12 Meter

Haut wie Pergamentpapier

Der Kapitän zeigt sich als Dünnhäuter erster Güte. Noch vor dem erst zweiten Spiel der jungen Saison hat er im Umfeld von Sturm Graz Ahnungslose, Lügner und eine Krise geortet, die keiner außer ihm selbst ausgerufen hat. Die zweite Niederlage folgte prompt.

© Sturm12.at
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“Lügen Nerven Kapitän Michael Madl gewaltig”, lautet der Titel eines sonntäglichen Interviews von der Kleinen Zeitung mit dem Spielführer der Schwarz-Weißen. Sapperlot, da schauen wir aber. Es wird also offenbar gelogen in Graz. Jaja, meint Madl, rund um den SK Sturm würden nach der Meinung des Innenverteidigers Dinge ins Spiel gebracht, die nicht der Wahrheit entsprechen. Es würden außerdem Leute mitreden, die keine Ahnung haben. Nicht zuletzt wäre gleich nach der Auftaktpleite gegen Altach wieder eine Krise ausgerufen worden. Das alles sei natürlich ganz super schwierig für die Mannschaft, weil… Naja, was denn? Eben.

Zum Klartext: Michael Madl nennt weder die Unwahrheiten, von denen er spricht. Auch wer die Ahnungslosen sind, verschweigt er uns. Und wo er nach der ersten Runde das Wort Krise gelesen hat, sagt er auch nicht. Kann er ja gar nicht, weil es nirgendwo vorgekommen ist. Fast hat man das Gefühl, nach einer 1:0-Niederlage in Altach (und zwei hundsmiserablen Saisonen davor) müssten alle “Gloria” rufen. Übrig bleibt nach diesem kurzen Blick auf das Interview ein lächerlich-weinerlicher Unterton, wo sich der Kapitän, der Anführer, der in der ersten Reihe, hinstellt und nach einem verlorenen Match nicht nur selbst die Krise ausruft, die sonst eh keiner angesprochen hat, sondern außerdem allen rund um den Verein die Schuld gibt, nur nicht dem Verein selbst.  Ich nehme nicht an, dass er mit den Ahnungslosen bei Sturm Trainer und Sportchef gemeint hat.

Dieses Interview von Madl ist natürlich in vielerlei Hinsicht problematisch. Als Zeitpunkt hat sich der gute Kapitän gedacht, wäre es sicher am besten, das vor dem wichtigen zweiten Spiel in der Meisterschaft gegen Grödig zu machen. Dem Spiel, wo sich schon ein erstes Mal entscheidet, ob der Pfeil mittelfristig nach oben oder nach unten zeigt, in der kommenden Spielzeit. Seit Jahr und Tag heißt es beim SK Sturm, das Umfeld würde ständig Unruhe in den Verein bringen. Der Kapitän zeigt vor, wie man sich das ganz leicht selber richten kann, das mit dem Unruhe hineinbringen. Was muss einen reiten, nach einer Auftaktniederlage, die noch dazu – wie eh im Grunde immer – sehr freundlich-zurückhaltend kritisiert wurde, schon vor der nächsten Begegnung auf das gesamt Umfeld hinzuhauen. Das ist an Dünnhäutigkeit kaum zu überbieten. Und besonders schlau ist es auch nicht.

Madl sagt selbst, sie seien Profis und müssten das ausblenden. Es gibt zwar kaum etwas auszublenden, weil die Kritik an den Grazern, vor allem von den steirischen Printmedien, eh nur streichelweich ausfällt, aber genau darum geht es. Michael Madl und seine Kollegen sind Fußballprofis, die gefälligst die kritische Betrachtung ihres Tuns aushalten müssen. Vor allem ist es im Grunde einfach ein Witz, sich über das Umfeld beim SK Sturm zu beschweren, wo es vonmiraus manchmal ein wenig unruhig zugeht, im internationalen Vergleich der Druck, mit dem die Protagonisten umgehen müssen aber einfach nur ein Lercherlschas ist. Madl redet zwar von Ausblenden und ruhig bleiben, machen tut er mit solchen Interviews das Gegenteil. Eine Aktion, unwürdig für einen Kapitän.

