enttäuschung
© Sturm12.at

Libero

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne

Was waren das für schöne Wochen im Vor- und Frühsommer 2013. Darko Milanic fuhr mit dem Beric-betriebenen Hoffnungsschiff im sehnsüchtigen Grazer Hafen ein. Sturm war Meister im Geiste, Liebenau gelobt 18 Mal voll – ohne Fragen. Ohne Fragen?

Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
Der uns beschützt und der uns hilft, zu leben.

…schrieb Hermann Hesse am 4. Mai 1941 nach langer, überwundener Krankheit. Auch Fußball-Graz erlebte im vergangenen Sommer einen solchen Zauber. Ob Sturm allerdings zuvor an einer Krankheit litt, mögen andere beurteilen – ob diese überwunden ist, erst recht. Herzlich Willkommen im neuen Libero.

 

 

Es war ein schöner Küstenwind, der im Juni 2013 durch Fußball-Graz wehte. Ein neuer Kapitän übernahm den schwankenden Kahn Sturm und brachte Hoffnung zurück in die enttäuschte schwarz-weiße Fangemeinde. Fünf Jahre, nachdem er als Cheftrainer bei NK Maribor anheuerte und fünf Monate nach Erhalt seiner UEFA-Pro-Lizenz (durch Abgabe der Abschlussarbeit „Ein Vergleich des slowenischen und österreichischen Klubfußballs“) heuerte Darko Milanic bei seiner alten Liebe Sturm Graz an. Der gelernte Schiffsbautechniker ist in den sehnsüchtigen Grazer Hafen eingelaufen. Wenig später kam mit Robert Beric auch noch der explizite Wunschspieler nach an die sommerliche Mur. Ein außerordentliches Geschenk von Wahlkämpfer Frank Stronach (in der Höhe der allseits geschätzten Million Euro Ablöse – zuzüglich vier Jahre Gehalt) und powered by Christian Jauk vollendete die außerordentliche Stimmung im schwarz-weißen Reederwerk. Sturm war im Geiste Meister und Liebenau 18 Mal und mehr mit schwarz-weißen Hoffnungs-Surrogaten ausgefüllt. Selbst die Journaille hörte da in gar all ihren bunten Facetten die Freudenglocken läuten. Es muss dies jener Zauber gewesen sein, den Hermann Hesse einst gemeint hat.

 

 

Doch ist es auch jener Zauber, der einen dort und da wegschauen lässt. Oder zumindest nicht genau hin. Etwa auf die Verhandlungssituation, die sich damals zwischen dem Verein und dem präferierten Übungsleiter Darko Milanic ergeben hat. Ein Mann, der vier Meister- und drei Pokaltitel auf seiner jungen Trainer-Visitenkarte stehen hat, hat seine Forderungen. Zurecht. Und doch hält auch Sturm Graz Karten, die man spielen kann. Oder hätte können. Etwa die der attraktiven Alternativen. Ob Sturm allerdings überhaupt zu irgendeinem Zeitpunkt mit anderen (externen) Kandidaten ernsthaft verhandelt hat, darf bezweifelt werden. Mit einem, der damals sehr hoch an der Grazer Trainerbörse dotierte, tat man das jedenfalls nicht. Adolf Hütter berichtet vor einer Woche von losen Kontakten zu Sturm Graz – die dann aber schon sehr bald wieder eingestellt wurden. Auch von ernsthaften Bemühungen um Männer wie Walter Kogler oder Ralph Hasenhüttl ist nichts bekannt. Ist auch nicht wichtig. Doch könnte man sich fragen, warum Sturm Graz zum damaligen Zeitpunkt nicht wenigstens in den Medien einen zusätzlichen plausiblen Kandidaten platziert hat. Es hätte wohl eine andere Verhandlungsposition für den Verein resultiert, hätte man Darko Milanic (wenigstens) einen anderen, annähernd gleichbewerteten Nebenbuhler an die mediale Seite gestellt. Hat man aber nicht. Darko Milanic war “auf allen Ebenen und im gesamten Verein unser gemeinsamer Wunschkandidat“. Er war es. Und scheinbar nur er, auf den man gewartet hat.

