ausgehanzug
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12 Meter

Der abgetragene Anzug

Der SK Sturm hat nur einen Ausgehanzug. Den trägt er jede Woche, dementsprechend abgetragen ist er auch schon. Noch dazu passt dieser Anzug vielen Spieler nicht gar so gut, dementsprechend ungern tragen sie ihn. Es ist dringend an der Zeit, einen neuen zu kaufen.

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© 2014 Sturm12.at

Fußball ist immer auch eine Frage des Systems. Vor Saisonbeginn haben alle gestaunt, mit welchem Kader der SK Sturm nominell in die Meisterschaft geht. Das hat sich gut gelesen, die Neuzugänge Anel Hadzic und Daniel Offenbacher oder auch Daniel Beichler, Marco Djuricin und Robert Beric. Fast eine Euphorie herrschte in Graz, angestachelt auch von den nicht unbedingt zurückhaltenden Statements von Vereinsseite.  Herausgekommen ist dabei ein glattes Nichts. Miese Meisterschaftssaison und auch das Saisonziel Cupfinale wurde verpasst. Und das schlimmste daran war, wie diese Mannschaft Fußball gespielt hat.

Woche für Woche war von der Milanic-Elf derselbe Stiefel, dasselbe lahme Gekicke im ewig gleichen Korsett am Rasen zu sehen. Nicht zuletzt war eben die Verpflichtung des Ex-Sturmkickers und Erfolgstrainers in Slowenien Wind in den Segeln der Euphorie. Aber genauso wie alle Teile dieses Vereins, hat auch der Trainer in der abgelaufenen Saison keine Bäume in den Himmel wachsen lassen. Ja, Darko Milanic hat einen Scherbenhaufen zusammenkehren müssen, den seine Vorgänger hinterlassen haben. Das ist Fakt, auch wenn das einige bis heute nicht wahrhaben wollen und aus der Ferne zwar sehen, dass der Output nicht gut ist, die Problemstellung aber schlicht falsch herleiten. Und ja, Darko Milanic hat zumindest die Minimalanforderungen im Teambuilding erfüllt.

Milanic lässt allerdings, um den Bogen zur Einleitung zu spannen, ein klar erkennbares System spielen. Ein 4-4-2 mit zwei tief stehenden Sechsern. Und zwar immer. Hand hoch, wer ein einziges Sturmspiel in 2013/14 gesehen hat, wo die Grundformation eine andere war. Das ist ein Problem. Ein großes sogar, weil diese Variante keineswegs funktioniert hat und einige wesentlichen Protagonisten sich darin offensichtlich unwohl gefühlt haben. Diese Ausrichtung ist in Graz keine Neuigkeit, auch der späte Franco Foda hatte diese Idee, Fußball spielen zu lassen. Nur bei ihm hat es lange Zeit ganz gut funktioniert, weil er die richtigen Leute dafür hatte. Dass es nicht schön anzusehen war, steht auf einem anderen Blatt Papier. Bei Milanic ist es nicht nur grausam anzusehen, es ist auch nicht erfolgreich. Weil die Spieler in der Außenverteidigung nicht gut genug waren, denen hier eine wichtige Rolle zukommen würde. Vor allem aber weil Anel Hadzic und Daniel Offenbacher auf ihren Positionen in der Mittelfeldzentrale keineswegs so eingesetzt werden, dass sie ihre Stärken zur Geltung bringen könnten. Und das, sie was spielen sollen, können/mögen sie nicht.

Als Folge entsteht dieses viel zitierte Loch hinter den Sturmspitzen, die komplett in der Luft hängen. Ein Loch, das Hadzic und/oder Offenbacher wohl nur zu gerne füllen würden, aber sie dürfen nicht. Die Vorgabe lautet Rückzug. Beide Sechser müssen ihre Rolle defensiv interpretieren, kleben vor der Verteidigung und verteilen den Ball auf die Seiten. Es ist schwer vorstellbar, hat man sowohl Offenbacher als auch Hadzic in den Saisonen davor gesehen, dass beide von sich aus das so machen und der Trainer das eh anders haben hätte wollen. In jedem Fall entstehen so zwei Probleme: Zwei der Akteure mit dem größten Potential im Kader werden mehr oder weniger verheizt und nahezu jeder Gegner hat gegen den SK Sturm ein Übergewicht im Mittelfeld. Wenn dieser Gegner, wie zum Beispiel der Zweitligist St. Pölten im Cup-Halbfinale, einen schlauen Trainer hat, der weiß, dass beide Innenverteidiger von Sturm Probleme beim Herausspielen, beim Spielaufbau, haben, dann versucht er Druck auf ebendiese auszuüben. Wenn man in der Mittelfeldzentrale dem nichts entgegenzusetzen hat, dann donnert dieser Druck mehr oder weniger ungebremst auf die Innenverteidigung ein. Sturm ist in dem Fall geliefert.

Das Bedenkliche ist: Darko Milanic hat kein Ausweichmanöver parat. In ebendiesem Spiel gegen einen unterklassigen Verein konnte sich der Bundesligist mit Europacupanspruch nicht befreien. Er konnte es deshalb nicht, weil der Trainer auf dieses offensichtliche Problem nicht zu reagieren in der Lage war. Es gibt keinen zweiten schwarz-weißen Anzug. Milanic wechselt nur Position für Position. Wenn das System das grundfalsche ist, dann hilft das nichts. Warum hier nicht, wenn schon nicht als Ausgangsformation, dann wenigstens als Variante, ein Plan B aufgebaut wurde, ist mehr als unverständlich. Man ist wie ein zahnloser Tiger. Kann man mit dem Prankenhieb (schnell, das Mittelfeld überbrückend nach vorne spielen) nicht gewinnen, ist man verloren, denn zubeißen kann man nicht. Im Grunde muss man vom Trainerteam des SK Sturm fast verlangen, eine solche Systemerweiterung in der Sommerpause zu erarbeiten. Dass es so nicht geht, war in der abgelaufenen Saison zu genüge zu beobachten. Von der Ausrechenbarkeit einer so eingleisig agierenden Mannschaft gar nicht zu reden.

Wenn man sich dazu noch ansieht, dass man einige potentielle Achter und Zehner in der Duckmauserrolle versauern lässt, braucht es diesen Schritt umso mehr. Nicht zuletzt sieht es danach aus, als würde man Marco Stankovic zurück an die Mur lotsen. Wo soll der spielen? Am Flügel? Dem einzigen Mannschaftsteil, wo der SK Sturm mit dem derzeitigen Personal Florian Kainz, Marc Schmerböck oder David Schloffer schon gut aufgestellt ist? Stankovic hat seine besten Leistungen früher in einer Offensivrolle hinter den Spitzen gebracht. David Schloffer ist ebenso ein Mann für diese Position und nicht zuletzt ist Daniel Beichler einer, der dort schon gut gespielt hat. Wieso Darko Milanic diese Position einfach gar nicht besetzt, ist und bleibt ein Rätsel. Das soll und muss sich ändern.