried kommt und im Februar aussieht wie ein Brustschwimm-Weltmeister? Wie kann es sein, dass Spieler wie Kampl nahezu jeden Körperzweikampf gewinnen? Ja, er ist sehr schnell, dynamisch und agil. Das sollte aber zehn Kilogramm Kampfgewichtunterschied im Mann-an-Mann Infight nicht völlig kompensieren können. Oder verstört sein Woody Woodpecker-Styling die Gegenspieler dermaßen?

Wissen wir nicht. Was hinter der bahnbrechenden Fitness der Salzburger steckt könnte, kann man aber recherchieren. Vielleicht hat es ja damit was tun: Ein Artikel vom Standard aus 2012 über das Red Bull Trainings- und Diagnostikzentrum in Thalgau. Geleitet von einem Trainingsanalytiker aus dem ehemaligen Ostdeutschland.