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Libero

Scouts?

Sturm Graz hat neuerdings ein Scouting-Netzwerk. Die jüngsten Transfers würden einen nicht auf diese Idee kommen lassen. Der neue Libero ist da: Über das (Nicht-)Scouting des SK Sturm Graz.

Rapid Wien hat dieser Tage Bernard Schuiteman als neuen Chefscout engagiert. Der Holländer hat nach seiner Profikarriere als sportlicher Leiter des Ausbildungszentrums Fußball & Wirtschaft in Waidhofen an der Ybbs Erfahrung in der Arbeit mit und Förderung von jungen Spielern gemacht und als internationaler Scout von Twente Enschede das Handwerk des überregionalen Talentesuchens erlernt. Das immer so kleine Ried hat mit Rudi Zauner einen ehemaligen Nachwuchstrainer, der in jedem seiner fünfzehn Jahre als Chefscout bemerkenswerte junge Talente an den Dorfklub geführt hat. Und Sturm hat Imre Szabics. Willkommen im neuen Libero.
 

 
Seit acht Monaten trägt der Ungar mit Unterstützung von Stojadin Rajkovic und Hannes Reinmayr schon das große Hauptsieb der Grazer Talent-Goldgräber. Die auch von Spitzenklubs wie FC Porto und Juventus Turin verwendete russische Analysesoftware InStat Scout soll ihnen helfen, den geeigneten von 150.000 gelisteten Fußballspielern (bis in die dritte brasilianische Liga!) zu finden. Drei Scouts, reichlich teure Analysetools, 150.000 potenzielle Neo-Grazer und trotzdem bilanziert ein kleiner Abriss der nationalen Transfertätigkeiten wie folgt: Die SV Ried holt den heißen Stefan Lainer aus Liefering (der sich schon im Vorjahr einen Wechsel an die Mur sehr gut hätte vorstellen können). Rapid kann Flügelhoffnung und Kapitän der bosnischen U21-Nationalelf Srdjan Grahovac nach Österreich locken. Und Sturm hat Naim Sharifi.
 

 
Nichts gegen die kleine russische Wühlmaus, aber einen Naim Sharifi aus Kapfenberg für die seit Jahren kritische bis halbverwaiste Außenverteidigerposition zu holen – da braucht man den neuen FIFA-Manager nicht mal im Profi-Modus bezwungen haben, um auf diese Idee zu kommen. Da könnten einige Katakomben-Gespräche mit dem ehemaligen Bundesheerkameraden des General Managers Werner Gregoritsch gereicht haben, um solch einen Wechsel anzubahnen. Und ich möchte an dieser Stelle gar nicht auf die Arrangement-Frage eingehen, ob man in dieser Liga nicht mit der Etablierung eines großen, starken, schnellen aber dafür vielleicht spielschwächeren Außenverteidigers allein ob seiner körperlichen Attribute für gehörigen Wirbel auf den dünn gesäten österreichischen Rasen-Außenbahnen sorgen könnte (der sogenannte Trimmel-Effekt). Wird wohl eh keiner dabei gewesen sein bei den 150.000.
 

 
Auch Tomislav Barbaric wird sich dieser Tage in der Schmiedgasse für Graz wohnhaft melden. Über die Qualitäten des wohl wenigstens mittelbar durch Vornamensvetter Tomislav Kocijan nach Graz gelotsten 25-jährigen kroatischen Innenverteidigers habe ich kein Urteil parat. Ebenso werde ich es vermeiden, auch in dieser Kolumne ein Plädoyer für den eigenen Nachwuchs zu halten, Einsatzminuten für Andreas Pfingstner zu fordern und festzuhalten, dass die wichtigste Scouting-Zielgruppe in diesen Zeiten in der Akademie und dem Amateurteam zu suchen und finden ist. Auch die gute alte “ein Legionär muss eine Klasse besser sein als ein Eigener”-Schiene bleibt heute eben alt und unbefahren. Doch ist es wohl unbestritten, dass das Gros der Sturm-Gefolgschaft einem jungen (womöglich Eigenbau-)Spieler gerade auf dieser Position mehr verzeihen, mehr Kredit geben, (weil) sich mehr identifizieren würde.
 

 
Oder man holt für den Innenraum einfach einen Jelani Smith aus Kanada. Der läuft zwar so schnell, dass er im Ortsgebiet Probleme kriegen könnte, kann dafür nicht ordentlich Fußball spielen. Dank des Geschicks seines klugen Grazer Spielerberaters bekommt Smith trotzdem einen Vertrag bei Sturm, die Rot-Weiß-Rot-Karte für volkswirtschaftliche Schlüsselkräfte, das dafür erforderliche, recht ordentliche Salär, aber keine einzige Nennung auf einem Bundesliga-Spielbericht.
 

 
Im Übrigen glaube ich auch nicht, dass man es “Strategie” nennen kann, jedes Jahr die in der abgelaufenen Saison auffälligsten Spieler vom blauen “B-Team” Wiener Neustadt nach Graz zu lotsen, während man selbst die vermeintlich schwächsten Spieler eben dorthin abgibt. Dieses alte steirisch-niederösterreichische Ping-Pong-Spiel ohne Netz hatte bisher Patrick Wolf, Michael Madl, Daniel Offenbacher, und andererseits Reinhold Ranftl, Matthias Koch und Stefan Stangl zum Ball. Angesichts der sportlichen Performance der so über die A2 hin- und hergeschifften Akteure und vor allem nach Betrachtung deren weiterer Werdegänge könnte man langsam die Frage stellen, ob die Neustädter nun das Sturm-Farmteam sind, oder Sturm deren.
 

 
Und dann ist da noch die unverständliche Crux der ewigen Heimkehrer: Leonhard Kaufmann, Klaus Salmutter, Tobias Kainz, Christoph Kröpfl, Jürgen Säumel, Haris Bukva, Daniel Beichler, jetzt Marko Stankovic und am besten auch noch Gordon Schildenfeld. Vielleicht weiß nicht mal Gott, woher genau dieser exzessive Hang zu Rückholaktionen in Schwarz-Weiß rührt. Kein anderer Verein in Österreich zelebriert den unsäglichen Faktor Stallgeruch so sehr wie die Grazer. Kein anderer holt so leidenschaftlich gern mehr oder weniger gescheiterte Klub-Söhne zurück nach Hause. Ausgeprägte Barmherzigkeit, fehlgeleitete Nostalgie, oder finaler Auswuchs einer entscheidungsschwachen Mutlosigkeit – ich weiß nicht, was das sein soll. Aber Scouting, Scouting ist das nicht. Alles nicht.