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© Sturm12.at (Micka Messino)

Zurück in die Zukunft - Spielidee

Aufbau, Laufen, Abspiel

Roman Mählich hat sieben Jahre in Graz gespielt. Sein Trainer war immer nur einer: Ivica Osim. Gemeinsam mit dem heutigen ORF-Analytiker haben wir versucht, uns zum Auftakt der Serie “Zurück in die Zukunft” der Spielidee der Osim-Ära anzunähern.

© Micka Messino

Mittwoch, 10:00, Wien Karmelitermarkt. Roman Mählich verspätet sich ein wenig und kommt, so wie der Interviewer, in kurzen Hosen. Es ist heiß, schon jetzt am Vormittag. Zwischendurch läutet ab und zu das Telefon. Ab der kommenden Saison wird der 42-Jährige nämlich neben seinem Job beim ORF wieder als Trainer arbeiten, in der Burgenlandliga. Die Vorbereitung hat schon begonnen. Profi-Trainer sei auch nicht ausgeschlossen, sagt der Wiener, aber erst ein bisschen später, wenn seine Töchter aus der Schule und selbstständig sind. Derzeit sei Wien deshalb der Lebensmittelpunkt. Eine Rückkehr nach Graz kann sich Mählich durchaus vorstellen. “Ich würde lügen, wäre es nicht immer ein bisschen im Hinterkopf einmal etwas bei Sturm zu machen.” Eine tolle Zeit sei das damals gewesen. Auch die Arbeit im Nachwuchsbereich könne er sich vorstellen, erzählt der frühere Sechser in den Meistermannschaften des SK Sturm von 1998 und 1999. 

Heute steht aber Rückblick statt Ausblick auf dem Programm. Erinnerungsvermögen ist gefragt, soll es doch um eben diese Zeit gehen, deren Beginn mittlerweile zwanzig Jahre zurückliegt. Die Hitze konnte dem Gedächtnis des 20-fachen Internationalen nichts anhaben. Als wäre es gestern gewesen erzählt er von seiner Zeit bei den Schwarz-Weißen (196 Spiele) und vor allem von seinem damaligen Trainer Ivica Osim. In dessen Spielidee einzutauchen war der Anspruch des Gesprächs zum Auftakt der Serie “Zurück in die Zukunft“, die den Versuch darstellt, ein ganzheitliches Konzept für die Schwarz-Weißen zu entwerfen. Gemeinsam mit dem Protagonisten der Zeit sollte herausgefiltert werden, was den Erfolg des Ivica Osim ausgemacht hat. Was war seine Idee, warum war sie erfolgreich und wie sieht die Angelegenheit heute, viele Jahre später, aus.  

Ivica Osim kam 1994 zum SK Sturm. Sie selbst haben ab 1995 das schwarz-weiße Trikot getragen. Man kann also durchaus sagen, Sie waren ein Osim-Jünger der ersten Stunde. Wenn Sie zurück blicken: Ganz allgemein, was war Osim für ein Trainer?
Ich habe sehr gerne bei ihm Fußball gespielt. Immerhin war ich auch acht Jahre in seiner Mannschaft. Zu seinem Wesen: Er war jemand, der nicht sehr viel geredet und viel über die Art des Trainings gesteuert hat. Spielbesprechungen waren meist kurz, das Training unter der Woche zielte aber immer schon auf die Art ab, wie wir am Wochenende agieren werden. In manchen Momenten war er dann aber plötzlich ganz nahe. Wenn es um den Krieg in seiner Heimat gegangen ist, oder seine ehemaligen Spieler im jugoslawischen Nationalteam. Obwohl er zu uns Spielern immer eine gewisse Distanz gehabt hat, war das Verhältnis zwischen uns und ihm ein besonderes. Wie er das geschafft hat, weiß ich bis heute nicht so genau.

Kam Osim mit einer, seiner, Spielidee zu Sturm oder hat er sich das einmal angesehen und dann die Idee, die Philosophie entwickelt, die am besten zu den vorhandenen Spielern gepasst hat?
Zunächst: Er hat solche Dinge mit uns Spielern nicht besprochen. Man kann aber vermuten, wie das gewesen ist. Davon, dass dieses laufintensive Kombinationsspiel seine grundlegende Idee von Fußballspielen war, gehe ich aus. Dazu gehörte auch die offensive Ausrichtung, jeder Spieler sollte den Ball wollen und haben können. Das hat nicht speziell die Mannschaft durch ihre Fähigkeiten hergegeben, das war schon seine Vorgabe.

