605179_original_R_K_B_by_sofie ort_pixelio.de
© sofie ort / pixelio.de

Libero

Vom Brechen von Regeln

Sturm Graz liegt 36 Punkte hinter der Tabellenspitze. Sechsunddreißig. Höchste Zeit umzudenken, Schnitte zu setzen, wenigstens in den gegebenen Rahmen Neues zuzulassen. Eine vertonte Kolumne über das Brechen von Regeln:

“Darko Milanic ist ein strenger Mann.” Das war der erste Satz vorm großen Interview im Oktober – und streng ist er auch heute noch. Das ist auch per se nichts Schlechtes – schon gar nicht für einen Fußballtrainer. Der große Ballspiellehrer muss gar streng sein: mit der Mannschaft, mit seinem Trainerteam und letzten Endes auch mit sich selbst. Nur: Stur, das muss er nicht sein. Bei aller Strenge, Konsequenz und Disziplin muss der moderne Trainer jeden Arbeitstag die Karten Proaktion und Reaktion richtig spielen, zeigen, wie dynamisch und flexibel seine Arbeit im Ernstfall sein kann und manchmal einfach einmal öfter “doch” als “trotzdem” sagen. Und so einen Ernstfall erlebt Sturm Graz gerade und ohne Zweifel. Wenn Schwarz-Weiß 36 Punkte von der Spitze entfernt ist, ist man “doch” geneigt, sich mehr Freigeist, mehr Risiko und Zäsur nach Fußball-Graz zu wünschen. Wenigstens ein bisschen.

 

 

Zum Munterwerden eine kleine Statistik: Darko Milanic schickte in dieser Saison 14 Mal eine ältere Mannschaft aufs Feld als der gegnerische Trainer, zwei Mal war man (auf ein Monat genau) gleich alt und zehn Mal war Sturm die jüngere Auswahl. In den zehn Spielen, in denen man die jüngere Mannschaft war, holte man 16 Punkte, in den zwei Spielen gegen Alterskollegen drei und in den 14 Partien, in denen Schwarz-Weiß die Eminenz am Felde war, schauten lediglich neun Punkte heraus. Nun ist das freilich „nur“ Statistik und die blanke Summe der Geburtsjahre kann im Mannschaftssport nie Erfolgs-, oder Misserfolgsfaktor sein, doch lässt sich eine tiefe Tendenz nicht von der Hand weisen. Und wenn die Zahlen derart deutlich ausfallen (1,60 Punkte im Schnitt für das jüngere gegen 0,64 Punkte für das ältere Sturm), hoffe ich manchmal, dass jemand anderes als bloß die geschätzten Leser dieser Kolumne munter würden.

 

 

Eine Frage, die seit der Amtszeit von Interimstrainer Markus Schopp in diesem Zusammenhang unbeantwortet in der Sturm-Atmosphäre herumschwebt, ist: Warum hat ein Spieler wie – exemplarisch – David Schloffer derart wenig Kredit in diesem Verein? Die junge Pferdelunge bekam in dieser Saison unter Darko Milanic immer nur dann die Chance, sich von Beginn an zu beweisen, wenn einer seiner Vordermänner (die heißen wohlgemerkt Patrick Wolf, Andreas Hölzl und Florian Kainz – und Daniel Beichler?) gesperrt oder verletzt war, oder aus nicht näher genannten Gründen ihren Dezember auf der Tribüne verbringen mussten. Genau dann spielte – vom 45 Minuten Instant-Vertrauen am vergangenen Samstag abgesehen – David Schloffer. Und spielte er nicht gut, war er wieder raus. Spielten seine Vordermänner nicht gut, blieb er trotzdem raus. Das 21-jährige Eigengewächs (das in dieser Saison trotzdem schon zwei Tore und vier Vorlagen zu Buche stehen hat) führt eine Existenz auf dem Abstellgleis – und keiner weiß so Recht, warum. Auch der 45-minütige Auftritt in Wiener Neustadt dürfte es wohl wieder gewesen sein für die nächsten paar Wochen. Es wird sich gar niemand mehr wundern, wenn gegen die Austria wieder The Wolf of Alte Post-Street auf der rechten Seite von Darko Milanics Taktiktafel Einzug nimmt. Und David Schloffer? Dem kann wohl keiner übel nehmen, wenn er sich eher heute als morgen schon nach einem neuen Verein umsieht. Mit Sturm wird das wohl nichts mehr.

