Libero

Räumungsverkauf

Der Kainz ist weg. Nach Nikola Vujadinovic und Robert Beric (und vor Marco Djuricin?) entschwindet Sturm Graz der nächste Leistungsträger. Ein paar Gedanken zum aktuellen Räumungsverkauf des SK Sturm Graz:

© Sturm12.at
© Sturm12.at

Leicht ist es nicht, auf transfermarkt.at unter dem Namen Florian Kainz die Buchstabenfolge SK Rapid Wien zu sehen. Obwohl der Abgang schon seit Wochen in der Semmering-geschwängerten Luft liegt, ist es schwer zu fassen, linkblau auf weiß den Namen des größten verbliebenen Ligarivalen lesen zu müssen. Hätte mir vor vier, drei, zwei Jahren jemand gesagt, dass Florian Kainz mit 21 Jahren für kolportierte 300.000 Sturm Graz verlässt (um obendrein bei einem Ligakonkurrenten anzuheuern) – ich wäre auf die Barrikaden gestiegen, hätte Misstrauensanträge gestellt und Putschversuche überlegt. Herzlich Willkommen im neuen Libero.
 

 
Und jetzt ist er tatsächlich weg. Ein halbes Jahr, nachdem Philipp Schobesberger nicht nach Graz wechselte, weil Florian Kainz seinen Vertrag bei Sturm verlängerte, ist der Grazer jetzt ein Wiener. Schobesberger übrigens auch. Die Fangefühle scheinen ob dieses Wechsels gemischt. Vom nun praktisch fix fertig abzuholenden Abstieg bis zur Freude, überhaupt Geld für eine fußballerische Diva bekommen zu haben, reicht die schwarz-weiße Meinungspalette. Fakt ist: Florian Kainz wollte weg. Wollte schon im Winter weg. Hätte man ihn ohne Vertragsverlängerung gehen lassen, wäre er für ein Butterbrot namens Ausbildungsentschädigung frei geworden. Und trotzdem: Florian Kainz ein halbes Jahr später für 300.000 Euro Sturm verlassen zu lassen ist ein Skandal, nie und nimmer vertretbar. Die wertvollste Aktie im Grazer Kader-Portfolio ist weg. Per Ausstiegsklausel und einem Telefonat zur Rapid entschwunden. Im neuen Vertrag gibt es so etwas übrigens nicht, eine Ausstiegsklausel.
 

 
“Ich bin seit 1999 bei meinem Herzensverein und habe sämtliche Nachwuchsmannschaften durchlaufen. Ich habe alle Höhen und Tiefen bei meinem Verein erlebt.” So etwas wie Vereinstreue gibt es nicht. Nicht mehr. Die können uns wir alten Fußballromantiker auf unsere ebenso alten Fedora-Hüte kleben. Die ewigen Gallionskämpfer mit dem Vereinslogo auf der Seele, die in guter Tradition von Marcel Koller, Steven Gerrard und Franco Baresi mit ihrem Klub so richtig alt werden, sind ausgestorben. Kann man es einem Spieler jetzt also verzeihen, zur Rapid Wien zu gehen? Einem Spieler, der alles, was er kann, in Graz gelernt hat? Einem Spieler, der als heiliger Gral der Fußballsteiermark gehandelt wurde, seit dem er gegen die alte Dame aus Italien die Herzen von Sturm eroberte? Diese Manuel-Neuer-Gewissensfrage kann letztlich jeder Fußball-geneigte nur für sich selbst beantworten. Fest steht: Florian Kainz hat sich für ein besseres Gehalt, ein neues Stadion und internationalen Fußball entschieden. As easy as that.
 

 
Wovor ich mich aber jetzt ein bisschen fürchte: Sturm Graz wird noch Verstärkung auf dieser Position holen. Wird einen Spieler holen, der auf dieser Position spielen kann und jetzt ablösefrei ist (ein Prosit den Suchfiltern des InStat-Scout-Programms). Wird eine weitere der Übersprungshandlungen tun, die so weit weg sind von überdachten, homogenen Verstärkungen, die mit dem verbliebenen Stamm wenigstens mittelfristig eine potente Mannschaft ergeben sollen. Aber jetzt kommt eh erst mal die Arsenal-Rotzpippn Emanuel Frimpong. Zumindest zum Probetraining. Dass mal was passiert. Dass wir darüber schreiben. Und ihr darüber redet.
 

 
Aber wen gibt’s jetzt eigentlich noch im Räumungsverkauf? Anel Hadzic und der “unverkäufliche” Marco Djuricin ständen auf der Inventarliste. Der Erste ist neuerdings WM-Spieler und will sich mit neuem Agenten aber alten Tricks ins internationale Transfergespräch bringen, der Zweite soll schon länger mit der Austria aus Wien Favoriten flirten. Bitteschön! Damit hätten wohl die Verantwortlichen selbst nicht gerechnet, dass es nach einer Saison wie der vergangenen überhaupt so viele Angebote für Kaderspieler des SK Sturm Graz gibt – was auch die bisweilige Überraschung erklärt. Sei’s drum: Beide darf man in diesem Sommer nicht gehen lassen. Unter keinen Umständen. Nicht nur, weil dann langsam aber sicher der Österreichertopf den Deckel draufmacht (das hätte man sich mit den Transfers zweier Legionäre auf der Rechtsverteidigerposition – beides keine Granaten – aber eh redlich verdient), sondern weil’s dann langsam aber sicher sportlich richtig eng wird.
 

 
Irgendwann ist dann nämlich einmal die Grenze überschritten zwischen gesunder Karthasis und Wacker-Innsbruck-Gedenk-Abverkauf. Denn wäre es nicht das erste Mal, dass eine Mannschaft nach Abgang oder Missachtung eines oder zweier hochgelobten vermeintlichen Offensivkönner besser funktioniert, homogener arbeitet, als sie es davor tat. Aber eine Saison wie die abgelaufene, ohne Vujadinovic, Beric, Kainz UND Hadzic UND Djuricin kann ich mir nur unter Schmerzen vorstellen. Unter schweren Schmerzen.
 

 
Die Frage, die es zu stellen gilt, muss letztlich lauten: Warum wollen alle ein bisschen Guten weg, ja nur weg von diesem Verein? Warum verlassen alle Leistungsträger gar fluchtartig das alte schwarze Schiff Sturm Graz? Die Zeiten, dass Sturm so ein starker Verein ist, dass man innerhalb der Landesgrenzen gar nicht ans Wechseln zu denken braucht, weil man ja eh schon bei Sturm Graz ist, die sind längst vorbei. Das weiß ich, das wissen die Verantwortlichen und spüren die Spieler. Aber eine derartige Kompetenzflucht, wie wir sie aktuell erleben, ist nicht einmal mehr mit der anhaltenden sportlichen Misere erklärbar. Da brennt’s gewaltig an anderer Stelle. Oder an sechs.