War es das Streben nach Ballkontrolle oder eher das Überraschungsmoment, die schnelle Balleroberung, die im Vordergrund gestanden ist?
Sowohl als auch. Und das hat seine Idee vom Fußball ja auch in gewisser Weise geprägt. Es hat Phasen gegeben wo der Ball zu sichern war und dann wieder Momente, wo man einen Ball abfangen und den schnellen Konter spielen konnte, weil der Gegner unorganisiert war. Das, was heute alle Umschaltspiel nennen. Damals hieß es eben Konter.

“Er kann durchaus als Architekt davon bezeichnet werden. Osim hat uns seine Denke akribisch im Training eingetrichtert. Er war der wichtigste Mann in diesem Konstrukt.”

Roman Mählich

Das heißt, es hat keine vorherrschende Devise gegeben, wie man ein Spiel anlegt, sondern man hat auf die jeweilige Situation reagiert?
Naja, es ist mit der Zeit in der Natur der Sache gelegen, dass wir viel Ballbesitz hatten, weil wir für österreichische Verhältnisse eine Spitzenmannschaft gewesen sind. Wir waren oft überlegen und keine Mannschaft, die sich zurückgezogen hat. Dass das dementsprechend viele Spielanteile ergeben hat, war die Folge davon. Trainiert haben wir aber beides, weil wir zum Beispiel mit Mario Haas auch gefährliche Leute für Konterstöße gehabt haben.

Aber als Osim nach Graz gekommen ist, war Sturm keine Spitzenmannschaft. Die war man erst später.
Das stimmt, aber das war eben das Verdienst von Ivica Osim. Er kann durchaus als Architekt davon bezeichnet werden. Osim hat uns seine Denke akribisch im Training eingetrichtert. Er war der wichtigste Mann in diesem Konstrukt.

Noch einmal zurück zur Spielidee. War die da und er hat sie den Spielern übergestülpt oder hat er die vorhandenen Spieler in dieser Idee mitentwickelt und Positionen dann punktuell ergänzt?
Also zunächst war es so, dass sich Osim ganz selten für einen konkreten Spieler ausgesprochen hat. Da hat Heinz Schilcher eine wesentliche Rolle gespielt. Bei allem was im Nachhinein hier passiert ist, das war schon ein sehr fähiger Mann in der sportlichen Leitung. Es hat dazu immer wieder Diskussionen geben, der Trainer würde sich nicht äußern, wen er gerne hätte. Osim hat das Potential der Mannschaft erkannt und entwickelt, als er nach Graz gekommen ist. Bei den folgenden Ergänzungen war es oft Heinz Schilcher, der federführend war.

Sie meinen, Osim hat dieses Feld Heinz Schilcher überlassen, weil der ihm schon die richtigen Leute bringen würde?
Hier kann man natürlich teilweise nur vermuten. Mich hat er sich angeblich explizit als Ergänzung gewünscht (lacht). Aber im Ernst: So wie ich mich daran erinnere, hat es im Umfeld immer geheißen, dass Osim sich nicht äußern würde, welche Leute er gerne in Graz haben wollte.

Viele Leute, die da waren, haben jedenfalls im Mittelfeld gespielt. War es ein Credo von Osim, dass er Mittelfeldüberlegenheit erzeugen wollte? Hat er deshalb fast immer mit einem 5er-Mittelfeld gespielt?
Da muss man aufpassen. Wir haben damals 3-5-2 gespielt, ja. Allerdings hat es in der österreichischen Liga in der zweiten Hälfte der 1990er-Jahre nicht viel anderes gegeben. Die Viererkette ist hierzulande erst später gekommen. Der erste war, glaube ich, Walter Schachner in Kärnten, der das hat spielen lassen, aber das war um 2000. Davor war das vorherrschende System in der Bundesliga 3-5-2, das wurde von fast allen Mannschaften so gespielt. Deswegen hatte das auch nichts mit Überlegenheit im Mittelfeld zu tun. Der Gegner hatte da auch immer fünf Leute.

Das heißt, der Vorteil den der SK Sturm unter Ivica Osim gegenüber den Gegnern gehabt hat war kein systemischer sondern ein personeller?
Ja, und ich sage außerdem, der Vorteil wird dauerhaft bei einer Mannschaft nie ein systemischer sein. Die Spielanlage und die Qualität der Spieler sind immer ausschlaggebender. Das System kann dir helfen, aber die Spiele gewinnen die anderen Dinge. Ivica Osim hätte sicher auch mit Viererkette spielen lassen können und wir als Mannschaft hätten es auch umsetzen können, aber ich denke, er hat schlicht keinen Anlass dazu gesehen.

