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Glanzparade

SK Sturm Bart

Europa trägt Bart und die Welt staunt über eine bärtige Dame, die die Gesangswelt verzaubert hat. Und da das Thema Conchita Wurst gerade europaweite Grenzen aufbricht, sei es erlaubt, den Bogen zum Thema Homophobie im österreichischen Fußball bzw. in der Grazer Fankurve zu spannen.

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Es war schon beachtenswert was am Samstag vor knapp zwei Wochen abging. Da tritt eine vielbeäugte, oft kritisierte, bärtige Dame beim größten Gesangswettbewerb Europas ins Rampenlicht und “g’winnt uns den Schaß auch noch” (Andi Knoll). Und plötzlich geschieht etwas Unglaubliches: Ein Kritikvakuum entsteht. Die rechten, konservativen, angewiderten und homophoben Kritiker igeln sich ein, die vermehrt skeptische Fraktion 60plus findet plötzlich Gefallen an der Tatsache, das “wir” gewonnen haben, die Indies und Kommerzfreunde stoßen an, jubeln und feiern gemeinsam, selbst der klapprig-senile und oft abartig menschen- und schwulenfeindliche Hausmeister der Kronen Zeitung feiert in seiner Kolumne Conchita wie eine Königin. Die Fürsprecher, Fans und alle Involvierten inkl. der Frau Wurst scheinen plötzlich im windstillen Auge des Hurricanes zu stehen. Alles ist super, wir sind Österreich, wir sind tolerant, Bart ist Art, wir sind Wurst, uns ist’s wurst.

Tragend hinzukommt natürlich auch die Tatsache, dass in Zeiten bizarrer und faschistischer osteuropäischer Anti-Schwulen-Gesetze, ein massiver politischer, religiöser und soziokultureller Gegenwind einen wahren Sturm in die Gegenrichtung entfacht hat. Welche Lawine da unverhofft losgetreten wurde, hat die Zeit in ihrer letztwöchigen Ausgabe so zusammengefasst: “Mit ihrem kurzen Auftritt hat sie scheinbar mehr erreicht, als jahrzehntelange Überzeugungsarbeit homosexueller Aktivisten.” Auch der schlaue Schachzug das Wort “Kunstfigur” in den letzten Wochen und Monaten hervorzuheben und den Mensch hinter dieser “Rolle” vermehrt zu portraitieren, hat die Fraktion der kategorischen Ablehnung und Feindseligkeit etwas milder stimmen können: “Der Hawi spüt des jo nur…”. So wie der Tobias Moretti den Komissar oder der Ottfried Fischer den Pfarrer. So konnten sich die nicht ganz so liberalen und toleranten auch plötzlich mit Conchita anfreunden. Und die in Österreich nicht unwesentliche Gemeinschaftskomponente in Zeiten nationaler Triumpfe, überblendete das Statement des Abends für so manche. Zumindest für jene die sich mit Rechten für Schwule, Lesben, Bisexuelle und Transgender nicht anfreunden können und das auch weiterhin nicht tun werden. So konnte sich halt jeder auf seiner Verständnisebene freuen.

Doch wie es so ist, beginnen derartige Themen nach Verebbung der Euphorie auch bald wieder zu nerven und der “ned-scho-wieder”-Faktor tritt zum Vorschein. Bevor dem so ist und man noch viele Lauscher am Äther hat, sollte auch der Fußball bemüht sein, diesen soziokulturellen Bildungs- und Lernprozess der letzten Wochen zu verwerten. In Österreichs Stadien und auf den Fußballplätzen steht Homophobie auf der Tagesordnung. Brav vorgetragene Anti-Diskriminierungssprücherln vor so manchen Bundesligapartien im Rahmen der an sich guten Initiative “FairPlay” können auch nicht darüber hinwegtäuschen, dass Fangruppen der Ansicht sind, in peinlichen, postpubertären Sprechchören der Marken “wir sind kane oaschwoamen…” und “schwuler, schwuler…” ihre Gegenüber entmännlichen zu können. Schwul ist nämlich schwach und scheiße und sicher nicht männlich und all das seid ihr. So oder so ähnlich ist der Tenor. Die Aussagen der Barics und Gregoritschs dieses Landes sind ja auch noch allzugegenwärtig und viel zu gut erinnere ich mich noch an die Sprechchöre “schwuler, schwuler DFB” aus dem österreichischen Fanblock beim WM-Qualifikationsspiel gegen Deutschland im September 2013. Ich war dort und hab mich, trotz aller sportlicher Rivalität mit unserem Nachbarn, in Grund und Boden geschämt. Selbiges tu ich in der Nordkurve, wenn Ähnliches zu hören ist. Und da geniere ich mich nicht nur, ich fühle mich natürlich persönlich angegriffen! Und das bei meinem Verein, in meiner Kurve!