 

 

Und damit dürfte man wohl einigermaßen alleine gewesen sein. Denn bis zum heutigen Tag gibt es kein einziges Anzeichen, dass Darko Milanic zu jener Zeit ein weiteres attraktives Angebot eines Vereinswechsels vorliegen hatte. Immer wieder wurde ein Interesse von CSKA Sofia in die medialen Vorräume gestellt. Ebenjenes CSKA Sofia, das keine drei Wochen, nachdem Darko Milanic in Graz präsentiert wurde, Konkurs angemeldet hat – und das ohne die Verpflichtung Milanic’. Die tatsächliche Verhandlungskraft der Bulgaren dürfte sich also wohl – falls überhaupt ernsthaft interessiert – auf einem sehr niedrigen Level bewegt haben. Und sonst dürfte da nicht viel gewesen sein, das im vergangenen Juni “mehr Anreize wie NK Maribor” geboten hat und damit die Klausel eines ablösefreien Vereinswechsel schlagend hätte werden lassen. Die Frage ist und wird auch unbeantwortet bleiben, ob Darko Milanic jetzt auch der teuerste Sturm-Trainer aller Zeiten genannt würde, wenn Sturm Graz diese seine Karten im vorsommerlichen Heads-Up besser gespielt hätte.

 

 

Und dann ist da noch Robert. Der Mann, der von Darko Milanic noch vor dessen Abschied aus Marburg gefragt wurde, ob er nicht mit ihm die Farben wechseln möchte. Der Mann, der am “sehr erfreulichen Tag” seiner Vorstellung mit ganzen Unimog-Ladungen schwarz-weißer Hoffnungen beladen wurde. Und der Mann, der wohl mit dem schwersten, weil gänzlich unverschuldeten Stand in der Fangemeinde leben musste und noch immer muss: Stronach-Günstling, Schwerverdiener, Trainer-Liebling – der 22-jährige “Millionenmann” (allein schon dieses Wort) bekam schon einiges zu hören in seiner neuen Grazer Heimat. Wer an dieser Stelle meint, Robert Beric sei einfach bloß ein schlechter Fußballspieler, möge das Lesen bitte nun einstellen. Doch obwohl er das nicht ist, kommen sie auch in seinem Fall auf, diese Fragen. Die nämlich, die bleiben, wenn der Zauber des Anfangs nicht mehr schützend über einem schwebt. Etwa: Wie soll ein Spieler, der in keinem einzigen Jahr seiner bisherigen Profi-Karriere der beste Torschütze seiner Mannschaft war, auf einen Tag die Anforderungen eines großen Torjägers erfüllen? Wie soll sich solch ein Spielertyp, der in eine geprügelte Mannschaft einer höheren Spielklasse integriert wird, jemals solchen Erwartungen stellen? Wie konnte man diese Konstellation jemals nicht dem Scheitern ausgesetzt sehen?

 

 

Und vielleicht gibt es ja doch einen Grund, aus dem sich so manche Klubs aus England, Deutschland, oder Italien – die allesamt an verschiedenen Tagen seiner Karriere Interesse an der Stürmerhoffnung gezeigt haben – die Dienste von Robert Beric nicht schon viel früher gesichert haben. Vielleicht gibt es ja doch einen Grund, aus dem diese finanziell doch nicht ganz impotenten Klubs das grundgegebene Risiko eines Transfers aus der slowenischen Liga nicht ohne vorhergehende Leihe eingehen wollten. Vielleicht war der Glaube hierzulande einfach ein zu großer und vielleicht, ja vielleicht hätte man auch hier die Karten anders spielen können.

Wer weiß heut noch, wie Amselsang
Und Kuckucksruf einmal geklungen?
Schon ist, was so bezaubernd klang,
Vergessen und versungen.