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Glanzparade

Chaos und T(J)ugend

Ein erfrischendes Debüt stand im Mittelpunkt eines am Ende glücklichen, aber motivierenden Punktegewinns gegen die Austria. Grund genug, das Forcieren der Jugend nochmal auf den Plan zu rufen, auch wenn systematischer Ordnungsverzicht am Spielfeld in Mode kommen könnte.

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“Wir haben hier einige junge Spieler, die, wenn alle Stricke reißen, sofort einsatzbereit sind,” hat Generalmanager Gerhard Goldbrich, in einem vieldiskutierten Sager beim 12er Stammtisch Anfang September 2013 gemeint. Kollege Heimo Mürzl hat ihm daraufhin in der Publikumsrunde kräftig den Kopf gewaschen. Goldbrich meinte selber, dass die Formulierung möglicherweise etwas unglücklich gewählt war. Sei’s drum. Jetzt sind eben diese Stricke gerissen und der junge Andreas Pfingstner wurde in die Schlacht gegen die Veilchen geworfen. Und gut hat er seine Aufgabe gelöst, ohne gröbere Aussetzer und insgesamt mehr als beachtlich! Die Kleine Zeitung wich zu diesem Anlass von ihrer fast schon generalisiert-leidenschaftlichen 3er-Bewertung ab und gab dem jungen Obersteirer einen motivierenden 4er. Im Sturm12-Spielercheck gab es drei Bälle und Pfingstner wurde als “Bereicherung für die Mannschaft” bezeichnet. Und tatsächlich war das Startelf-Debut des 20-Jährigen mehr als nur erfreulich. Da allerdings Michael Madl am kommenden Samstag im Kellerderby gegen den vermeintlichen Absteiger aus Innsbruck wieder zur Verfügung stehen dürfte, wird Pfingstner wahrscheinlich wieder auf der Ersatzbank Platz nehmen müssen. Und da auch Christian Klem nach seiner Gelbsperre wieder retour ist, dürfte wieder die etatmäßige Verteidigung am Platz stehen.

Und auch ein weiterer Jungspund durfte sich über ein zumindest temporäres “Upgrade” freuen. Marc Andre Schmerböck, eine der wohl heißesten Aktien im derzeitigen Sturmkader, stand erstmal in der Startformation. Ob dem auch am Samstag so sein würde, bleibt aber abzuwarten. Beide, sowohl Pfingster, als auch Schmerböck haben allerdings wenig Anlass gegeben, Platz machen zu müssen.

Im Laufe der letzten Monate wurde nicht nur auf Sturm12.at, sondern auch in so manch anderem Medium verstärktes Vertrauen in die Jugend gefordert. Und wahrscheinlich wird es auch kommen, ab Sommer, dieses Vertrauen. Doch was dann als strategische Ausrichtung und Bestärkung auf alte (junge) Tugenden verkauft wird, dürfte in Wahrheit lediglich dem Zwecke des Abwendens weiterer finanzieller Talfahrten gelten. Dass erst ein finanzieller Engpass eintreten muss, die Fans ausbleiben und missmutig werden und die Verletzten- und Gesperrtenliste lang sein muss, damit Talente zu ausreichend Einsatzzeiten kommen, ist für einen Verein der Marke Sturm bedenklich. So groß wäre bereits in der laufenden Saison die Chance gewesen, Kapitalanlagen aufzuwerten. Und auch ohne große Kenntnisse des Bankenwesens ist dennoch klar, auch Kapitalanlagen müssen ständig betreut werden.

Es ist deswegen nicht zuletzt aus Wertsteigerungsgründen schade, dass der Mut zum Risiko eher die Ausnahmeregel im Konzept Milanic ist. Aber was heißt eigentlich “Risiko”? Ist es nicht eher mutig in der Endlosschleife der Unveränderlichkeit zu verharren, als Zukunftsoptionen in eben diese Endlosschleife zu setzen. Was hätte schon schiefer laufen sollen mit den Pfingstners, den Schmerböcks oder auch einmal einem Schnaderbeck oder Rosenberger in den letzten Wochen und Monaten? Und wieder muss ich die Beispiele Ried, Wr. Neustadt (wie viele Ex-Blackys spielen da eigentlich?) oder Admira bemühen, deren Kader mit weit niedrigerem Altersdurchschnitt, dementsprechend weit höheres Gesamtvertrauen in den Nachwuchs setzen.

Und dann kommt immer mal wieder Wundersames wie das: “Wir haben zum ersten Mal ohne geregelten Spielaufbau gespielt und es war die richtige Entscheidung”, sagte Trainer Darko Milanic nach dem Spiel. Heftiges Augenreiben folgte auf meine Nachlese diesen Satz betreffend. Kurz vor der drohenden Bindehautentzündung, musste ich den Audio-Beweis antesten. Und tatsächlich. Tatsächlich hat er das gesagt. Der Coach. Im selbigen Moment dachte ich noch, schade eigentlich, dass ausgerechnet in diesem Spiel zwei Youngsters im Aufmerksamkeitsfokus standen. Hoffentlich haben sie nicht hingehört, wenn ein Coach im Jahr 2014 das Chaosprinzip als veritable Spielvariante vermitteln will. Doch an das Chaos als letzten Ausweg will man als aufmerksamer Beobachter doch nicht wirklich glauben. Vor allem die Rechtfertigung des Nicht-Systems als Erfolgssystem ist eine Brachialideologie mit möglicherweise folgenreicher Vorbildwirkung.

Dennoch, vom Gefühl her ist seit Kurzem wieder ein leichter Aufwärtstrend zu erkennen. Zumindest was das Selbstverständnis des Gemeinsamen, das “blinde” Vertrauen, die Körpersprache inklusive des zumindest phaseweise gesteigerten Selbstbewusstseins (Admira) anbelangt. Wenn die Patzer und Tollpatschigkeiten endlich abgestellt werden könnten, dann würden die durchaus guten, bemühten, kämpferischen Ansätze sehr zeitnah belohnt werden. Natürlich nicht innerhalb der wirren Idee eines Chaoskonstrukts aber vielleicht mit nachhaltiger Hilfe der Pfingstners, Schmerböcks und Schnaderbecks. Und vielleicht auch mit Hilfe des schon vor Monaten geforderten, und am vergangenen Samstag zumindest kurzzeitig realisierten Offensivprojekts Beric-Djuricin. Gerne darf das wiederholt werden. Ich prophezeie hier ganz kess: Es wird Früchte tragen!