Während viele englische und deutsche Vereine und Fanclubs auf gezielte Aufklärungsinitiativen und Anti-Homophobie-Kampagnen setzen, steckt Österreich dahingehend noch in den Babyschuhen. Auf der Wikipedia-Seite “Queer Football Clubs” sind 31 schwul-lesbische Fanorgansationen gelistet: 26 aus Deutschland, drei aus der Schweiz, je eine aus Spanien und Holland. Nur drei Vereine der abgelaufenen Saison in Deutschland haben keine Fanclubs in dieser Liste. Am 24.01.2014 durfte Marco Schreuder, Grünpolitiker, Fußballfan und bekennender Homosexueller einen Vortrag vor den Sicherheitsbeauftragten der österreichsichen Bundesligavereine halten. Ein Aspekt dieses Vortrages war die Unsichtbarkeit von Schwulen und Lesben auf und abseits des Rasen: “In vielen europäischen Ländern bei vielen großen Clubs gibt es jedoch lesbisch-schwule Fanclubs. […] Freilich lösen eigene lesbisch-schwule Fanclubs auch Diskussionen innerhalb der Community aus: Müssen wir wirklich eine eigene Schublade aufmachen? Wäre es nicht besser, viele Lesben und Schwule würden den vorhandenen Fanclubs beitreten – ganz im Sinne von Diversität und Mainstreaming?”

Aber ja doch, diese Schublade muss göffnet werden. Solange die Unsichtbarkeit nämlich zu keiner Verbesserung der Situation führt, muss man sichtbar werden um was zu erreichen. Als Travestiekünstlerin muss man sich also einen Bart wachsen lassen um argumentativ so richtig auf den Tisch hauen zu können. In einer idealen Welt wäre gegen Unsichtbarkeit nichts einzuwenden, wenn Unsichtbarkeit hieße, dass man sich frei und ohne Ängste in der “Normalität” der Masse bewegen kann. Solange sich schwule oder lesbische Fans allerdings diesen wiederkehrenden homphoben Dreck dies- und jenseits der Kurven anhören müssen, ist Sichtbarkeit wahrscheinlich die einzige Lösung des Dilemmas.

Das “profil” brachte im Frühjahr 2014 eine Story über einen schwulen Schiedsrichter im österreichischen Fussball. Dem ÖFB-Pressechef Wolfgang Gramann fiel auf die profil-Anfrage, wie der Fußballbund generell mit dem Thema Homophobie umgehe, nur so viel ein: „Unter den Fans sind diesbezüglich keinerlei Feindseligkeiten festzustellen.“ Aha! Der Schiedsrichter hatte da ganz andere Erfahrungen zu machen: „Die negative Fankultur ist hier besonders schlimm. Anstatt die eigene Mannschaft anzufeuern, wird lieber der Gegner fertiggemacht – oder eben der Schiedsrichter“. Innerhalb der Schiedsrichtervereinigung wurde er zuerst gegen seine Intention geoutet, dann diffamiert und gemobbt. “Warum Spiele in der höchsten Spielklasse bei homophoben Parolen von den Rängen nicht unterbrochen und die Zuschauer per Lautsprecheransage ermahnt werden müssen”, kann er nicht nachvollziehen. “Bei rassistischen Entgleisungen ist das schließlich längst der Fall”, stellt er richtigerweise fest. Und das obwohl es seit 2012 ein gemeinsames Prozedere von ÖFB, der Österreichischen Bundesliga und FairPlay gibt, wie auf gemeldete diskriminierende Vorfälle reagiert werden kann.

Der Sänger der Hamburger Band Kettcar, Markus Wiebusch, hat auf seinem vor kurzem veröffentlichten Soloalbum mit der Nummer “Der Tag wird kommen” ein wortgewaltiges und berührendes Zeichen gegen Homophobie im Fußball gesetzt.

“Du bist dann der erste, der Homo, der Freak
Es gibt dann keinen
Der in dir nur noch den Fußballer sieht
Aber ja, es wird besser und der Tag ist in Sicht
Einer wird es schaffen, aber ich bin es nicht.”

Auch wenn der österreichische Profifußball weder geoutete Fangruppierungen, Spieler, Schiedsrichter oder Vereinsbosse kennt, obwohl es sie mit Sicherheit vereinzelt gibt, aber nur mit Balken vorm Gesicht, verstellter Stimme und manipuliertem Namen – die Vorbilder, die gibt es überall. Und die müssen nicht notwendigerweise schwul sein. Auch Sturm hat den ein oder einen anderen in seinen Reihen. Der Hamburger Benedikt Pliquett ist bei einem Verein groß geworden, wo Vorurteile und Diskriminierung nicht aus Image-Gründen, sondern aus tiefster Überzeugung keinen Platz haben und postet unermüdlich gegen diese Aspekte an. Und wenn nun auch die Herrschaften in der Kurve mit ihren Megaphonen auch ideologisch “hinter, hinter, hinter” solchen Vorbildern stehen würden, wäre dieses unsägliche Thema Homophobie zumindest in den Sprechchören endlich Vergangenheit. Denn wie es US-Schauspieler Morgan Freeman schon so trefflich formulierte: “Ich hasse den Ausdruck Homophobie. Es ist nämlich keine Phobie, man fürchtet sich nicht, man ist einfach nur ein Arschloch”.