© Micka Messino

Dann nehmen wir die von Ihnen zitierte Spielanlage. Können Sie die von Ivica Osim definieren, in ein paar Sätzen?
Ja, ich denke schon. Es war in der Offensive ein kontinuierlicher Spielaufbau einhergehend mit Kurzpassspiel und wenig Ballkontakten – was man heute one-touch-football nennt. In der Defensive würde ich das, was wir gespielt haben, als Mittelfeldpressing mit Manndeckung bezeichnen. Wir haben kaum im Raum verteidigt. Was Osim uns gelernt hat war eben dieses Kombinationsspiel mit wenig Ballkontakten. Dazu gehörten außerdem die Bewegung, die Positionswechsel ohne Ball. Das haben wir im Training akribisch erarbeiten müssen. Ivo Vastic hat manchmal den Ball geschleppt, Mario Haas ging ab und zu vorne alleine mit seinem Tempo und Hannes Reinmayr hat das eine oder andere eins gegen eins gesucht und den langen Pass gespielt. Wir anderen haben relativ einfachen, geradlinigen Fußball gespielt. Das war, was Osim wollte.

Sie haben eingangs erwähnt, Osim hätte nicht viel gesprochen. Wie hat er der Mannschaft verdeutlicht, was er wollte?
Also, bevor das missverstanden wird, Osim hat schon mit uns gesprochen, aber viele Trainer reden eben wesentlich mehr. Er hat durch die Übungen im Training gezeigt was er will. Da war immer hohes Tempo, viel Laufarbeit und Direktspiel gefragt. Explizit taktische Übungen hat es nicht viele gegeben. Er hat fast alles in der Spielform vermittelt. Das war eine Art learning by doing. Das hat mit der Mannschaft, die wir waren, funktioniert. Mit einer anderen wäre es vielleicht nicht gegangen.

“Da war immer hohes Tempo, viel Laufarbeit und Direktspiel gefragt. Explizit taktische Übungen hat es nicht viele gegeben. Er hat fast alles in der Spielform vermittelt. Das war eine Art learning by doing.”

Roman Mählich

Was war das besondere an der Mannschaft?
Das Zusammenspiel untereinander auf allen Ebenen. Die Art, die er gehabt hat, wäre bei einer anderen Konstellation vielleicht nicht so gut angekommen. Ich nenne ein Beispiel: Oft haben wir bis kurz vor dem Aufwärmen nicht gewusst, ob wir spielen oder nicht. Das war schon speziell, aber wenn eine Mannschaft so gefestigt ist, dann geht das. Die Charaktere bei uns hatten einen relativ entspannten Zugang. Es gäbe sicher Typen, wo so etwas gar nicht geklappt hätte. Ich habe am Anfang auch geschaut. Irgendwann ist Kapitän Arnold Wetl beim Aufwärmen gekommen und hat mir gesagt: ‚Roman, du spielst heute.‘ Dann ist er weiter zu Michael Gruber und Günther Neukirchner: ‚Einer von euch sitzt heute auf der Bank, der andere nur auf der Tribüne, beim nächsten Match umgekehrt, macht euch aus, wer heute und wer in einer Woche.‘ Auf diese Art hat er oft kommuniziert.

Arnold Wetl hat das verkündet?
Ja, das hat er über den Kapitän ausrichten lassen. Das war zum Teil wohl eine menschliche Schwäche von ihm. Das hat sich damals für uns als Stärke angefühlt. Heute würde ich sagen, er hat einfach Angst gehabt, die Spieler persönlich zu enttäuschen. Das macht ihn sehr menschlich, für einen Fußballtrainer ist es aber eher nicht die richtige Methode.

Zur menschlichen Komponente. Osim hat über die Jahre diese Philosophen-Aura bekommen. Worauf die gründet, kann man nicht so genau nachvollziehen. In öffentlichen Auftritten hat er selten viel gesagt. Woher kam diese Zuschreibung?
Den Beinamen als Philosoph haben ihm die Medien gegeben. Nach innen war das überhaupt nie ein Thema. Bei uns war er der Alte. Sehr liebevoll und respektvoll gemeint, nur um das klarzustellen. Respektiert hat ihn jeder. Auch die Spieler im Kader, die nicht viel gespielt haben. Ich habe selten jemanden über ihn schimpfen gehört.