 

 

Der meistgeschasste Fixstarter im System Milanic heißt allerdings nach wie vor Robert Beric. Doch (in bestem Wissen, dass ich dafür in den Kommentaren gegrillt werde): Robert Beric ist in der laufenden Saison der wichtigste Mann der Grazer Offensive. Das weiß der Trainer, das hat man in vielen Spielen mit freiem Auge gesehen und das bezeugen nicht zuletzt auch die nackten Zahlen am Statistik-Tableau: Mit sechs Toren, neun Assists und fünf Assist-Assists (bezeichnet die Vorlage zum Assist, also die Einleitung der Torszene) war er an 20 von 36 Sturm-Toren mittelbar beteiligt und ist damit das Um und Auf in einem ganzheitlich erkrankten Grazer Angriffsspiel. Punkt.

Doch: Hand in Hand mit Robert Beric brachte Darko Milanic ein fixes und scheinbar unverhandelbares Spielsystem mit nach Graz. Das inzwischen durch praktisch alle Medien gewatschte flache 4-4-2 ist im Wesentlichen auf diese eine Personalie ausgerichtet. Daraus macht der Trainer auch keinen Hehl, wenn er beim 12er-Stammtisch auf die Frage nach dem Versuch einer 4-1-4-1-Variante früh entgegnet: “Was spielt Beric dann?” Diese unbedingte und gegen jeden Gegner gleichermaßen Beric-determinierte Spielausrichtung bietet am Ende des Tages ein viel größeres Problempotenzial (dass sich zuletzt ja auch augenscheinlich und in voller Blüte entfaltet hat), als die Qualitäten des Neuzugangs selbst. Dass sich diese freilich noch nicht zur Gänze entfaltet haben, steht auf einem anderen Blatt Papier.

 

 

Ein halber Blick auf die Tabelle reicht in diesen Tagen und sie bettelt himmelschreiend, endlich die ein oder andere dieser Regeln zu brechen. Und wenn das vielleicht nur meint, den scheinbar unverzichtbaren Florian Kainz eine Halbzeit lang als Schocktherapie über Rechts kommen zu lassen, oder einmal Benjamin Rosenberger auf der Bank des Liebenauer Stadions Platz nehmen zu lassen, weil es zur großen Zäsur von Formation, Startelf, Trainingsmethoden, Spielnachbereitung, oder Kommunikation mit den Spielern aus welchen Gründen auch immer doch wieder nicht reicht – die Zeit für Mut ist längst gekommen (und wer jetzt “Maßnahmenkatalog” sagt, wird des Platzes verwiesen). Aber solange der letzte Strohhalm – der Cup der falschen Hoffnung – noch nicht aus dem dünnflüssigen Sturm-Säftchen gefallen ist, wird man sich fromm an die alten Regeln halten. Wird man alt sein und flach und stur sein.

Einer, der das Brechen mit Konventionen lebt und als praktizierender Rulebreaker höchstgradig erfolgreich arbeitet, wird in diesen Wochen per Youtube-Link sehnsüchtig durch die Mail-Eingänge und Twitter-Timelines der heimischen Fußballfreunde geschossen. Mainz 05-Trainer Thomas Tuchel spricht in dem Video über seinen Zugang zur Arbeit, seine hyperflexible Art, Fehlentwicklungen entgegen zu wirken und Misserfolge aufzuarbeiten – ja er spricht über das gezielte Brechen von Regeln als Weg zum Erfolg. Nämlich die Regeln des Vereins, die Regeln der Mannschaft und nicht zuletzt auch seine eigenen. Aber so einen, der Regeln bricht, den hatte man schon in Graz. Wollte man aber nicht.