Ich bin grundsätzlich kein Freund vom ewigen Rufen nach Führungsspielern. Ich glaube ein Gefüge wächst, wenn es harmonisch ist und innerhalb dessen bilden sich dann unterschiedliche Charaktere mit unterschiedlichen Aufgaben, die das Ganze stark werden lassen. Da aber alle immer davon sprechen, wie wichtig nicht diese Führungsspieler seien, wie auch Madl im Kleine-Interview, will ich darauf eingehen. Der 26-jährige meint, bei Sturm sei das seine Aufgabe, die jungen Spieler zu führen. Gemeinsam mit Christian Gratzei, Daniel Beichler und Marko Stankovic. Mir wird gleich ganz Angst und Bange. Einer mit einer Haut offenbar so dünn wie Pergamentpapier, soll als Vorbild dienen? Der soll vorleben, wie man mit Würde auftritt, schwierige Situationen meistert und ein schlingerndes Schiff wieder auf Kurs bringen? Und seine Assistenten? Marko Stankovic einmal ausgenommen, weil er neu ist. Christian Gratzei, der immer dann stinkbeleidigt ist, wenn er nicht spielt, was relativ oft vorkommt? Und Daniel Beichler, der oft nur durch Meckern mit den jüngeren am Feld auffällt? Die sind die Adjutanten des Kapitäns und führen die Jungen? Und warum diese vier Spieler und zum Beispiel Anel Hadzic nicht? Ich habe im Vorfeld dieser Saison geschrieben, ich sei ob dem was kommen wird besorgt. Ich muss sagen, ich werde immer besorgter.

Von der Kritik ausnehmen kann man natürlich auch den Chef nicht. Jedes Wort, das ein Protagonist des SK Sturm gegenüber Medien von sich gibt, wird mittlerweile gegengelesen und bedarf einer Freigabe. Ich gehe davon aus, dass die Kleine Zeitung von dieser Regelung ebenfalls nicht ausgenommen ist. Wäre ich Gerhard Goldbrich und würde ein solches Interview eines meiner Spieler, noch dazu vom Kapitän, zur Freigabe vorgelegt bekommen, würde ich ihn fragen, ob er sich das nicht noch einmal überlegen möchte. Oder ist es gar von höchster Stelle gestützt, die Schuld immer bei den anderen zu suchen? Den Seierton auf Dauerschleife zu stellen um von den eigenen Fehlern abzulenken? In der letzten Saison hat es da diesen Brief an die Öffentlichkeit gegeben, mit der Ankündigung einer Schweigephase, der einen  ganz ähnlichen Ton angeschlagen hat. Die Aktion war damals, entgegen zunächst anders lautenden Vermutungen, mit dem Sportchef akkordiert.

Und jetzt ist sie da, die zweite Niederlage im zweiten Spiel. Nach langer Führung setzte es eine bittere Last-Minute-Niederlage gegen Grödig. Gegen eine Mannschaft, die sichtlich platt war, nach Mehrfachbelastung im Europacup. Die “individuellen Fehler” seien es wieder einmal gewesen, die den SK Sturm um die Früchte der Arbeit gebracht hätten. So äußerten sich zumindest Spieler und Trainer unisono nach dem Match. Die einfachste und billigste Erklärung eben. Wir waren eh gut, aber dann patzt halt immer einer, was sollen wir machen? Vielleicht sollte man sich aber einmal die Frage stellen, ob die ständigen individuellen Fehler nicht auf ein wenig Sand im Getriebe des Kollektivs hindeuten? Und vielleicht fördern Jammer-Interviews des Kapitäns vor so wichtigen Spielen nicht unbedingt die Konzentrationsfähigkeit?