Bemerkenswert, insbesondere weil Ivica Osim seine Stammelf kaum einmal getauscht hat.
Ja. Das Festhalten am Stamm war auch darin begründet, dass er selten einen Anlass zum Wechseln hatte, weil die Mannschaft meistens erfolgreich war. Er hat selbst im Cup gegen schwächere Gegner nur selten etwas geändert, außer jemand war müde und brauchte eine Pause. Er hat die Ansicht vertreten, die Leute würden Eintritt bezahlen und hätten ein Anrecht auf die stärkste Mannschaft.

Wie kann man sich Ivica Osim in der Kabine vorstellen, wenn er mit der Mannschaft geredet hat?
Das war oft ganz witzig. Er war im Grunde sehr negativ. Was wir in der Woche davor gezeigt haben, war fast immer viel zu wenig für das kommende Spiel. Wir haben darüber manchmal schon ein bisschen geschmunzelt. Einmal haben wir ein Derby gegen den GAK klar gewonnen und in der Woche darauf gegen den Abstiegskandidaten Austria Lustenau gespielt. Osim sagte: ‚Ah, spielen Sie so wie letzte Woche, dann werden Sie schon sehen was passiert. Keine Chance. Sie werden es sehen.‘ Aber das war natürlich auch Kalkül. Er wollte uns am Boden halten, ein Unterschätzen des Gegners verhindern. Aber Lob aus seinem Mund war äußerst selten. Und ein Grantler war er schon. Als Hannes Reinmayr einmal nach einem Unentschieden zum Training gekommen ist und beschwingt ein ‚Guten Morgen‘ in Richtung Osim gerufen hat, kam es postwendend zurück: ‚Was soll an diesem Morgen gut sein? Lass mich.‘

Aber braucht der junge Fußballer nicht manchmal ein Lob?
Da schließt sich der Kreis zum vorher Gesagten. Es war in der Konstellation mit der damaligen Mannschaft kein Problem. Wir kannten ihn so und das hat gepasst. Das hat sich alles super eingespielt. Es waren die richtigen Leute in der richtigen Konstellation am richtigen Ort. Ich bin allerdings der Meinung, dass so eine Art, wie sie Osim an den Tag gelegt hat, heute viel schwieriger funktionieren würde. Heutige junge Spieler brauchen und verlangen mehr Kommunikation.

Sie meinen, ein Trainer wie Osim würde im heutigen Fußball nicht mehr erfolgreich sein?
Ich möchte es so sagen: Der Trainerjob ist sicher komplexer als noch vor zwanzig Jahren. Wenn man sich die Stars der Branche heute ansieht, sind die meisten auch große Kommunikatoren. Um ein österreichisches Beispiel zu nennen, wo ich ein wenig Einblick habe: Peter Stöger. Der ist in diesem Bereich sehr gut, er versteht es hervorragend ein Team zu bauen, die richtigen Leute zusammenzubringen, sehr viel läuft da über exzellente Kommunikation. Bei den Superstars sind wir mehr auf Hörensagen angewiesen, aber Pep Guardiola und Jose Mourinho gelten in diesem Bereich ebenfalls als sehr gut.

Ist die Zeit der Grantler also vorbei?
Vielleicht. Ad hoc fällt mir keiner ein, der noch erfolgreich ist.

Kann ein solcher Trainertyp auch wegen der veränderten Spielerpersönlichkeiten nicht mehr erfolgreich sein?
Eventuell gibt es im Einzelfall noch Konstellationen, wo das funktionieren kann. Insgesamt geht die Tendenz aber in eine Richtung, wo es solche Leute eher schwer haben. Auch deshalb, weil es mittlerweile sehr viele Trainer gibt, die taktisch, im Bereich der Trainingslehre und so weiter, so gut ausgebildet sind, dass diese Skills dann den Unterschied machen. Im Training selbst gibt es keine großen Geheimnisse mehr. Im Internet finde ich sogar den einen oder anderen Trainingsplan von Guardiola. Aber was mache ich dann damit in Bezug auf meine Mannschaft? Wie bringe ich die Mannschaft dazu, hinter mir zu stehen, an meine Arbeit zu glauben? Das ist heutzutage die große Kunst.

Das Gespräch hat Jürgen Pucher geführt